Sparks

Sparks.
The Seduction Of Ingmar Bergman.
Allsparks.

Von ihrem hysterischen Welthit ‚This Town Ain’t Big Enough For The Both Of Us‘ aus dem 1974er Album ‚Kimono In My House‘ bis zu dieser Radio Musical Auftragsarbeit für den schwedischen Rundfunk ist es den Mael Brüdern Ron und Russel auf 21 Releasen mit sehr unterschiedlichem Erfolg gelungen ihre Hörerschaft  zu überzeugen. Ursprünglich vom Glam Rock kommend
erfanden die Sparks sich immer wieder neu, streiften hier mal den Moroder Sound, tauchten im Techno unter und trafen schliesslich mit ihrem 2003er Album ‚Lil‘ Beethoven‘ , das weitestgehend klassisch instumentiert war, erstmals wieder auf breitere Zustimmung.

Ron Mael’s typischer Falsettgesang  findet sich selten auf ‚The Seduction…‘ wieder. Das Konzeptalbum erzählt fiktiv von Hollywood’s Versuch, den schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman als Direktor zu gewinnen. In dem sehr breit angelegten musikalischen Entwurf verschmelzen Comedy, Vaudeville, Electronic und klassischer Score zu einem hörspielähnlichen Werk, das sich erst bei mehrmaligem Abspielen erschliesst und die sehr eigene und gelassene Schönheit der Kompositionen der Sparks langsam entblättert. Der als Ich-Erzähler angelegte Plot ist grösstenteils minimalistisch à la Philip Glass gestrickt und wirkt streckenweise angestrengt. Freunde von ‚The Rocky Horror Picture Show‘  kommen aber gewiss zu ihrem Genuss.

Dass die beiden Sparks Brüder an verschiedensten Ecken wieder Erwähnung finden liegt sicherlich an der beeindruckend stoischen, fast autistischen Weiterentwicklung ihres wirklich eigenen Universums. Gleichzeitig lässt sich aber auch vermuten, dass der mittlerweile in aller Munde schwammig daherschwappende Begriff Crossover historisierend nach Vorbildern sucht. Wer ausser den Sparks, die nach fast vier Dekaden immer noch genau da ihre Suppe rühren, sollte hier in die engere Wahl kommen? Die durchgängig und freudvoll mit zynischen, dadaistischen Texten arbeitenden Musiker seien hierauf mit folgendem Zitat zu nennen – ‚You don’t wear perfume – that’s why i want to spend my life with you’…

Picastro

Picastro.
Become Secret.
Monotreme.

Picastro’s viertes Album bringt eine grundsätzlich gelungene Mischung aus Folklore, cineastischen Soundstückchen und einem gebrochenen, dunklen Suspence Pop. Die 2001 in Toronto um die Sängerin Liz Hysen gegründete Gruppe schrubbt schön über alle möglichen Grenzen. Ihre Cello, Gitarre, Piano und Schlagzeug umfassende Truppe, durch kleine knispellige Elektronikschnipsel hier und da unaufdringlich ergänzt, kratzt angenehm an den Nerven, projeziert verrauchte Bierspelunken mit Beschädigungen gleichermassen an Piano und dessen Bespieler. Ab und an aber lassen sie leider zu offensichtlich durchblicken dass hier nur mit Kinderscheren aus Plastik hantiert wird. Den kleinen, skizzenhaften und durchaus sympathischen Impressionen, die Picastro auf ‚Become Secret’ aufzeichnen, würde eine glaubhafter dargebrachte Prise Darkness den nötigen Schwung geben, um ihr Bild einprägsamer auf dem Teller drehen zu lassen. So kann man dann leise nur auf die etwas grössere und erwachsenere Schwester Broadcast And The Focus Group verweisen, die besorgt es einem dann ordentlich. Für diejenigen denen es bei der Erwähnung des Angedunkelten schon fröstelt sei es aber hier genug.

Olafur Arnalds

Olafur Arnalds.
Dyad 1909.
Erased Tapes.

Für sein im Oktober vergangenen Jahres in London uraufgeführtes Tanzstück ‚Dyad 1909’ beauftragte der britische Choreograph Wayne McGregor den isländischen Musiker und Komponisten Olafur Arnalds, der sich mit seinen bisherigen Releasen auf Erased Tapes seit 2007 mühelos in die neo-klassische Oberliga spielte. Inspiriert durch die erfolglose Südpol Expedition des Engländers Ernest Henry Shackleton 1908/09, verbindet Arnalds seine Piano- und Streicherkompositionen mit für ihn untypisch eingeflochtenem elektronischem Schlagwerk und computergenerierten Stimmen. Beides wirkt gewollt, unausgegoren und einer simplen Dramatisierung folgend – hier zeigt sich das klassische Problem ein musikalisches Auftragswerk von seinem begleitenden Medium getrennt zu präsentieren, es bleibt gleichwohl offen ob hier der Auftraggeber seine Finger auf der Tastatur hatte. Die stellenweise eingebundenen Field-Recordings hingegen unterstützen mit ihrem dunklen Ambient Sound das Bild einer scheiternden Expedition, das Gesamtbild ergibt die endlose Weite und tödliche Gefahr des Südpoleises und eine gewisse melancholische Faszination an der Endlichkeit menschlichen Entdeckergeistes. Grösstenteils gelingt es Arnalds wieder an seine scheinbar so einfach hingezauberten 10“ auf Erased Tapes anzuschliessen, für Arnalds Neueinsteiger allerdings ist ‚Dyad 1909’ nur bedingt zu empfehlen.

Nils Frahm

Nils Frahm.
Wintermusik.
Erased Tapes.

Nils Frahm erschafft mit seinem für Erased Tapes veröffentlichten Album eine melancholische Intimität, deren Stimmungsschwere als Schauder einmal quer über den ganzen Körper streicht. Die hier aufgeführten drei Solo Piano Stücke, fein unterzogen von Orgel und Glockenspiel, erzeugen ein Stimmungsbad selten gehörterTiefe und Virtuosität. Schon jetzt auf der Stufe von Hauschka, Max Richter und Dustin O’Halloran stehend beobachten, observieren wir einen Achtundzwanzigjährigen der so selbstbestimmt und sicher auf seinem Instrumentarium spielt ,dass man vom Gehörten trunken, fiebernd dem entgegen sieht, was denn da sonst noch kommen mag. Der bei Nahum Brodski, dem Meister russischer Klavierkunst, Schüler wiederum von Tschaikowsky, studierte Frahm wickelt den Hörer mit einer unfassbaren Leichtigkeit in ein grosses weiches, weites Flies das die Zeit vergessen macht. Plötzlich ziehen Keith Jarrett ähnlich anmutende Klangkompositionen über die Szene, das Tempo zieht an, und schon sind die dreissig Minuten von ‚Wintermusik’ vorbei. Nochmal dann. Nochmal…

Kammerflimmer Kollektief

Kammerflimmer Kollektief.
Wildling.
Staubgold.

Das sechsköpfige Karlsruher Wunder schafft auf ihrem mittlerweile achten Release erneut eine tiefe und reiche Melange unterschiedlichster Stileinflüsse. Ein leichtes Augenwischen und dann hat man auch den Pressetext von Dietmar Dath hierzu gelesen, schön die Leier lang geschlagen.  Wenn das Label Staubgold verlauten lässt, dass hier das gleichzeitig stärkste und verletzlichste Album von KK vorliegt, geht man zunächst mal auf Tauchgang, ob solcher gewaltigen Wagnis. Würde da nicht im Hintergrund das Album weiter seine Bahnen um meine Lautsprecher ziehen, eben stark und verletzlich – warum eigentlich? Ich bin kein grosser Fan von Heike Aumüllers Gesangsimprovisation, das Folk-Jazz-Country-Kraut ist auch nicht frisch gezupft, was nun? KK schaffen es in wilder Schönheit als Schwan mitten ins Bild zu schwimmen, um dort  selbstbewusst, scheinbar sinnlich treibend zu verbleiben. Die Touristen kommen und schiessen ihr obligatorisches See-Schwan-Schloss Photo und sind glücklich. Der Schwan ist noch da, wenn auch alle schon an ihrer dazugehörigen Schweinshaxe nagen. Er wird wohl nie bei Tageslicht ans Ufer kommen, vielleicht weiss er um seine hässlichen Füsse. Ganz egal, ‚Wildling’ ist mitten im Bild und ich weiss nicht weiter. Ich wehre mich innerlich mit noch fieseren Assoziationen als der mit den Füssen, wünsche mir Stücke wie ‚Lichterloh’ zurück, lege es zum Trotz auch zwischendurch mal auf und erfreue mich zum einmillionsten Mal an diesem dudeligen dämlichen Saxofon, der Schwan bleibt. Weiss der Schwan um den Schwan, um seine Wichtigkeit im Bild? Weiss er um seine Selbstverständlichkeit, seine unschlagbare Präsenz, oder kann er gar nicht anders als Anderen ins Bild schwimmen? Weiss er dass ich sein Photo anschaue, bevor ich schlafen gehe?

Broadcast & The Focus Group

Broadcast & The Focus Group.
…Investigate Witch Cults Of The Radio Age.
Warp.

Broadcast liefern mit satanischen Versen / Library music und sphärischen Sci-fi Effekten verschmierte Popsongs. Trish Keenan und James Cargill’s seit 1995 bestehendes Projekt stösst hier auf Julian House aka The Focus Group, Artdirector und Gründer des Ghost Box Labels. Was The Focus Group an britischem Folklore-meets-Vintage-Bbc-School-Programs-Extravaganza seiner bisherigen Kultstatus erreichenden Veröffentlichungen vorgibt,  wird auf diesem Mini Album zu einem sicherlich nicht jedermann zugänglichem Hörerlebnis verschmolzen. „… Investigates Witch Cults Of The Radio Age“ balanziert fein auf der Linie zwischen einer stotternden, bewusst verstörenden Disharmonie und in langen Fäden eingewobenen Popversatzstücken. Beide Elemente spielen wie junge Hunde mitenander, knuffen und zwicken sich und geben dem Hörer wenig Chancen, wenn auch nur für einen Augenblick ein Gesamtbild zu erhaschen. Hier ein Schrei, dort ein kaputtes Harpsinchord das über eine Flöte brettert. Das würde bei einer vollen Albumlänge sicherlich zu schwerer Ermüdung führen, 23 Minuten aber in dieser Form sind wohltuend und anregend. Das postpupertär anmutende Spiel mit dem Paranormalen bleibt europäisch erträglich und augenzwinkernd, hier spielen junge Mädchen und ihre schüchternen Cousins mit Oma’s Glaskugel. This is not america, wie wahr – ob das die Zukunft ist kann man so nicht sehen. Wer das will muss die Oma ranlassen, nur wenn die schreit, dann ist es echt. Trotzdem, dies ist ein sehr schöner Wurf.

Kelpe

Kelpe.
Chocolate Money EP.
Fremdtunes.

Kelpe aka Kel McKeown der mit Chris Walmsley (Broadcast, Psapp etc) als Support für Holy Fuck und To Rococco Rot vor vollen Hallen begeisterte, bringt für das holländische Fremdtunes Label seine „Chocolate Money“ EP an den Start. Von klassischem Warp Sound, Sly Stone und Steve Reich inspiriert zeigt Kelpe mit zwei Originalen und drei Remixen dass es auch diesseits des Atlantiks gelingt verhuschte Psych-Rock-Elemente mit Dubstep Bassmonstern zu quirligen HipHoptunes zu verbasteln. Downbeat Wonky für Fans von The Gaslamp Killer und Dorian Concept.