Kraak & Smaak

Kraak & Smaak.
Electric Hustle.
Jalapeno Records.

Wenn alle zum Tanzen rennen soll man eigentlich nicht meckern, Wim Plug, Mark Kneppers und Oscar De Jong aka Kraak & Smaak wedeln mit ihrem dritten Album „Electric Hustle“ und alle scheuern schon wieder das Parkett auf. Diesmal winken unter anderem so Sternchen wie John Turrell, Romanthony und Lee Fields mit aus der VIP Kanzel und yep, alles auf Anfang und nochmal von vorn. Massiver Club-Hit? Sicherlich, und jetzt schön alle eure Pfötchen fliegen lassen, Electro-Boogie, das multifunktionale Gleitmittel unter euren Sneakers, das freut auch die amerikanischen Fernsehzuschauer und alle ham sich ganz doll lieb. Gute Nacht John-Boy, Gute Nacht Mary-Allen…

Kaboom Karavan

Kaboom Karavan.
Barra Barra.
Miasmah.

War das um Bram Bosteels gescharte belgische Kollektiv Kaboom Karavan auf ihrem 2007er Album „Shorts Walk With Olaf“ für das mexikanische Label Umor Rex noch ansatzweise an Songstrukturen interessiert, so wagen sie sich in den zehn Stücken ihres Zweitlings „Barra Barra“ leichtfüssiger in frei improvisierte, jazzige Felder. Durch Bosteel’s ausserordentlich spannend inszeniertes Arrangement und seinem bewundernswerten Sinn für zeitgenössisches Editing verliert das verwendete musikalische Ausgangsmaterial seine ursprüngliche Farbe und formt sich, die gängigen Begriffe Post-Rock, Post-Folk hinter sich lassend, zu morbide verschlungenen Sound- und Klangskulpturen deren Verotung eher in der Sphäre zwischen performativer und freier Kunst zu suchen wäre. Nicht umsonst verweist das Kollektiv auf die reiche belgische Kunstgeschichte zu deren Blütezeit des Symbolismus und Surrealismus Brüssel als europäische Metropole galt. Von Fernand Khnopff über René Magritte zum belgischen Grossmeister des zeitgenössischen Theaters und Tanzes Jan Fabre; ein wunderbar mystisch verklärtes Inspirationskästchen aus dem man sich hier bedient, ohne Attitüden und esoterische Effekthaschereien frei. „Parked in a very small town in a rather small country“, so beschreiben sich Kaboom Karavan auf ihrer Myspace Seite – ist nicht eher die Grösse der Lichtquelle unwichtig, vielmehr der Schatten den sie wirft?

Various

Various.
Dj Hell – Coming Home.
Stereo De Luxe.

Was machen alte Männer die nach getaner Arbeit erschöpft nach Hause gehen, ihre müden Glieder reiben, sich ein Gläschen Hartes genehmigen und sich dann seufzend zurücklehnen? Sie resümieren über ihr Leben, über das was mal war und reflektieren, so hier, über dreissig Jahre deutsche Musikgeschichte, persönlich ge- und erlebte natürlich. DJ Hell ist als Vielgefragter, Weltgereister zurückgekehrt in seine Heimat und legt statt sich hier die fünfte Folge der Kompilations-Reihe „Coming Home“ für Stereo De Luxe auf das Sofa. Auserwählt hat er altehrwürdige Oldies bekannt aus tausenden Hallo-wach-Sendungen für Fernfahrer, alles Musiker und Produzenten die den Herren nachhaltig beeinflusst haben, so Hell, nur was sagt uns das? Zum einen über Hell, zum andern über Deutschland und seine Musik der letzten drei Dekaden? Es ist wieder mal für alle was zum knabbern dabei, ein wenig NeubautenHagenFehlfarben für die Lauten, etwas KnefMeyBlumfeld für die Stilleren, für die Intelligentern gibt es ein kleines Wortspielchen „Ohm Sweed Ohm“ zum Schmunzeln und von Kraftwerk und zu guter Letzt noch ein klassisches Standup-Gefrotzele von KInski – um schon mal gleich vorwegzunehmen dass, wem das hier nicht passt, man sich doch einfach mal verpissen soll. Irgendwie ist das Ganze ganz weit hinten im Bus, ganz allein und arm und ganz unfassbar einfältig in seiner Zickigkeit.
In diesem Zusammenhang macht sich der Begriff persönliche Zusammenstellung nicht erlebbar als bitter gewirktes Dornenkissen, das hier ist ein benutztes Tempotaschentuch das man beim Waschen in der Hose vergessen hat…

James Blake

James Blake.
The Wilhelm Scream.
Atlas Recordings.

Mit zwei neuen Tracks und dem vor kurzem auf seinem Debut veröffentlichten Stück „The Wilhelm Scream“ gelingt es Blake vielleicht ein wenig zu früh nochmals auf sich aufmerksam zu machen, „What Was Is It You Said About Luck“ und „Half Heat Full (Old Circular)“ zeigen noch einen Zacken schärfer sein Gespür für brillanten Minimalismus und einen weiteren Blick tiefer in seine geschundene Seele. Ob das nun Take-Outs aus ‚James Blake‘ sind oder nicht mag dahin gestellt sein, das Ganze wirkt als hätte das Label bei seinm Erstling auf pressbare Albumlänge gedrungen und dem Künstler sei eine zeitnahe Verbindung mit dem Hauptwerk wichtig. Spekulation hin oder her, die beiden Neuen sprechen gross und mächtig traurig für sich…

B.I.L.L

B.I.L.L.
Spielwiese Zwei.
Klangbad.

Überall stehts zu lesen, keiner kann sagen er hätte es nicht gesehen, B.I.L.L, das sind Clive Bell und Hans Joachim Irmler und Jaki Liebezeit und Robert Lippok, mit dem musikalisch illustren Background kommend von Faust, Can und To Rococco Rot, jau. Bei so einer sternengleichen Besetzung kann nur gutes herauskommen? Die Summe, das Produkt ist automatisch immer grösser als seine Ingridenzien? Nur weil Milch draufsteht ist auch Milch drin? Weit gefehlt oder besser, knapp daneben ist auch vorbei. Spielwiese Zwei wirkt wie eine… Spielwiese eben, die Herren agieren verspielt auch anwesend und das Ganze mutet an als ob man für Aerobic zu alt und für Yoga innerlich noch zu jung wäre, spiel mit mir aber fass mich nicht an… Ich rate da eher zu den Originalwerken aus den Biographien der Beteiligten, und der Abend ist gerettet, oder anders, wäre „Spielwiese Zwei‘ aus dem Jahr 1973 wäre dieser Release ganz schön okey.

Africa Hitech

Africa Hitech.
93 Million Miles.
Warp Records.

Nach einer Single und der bemerkenswerten ersten EP ihrer Zusammenarbeit „Hitecherous“ drehen die beiden Afro-Futuristen Mark Pritchard und Steve Spacek mit Hochgeschwindigkeit erneut ihr Rad weiter in Richtung 21. Jahrhundert Dance Fusion. Die Farben drängen ineinander, Garage, Broken Beat, Dancehalll und Footwork verwachsen zu einem spektumreichen Fächer angewandter Leidenschaft mit nur einem wirklich unnötigen Ausrutscher „Our Luv“ und generell einer etwas zu obercoolen, laxen Handhabung digitaler Orchestrierung. Dennoch, die blanke Spiel- und Experimentierfreude der beiden High Players lässt eine jugendliche Erfrischtheit der grandios gereiften Produzenten zu Tage treten die ansonsten eher im Jazz-Bereich zu finden ist, und bezeichnenderweise tauchen hier auch, nicht musikalisch zwar aber spirituelle Ähnlichkeiten zu den grossen Würfen von Sun Ra und Pharoah Sanders auf, sehr spannend das alles und eine brillant gefundene  Öffnung in eine zukunftsweisende digitale Produktionsphilosophie.

Various

Various.
Let The Children Techno.
Ed Banger Records.

Müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, müde, okey?, müde, müde, aha, müde, müde, wow – Tracklist zur Hand – klar – Flying Lotus… Ehem. Das ist kein Minenfeld aus akustischen Splittergranaten wie der Pressetext grossmäulig tönt, das ist das Ende der Schlacht mit den Schrapnellen in allen Körperregionen der beteiligten Kämpfer und leider nur einem Überlebenden, Jesus ist „Caravan Of Delight“ ein mächtiges Stück. So ist’s halt wenn es nur Einen geben kann, dazu braucht man aber nicht diese Kompilation sondern eine spassträchtige Spielekonsole, Busy P und DJ Mehdi, für diesen Mix gibts echt gerade mal einen Gnadenpunkt, und den eigentlich unverdient.

Marsen Jules Trio

Marsen Jules Trio.
Les Fleures Variations.
Oktaf.

2006 auf dem Berliner Label City Centre Offices veröffentlicht bezauberte Marsen Jules mit seinem Album „Les Fleurs“, auf seinem eigenen Label Oktaf hier nun die nachgereichten Variationen. Jules, der sich Sound Poet nennt spielt hier als Trio mit den englischen Zwillingsbrüdern Anwar und Jan-Phillip Alam vier Stücke neu ein und erweitert mit deren reichem Violinen- und Pianospiel die ursprünglichen Arbeiten zu einer gelungenen Klassikversion seiner fragilen Soundkristalle. Ursprünglich für die Live Umsetzung seiner Projekte zusammengekommen verspricht das Trio spannende zukünftige Kollaborationen, eine vortreffliche Erweiterung der fein aus Vibraphon- und Harfenfragmenten gewirkten Ambientarbeiten aus Jules‘ eigener Hand.

John Foxx

John Foxx.
Metamatic 30th Anniversary Edition.
Demon.

John Foxx’s Weggang als Frontmann und Sänger von Ultravox markierte in den frühen Achzigern den Beginn des schleichenden Übergangs der Punk / New Wave Szene zu einer massentauglicheren, süsslichen Popvariante an der sie dann auch später kümmerlich erstickte. Ultravox wechselte auf ihren Folgealben mit überragendem Erfolg ins weichgeklopfte Spandau Balett und Duran Duran Lager während John Foxx seine plastik- und alienhaften Ideen solo neu formulierte und mit „Metamatic“ und „The Garden“ zwei grosse Würfe der elektronischen Musik veröffentlichte. Das 1980er Album „Metamatic“ wird nun zu seinem dreissigsten Jubiläum um eine Handvoll B-Seiten der Singleauskopplungen und alternativen Takes erweitert re-releast. Foxx‘ Alben waren zur Zeit ihrer Erscheinung schon nicht mehr im zentrierten Fokus ihrer Zeit und fielen mit den Jahren gänzlich aus der Beachtung, was ihrer eigentlichen Qualität durch ihre schiere kalte und distanzierte Pracht nicht gerecht wurde. Das ge-remasterte Werk wirkt nach all den Jahren frisch und im wahrsten Sinne der Wortes glasklar, die aktuelle Flut lieblich-kontemporärer Electro Pop und Minimal Wave Gruppierungen wird sich an diesem Meilenstein messen müssen.

heRobust

heRobust.
Albumin EP.
Saturate!Records.

heRobust, Producer und eine Hälfte des in Atlanta beheimateten Duos Mane Mane zwickt dem Brand „21st-century-beat-music“ so leidenschaflich in den jungen Hintern dass man getrost sagen kann möge dieser blaue Fleck lange scheinen. Warum der Herr einen 12 Track Release als EP bezeichnet ist schleierhaft, anyway, was hier an Soundzauberei und Future HipHop mit Spacesynths und bösen Bässen unterlegt auf die Ohrmuschel trifft ist atemberaubend heiss.

Dustin O’Halloran

Dustin O’Halloran.
Lumiere.
Fat Cat.

Seit seinem 2004er Debüt „Piano Solos Vol. 1“ wird der in Berlin schaffende Komponist O’Halloran in einem Atemzug mit Max Richter, Johann Johannsson und anderen Sternen der neo-classical Musikszene genannt.
Ähnlich wie Hauschka vom Piano kommend erweitert er sein fein inszeniertes, melancholisches Spiel auf „Lumiere“ um eine meisterhaft vom ACME Orchestra vorgetragene Kammermusikorchestrierung, die Herren Johannsson und Adam Wiltzie (Stars Of The Lid) treten schön im Hintergrund verbleibend mit auf die Bühne.
Der Begriff cinematographische Musik ist in letzter Zeit fast zu oft schon gefallen, ein so eindeutig Musik mit Sprache zu beschreibendes Wort zu haben ist Segen und Fluch zugleich, scheint es doch alternativlos und in der steten Wiederholung schwächelnd. Im Prinzip kann und sollte es einem Musiker egal sein ob er in einem wohlwollend beobachteten, aktuellen Pool mitspielt, genau da aber sitzt das kleine Problem dass sich hier mit der Titelgebung von „Lumiere“ ergibt – es verweist direkt wieder zurück auf das Kino und seine Bilder. Unbenommen, dies ist ein wunderschönes Album und die Fangemeinde darf sich in leicht abgedunkelten Räumen mit in dieses wohlige Bad geleiten lassen, die Frage bleibt nur offen wie lange dieses Wasser noch warm bleibt.

Various

Various.
SMM: Context.
Ghostly International.

Ghostly schreibt sich auf ihre Fahnen schon seit 2003 den Begriff SMM für die Grenzgänger zwischen zeitgenössischer minimaler Klassik, Ambient, Drone und Post-Industrial verwendet zu haben, ein durchaus spannendes Unterfangen um, so Ghostly
„aufrüttelnde und erkundende Musik“ in einen Rahmen zu fassen. Das Label startet mit „SMM: Context“  eine jährlich zu erscheinende Kompilationsreihe unter demselben Titel. Intelligent mit den üblichen Verdächtigen Goldmund, Rafael Anton Irisarri, Peter Broderick und unbekannteren Künstlern durchmischt schafft diese gelungene Zusammenstellung einen eindrücklichen Ausschnitt aus diesem weiten Land, man darf gespannt sein wie sich diese Serie und die darauf zu findende Musik entwickelt.

Siriusmo

Siriusmo.
Mosaik.
Monkeytown Records.

Siriusmo pirscht mit „Wo die wilden Kerle wohnen“ Anzug und lauten Tatzen durch alle Gärten und knabbert an deren Blüten, HipHop, House, Disco, Dubstep – ganz berlinerisch „ejaaaal“ – und kredenzt verschmitzt grinsend auf seinem zweiten Soloalbum seinen frisch angemischten Trunk, gänzlich 21stes Jahrhundertkind. Als erstes Monkeytown Artist Album releast passt der Stempel „Made In Germany“ wie Arsch auf Eimer, das Kraut spriesst und der Dadakasper haut mit seiner Klatsche um sich, alles mit Spass und gänzlich unzickig, ein bischen wie Ikea, nur nicht so billig aber bunt. Raymond Scott hat in den Fünfzigern eine Trilogie „Soothing Sounds For Babys“ herausgebracht die vor einiger Zeit re-releast wurde und die mit „Mosaik“ in der Tüte „Never Mind The Uberintelligent Kindergarten“ passend fortgesetzt werden könnte.

Various

Various.
Strade Trasparenti (Original Soundtrack).
Staubgold.

„Strade Trasparenti“ ist Teil einer filmischen Tetralogie des Filmregisseurs Augusto Contento. In Brazilien aufgenommen zeigt der 2008 entstandene Dokumentarfilm Land und Leute; Contento nennt seine Arbeit eine Cinevoyage und bezeichnet Brazilien als Spiegel in der sich universale Gedanken, Bilder und Visionen der gesamten Welt aufzeigen sollen. Zur musikalischen Anreicherung seines als Busfahrt angelegten Werkes verwendet er fünf Stücke von The Necks, David Grubbs, Mira Calix, Mute Socialite und O-Type in den Längen 5 bis 28 Minuten. (Die Downloadversion des Releases enthält weitere fünf Bonus Tracks). Wie auch immer diese Tracks dem Film dienen ist hier nicht die Frage, als eigenständige Veröffentlichung können diese nicht enden wollenden Jazzy-folkloristischen Ambienzen nicht überzeugen, selbst Mira Calix verheddert sich in einem seichten, zart elektronisch angeknispelten Schlagwerkwust. Der Hirsch springt hoch, der Hirsch springt weit, warum auch nicht, er hat ja Zeit.

Port Royal

Port Royal.
2000 – 2010 – The Golden Age Of Consumerism.
N5MD.

Der Release anlässlich des zehnjährigen Jubiläum der Genueser Port Royal gerät zum eindrucksvollen Beispiel der Vergänglichkeit musikalischer Stile und Zeiten, der Subtitel zum schmerzhaften Schuss ins eigene Knie. Diese zart angezuckerten, synthiefriedhofgeschwängerten Gebäcke sind schwer verdaulich, wiesehr auch der Pressetext diese „Post-Millenial-Post-Rock“ (äh?) Ware auch zwischen Orbital und Sigur Ros quetschend anzupreisen sucht. Ganz gruselig wird’s dann auf der zweiten CD mit Port Royal Remixen, Jesus Maria, mir wäre ich hörte himmlische Chöre – schnell die Stoptaste – und aus.

Luis Felipe Ortega / Israel Martinez

Luis Felipe Ortega / Israel Martinez.
Tryptich.
Aagoo Rec.

Die Argentinier Luis Felipe Ortega / Visual Arts und Israel Martinez / Music zeigen auf dieser DVD drei längere Filme, Kollaborationen die für den Kunstmarkt erstellt wurden und einer grossen Projektion bedürfen. 2009/10 kreiert kreisen Solar, Macapule und Xiriah um einen minimalistisch gehaltenen Mittelpunkt in dem Mensch und Landschaft leise umrundet, vereint und wieder getrennt werden. Musikalisch zusammengehalten und soundästhetisch unterfüttert von einer empfindsam ineinander geschobenen Mischung aus Ambient, Fieldrecordings und Noise die auch mitunter Stille zulassen kann. Allein für diese Filmemachern ansonsten Stehhaare bereitende Entscheidung geht an „Tryptich“ der erste hochgereckte Daumen, die Produktion besticht durch ihre konsequent durchgehaltene Distanz zum Betrachter, auch wenn der eigentlich notwendige, abgedunkelte Galerieraum hier auf dem Monitor nur erahnt werden kann.

Nils Frahm & Anne Müller

Nils Frahm & Anne Müller.
7fingers.
Erased Tapes.

Frahm’s wohlbekannter, emotionsgeladener Pianoarbeit seiner Releases „Wintermusik“ und „The Bells“ wird hier eine für ihn gänzlich neue Spielart hinzugefügt, glitchige Züge durchstreifen das Album „7fingers“, sanft zuweilen, prägend dann unter- und umstrichen von der Berliner Cellistin Anne Müller. Das Ganze könnte Gefahr laufen geschmäcklerisch zu werden würde der Meister nicht gekonnt den elektronischen Part seiner ganz eigenen Form des Geschichtenerzählens unterordnen und mit diesen neun Tracks angenehm auch im Pop stibitzte kleine Perlen präsentieren. Alle Elemente umtänzeln sich auf aufgeregt gedankenverlorene Art, ziehen sich wieder sanft zurück nur um sich dann erneut eifrig anzuspringen, eine wundersam anzuhörende Paarungsorchestrierung der in wenigen Momenten fast schon zu lieblichen Art. Nils Frahm, der in den letzten Monaten ausgiebig mit verschiedenen Musikern auf Tour war kann seine Freude und Spielfertigkeit der Bühne wunderbar in diesen Release einfliessen lassen. Da kommt noch mehr, hoffe ich.

Martyn & Mike Slott

Martyn & Mike Slott.
Collabs Series No. 1.
All City.

Eigentlich schicke Kollaboration zwischen den beiden auf der neu eingerichteten 12″ Serie des Labels All City, unaufgeregte dubby, housy Launemukke mit den verschiedenfarbigen Stempeln der beiden Herren, es zischelt, bimmelt und wumpert angenehm – wenn auch Martyn hier deutlich den Ton angibt und MIke Slott’s gewohnte liebenswerte Frickelei etwas zu kurz kommt.

Juv

Juv.
s/t.
Miasmah.

Inspiriert von den minimalistischen Werken der Swans, Sonic Youth und The Melvins machten sich die beiden Norweger Are Mokkelbost und Marius Von Der Fehr in den Jahren 1996 bis 1998 auf die Suche nach einer eigenen Klangwelt. Herausgekommen ist eine ambientdurchzogene, bitterkalte Doom Landschaft, wiederausgegraben und auf dick befellten Handschuhen präsentiert von Miasmah Mastermind Erik Skodvin; „Juv“, auf deutsch Abgrund, wirkt wie ein entfernter Verwandter Skodvin’s eigener Arbeiten. Die sehr rudimentär angelegten Stücke mit teilweise nur einem Chordwechsel, frippartigen Gitarrenfeedbacks und endlos stehenden, leicht modulierten Flächen frieren den Hörer  behende auf seinem Stuhl fest, mit dem er sanft gezogen über den Tiefen kreisen darf. „s/t“ zwingen dieses Bild auf und verhindern es gleichzeitig, man darf Betrachter sein aber nicht mehr, die Musik spielt alleine für sich weiter, ein selten geglücktes und sehr faszinierendes Schauspiel.

James Blake

James Blake.
James Blake.
Atlas Recordings.

Mit nur einer Handvoll Vinyl in der Biographie und wenigen Kollaborationen schafft es James Blake mitten in den Fokus des Zeitgeschehens, die BBC jubiliert, der Kulturspiegel bastelt ihm ein massentaugliches Feature und Boomkat feiert ihn als Urban Blues Hero. Ob solcher verräterischen Spannweite wird hier und da sicherlich die Nase in Falten gelegt, sicher ist dass es seit Flying Lotus niemand geschafft hat so breitflächig aufzuräumen um dann noch selbst vom leicht zu belächelnden Mainstream so wohlwollend in Augenschein genommen zu werden. Gänzlich anders als seine in letzter Zeit abgefeierten Mitstreiter gelingt es Blake mit seinem bescheiden unter seinem Namen veröffentlichten Erstling nicht nur schnell produzierte sound-a-likes seiner EP’s anzuhäufen, im Gegenteil, das Album wirkt ausgeglichen, reif gewachsen und einfach… brillant. Die fein ausgetastete Mischung aus Post-Dubstep, funkiger Elektronik, Modern Classic und seiner über allem trohnenden, leicht angebrochenen, soulfähigen Stimme überzeugt ohne den geringsten Makel. Einfühlsam und vorsichtig fast, sanft gewickelt in etwas das man so schon lange nicht mehr hören dufte – Schlichtheit. Das bemerkenswerteste bei der Wahl zum König des zeitgenössischen Musikbetriebes ist dass der alte hier nicht sterben muss, also, lang lebe dieser König.

Emanuele Errante

Emanuele Errante.
Time Elapsing Handheld.
Karaoke Kalk.

Durch seine Zusammenarbeit mit Dakota Suite landet Emanuele Errante’s viertes Album bei Karaoke Kalk und beschert dem Berliner Label  einen unaufgeregten, Gitarren- und Synthdurchwebten Ambientrelease. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Gouache‘ nimmt sich Errante auf „Time Elapsing Handheld“ sehr viel mehr Zeit und zieht seine kompositorischen Impressionen weit in die Fläche, das Bild wird breiter und langsamer; fast als würde er der winterlichen Jahreszeit folgend die körperlichen Bemühungen reduzieren um in der eingemümmelten Ruhe das Geschehen besser, genauer erfassen zu können. Was er dabei aufspürt und hier auf sieben Tracks achtsam verteilt sind kleine Spösslinge musikalischer Finesse, spriessend auf kargem aber nicht unwilligem Boden. Ein sachter Entdecker den es zu entdecken gilt.

Deaf Center

Deaf Center.
Owl Splinters.
Type.

Im Mai letzten Jahres in den Durton Studios von Nils Frahm aufgenommen zieht die Soundwelt der beiden Musiker Erik Skodvin und Otto Totland einen langen, schönen Bogen um ihren 2005er Erstling „Pale Ravine“ und kehrt mit brillanter Studiotechnik zur Jetztzeit zurück. Im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Lo-fi Anmutung der frühen Jahre tauchen Deaf Center ihre neuen Kompositionen nun mit der Unterstützung Frahm’s zartfühlendem Soundverständnis in glasklar abgebildete, neblig verhangene Täler und deren nasskalte Höhlen. Cello, Piano und Gitarre weben ein hauchfein erscheinendes Ambientnetz das die irgendwo verborgene Spinne bewusst oder unterbewusst durch die Schönheit der Vision vergessen machen lässt. Gerät bei Skodvin’s Soloprojekten gerade die sich steigernde Spannung zu breit aufgefächerten Soundkaskaden, verbleiben Deaf Center eher in der vorsichtigen Andeutung, man sieht das Messer aber nicht die Bewegung, den Duschvorhang, nicht aber die Frau. Hier wird die Geschichte leiser erzählt, doch die drückende Schwärze bleibt.

Untold

Untold.
Stereo Freeze / Mass Dreams Of The Future.
R&S Records.

Schwer technoider funky 12 inch Stuff des James Blake Wegbegleiters auf R&S Records. Nach der eher in dessem Sinne verspielten EP „Gonna Work Out Fine“ hier alles voll auf die Chicago Acid House Nüsse mit sauber die Tischdekoration abräumenden Subbässen. Für Liehaber von UK Bass ein absolutes Muss, hierbei sei auch nocheinmal auf die brillante ‚Future Bass‘ Compilation auf Soul Jazz Records und Untold’s Hammer ‚Fly Girls‘ verwiesen. Schön zu sehen/hören wie Hemlock-Eigner Untold aka Jack Dunning weiter seine eigenen Bahnen zieht

Tokimonsta

Tokimonsta.
Midnight Menu.
Listen Up.

Tokimonsta veröffentlicht ihr erstes Album auf dem japanischen Label Listen Up und enttäuscht. Sanft entschwunden ihre wonkyfüssige Leichtigkeit, auch die Experimentierfreudigkeit ihrer im Sommer auf Ramp erschienenen EP „Cosmic Intoxication“ wie verflogen. Tokimonsta aka Jennifer Lee liefert elf Stücke auf Vinyl von denen gerade mal drei – „Solitary Joy“, „Madness“ und „Bready Soul“ annähernd an ihre 12″ erinnern können, der Rest  klingt wie schlechte sound-a-like Kopien und bricht ihr mehrere Zacken aus der Krone die man ihr aus dem Flying Lotus Umfeld kommend vermeintlich zwingend auf den Kopf schob. Wäre da nicht dieses wundersam Art Of Noise-durchtränkte Stück „Lovely Soul“ das einfach selbständig immer die Repeat-Taste drückt müsste ich leise weinen. Moments of love, diesmal schluchzend nur auf einem Fuss, dafür aber gut.

The Fun Years

The Fun Years.
God Was Like, No.
Barge Recordings.

Das in transparentem Vinyl erschienene Album „God Was Like, No“ zeigt The Fun Years von ihrer besten Seite, schwer verhangene Gitarren-Loop-Drones, unterlegt mit angeritzten Synthesizerflächen, versponnen zu einem hochgradig cinematographischen, zwischen Ruhe und Unruhe umherirrenden Kosmos. Die zuweilen stark mit Grainfiltern zurechtgestutzten Stücke entfalten gerade durch diese hin- und herschwappende Soundästhetik von ungebremster Emotion zu durchschossener Destruktion eine zwingende Wirkkraft die zuweilen an Fennesz erinnert, diesen aber in der klanglichen Spannweite und Vielfalt innerhalb der einzelnen Tracks sanft am Boden zurücklässt. Wenn dann noch zart angeschlagene Ambientpassagen an Brian Eno’s Frühwerk verweisen um sofort wieder im sich weiterdehenden Mischungsstrudel fortgezogen zu werden begreift der Hörer dass es doch einen Himmel gibt, mit oder ohne Gott.