Olafur Arnalds

Olafur Arnalds.
And They Have Escaped The Weight Of Darkness.
Erased Tapes.

Auf seinem zweiten Album auf Erased Tapes kehrt der Isländer Arnald’s zunächst vermeintlich zu seiner ursprünglichen und minimalen, neo-klassischen Arbeitsweise zurück; zart gesetzte Pianotexturen, leicht angebrochen, mit sanft angelegter orchestraler Unterstützung. Doch mittendrin erhebt sich unter Zuhilfenahme von Baroi Johannsson’s geschicktem Arrangement ein Set analoger Instrumente, und das Ganze fliegt schnell und punktgenau los, weg von der betulichen Ruhe abendlicher Sofawärme, mittenrein in das kalte Drama stratosphärischer Störungen altbekannter Popdiskurse. Aber keine Bange, Arnald’s meint es gut mit unserem körperlichen Wohlbefinden und geleitet uns mit sicherer Hand zurück in geliebte und uns bekannte, weiche Kissen. Wer also kurzzeitige Berührungen mit Erinnerungen an Camel oder ähnlich gestalteten, erschütternden Wirrungen der Popgeschichte nicht scheut, darf hier beruhigt einsteigen. Für die Anderen geht dieser Flug nicht ganz eindeutig, aber dennoch in die falsche Richtung.

Sufjan Stevens

Sufjan Stevens.
The Brooklyn – Queens Expressway.
Astmathic Kitty Records.

Stevens wildert gnadenlos in der klassischen Musikgeschichte und vermengt mit atemberaubender Virtuosität Elemente von Steve Reich, Ravel und Gil Evans zu einem oppulenten, orchestralen Epos. Im Gegensatz zur Brooklyn Academy Of Music, die dieses Werk in Auftrag gegeben hat, stört es hier keineswegs dass Stevens diesmal nicht singt, um so seiner Orchesterkomposition die volle Aufmerksamkeit abzugeben. Jemandem wie ihm, der seine Gitarre gerade als langweilig bezeichnet, könnte es ebenso mit seiner Stimme ergangen sein, aber das sind nur dünne Spekulationen. Stramme Stevens Fans, die hier die völlige Absenz seines folkigen Singer/Songwriter Stiles vermissen, haben offensichtlich bei seinen älteren Arbeiten nicht so genau hingehört. Anlagen zu dieser musikalische Richtung waren immer schon verhanden und brechen nun in wunderbaren Blüten auf. Faszinierend darüberhinaus die beigelegte Dvd, auf der Stevens dem Brooklyn -Queens Expressway ein grosses, koyaanisqatsi-eskes Film/Musik Denkmal baut. Dem allgegenwärtig und unerträglich dusseligen Zimmer Score Gewimmer dieser Tage setzt Stevens hiermit den verdienten Clownshut auf. Und bitte, erst ein paar Runden die Musik drehen lassen, dann die Dvd einlegen…

Rafael Anton Irisarri

Rafael Anton Irisarri.
Reverie.
Immune.

Der aus Seattle  stammende Irisarri knüpft mit seiner auf Immune veröffentlichten Mini-Lp ‚Reverie’ nahtlos an sein Erstlingswerk ‚Daydreaming’ an. Seine minimalistischen Kompositionen nehmen sich diesmal aber mehr Raum und Zeit, seine repetetiv eingesetzten Piano – und Gitarrenmotive, von zerbrechlichen Ambientdecken ummantelt, haben eine dichtere und forderndere Tiefe. Der von Mahler, Debussy und Harold Budd inspirierte Komponist und Produzent verschmilzt auf ‚Reverie’ klassische Fragmentbögen und Elektronik zu minutiös detailierten Meditationen und feingliedrig nebligen Schlingen. Gerade darum ist Irisarri einer der interessantesten Vertreter einer neuen, zeitgenösischen Auseinandersetzung mit Ambient, gedankenverloren aber nie wahllos, zaghaft aber nie ziellos. Im Wechselspiel mit ‚Daydreaming’ gehört, erschaffen seine Stücke  stille Bildwelten die weniger filmisch wirken, sich vielmehr auf eigentümliche Weise wellenförmig in sich selbst spiegeln um sich dann leise, periodisch in sich selbst zurückziehen. Traumhaft.

Raf And O

Raf And O.
A Giant In The Snow.
Geo Records.

Ich mag diese wirklich exzellent gestrickte experimentelle, cinematografische Indietronic Welt die Raf And O hier auf die Platte legen ausserordentlich gerne. Mein einziger heftig schreiender Kritikpunkt hier soll sein – frauen !!! wenn ihr bei solchen projekten singt, könnt ihr euch endlich mal jemand anderen als Louise Rhodes (Lamb) und Ròisin Murphy (Moloko) als Vorbilder aussuchen? Ich mag das so nicht mehr hören. Die Musik zieht, zupft, schnurrt und wenn der Popakkord sauber getimt und nicht zu lange anklopft, ziehen sich meine Mundwinkel sauber nach oben. Die entstehenden, stark emotionalisierenden Klangbilder schweben über den Boxen, treiben durch die Scheiben und wandeln die Szenen, die sich hinter den Fenstern meines Nachbarhauses abspielen, zu einer eigentümlich surrealen Ansammlung absurd kabaretistischer Episoden. Wer vor solchen Tagträumen nicht zurückschreckt geht das Album von Raf And O morgen kaufen, und schert sich einen Dreck um meine kleinliche Rüge.

Pjusk

Pjusk.
Sval.
12K.

Manchmal sind Pressetexte zu eindimensional. In dem Fall von Rune Sagevik und Jostein Dahl Gjelsvik, die unter dem Namen Pjusk diesen Release herausbringen ist das vorgegebene Bild zu eng, zu punktiert. Dass zwei Musiker in einer kalten Berghütte an ihren Rechnern schrauben ist ein liebenswerter (und gerne genutzter) Entstehungsmythos, läuft aber gerade darum schnell Gefahr das entstandene Werk allzusehr in ein tumbes Promotionsklischee zu pressen. Die weit angelegten, liebevoll aufeinander gestapelten Pattern, der überaus sensible Umgang mit knisternder Elektronik, zaghaft fast eingestreuselt unter lange verwehenden Ambientpassagen, geht weit über die klirrende Kargheit einer norwegischen Winterlandschaft hinaus, streift ein wenig noch den europäischen Kontinent und setzt ohne grosse Anstrengung sanft neben dem Eno Klassiker ‚Apollo’ auf dem Mond auf. Pjusk’s 2007er Debut Album ‚Sart’ hat Wellen geschlagen, dieser Rundling hier wird die Gischt hoch peitschen, auch oder gerade weil er eine so unbändige Ruhe und urtümliche Kraft birgt.

Harmonia & Brian Eno ‚76

Harmonia & Brian Eno ‚76.
Tracks And Traces Reissue.
Grönland Records.

Brian Eno, 1976 gerade damit beschäftigt mit David Bowie an dessen Album ‚Low’ zu arbeiten, überraschte die Mitglieder der Düsseldorfer Krautrock Band Harmonia mit einem spontanen Anruf und der Frage, ob sie gerade jetzt Zeit für eine Zusammenarbeit hätten. Hans-Joachim Roedelius, Michael Rother und Dieter Moebius hatten gerade ihr Projekt gegen die Wand gefahren, sagten aber dennoch zu. Einem vierunddreissig Jahre alten Jam, egal mit welchen Beteiligten muss man eigentlich vorsichtig gegnüber treten, nicht aber so hier. Die sehr ausgeglichen wirkenden, erstmals in dieser Form vorliegenden Stücke bilden auf klare Weise die Spielfreude dieser Session ab und öffnen einen frischen, überraschend unverbrauchten Blick auf die kreative elektronische Avantgarde Mitte der Siebziger. Leider sind auch in diesem vorliegenden Fall zum Teil die internenen Nicklichkeiten der Mitglieder von Harmonia für die späte Veröffentlichung dieses kleinen Juwels verantwortlich. Das lässt schaudernd ahnen was da sonst noch weltweit in von Bitternis überzogenen Archiven an Schätzen so schlummern mag. Early Ambient at ist best, mit wunderbaren, spröde geschliffenen Einsprengseln, die so nur Deutsche setzen können.

Vex’d

Vex’d.
Cloud Seed.
Planet Mu.

Jamie Teasdale und Roly Porter, die mit ‚Degenerade’ ein bis heute gültiges Dubstep Album hingelegt haben, zeigen auf ‚Cloud Seed’ wie man mit einer undurchdachten Restesammlung von skizzenhaften Soundscapes  und Remixen den Finger zwar in die richtige Richtung heben, mit angestaubtem Altem aber wenig mehr als Luft bewegen kann. Dass die beiden sich räumlich und inhaltlich auseinandergelebt haben (Zitat) ist den Tracks hier leider anzumerken, eine gewisse Lendenschwere ersetzt Spiel- und Experimentierfreude, die gerade die nachfolgenden und aktuell hoch fliegenden Labelkollegen wie Slugabed ausmacht. Was übrig bleibt sind bodennebelhafte, dunkle Vexierbilder, die sicherlich einen schönen Nährboden für ein zweites Album gebildet hätten, wäre man nicht getrennte Wege gegangen. Stücke wie ‚Heart Space’,’Disposition’ und ‚Nails’ zerren da an der richtigen Stelle. Der Rest wird sicherlich positiv in den Ohren alter, treuer Fans verbleiben. Da hilft auch nicht der ehrliche aber hilflose Text von Teasdale auf dem Presse Blatt  – The label wanted to release these tracks, unfinished or not. We let them be what they are – hmmm, dumm gelaufen…

Sylvain Chauveau

Sylvain Chauveau.
Singular Forms (Sometimes Repeated).
Type Recordings.

Sylvain Chauveau und ein minimalisiertes, auf wenige Akkordfolgen reduziertes Piano. Hier mal ein Vokalsampel, da ein elektronisches Flirren und Knistern. Chauveau bricht sein Album ‚Singular Forms’ auf ein nicht weiter zu vereinfachendes Grundgerüst herunter, und produziert so ein eine Klangwelt, die den Hörer direkt auf sich selbst verweist. Reflektionen über den Himmel, grau, aber zerlegt in die schiere Pracht all seiner farbigen Bestandteile. Dort, hoch oben schwebt Chauveau schon seit seinem Debut ‚Le Livre Noir Du Capitalisme’ aus dem Jahr 2000, als einer der ganz Grossen des Bereiches Avantgarde / Neo Classical. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, nicht nur in der Musik, und viele hoch talentierte Acts und Ideen haben sich seitdem in dieser Szene etabliert. Chauveau indes braucht keinen Vergleich zu scheuen. Wenn auch sein Album auf ähnliche Art dekonstruiert wirkt wie Sylvian’s ‚Manofon’, verbleibt hier nur die Nähe zur Form, der Inhalt spielt auf einer ganz anderen Wiese. Diese Kompositionen haben in ihrer Schlichtheit eine märchenhafte Anmut, deren Detailreichtum sich nur durch mehrfaches Wiederholen langsam        entfalten lässt. Der Repeat Button auf meinem Player wird leiden müssen…

Sung Hwan Kim / Dogr

Sung Hwan Kim / Dogr.
One From In The Room.
Intermedium Rec.

Die für den bayrischen Rundfunk als Hörspiel aufgenommene Performance des Koreaner’s Sung Hwan Kim und dem New Yorker Musiker David Michael Digregorio aka Dogr bindet Sprach-, Musik- und Geräuschsamples zu einem Konglomerat szenischer Elemente zusammen. Sung, der in den letzten Jahren verschiedenste Preise und Auszeichnungen für zeitgenössische Musik erhielt, vereint Film, Konzert und Zeichnung zu einem intermedialen Oeuvre. Als Grundlage für ‚One From In The Room’ wandelt er einen Film, bestehend aus Szenen, Material und Geschichten seines persönlichen Umfeldes zu diesen Stücken um. Die teilweise grob und übergangslos aneinadergereihten Bestandteile machen es dem Hörer nicht leicht in die Klang- und Bedeutungswelt des hier Vorgestellten einzutauchen, sosehr es den beiden Musikern auch wellenartig gelingt mit ihrem Material punktuelle Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gerade die immer wieder die Homogenität des Mixes störenden Lautstärkeschwankungen verweisen auf den eigentlichen Performancecharakter der Arbeit, und lassen den Wunsch aufkeimen, das ganze live zu erleben. Nichtsdestotrotz ist diese Hörerfahrung als Ganzes hoch spannend, gerade wenn Sung und Digregorio sehr geschickt musikalische Elemente über Field Recordings einfliessen lassen. Wenn den beiden dann ab und an in ihrer Improvisationsfreude kräftig die Pferde durchgehn kann man nur sagen – Nur für fortgeschrittene Erwachsene, ohne Zweifel.

Musette

Musette.
Datum.
P*dis.

Joel Danell überreicht uns auf seinem Album ’Datum’ eine brillante Neuinterpretation von Musette. Sein Projekt darüberhinaus auch noch nach dieser französischen Musikgattung zu benennen ist mit einem Lächeln dazu versehen erfreulich frech. Die in Sekundenschnelle provinzalische Landschaften erblühen lassenden Stücke kommen mit einem Charme daher, der schlichtweg verblüfft. Einfach aber nicht simpel mit Monatsnamen betitelt, atmet dieses Album eine Lebensfreude und Leichtigkeit aus, die eine schwere Sehnsucht nach eben diesen französischen Landstrichen hinterlässt. Piano, Violine, Gitarre und Akkordeon, hier und da von dezenten Field Recordings umlegt, lassen sogar den November in einem anderen, melancholischen zwar aber dennoch hoffnungsvollen Licht erscheinen. Das hier als Re-Release vorliegende ‚Datum’ erschien zunächst auf dem schwedischen Label Tona Serenad und war in Windeseile ausverkauft. Ich wünschte mir, ein Mann mit solchen Talenten dürfe die Filmmusik für kommende Projekte der Animé Götter ‚Studio Ghibli’ schreiben. Die Japaner, die gerne ihre Geschichten in ein liebreizendes Europa des neunzehnten Jahrhunderts versetzen, hätten endlich ein passendes musikalisches Pendant. Sehr fein.

Mark Van Hoen

Mark Van Hoen.
Where Is The Truth.
City Centre Offices.

Mark van Hoen, dessen ursprünglich solo gestartetes Projekt Locust seit 1994 höchst bemerkenswert die feine Grenze zwischen Elektronik, Pop und klassischen Elementen abpirscht, ist zurück mit einem neuen Album. Seinen mittlerweile vierten Longplayer unter eigenem Namen plaziert er behutsam bei CCO, und wieder einmal verschmelzen seine Bausteine so elegant dass eine genaue, zeitliche Verordnung seiner Stücke schwerfällt. Wenn van Hoen sich hinter das Mikrofon stellt und mit anrührendem, vermutlich mit geschlossenen Augen vorgetragenem Gefühl dem Begriff ‚Pop’ eine kleine Hymne nachsendet wird deutlich, warum er für viele Musiker als Einfluss und Inspiration gesehen wird. Seine angebrochenen Melodien und diese nicht abzuwischende, verklebte Klaustrophobie, die mit einer unterdrückten Emotionalität behaftet vom Fliegen träumt, es aber nie wagen wird mit diesen durchstochenen Flügeln vom Dach zu rauschen sind starker, dunkler Tobak. Und gerade darum so sehr liebenswert.

Jóhann Jóhannsson

Jóhann Jóhannsson.
And In The Endless Pause There Came The Sound Of Bees.
Type Recordings.

Jóhannsson komponiert eínen wunderbaren orchestralen Soundtrack für Marc Craste’s animierten Kurzfilm ‚And In The Endless Pause There Came The Sound Of Bees’.  Jóhannsson durchzieht seine dreizehn Kompositionen fein mit der für ihn so typischen leichten Abänderung und Wiederholung verschiedener Themen. Jóhannsson verzaubert… Soundtracks bringen einen gerne dazu, den sie begleitenden Film herbeizusehnen. nicht so dieser hier, dazu ist er stellenweise zu zerbrechlich, braucht keine Bilder, ist sich Bild genug.  Wohl dem Filmemacher, der sich solch einer Herausfordeung stellen kann. Jóhannsson’s szenarische Landschaften sind etherisch, selbst mit einer minimalen, kritischen Nähe zum klassischen Mainstream Kitsch verbleiben sie erhaben und entrückt. Seit seinem 2002er Erstlingswerk ‚englabörn’ rüttelt Jóhannsson nicht nur die Fachpresse mit seiner sehr präzisen und feinfühligen Vermengung elektronischer und klassischer Elemente auf. Dieses Album wird seinen Ruf als herausragenden Meister des Genres festigen.

Björn Svin

Björn Svin.
Browen.
Rump Recordings.

Björn Svin, der neun Jahre nach seinem Album ‚Kan Tropisk’ nun ‚Browen’ vorlegt spielt auch 2010 noch mit Techno Sounds, die ihre Early Warp Nähe nicht verleugnen wollen, oder können. Das wird teilweise sehr angenehm in modernere Tücher gehüllt, die Kompositionen trachten mit ihren sehr verspielten Texturen nicht nur nach einem schwingenden Tanzbein, bleiben aber gerade darum zu oft in diesem humorigen ‚Ich zeig euch jetzt mal was ich lustiges mit meinen Knöpfchen machen kann’ hängen. Wenn hier Raymond Scott, Mozart und Ella Fitzgerald hintereinander auf ein Fädchen gesteckt werden sollen, zeugt das sicherlich von einer profunden Bildung, macht aber in der Folge noch lange keine bezaubernde Kette. Gleichwohl zeigt sich hier das Problem auf, dass Teile der Techno Szene in ihrer Suche nach ergänzenden Massnahmen sehr schnell ins Schwimmen kommen, wenn sie mit Laptop Mitteln nach Minimal Rudern greiften, mit denen Meister wie Steve Reich elegant den See umrunden können.  Schlimm wird es dann auf dem Stück ‚0’, – Holy Shit, zwei Minuten Stille !!! 4’33’’ von John Cage, schon mal gehört? Das Ganze endet mit einer gnadenlos launisch – lustlosen Laurent Garnier Nummer – zu früh für ein 90er Revival, zu spät für was auch immer…

Aufgang

Aufgang.
Aufgang.
Infiné.

Aufgang sind die beiden Pianisten Rami Khalifé und Francesco Tristano Schlimé, der Schlagzeuger und Hip-Hop Produzent Aymeric Westrich, plus ihr offizielles, heimliches viertes Mitglied Francois Baurin, der dieses Album produziert hat. Nach einem spontanen gemeinsamen Auftritt von Khalifé und Tristano Schlimé, einem sofortigen Booking für das Sonar Festival und der Ep ‚Sonar’ hier das Debutalbum. Das selbstbetitelt zwischen Konzertsaal und Club hin und her schwebende Produkt zieht vor allem dann mit einer klaren Virtuosität davon, wenn es unbelastet von programierten Beats atmen kann, diese wirken einfach zu simpel gebaut. Der Ansatz die repetitiven Strukturen des Techno mit improvisatorischen Anteilen und klassischen Strukturen (Zitat) zu versetzen ist zeitgemäss und durchaus löblich. Bei ‚Prelude Du Passé’, ‚3 Vitesses’ und ‚Soumission’ ergibt das auch sehr schöne und spannende Stücke, gerade weil das Schlagwerk Khalifé’s und Tristano Schlimé’s wunderbares Zusammenspiel schmeichelnd umtanzt, statt sich platt darunterzulegen. Das Gesamtprojekt hingegen verliert sich ungeniert im Plastikflokati gerader Beats, für Freunde von Jeff Mills sicherlich ein interessanter Quegang. Francesco Tristano solo zieht mir da eher die Wurst vom Brötchen.

Yellow Swans

Yellow Swans.
Going Places.
Type Recordings.

Das aus Portland, USA, stammende, 2001 gegründete Noise Duo Yellow Swans bindet den Hörer mit ihren psychedelischen Improvisationen in eine Soundwelt ein, die wie eine Weiterentwicklung Robert Fripp’s auf Gitarrenloops basierenden Alben scheint. Sucht Fripp durch seine mäandernden Strukturen, aufbauend auf sich stetig neu überlappenden Harmoniefragmenten, eine mit sich in weiten Bögen ringende und schlussendlich vereinende Ästhetik, starten Yellow Swans von vorneherein von zwei unterschiedlichen Positionen aus. Interessant hierbei ist dass Gabriel Mindel’s Gitarre mal Harmoniegeber, dann wieder mit dröhnendem Verzerrergewitter Noise Betten vorgebendes Element spielt, behende die Rollen wechselnd. Das Gleiche gilt für Peter Swanson’s tonsetzenden Part. In diesem sich kreisförmig umschleichenden Tanz liegt ein faszinierender Reiz, ist dieses sich selbst brechende und selten Auflösung suchende Produkt nichts anderes als ein wunderliches Sinnbild für Kreation und Zerstörung. Gleichzeitig flächendeckend und überschneidend angelegt.  Dass Type Recordings, die sich mit Releasen von Peter Broderick, Johann Johannsson und Goldmund sehr erfolgreich im neo-klassischen Gefilde bewegen, dieses Albums veröffentlichen mag aufzeigen, wie sich diese Szene nach ihren Rändern hin zu öffnen scheint. Gut.

Sparks

Sparks.
The Seduction Of Ingmar Bergman.
Allsparks.

Von ihrem hysterischen Welthit ‚This Town Ain’t Big Enough For The Both Of Us‘ aus dem 1974er Album ‚Kimono In My House‘ bis zu dieser Radio Musical Auftragsarbeit für den schwedischen Rundfunk ist es den Mael Brüdern Ron und Russel auf 21 Releasen mit sehr unterschiedlichem Erfolg gelungen ihre Hörerschaft  zu überzeugen. Ursprünglich vom Glam Rock kommend
erfanden die Sparks sich immer wieder neu, streiften hier mal den Moroder Sound, tauchten im Techno unter und trafen schliesslich mit ihrem 2003er Album ‚Lil‘ Beethoven‘ , das weitestgehend klassisch instumentiert war, erstmals wieder auf breitere Zustimmung.

Ron Mael’s typischer Falsettgesang  findet sich selten auf ‚The Seduction…‘ wieder. Das Konzeptalbum erzählt fiktiv von Hollywood’s Versuch, den schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman als Direktor zu gewinnen. In dem sehr breit angelegten musikalischen Entwurf verschmelzen Comedy, Vaudeville, Electronic und klassischer Score zu einem hörspielähnlichen Werk, das sich erst bei mehrmaligem Abspielen erschliesst und die sehr eigene und gelassene Schönheit der Kompositionen der Sparks langsam entblättert. Der als Ich-Erzähler angelegte Plot ist grösstenteils minimalistisch à la Philip Glass gestrickt und wirkt streckenweise angestrengt. Freunde von ‚The Rocky Horror Picture Show‘  kommen aber gewiss zu ihrem Genuss.

Dass die beiden Sparks Brüder an verschiedensten Ecken wieder Erwähnung finden liegt sicherlich an der beeindruckend stoischen, fast autistischen Weiterentwicklung ihres wirklich eigenen Universums. Gleichzeitig lässt sich aber auch vermuten, dass der mittlerweile in aller Munde schwammig daherschwappende Begriff Crossover historisierend nach Vorbildern sucht. Wer ausser den Sparks, die nach fast vier Dekaden immer noch genau da ihre Suppe rühren, sollte hier in die engere Wahl kommen? Die durchgängig und freudvoll mit zynischen, dadaistischen Texten arbeitenden Musiker seien hierauf mit folgendem Zitat zu nennen – ‚You don’t wear perfume – that’s why i want to spend my life with you’…

Picastro

Picastro.
Become Secret.
Monotreme.

Picastro’s viertes Album bringt eine grundsätzlich gelungene Mischung aus Folklore, cineastischen Soundstückchen und einem gebrochenen, dunklen Suspence Pop. Die 2001 in Toronto um die Sängerin Liz Hysen gegründete Gruppe schrubbt schön über alle möglichen Grenzen. Ihre Cello, Gitarre, Piano und Schlagzeug umfassende Truppe, durch kleine knispellige Elektronikschnipsel hier und da unaufdringlich ergänzt, kratzt angenehm an den Nerven, projeziert verrauchte Bierspelunken mit Beschädigungen gleichermassen an Piano und dessen Bespieler. Ab und an aber lassen sie leider zu offensichtlich durchblicken dass hier nur mit Kinderscheren aus Plastik hantiert wird. Den kleinen, skizzenhaften und durchaus sympathischen Impressionen, die Picastro auf ‚Become Secret’ aufzeichnen, würde eine glaubhafter dargebrachte Prise Darkness den nötigen Schwung geben, um ihr Bild einprägsamer auf dem Teller drehen zu lassen. So kann man dann leise nur auf die etwas grössere und erwachsenere Schwester Broadcast And The Focus Group verweisen, die besorgt es einem dann ordentlich. Für diejenigen denen es bei der Erwähnung des Angedunkelten schon fröstelt sei es aber hier genug.

Olafur Arnalds

Olafur Arnalds.
Dyad 1909.
Erased Tapes.

Für sein im Oktober vergangenen Jahres in London uraufgeführtes Tanzstück ‚Dyad 1909’ beauftragte der britische Choreograph Wayne McGregor den isländischen Musiker und Komponisten Olafur Arnalds, der sich mit seinen bisherigen Releasen auf Erased Tapes seit 2007 mühelos in die neo-klassische Oberliga spielte. Inspiriert durch die erfolglose Südpol Expedition des Engländers Ernest Henry Shackleton 1908/09, verbindet Arnalds seine Piano- und Streicherkompositionen mit für ihn untypisch eingeflochtenem elektronischem Schlagwerk und computergenerierten Stimmen. Beides wirkt gewollt, unausgegoren und einer simplen Dramatisierung folgend – hier zeigt sich das klassische Problem ein musikalisches Auftragswerk von seinem begleitenden Medium getrennt zu präsentieren, es bleibt gleichwohl offen ob hier der Auftraggeber seine Finger auf der Tastatur hatte. Die stellenweise eingebundenen Field-Recordings hingegen unterstützen mit ihrem dunklen Ambient Sound das Bild einer scheiternden Expedition, das Gesamtbild ergibt die endlose Weite und tödliche Gefahr des Südpoleises und eine gewisse melancholische Faszination an der Endlichkeit menschlichen Entdeckergeistes. Grösstenteils gelingt es Arnalds wieder an seine scheinbar so einfach hingezauberten 10“ auf Erased Tapes anzuschliessen, für Arnalds Neueinsteiger allerdings ist ‚Dyad 1909’ nur bedingt zu empfehlen.

Nils Frahm

Nils Frahm.
Wintermusik.
Erased Tapes.

Nils Frahm erschafft mit seinem für Erased Tapes veröffentlichten Album eine melancholische Intimität, deren Stimmungsschwere als Schauder einmal quer über den ganzen Körper streicht. Die hier aufgeführten drei Solo Piano Stücke, fein unterzogen von Orgel und Glockenspiel, erzeugen ein Stimmungsbad selten gehörterTiefe und Virtuosität. Schon jetzt auf der Stufe von Hauschka, Max Richter und Dustin O’Halloran stehend beobachten, observieren wir einen Achtundzwanzigjährigen der so selbstbestimmt und sicher auf seinem Instrumentarium spielt ,dass man vom Gehörten trunken, fiebernd dem entgegen sieht, was denn da sonst noch kommen mag. Der bei Nahum Brodski, dem Meister russischer Klavierkunst, Schüler wiederum von Tschaikowsky, studierte Frahm wickelt den Hörer mit einer unfassbaren Leichtigkeit in ein grosses weiches, weites Flies das die Zeit vergessen macht. Plötzlich ziehen Keith Jarrett ähnlich anmutende Klangkompositionen über die Szene, das Tempo zieht an, und schon sind die dreissig Minuten von ‚Wintermusik’ vorbei. Nochmal dann. Nochmal…

Kammerflimmer Kollektief

Kammerflimmer Kollektief.
Wildling.
Staubgold.

Das sechsköpfige Karlsruher Wunder schafft auf ihrem mittlerweile achten Release erneut eine tiefe und reiche Melange unterschiedlichster Stileinflüsse. Ein leichtes Augenwischen und dann hat man auch den Pressetext von Dietmar Dath hierzu gelesen, schön die Leier lang geschlagen.  Wenn das Label Staubgold verlauten lässt, dass hier das gleichzeitig stärkste und verletzlichste Album von KK vorliegt, geht man zunächst mal auf Tauchgang, ob solcher gewaltigen Wagnis. Würde da nicht im Hintergrund das Album weiter seine Bahnen um meine Lautsprecher ziehen, eben stark und verletzlich – warum eigentlich? Ich bin kein grosser Fan von Heike Aumüllers Gesangsimprovisation, das Folk-Jazz-Country-Kraut ist auch nicht frisch gezupft, was nun? KK schaffen es in wilder Schönheit als Schwan mitten ins Bild zu schwimmen, um dort  selbstbewusst, scheinbar sinnlich treibend zu verbleiben. Die Touristen kommen und schiessen ihr obligatorisches See-Schwan-Schloss Photo und sind glücklich. Der Schwan ist noch da, wenn auch alle schon an ihrer dazugehörigen Schweinshaxe nagen. Er wird wohl nie bei Tageslicht ans Ufer kommen, vielleicht weiss er um seine hässlichen Füsse. Ganz egal, ‚Wildling’ ist mitten im Bild und ich weiss nicht weiter. Ich wehre mich innerlich mit noch fieseren Assoziationen als der mit den Füssen, wünsche mir Stücke wie ‚Lichterloh’ zurück, lege es zum Trotz auch zwischendurch mal auf und erfreue mich zum einmillionsten Mal an diesem dudeligen dämlichen Saxofon, der Schwan bleibt. Weiss der Schwan um den Schwan, um seine Wichtigkeit im Bild? Weiss er um seine Selbstverständlichkeit, seine unschlagbare Präsenz, oder kann er gar nicht anders als Anderen ins Bild schwimmen? Weiss er dass ich sein Photo anschaue, bevor ich schlafen gehe?

Broadcast & The Focus Group

Broadcast & The Focus Group.
…Investigate Witch Cults Of The Radio Age.
Warp.

Broadcast liefern mit satanischen Versen / Library music und sphärischen Sci-fi Effekten verschmierte Popsongs. Trish Keenan und James Cargill’s seit 1995 bestehendes Projekt stösst hier auf Julian House aka The Focus Group, Artdirector und Gründer des Ghost Box Labels. Was The Focus Group an britischem Folklore-meets-Vintage-Bbc-School-Programs-Extravaganza seiner bisherigen Kultstatus erreichenden Veröffentlichungen vorgibt,  wird auf diesem Mini Album zu einem sicherlich nicht jedermann zugänglichem Hörerlebnis verschmolzen. „… Investigates Witch Cults Of The Radio Age“ balanziert fein auf der Linie zwischen einer stotternden, bewusst verstörenden Disharmonie und in langen Fäden eingewobenen Popversatzstücken. Beide Elemente spielen wie junge Hunde mitenander, knuffen und zwicken sich und geben dem Hörer wenig Chancen, wenn auch nur für einen Augenblick ein Gesamtbild zu erhaschen. Hier ein Schrei, dort ein kaputtes Harpsinchord das über eine Flöte brettert. Das würde bei einer vollen Albumlänge sicherlich zu schwerer Ermüdung führen, 23 Minuten aber in dieser Form sind wohltuend und anregend. Das postpupertär anmutende Spiel mit dem Paranormalen bleibt europäisch erträglich und augenzwinkernd, hier spielen junge Mädchen und ihre schüchternen Cousins mit Oma’s Glaskugel. This is not america, wie wahr – ob das die Zukunft ist kann man so nicht sehen. Wer das will muss die Oma ranlassen, nur wenn die schreit, dann ist es echt. Trotzdem, dies ist ein sehr schöner Wurf.

Kelpe

Kelpe.
Chocolate Money EP.
Fremdtunes.

Kelpe aka Kel McKeown der mit Chris Walmsley (Broadcast, Psapp etc) als Support für Holy Fuck und To Rococco Rot vor vollen Hallen begeisterte, bringt für das holländische Fremdtunes Label seine „Chocolate Money“ EP an den Start. Von klassischem Warp Sound, Sly Stone und Steve Reich inspiriert zeigt Kelpe mit zwei Originalen und drei Remixen dass es auch diesseits des Atlantiks gelingt verhuschte Psych-Rock-Elemente mit Dubstep Bassmonstern zu quirligen HipHoptunes zu verbasteln. Downbeat Wonky für Fans von The Gaslamp Killer und Dorian Concept.