Jóhann Jóhannssonn

Jóhann Jóhannssonn.
The Miners‘ Hymns.
Fat Cat.

Extrem gefühlsgeladene und bildreiche Musik zum gleichnamigen Film von Bill Morrison, aufgenommen in der Durham Cathedral im Herbst 2010. Wer dem weiterhin schwer entzifferbaren Genreumhängeschildchen Neo-Classical noch den Begriff „cinematografisch“ beihängen möchte, tut gut daran dieses sprachliche Hilfskonstrukt nicht allzu vollmundig zu verwenden. Wird diese sogenannte Gattung wiederum als Score genutzt dreht sich der Sinn, die Dopplung verstärkt die verbale Unschärfe. Zurück zum Werk. Jóhannssonns meisterliche zweite Arbeit für die Filmbranche zeichnet mit drückend vorgetragenen Emotionen und im wahrsten Sinne des Wortes atemraubender Schwere die Welt der Bergarbeiter nach. Drei Ebenen kämpfen hier in harmonischem Wechsel. Die schwelende, beständig in den Abgrund ziehende Elektronik, mit schwerer orchestraler Unterstützung auf der einen Seite, die gedämpft hoffnungsvollen, nur selten triumphierenden Bläser, die dem Berg das Erz abtrotzenden Minenarbeiter darstellend, auf der Anderen. Über und hinter dem Ganzen die Orgel, das Requiem, der Tod, die trauernden Hinterbliebenen. Man muss nicht selber aus einer Bergarbeiterfamilie stammen um die bewegende Tiefgründigkeit von Jóhannssonns neuesten Album zu verstehen und mitzufühlen. Der letzte Track „The Cause Of Labour Is The Hope Of The World“ lässt den Hörer wieder ans Tageslicht kommen, die vormals trauernde Orgel wird zum Symbol eines neuen anbrechenden Tages. Der Mensch hat den Kampf gewonnen, trotz all seiner Verluste. Diese Jahrhunderte alte Industrieform aber ist am Sterben, zumindest hier im Westen.

Various

Various.
DJ Kicks: Scuba.
!K7.

Gut gedachter und gemachter, deeper Mix von Paul Rose aka Scuba für das !K7 Imprint
und deren nun seit 1995 laufender DJ Kicks Serie. Der aus London stammende, mittlerweile nach Berlin umgezogene Hotflush Mastermind verbindet fingerflink den Sound der beiden Städte. Die 32 Stücke beinhaltende Tracklist umfasst schön rund und konstant zehenkitzelnd Takes von George FitzGerald, Recloose, Sigha und Sepalcure, um nur einige wenige zu nennen. Als Blueprint für seine Arbeit hier dienen die Sets von Rose im Berliner Berghain. Wer als letzter am Abend auflegt, so der Artist, hat grössere Freiheit im Mixen von Styles; die Leute auf dem Floor bleiben bei dir. Dieses sich langsam im Tempo runterschraubende Stay-Feeling springt auf diesem Release gekonnt über. Rose, dessen eigene musikalische Linie sich, vom Techno kommend, über Drum’n’Bass bis hin zu dem von ihm mitgeprägten Dubstep spannt, weiss genau was er tut.  Am Ende drücken selbst sitzend hörend die Sneakers. Der Begiff Sofatanzen stammt nicht von mir, aber die schon erwähnten Zehen sind eindeutig angeschubbert. Wohliges Danke hierfür …

Sepalcure

Sepalcure.
Love Pressure Remixed.
Hotflush Recordings.

Drei Tracks der phänomenalen Sepalcure 12″ „Love Pressure“ in den Händen von XI, Falty DL, Jimmy Edgar, Daedalus und Lando Kal. Travis Stewart und Praveen Sharma aka Sepalcure, deren Crossover aus HipHop, House und Dubstep auf „Love Pressure“ letzten Sommer schon das Dach durschossen hat, gibt diese Floorveredelung der renomierten Herren nochmal richtig Stoff für eine weitere Erdumrundung. Wenn der Sommer schon nicht so richtig kommen mag, so könnte er auf jeden Fall klingen.

Samiyam

Samiyam.
Sam Baker’s Album.
Brainfeeder.

Los Angeles Producer Sam Baker aka Samiyam presst 40 Minuten minimale HipHop Downtempo Instrumentals auf sein Debütalbum. Seit seiner 2008er EP „Return“ veröffentlicht er ansatzweise verkopfte und dennoch schwer funkige 8bit Elektronik, ein stark auf die Ästhetik Dilla’s und Madlib’s fokusierter Protagonist der zweiten Generation. Sosehr alle 17 Tracks auch auf die brillante technische Meisterschaft des Produzenten verweisen, fehlt hier spätentens nach der Hälfte des Albums zusehens der musikalische Blick über den eigenen Tellerand. Hierbei geht es nicht um die zusätzliche Vermengung von Stileinflüssen; Soul, Funk und eine Vielzahl anderer Soundpräziosen finden reichlich Eingang in diese delikate Soundsuppe. Vielmehr gerät die Machart des Gemenges in der massiven Aneinanderreihung zum starren Prinzip, ein Track aus diesem Album in einem Mix ist ein gaumenschmeichelndes Feuerwerk, immer wieder aber das Gleiche essen zu müssen tötet den Geschmacksnerv und aktiviert die inneren Abwehrmechanismen.

Jasmina Maschina

Jasmina Maschina.
Alphabet Dream Noise.
Staubgold.

Traumhafte, intelligent gewirkte Mischung aus Folk, Ambient und Elektronika. Die Australierin Jasmine Guffond aka Jasmina Maschina gleitet leichtflüglig über Musikgeschichte und Stile, ansatzweise mit Múm vergleichbar. Guffond’s Kompositionen hingegen sind zarter strukturiert, weniger die verstörungssehnsüchtigen Pfade der Isländer suchend, näher an der eigenen Auflösung als an der Irritation des Hörers interessiert. Ihre brüchigen, mit wenigen prägnant gesetzten Gitarrenchords gehaltenen Songgebilde spielen mit Vorbildern der späten Sechziger und Elementen von Art School Rock, darüber, dahinter im Wechsel ihre Stimme, gejagt von subtil nebeliger Ambience und ihrer eigenen Sehnsucht.

James Blake

James Blake.
Order / Pan 12″.
Hemlock Recordings.

Der Meister releast zwei darke, superschwere Tracks auf Hemlock, das UK Label dass ihn 2009 mit seiner weicheren und raumgreifenderen Version von Dubstep in alle Ohren brachte. Hier merkt man sehr deutlich dass Blake, im Gegensatz zu seinen an zwei Tasten noddelnden Kollegen vielschichtiger und mit konstanter Qualität an verschiedenen Ecken zündeln kann. Also, weg mit den Schmusedecken und Heultüchern die, ob seines Albumdebüts im letzten Frühling so zwingend notwendig zur Hand genommen werden mussten und zurück in die harte, trockene 808 Realität im minimalen Dubstep Halftempo.

Hauschka & Hildur Gudnadottir

Hauschka & Hildur Gudnadóttir.
Pan Tone.
Sonic Pieces.

„Pantone“ ist eine Liveimprovisation der beiden begnadeten Musiker Hauschka (Piano) und Hildur Gudnadóttir (Cello), aufgenommen im Februar letzten Jahres anlässlich des „arctic circle presents… the bubbly blue and green festival“s in London. Dem Thema des Events folgend „eclectic water music – inspired by shipwrecks, rivers, waves and lighthouses“, legen Hauschka/Gudnadóttir ihren Kompositionen sechs verschiedene Blautöne unterschiedlicher Färbungen des Meeres zugrunde, die Stücke tragen die Nummern der entsprechenden Pantone Farbfächer. Die beiden Künstler umspülen sich musikalisch in zärtlichen Wellen, knallen ab und an heftig gischtspritzend gegen die Kaimauern und ziehen sich entsprechend der Gezeiten sensibel wieder zurück. Die musikalische Intelligenz der beiden kann aber leider nicht verhindern dass gewisse Längen im Vortrag ein gemeinsam durchkomponiertes, sicherlich folgendes Album manchmal vermissen lässt. So unkontrollierbar ist nunmal das Meer eben, „all rivers go down to the ocean and drown“.

A Winged Victory For The Sullen

A Winged Victory For The Sullen.
A Winged Victory For The Sullen.
Erased Tapes.

Ein weiterer grosser Wurf gelingt dem UK Label Erased Tapes mit der Veröffentlichung der ersten Kollaboration zwischen Stars Of The Lid Mitglied Adam Wiltzie und dem amerikanischen Komponisten Dustin O’Halloran. Gemischt wurde das Album in einer Villa des 17. Jahrhunderts in der Nähe von Ferrara. Hier wird die Wahl der Produktionsstätten zum Konzept; Kirchen und alte Radiostudios dienten zur Aufnahme dieser sieben melancholischen, sich sanft in weite Klangräume wagenden und wieder zurückziehenden Kompositionen. Die Mischung aus O’Halloran’s tastendem Pianospiel, unterlegt mit Wiltzie’s schwellenden Ambient Drones, angereichert mit so illustren Gastmusikern wie Hildur Gudnadóttir und Peter Broderick generiert ein harmonisches Wechselspiel von Sehnsucht und Trauer, unterschwelliger Leidenschaft und …Dekadenz. Ein geflügelter Sieg für die Griesgrämigen? Beileibe nicht. Eher ein Triumph der süssen Melancholie, wiewohl einige wenige Passagen ein wenig in hermetische Schwermut verfallen.

Various

Various.
Early Rappers / Hipper Than Hop – The Ancestors Of Rap.
Trikont.

Als der Godfather des Rap Gil Scott-Heron im April dieses Jahres überraschend verstarb hatte er gerade sein drittes Revival erlebt und mit dem Album „I’m New Here“ erneut bemerkenswerte Wellen geschlagen. In den frühen Siebzigern prägte er unter anderem mit seiner Komposition „The Revolution Will Not Be Televised“ den Begriff „Spoken Word“ und beeinflusste damit Generationen von HipHop Artists nach ihm. Auf der Compilation „Early Rappers / Hipper Than Hop – The Ancestors Of Rap“ suchen wir Scott-Heron allerdings vergeblich. Das mag unfreiwilliges Konzept sein. Die Aussage, dass sich afroamerikanischer Sprechgesang schon bei Cab Calloway’s kraftstrotzenden Swing-eskapaden finden lässt, zieht ein sehr weites und möglicherweise spannendes Spielfeld auf… und wir lauschen interessiert der angebotenen Auswahl an amerikanischer Musikgeschichte. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Reggae, alles umtänzelt ohne erkennbaren Faden den Gehörnerv, halt, allen Stücken ist eins gemeinsam – hier wird gesprochen. Dieser pädagogisch anmutende Fingerzeig macht nur aber leider die 21 hier vertretenen Tracks nicht spannender, irgendwie klingt das alles nach hundertmal schnell abgeschalteten Radiosendungen für ältere Semester. Wenn einen die Geschichte des HipHop wirklich interessiert würde ich da eher auf das Frühwerk von Herrn Scott-Heron verweisen, das geht auch heute noch…

Various

Various.
Audible Approaches For A Better Place.
C.Sides Label.

„Kunst kann ein politischer Akt sein und ein Pfad um die Welt zu ändern“. Dieser schwer zu negierende Gedanke war das Motto, das die Macher des C.Sides Labels zehn Künstlern mit auf den Weg gaben, um in „völliger Freiheit“ Musik für eine bessere Welt zu komponieren. Sich eine bessere Welt zu wünschen ist sicherlich ein höherer Ansatz als eine Mottoparty zum Thema „Pirates Of The Carbbean“ zu veranstalten, allerdings spielt hier das Alter der geladenen Gäste eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nichtsdestotrotz, die Ergebnisse die hier aus meinen Lautsprechern dringen machen meine Welt nicht besser, im Gegenteil. Meine Stirn wirft sich in Falten, Gedanken an den nahenden Steuerberatertermin umrunden zwickend meine Hirnschale, ein zweiter Kaffee wäre auch nicht schlecht und während ich so munter vor mich hin schreibe, habe ich gar nicht bemerkt dass ich die Musik ausgeschaltet habe. Jedem Zeitzeugen scheint die Beobachtung aktueller Geschehnisse von gewisser Bedeutung, was sich aber in den letzten Monaten in den Bereichen Energietechnologie, Finanzmarkt und Gesellschaftswandel weltweit abgespielt hat ist von einer grösseren Tragweite als meine Wahrnehmung dies in den letzten Jahren aufgenommen hat. Kunst spielt hierbei eine kaum spürbare Rolle, über die Gründe dessen kann man lange diskutieren, man kann es sich auf jeden Fall aber wünschen, dass sich das ändern möge. Ebenso verhält es sich bei dieser Compilation, sie verbleibt beim Wunsch und scheitert an der Umsetzung.

Tokimonsta

Tokimonsta.
Creature Dreams EP.
Brainfeeder.

Tokimonsta mit ihrer zweiten EP unter eigenem Namen, nach Ramp Recordings diesmal aus Flylos Brainfeeder Stall. Wunderbar relaxte, sich qualitativ treubleibend verspielte Funkelnummern im wackeren Holperschritt, die beiden angepopten Tracks mit der Vokalistin Gavin Turek runden das Ganze zu einem schönen Sommerausritt ab, wenn sie auch beim letzten Track „Day Job“ einmal unsanft an der Hecke hängenbleibt. Wieder aufsteigen und weiter so Madame, wir traben fröhlich wackelnd hinterher.

Seth Horvitz

Seth Horvitz.
Eight Studies For Automatic Piano.
Line.

Man stelle sich vor, das Licht im Konzertsaal geht aus, das Publikum raschelt noch ein letztes Mal umständlich mit den Programmheftchen – der ostentative Räusperer soll hier auch nicht unerwähnt bleiben – das Licht geht wieder an und der ruhmbetupft begnadete Pianist zieht seine Tastenzauber einen nach dem anderen aus den schlanken Fingern. In diesem Falle nicht so ganz richtig, das Piano spielt hier solo, alleine und midigetrieben, an der einen oder anderen Stelle seine technischen Schwächen, mit Stakkatokaskaden die Anatomie sprengenden tonalen Abenteuer schwer vertuschen könnend. Gewollt oder nicht, die Präzision hat eben nicht nur Vorteile, das herrenlose Instrument hingegen kann mit vierzehn Fingern beeindrucken, so es denn will und dennoch, wir beklatschen mächtig den Kopf gewaschen nach exakt den immer gleichen 45 Minuten und 40 Sekunden den Komponisten für seine Idee, nicht für seine brav durchtaktende Technik. Seth Horvitz, dem Saal auch unter seinem aka Sutekh bekannt, hat die acht Tracks des Albums in der Littlefield Concert Hall in Oakland mit einem Yamaha Disklavier C7 Mark III ohne Publikum aufgenommen. Je weiter man sich in die CD hineinwagt, desto weniger kann man sich bei der sich steigernd aufdrängenden Vorstellung dem Schmunzeln entziehen, wie ein eifriger Hammermechanikdrücker wohl aussehen möge, anlässlich dieser partiell hochakrobatischen Grosstaten. Es sind dann auch einige ruhigere Passagen vertreten. Ein unnötiger, geschmacksgetrübter Witz also? Im Gegenteil, ein bewundernswürdiges Experiment mit erstaunlichen Klangergebnissen und auch ein, zwei, mitunter drei kleinen, ein wenig hervorgestreckten Mittelfingern.

Seth Cluett

Seth Cluett.
Objects Of Memory.
Line..

Im dicht besiedelten Feld der Ambient / Drone Releases hat es der New Yorker Soundartist  und Komponist Seth Cluett ein wenig schwer mit seinen langgestreckten minimalistischen Klanggebilden auf unbedingtes Gehör zu stossen. Seine sanft mit klassischen Instrumenten und Field Recordings unterfütterten fünf Kompositionen, die auf „Objects Of Memory“ dezent einander ablösen, sind klare und würdige Enkel von Brian Enos Ambient Blueprint „Apollo“. Die von ihnen ausgehende zuversichtliche Ruhe basiert auf einem wohlausgeklügeltem Spiel mit Zeit und deren Wahrnehmung, alle säuberlich über seine elektronischen Flächen eingefügten Elemente markieren minimale Richtungswechsel in der ansonsten unbeirrt und bedächtig dahinfliessenden Gesamtbewegung des Albums. Wer bei Virgin eine Reise mit deren zukünftigem Unterseeboot in die tiefsten Tiefen der Ozeane gebucht haben sollte muss diesen Release unbedingt mit auf dem Kopfhörer haben. (www.virginoceanic.com)

Richard Chartier

Richard Chartier.
Transparency (Performance).
Line.

Richard Chartier zählt mit Ryoji Ikeda, Carsten Nicolai zu den führenden Vertretern einer extrem minimalistischen Strömung innerhalb der zeitgenössischen elektronischen Musik. Sein Release „Transparency“ auf Line ist die erste Version seiner einstündige Performance, aufgenommen im Hirshhorn Museum in Washington, DC., inspiriert hat ihn dazu die dortige Ausstellung „ColorForms“ mit Werken von James Turell, Fred Sandbank und Olafur Eliasson. Aufnahmen von im Kunstsektor basierten Klanginstallationen neigen in der Regel dazu den Performanceort und sein Ambiente vermissen zu lassen, die museale und heilige Restveredelung fehlt, das ärgerlich angesäuerte „Pssst“ Zischeln des Nachbars beim vorsichtigen Beineübereinanderschlagen. Dennoch kann man dem Album einen gewissen Reiz nicht absprechen, „Transparency“ wirkt wie eine auf low speed abgespielte Version eines Alva Noto Tracks. Chartier hat auf Nicolais Label Raster-Noton schon veröffentlicht und der sich hier ab und an vorsichtig einschleichende Basston legt da eine sanfte Spur, die an die Grenzen des Hörbaren gehenden eingestreuten Hochfrequenzen verfeinern den Eindruck.

David Sylvian

David Sylvian.
Died In The Wool / Manofon Variations.
Samadhisound.

Sylvian treibt seine auralen Expeditionen in die Welt der improvisierten, zeitgenössischen klassischen Musik behende weiter. War sein 2009 releastes Album „Manofon“ schon reich mit experimentellen Passagen durchzogen, werden hier Tracks daraus von dem japanischen Komponisten Dai Fujikura neu interpretiert, „recomposed“ so der gängige Begriff.
Unter anderem von Sylvians Stimme seit dessen 1987er Album „Secrets Of The Beehive'“ fasziniert, umschleicht der Pierre Boulez Protegé Fujikura Sylvians unumstösslichen Vokalvortrag mit spitzfingrig brilliantem Instrumentarium. So erhält des Meisters einzigartige Weltverlorenheit nicht wie bei den üblichen club-anwimmernden Fassadenumbauten einen aufwühlend grellen Anstrich, Sylvians Material wird bis auf seine tragende Konstruktion entkernt und mit orchestralen und minimalistisch elektronischen Spannungsblöcken ummmantelt. Die Produzenten Jan Bang und Erik Honoré dürfen fleissig mitbauen und sind auch mitverantwortlich für die beiden hier vertretenen, bisher unreleasten Stücke „I Should Not Dare“ und „A Certain Slant Of Light“. Durchaus gelungene und spannende Neu- und Anbauten also in Sylvians weitverzweigtem Garten. Alt genug wäre er ja sein Territoire nicht mehr verlassen zu müssen, und wenn er es dann tut, wie auf der beiliegenden zweiten CD des Releases zu hören, ist es einfach angenehm dass er dann dezent den Mund halten kann. Das tut seiner urprünglich 2003 in Auftrag gegebenen Soundinstallation „When we return you won’t recognize us“, hier im Stereomix, ganz gut und belässt den beteiligten Musikern den ab und an nötigen Freiraum, ohne „their masters voice“…

Ryan Teague

Ryan Teague.
Causeway.
Sonic Pieces.

Der Nachfolger Teague’s von der Presse gepriesenen Debuts „Coins And Crosses“ auf Type ist eine klare Absage an deren damalig eingesetzte Samplingtechnik und die subtil darum herum arrangierten elektronischen Versatzstücke. Ryan Teague hat sich fünf Jahre in sein Studio zurückgezogen und kommt mit einem reinen Gitarrenalbum zurück; mit wunderschön um minimalistisch mäandernde Pattern gezogene Melodienbögen die man so in der Form seit den frühen Genesis Gitarristen Anthony Phillips und Steve Hackett nicht mehr gehört hat. Okey, da schreien jetzt alle lautauf ob dieses Vergleiches, hier ist aber nicht die Rede von Prog Rock sondern von der fein durchdachten und ausgearbeiteten Meisterschaft ihrer Instrumentalisten. Addieren wir einlenkend Robert Fripp mit seinen multiplen Fingerfertigkeiten und nehmen mal an an die Wogen glätten sich. Teague gelingt es klug Themen, Stimmungen und Techniken klassischer Gittarrenarbeit aufzunehmen und in kontemporäre Meisterwerke umzugiessen. Es mag dahingestellt sein ob man die originalen Werke kennen muss, diese Arbeit ist gross und einzigartig, und noch so ein Fauxpas – schön.

Ruin

Ruin.
1/2 Skull.
Zwölf.

Allseits als Maler geschätzt betritt Martin Eder erneut den musikalischen Schauraum, nachdem er 2007 mit Jochen Arbeit und Thomas Wydler unter dem aka Ruin seinen Erstling „The Heimlich Manoeuvre“ veröffentlichte. Das mit zwölf unterschiedlichen Materialproben und der davor umgehend zu schützenden CD bestückte Kästlein verweist auf einen ungebremsten Gestaltungswillen, der sich auch in der Musik wiederfinden möchte. Ist die durch Siebdruck aufgebrachte Stoffpalette von Knochenmehl, Schweineblut und Seife auf Pappträgern dem Kuriosa-Sammler noch den Euro wert, so verirrt sich Eder konstant in seinen mit Drones, Doom Metal und Elementen Neuer Musik durchsetztem Soundeskapaden. Gerade letztere Bestandteile und leider zu selten eingesetzte Klangfarben looporientierter Elektronik erhellen Teile seiner zwölf Kompositionen, ansonsten wirkt das Album eher auf die Probebühne kontemporärer Avantgardefestivals gestellt besser passend.

London Elektricity

London Elektricity.
Yikes.
Hospital.

Tja, einfach in die Zeitfalle gelaufen, da liegt der direkte Vergleich zu Elektrizität und deren derzeit unbeliebten atomaren Erzeugern bitzelnd und brummend auf der Zunge. Alte Technologie, späte Neunziger und keine Sekunde später. Nicht wirklich gefährlich aber dennoch – ABSCHALTEN !!!

Kreng

Kreng.
Grimoire.
Miasmah.

Dem Chef der flämischen Theatergruppe Abattoir Fermé, Schauspieler und Komponist Pepijn Caudron aka Kreng gelingt auf seinem zweiten Release für Miasmah das Meisterstück die ohnehin schon zermürbenden Bilder seines Debüts „L’Autopsie Phänomenale De Dieu“ noch weiter in düster bedrückende Schlünde zu pfropfen. Sind wir nicht alle etwas überdrüssig am Schönen, so der Pressetext, kann in der heutigen Flut soundtrack-observierender Finsterdudeleien schnell ins Gegenteil umschlagen. Sinken wir nicht ermattet ob all dieser kunstvoll böse mit dem Besen raschelnden Möchtegernhexen und Dunkelheimern blöde grinsend zurück in unsere Kissen? Kreng, theaterbühnenerprobte Fackel in dieser um gängige Genreaufkleber heischenden unbeleuchteten Meute lächelt da still mit. Warum auch nicht, er kann es sich leisten. Seine Kompositionen sind nicht laut winselnde Höllenhunde, seine geschmeidig ineinander verzahnten Tracks eher in der Minimalisierung glänzende, im Nebeneinander von Gut (hier – alles klar Ede) und Böse (die Kerze geht aus !!!) hin und herirrende Preziosen. Das macht die Spannung umso … schlimmer.

Instra:mental

Instra:mental.
Resolution 653.
Nonplus+ Records.

Jeder Mythos braucht seine gute Story, Alex Green und Damon Kirkham aka Instra:mental’s Background ist wohl bekannt. Die Videoverleih-Nerds, jahrelang genährt an Filmklassikern wie „Tron“, „Bladerunner“ und ähnlichem modern-basic Gepäck entfliehen dem tristen britischen Alltag und treiben die Musikgeschichte fett in Richtung D’n’B, Electro und UK Bass weiter. Entsprechend ihren zahlreichen 12″ auf Exil und Demonic wirkt ihr Albumerstling „Resolution 653“ breitflächig in die Stilkiste greifend. Dennoch drängt sich hier die Frage auf ob der offensichtlich klassische Gedanke von Musikern erst mit einem Studioalbum wahres Ansehen erlangen zu können für diese elektronische Spielfläche noch Sinn macht. Möglicherweise ist meine Ansicht dass ein gutes Album mehr sein sollte als seine Bestandteile überholt, zumindest gilt dieser Anspruch nicht für „Resolution 653“. Das Ganze scheint aber nicht allein Instra:mental’s Problem zu sein, weite Teile dieser Szene wirken in diesem augenscheinlich altehrwürdigen Format ungelenk und ihre Tracks simpel hintereinader gestapelt.

Arrested Development

Arrested Development.
Strong.
Vagabond Records.

Im nach allen Seiten ausblühenden HipHop-Lager will Arrested Development so ihr Frontmann Speech wieder eine Balance einfügen. Ob das der 1989 gegründeten Truppe mit diesem Release gelingen mag ist eigentlich irrelevant, AR klingt wie AR und „Strong“ ist wie alle ihre Alben klassischer Old School, nett anzuhören, zeitweilig lendenlahm aber lieb gemeint. Die immergleiche Frage dämmert ob in dieser Liga überhaupt musikalische Entwicklung gewünscht wird oder ob „Strong“ gar den dritten Grammy für Arrested Development einfahren wird? Das haben schon einige Stehenbleiber geschafft. Your Choice.

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto.
Summvs.
Raster-Noton.

Ryuichi Sakamoto und der Raster-Noton Labeleigner Carsten Nicolai gehen zur fünften Runde ihres Dialoges ins Studio; „Summvs“ das Produkt ihres Zwiegespräches zwischen au courant Elektronik und Piano wirkt stiller oder besser besinnlicher als seine Vorgänger. Wer längere Zeit das Lager teilt hat sich weniger zu sagen, möglich, aber gerade bei den beiden Beteiligten eher unwahrscheinlich. Das Album klingt noch minimierter da Carsten Nicolai seine von den Vorgängern von „Summvs“ bekannten, dezenten Beiträge noch weiter bis an die Grenzen des beinahe unhörbaren Sounddesigns herunterschraubt. Dieser Begriff klingt hier majestätsbeleidigend, soll es aber gar nicht sein. Wenn jemand wie er seine Elemente fast schüchtern an der Rand der sinnlichen Wahrnehmung schiebt, und wir wissen alle dass er zumindest bei seinen Soloprojekten LAUT kann, verbreitet das Ergebnis im Gegenteil zwingende Anziehung; seine vermeintliche Zurückhaltung wird zur wohlüberlegten Ausweitung seiner ohnehin schon anerkannten Grösse. Bei der Coverversion der Brian Eno Klassikers „By This River“drängt es ihn dann doch ein wenig den Volume Regler zu bewegen, aber nur ganz sanft. Bemerkenswertes Produkt einer hoffentlich noch lange anhaltenden musikalischen Freundschaft.

Prefuse 73

Prefuse 73.
The Only She Chapters.
Warp.

Scott Herren’s musikalischen Weg mit über einem Dutzend Alben unter unterschiedlichen aka’s ist, so zielstrebig er auch auf diesen Release zuzustreben scheint, schwerlich in einfache Worte zu fassen. Vom Avantgarde Hip-Hop Produzenten, ohne dessen visionäre Arbeiten die aktuell angesagten Grössen à la Flying Lotus bedingt vorstellbar wären, über seine vielseitigen Kollaborationen unter anderem als Savath & Savalas bis hin zu seinem aktuellen Werk „The Only She Chapters“ entfernt sich Herren’s Gestaltungswille immer weiter weg vom beat-basierten Track hin zu einem symphonisch angelegten, soundscape-durchdrungenen und stark psychedelisch-experimentellen, reifen Alterswerk, sofern man diesen Begriff für einen gerade 34-jährigen überhaupt anwenden sollte/kann. Die Stücke schlängeln und winden sich als versponnene, träumerisch gedanken- und zeitverlorene Strudel um die acht hier vertretenen Vokalistinen, deren prominenteste die leider im Januar verstorbene Trish Keenan von Broadcast ist. Prefuse 73 möchte dass man dem Album ohne Voreingenommenheit gegenüber tritt, wohlwissend dass es einigen nicht gelingen wird ihn hier mühelos zu begleiten. Die Titel aller Stücke beginnen mit „The Only…“; darauf kann man getrost antworten „The Only Reason Not To Like This Is Not To Listen“.

Mo Kolours

Mo Kolours.
Drum Talking EP.
One-Handed Music.

Mo Kolours, von Gilles Peterson heiss verehrter und in seiner Show fett gefeaturter Musiker maurizischen Ursprungs präsentiert die Volksmusik seiner Heimat in modernem Gewand. Das mit den Releasen von Gonjasufi neu geschürte Interesse der elektronischen Szene an der Einbindung nativer und unverbrauchter Elemente verschafft Mo Kolours ein prominentes Sprungbrett um seine sehr innovative Vermengung von heimatlichem Schlagwerk mit Elementen aus HipHop und
kontemporärem Sampling von ganz oben zu präsentieren. Mit Sicherheit verliert der Begriff World Music hier sein gerne mal verbreitendes schales Gerüchlein.

Kraak & Smaak

Kraak & Smaak.
Electric Hustle.
Jalapeno Records.

Wenn alle zum Tanzen rennen soll man eigentlich nicht meckern, Wim Plug, Mark Kneppers und Oscar De Jong aka Kraak & Smaak wedeln mit ihrem dritten Album „Electric Hustle“ und alle scheuern schon wieder das Parkett auf. Diesmal winken unter anderem so Sternchen wie John Turrell, Romanthony und Lee Fields mit aus der VIP Kanzel und yep, alles auf Anfang und nochmal von vorn. Massiver Club-Hit? Sicherlich, und jetzt schön alle eure Pfötchen fliegen lassen, Electro-Boogie, das multifunktionale Gleitmittel unter euren Sneakers, das freut auch die amerikanischen Fernsehzuschauer und alle ham sich ganz doll lieb. Gute Nacht John-Boy, Gute Nacht Mary-Allen…