Hecker

Hecker.
Neu.
Galerie Neu.

Der 2003 mit dem Prix Ars Electronica ausgezeichnete Sound Künstler Florian Hecker bietet hier mikroskopische Reisen in die Welt minimalistischer Klangkunst. Ursprünglich vor drei Jahren als Release geplant finden die vier Aufnahmen nun 2010 den Weg zum Hörer. Puristische Liebhaber dieser künstlerischen Gangart werden verzückt ob der musikalischen Feinheiten und Freiheiten auf „Neu“ in ihren Ohrenseseln versinken, den Anderen sei ein Besuch Hecker’s Klanginstallationen angeraten, das Sound -Erlebnis dieser Arbeiten losgelöst von den eigens dafür ausgestalteten Ausstellungsräumen lässt diese vermissen.

Erik Skodvin

Erik Skodvin.
Flare.
Sonic Pieces.

Deaf Center und Svarte Greiner, das sind die Projekte hinter denen Erik Skodvin steckt, hier nun sein „Debüt“ unter seinem richtigen Namen. Dieser vermeintliche Schritt aus dem Dunkel ist verfänglich, hat Skodvin auf „Flare“ zwar gänzlich auf verzerrende elektronische Mittel verzichtet, die ihn gerade bei oben erwähnten Unternehmungen so eindeutig zu identifizieren schienen. Zu Tage tritt ein Musiker der seine fast verschämt leise vorgetragenen akustischen Erkundigungen weiterhin in einer düsteren und geisterhaft entleerten Welt vornimmt. Der aus Oslo stammende Skodvin versteht es meisterhaft mit minimalen Mitteln und punktgenau subtil gesetzten stillen Momenten die Nackenhaare zu erregen und einen aus den Augenwinkel kaum wahrnehmbaren Bodennebel zu erzeugen. Zierlich eingefädelte, hauchende Vokalpassagen und die fast krautrockartige Verwendung von Schlagwerk runden „Flare“ zu einem zeitlich schwer verortbaren Album ab. Dann wieder eine auf zwei Akkorden fast kindlich angeschlagene akustische Gitarre… Schönes, mutiges Dunkel.

David Sylvian

David Sylvian.
Sleepwalkers.
Samadhisound.

Von dem 1978 auf Hansa veröffentlichten Japan Debüt Album „Adolescent Sex“ bis zu diesem Release
hat der 1958 geborene Sylvian so ziemlich alle musikalischen Styles der letzten Jahrzehnte angefasst, von Glam Rock und New Wave über Synth Pop bis hin zu Experimental.  Seit 1984 auf Solopfaden schuf Sylvian mit dem 2003er Album „Blemish“ zusammen mit Derek Bailey und Christian Fennesz einen Meilenstein an minimalistischer Dekonstruktion und legt nun mit „Sleepwalkers“ eine Auswahl seiner verschiedenen Kollaborationen der letzten Jahre vor. Mit seinem Fünfhalbton-Grooning legt sich seine Stimme, unverkennbar seit dem Track „Nightporter“ von1980, über sämtliche seiner Projekte und umschmeichelt warm als geschickter Fuchs die willigen Hälse seiner Fans. Wenn auf „Blemish“ diese Vortragsart noch in der Musik ihren (notwendigen) Widerpart sucht und findet gerät mir diese Lieblingsschwiegersohntatik langsam zum ermüdenden Mantra, vor allem wenn die hier vertretenen Tracks eher wie unfertige Skizzen wirken und ein zu trostloses Bett für den Meister bereiten. Abgesehen von den drei schon hinlänglich bekannten und wunderbaren Stücken „Money for all“, „World Citizen“ und „Wonderful World“ bietet „Sleepwalkers“ ausser dem Titeltrack dürftig trockene Rohkost, schade drum David.

Codes In The Cloud

Codes In The Cloud.
Paper Canyon Recycled.
Erased Tapes.

Ist die Welt bereit für eine weitere Post-Rock Band? Auf der Website von Erased Tapes wird diese Frage mit „Ja‘ beantwortet. Auf jeden Fall hat diese Band ihr Album „Paper Canyon“  seit Anfang des Jahres zum Remixen zur Verfügung gestellt, hier nun das Ergebnis. Fünf der elf Trackbearbeitungen sind bemerkenswert, diese von Tom Hodge, Worriedaboutsatan, Library Tapes, Machinefabriek und vor allem der von Nils Frahm. Den Sound der aus Kent stammenden Codes In The Cloud in ein neues Gewand  umzustricken gelingt diesen Herren vor allem deshalb da sie das Post-Rock weitestgehend auslassen um es durch klassisch inspirierte, oder weit in Delays wegtauchende Soundgebäude zu ersetzen. Ist die Welt also bereit für ein weiteres Remix-Album? Ja, wenn man sich traut etwas wirklich Neues zu bauen…

Shortstuff

Shortstuff.
The Summer Of Shortstuff.
Ramp Recordings.

Shortstuff’s 3 x 10 inch auf Ramp zeigt dessen gekonnte Meisterschaft zwischen IDM, Future Garage, Grime und Afrobeat leichtfüssig hin und her tänzeln zu können und augenzwinkernd einfache Future Classic Headnodder auf die Matte zu legen. Der Track ‚Galaxy‘ schubst mit einer derart einfach angelegten Klarheit vom Hocker dass er hier schon seit einer halben Stunde läuft. ‚Swine Time‘ wird sich gleich auch im Loop drehen… Das eher als Mini Album denn wie vom Label als Ep zu benennende Werk des Londoners Richard Attley lässt auf noch Grösseres hoffen, Ramp und Planet Mu können sich die Hände reiben einen solchen Künstler im Programm zu haben.

ANBB

ANBB.
Mimikry.
Raster-Noton.

Dass die beiden Künstler Carsten Nicolai (Alva Noto) und Blixa Bargeld irgendwann mal aufeinander treffen könnten und ein Album daraus entstünde ist ein feuchter Traum, nun liegt er vor. Seit 2007 in der Planung, wirkt ‚Mimikry‘ dennoch wie eine spontane Live Performance, Bargeld’s Poeme, fragil in ihrer Findung und weitumgreifend in ihrem Vortrag treffen auf einen ebenfalls im Kleinen beginnenden, dann tief in die Elektronik greifenden Nicolai. Überraschenderweise klingen bei ‚Once Again‘ Elemente an die stark an die ersten Einstürzende Neubauten Alben erinnern, absichtliches Zitat oder nicht, es ist verblüffend wie ANBB diese Spuren einsaugen und sie dreissig Jahre nach Release dieser Werke fett und kraftstrotzend wieder ausspucken. Einen kleinen Fehlgriff dürfen sich die beiden mit ‚One‘, dem Titelstück des Films Magnolia wohl erlauben, ansonsten ist die tonale und filmische Qualität von ‚Mimikry‘ schwerst beeindruckend. Nicolai & Bargeld würde ich gerne mal zusammen auf der Bühne sehen…

Ahu

Ahu.
To: Love.
One Handed Music.

Die aus Istanbul stammende Musikerin und Djeuse Ahu schaukelt sich auf ihrer One Handed Music Erstling’s Ep schaumig verträumt in die Ohren, produziert von Paul White kitzeln die angebrochenen Beats unterlegt mit ihrer nicht allzu mädchenhaft sanften Stimme sehr angenehm das Trommelfell. Spannend wird das Projekt durch die beiden beigefügten Dimlite Remixe, vor allem dessen pulsende Dub Version von ‚To: Love.‘ sei wärmstens empfohlen in des Lesers Hörmuscheln gelegt…

Svarte Greiner

Svarte Greiner.
Penpals Forever (And Ever).
Digitalis Recordings.
Erik Skodvin, aus Oslo stammender Komponist und Musiker mit neuer Wahlheimat Berlin
bringt seinen 2008 nur in limitierter Auflage auf Cassette erschienenen Release ‚Penpals Forever‘ nun auf Digitalis heraus. Ebenso bekannt durch die erhebenden Soundskulturen seines anderen Projektes Deaf Center schiebt sich Skodvin auf fünf für diesen Re-Release erweiterten Stücken langsam aber beharrlich in den für ihn typischen Dark Ambient Kosmos. Die durch verschiedene Filter und Loops modulierten und verschleppt verzerrten Gitarrensounds zerfallen in sich, bauen sich zu industrialartigen Klangwänden wieder auf ohne jedoch als Ganzes einem kompositorischen Höhepunkt zustreben zu wollen. Ebendiese scheinbar so ziellose Indifferenz macht das Album ‚Penpals Forever (And Ever)‘ so eindringlich und beklemmend, etwas sehr, sehr Grosses gleitet gemächlich über dich hinweg ohne sich wirklich um dich zu scheren. Diesmal noch.

Marcus Fjellström

Marcus Fjellström.
Schattenspieler.
Miasmah.

Die mit dem dunklen, verstörenden Bild spielenden Musiker und Komponisten haben mittlerweile eine beeindruckende Finesse entwickelt den Film im Kopf blind ohne das dazugehörige Zelluloid erschaffen zu können. Der Schwede Marcus Fjellström, Studierter in klassischer Komposition und Orchestration legt in dieser Richtung mit seinem vierten Album eine unendlich tiefe und durch und durch düster durchdrungene Arbeit vor. Inspiriert von Ravel und Debussy, Bernard Herrmann und – natürlich – Badalamenti gelingt es Fjellström aus dem Meer der in dieser Richtung arbeitenden Komponisten ohne grössere Anstrengungen eine eigenständige Musiksprache zu entwickeln, den Hörer damit engmaschig zu umwickeln, hier zu kratzen, da ein bisschen zu würgen um ihn nach 48 Minuten wieder leicht schwummrig vom  Sofa zu entlassen.
Gerade die ebenfalls von Fjellström genannten elektronischen Einflüsse von Aphex Twin und Autechre erlauben es dem Meister elegant zwischen und über den Stühlen zu turnen. Grosser Respekt und Applaus.

Hassle Hound

Hassle Hound.
Born In A Night.
Staubgold.

Hassle Hound  schubbeln sich wie ein Bär am grossen amerikanischen Folk Baum. Die Kamera fährt ganz nahe an die Stelle der Berührung, Fell schabt an Borke, es knistert und bitzelt, der Bär reibt sich in einen psychedelischen Zustand. Die zwei Glasgower Tony Swain und Mark Vernon und ihre aus New York stammende Partnerin Ela Orleans kreieren in wohl kalkulierter, kindlich anmutender Manier ein phantasievolles und farbenreiches Bild. Der stete Wechsel zwischen seriös angelegter Komposition und mit grosser Spielfreude parodistisch zerlegtem Material lässt den Mund offen stehen, in der hintergründigen Hoffnung die seit Stunden den Monitor umkreisende Mücke mit einem zielstrebigen scharfen Biss unverhofft in den Hintern zu kneifen. Für diejenigen die kein Problem damit haben sich rückwärts in ihre Kinheitserinnerungen fallen zu klassen, ohne vorher hinzuschauen wohlgemerkt, ist ‚Born In A Night‘ der richtige Soundtrack.

F.S. Blumm & Nils Frahm

F.S. Blumm & Nils Frahm.
Music For Lovers, Music Versus Time.
Sonicpieces.

Wunderbar verspielte, weit offene, wie Improvisationen wirkende neun Stücke, doch da kennen wir die beiden Berliner F.S. Blumm und NIls Frahm von ihren Releasen auf Morr Music, Staubgold und Erased Tapes zu gut. Die musikalischen Impressionen sind sehr punktgenau gebaut und zeigen mit verwirrender Leichtigkeit die selbstbewusste Kunst der beiden. Die Art wie hier Archivmaterial in und unter Klavier und Gitarre gewirkt werden, wie Cello, Trompete oder Vibraphon die Kompositionen flirrend umspülen ist in dieser tastenden und durch schieres Können, mit verbundenen Augen findend, schlichtweg berauschend. Die Musik hebt an, lässt in der Drehung kleine Bildfragmente aufblitzen um wieder sanft auf dem Boden bei sich selbst zu landen. Wissend statt sehend, welch grossartige Kollaboration…
Bitte mehr davon.

Vincent Kühner

Vincent Kühner.
No Minute Gone Comes Ever Back Again,
Take The Heed And See Ye Nothing Do In Vain.
Felt.

Der in London angesiedelte Byron Christodoulou aka Vincent Kühner spricht von einer Sammlung von Momenten, Atmosphären und Eindrücken wenn er auf seinem Album ‚No Minute…’ seine musikalische Palette aus Field Recordings, Noise und elektronischer Minimalia präsentiert. Die sehr zartfühlend eher aneinandergelegten als zusammengebauten Bestandteile seiner Kompositionen stechen aus dem Wust der in diese Richtung fliesenden Releases insofern heraus, als dass er gar nicht erst versucht seinem Album eine übergeordnete Homogenität überzuwerfen. Die Leichtigkeit mit der er experimentelle Elemente und Soundfundstücke unter und über winzigen Melodieideen verstreut ist ausserordentlich gelassen und zeugt von einer weitumfassenden und reifen musikalischen Souveränität. Die hier als Downloads im Netz zu erhaltenden neun Stücke werden, so die Auskunft des Labels, in naher Zukunft als eine streng limitierte Cd erhältlich sein.
Gerne.

Various

Various.
Clicks And Cuts Five.
Mille Plateaux.

Die 2000 gestartete und allerorten abgefeierte Compilation-Reihe ‚Clicks And Cuts’ des Labels Mille Plateaux kommt nach sechsjähriger Pause in die fünfte und überflüssigste Runde. Es gibt sicherlich Menschen die ihre Nadeln mit ihren Jazzanova Alben der Neunziger heute noch zu quälen wissen, ähnliches dachte sich wohl ein findiger A&R und will hier an eine Tradition anknüpfen, die mit bahnbrechenden Veröffentlichungen solcher Granden wie Akufen, Oval oder Wolfgang Voigt so dermassen den Teller abgeräumt haben, dass sich hier bestimmt noch ein Euro oder auch zwei aufklauben lassen könnten. Bedauerlich für die Künstler die sich hier in den Stall treiben liessen, gerade die wenigen Lichblicke Gultskra Artikler, Yu und Wyatt Keusch haben einen anderen Rahmen unter anderem Namen mehr als verdient.

Various

Various.
100 Jahre Einsamkeit, Markus Detmer Plays Staubgold.
Staubgold.

Staubgold Inhaber Markus Detmer greift in die Archive, um seinen einhundertsten Release zu feiern. Hut ab, zwölf Jahre Qualität und Innovation in verschiedenen musikalischen Richtungen in einen Mix zu giessen ist eine knifflige Aufgabe, die Detmer in einer elegant und sanft angelegten Spur mit ab und an scharf eingebauten Kurven sauber zu einer schönen Einheit führt. 1998 in Köln gegründet und 2003 nach Berlin transferiert , steht Staubgold für hochqualitative, experimentelle und elektronische Musik, mit so illustren Acts wie To Roccoco Rot, Faust oder Kammerflimmer Kollektief, die alle hier ihren Beitrag zu einer gelungenen Labelvorstellung liefern. Vielen Dank für eine so schöne Visitenkarte.

Toshimaru Nakamura

Toshimaru Nakamura.
Egrets.
Samadhisound.

Toshimura Nakamura, in der japanischen Noise und Free Improvisation –Szene bekannter Gitarrist legt mit Tetuzi Akiyama, ebenfalls Gitarre, und dem Supersilent-Mitbegründer und Trompeter Arve Henriksen acht Stücke auf David Sylvian’s Label vor. Nakamura’s Erfindung, das ‚No-Input-Mixing-Board’ spielt hierbei eine zentrale Rolle, kann er mit dieser interaktiven Mixkonsole genau den Sound erzielen, den er bei seiner Arbeit als regulärerm Gitarristen zu Beginn seiner Karriere immer vermisste. Das alles klingt sicherlich nicht gerade wie die Neuerfindung des Rades, im Gegensatz zu Fennesz oder Erik Slodvin von Svarte Greiner aber verwendet Nakamura sein Tool eher zur Entflechtung  statt zur multiplen Formaufschichtung. Seit nunmehr einer Dekade an der Verfeinerung seiner Soundidee arbeitend gelingt es ihm seinen akustischen Klangerzeugern in einem musikalisch sehr breit angelegtem Feld Flächen und Stimmungen zu entlocken, die Fans der minimalen Elektronik ebensosehr faszinierend finden werden wie Freunde der freien Improvisation. ‚The instrument still surprises me. I work with analogue audio feedback, utilising inexpensive gears, so it is very difficult or impossible to control perfectly.’ Wer hat schon die Grösse so ehrlich von sich zu sprechen…

Philippe Petit & Friends

Philippe Petit & Friends.
A Scent Of Garmambrosia.
Aagoo Rec.

Philippe Petit, sehr umtriebiger Mastermind der elfköpfigen Strings Of Consciousness, versucht sich hier an der Welt ‚Garmambrosia’, eindringlich beschrieben in David Lynch’s meisterhaften Mini-Serie ‚Twin Peaks’, Schmerz und Leiden soll das Thema sein. Hoch gelegte Latten bringen dem Springer heftigen Applaus, wenn er sie denn überspringt, und so tauchen wir ein in Petit’s Vorstellung einer geplagten Welt.
Der selbsternannte ‚Post-Classical Soundtrack’ durchfährt alle Finessen moderner Produktiostechnik, Bläser, Streicher, Gitarren, Pianos, Taperauschen, Plattenknistern, vorwärts, rückwärts, wir schwingen uns mit ein, der Blick fliegt nach oben – die Latte liegt noch – wir wollen zu frenetischem Beifall ansetzen, aber nein, wir müssen bemerken das der Akt nicht vollzogen, der Artist verstohlen auf dem Boden verblieben ist. Das ist Schmerz, das ist Leid, Badalamenti springt dann als nächster…

Paul White

Paul White.
Paul White And The Purple Brain.
Now Again / One Handed Music.

Wenn sich in der Manege zuzeit mehr Artisten drängen als Publikum auf den Rängen muss sich der findige Künstler für seine Präziosen deutlich mehr einfallen lassen um da noch ein williges Ohr aufzutun. Der durchschlagende Erfolg von Gonjasufi’s „A Sufi & A Killer“ hat im Bereich Dance/Obskura eine deutliche Bresche geschlagen und hier wildert auch Paul White. Das Album das in Kollaboration mit One Handed Music und dem Stones Throw Schwesterlabel Now Again herauskommt ist inspiriert von dem hier wohl unbekannten schwedischen Psychedelik Multiinstrumentalisten S.T. Mikael der heftig in der östlich beinflussten Sitarwolke mit geisterhaft atmosphärischen Balladerein schwebt. Somit ist auch hier der Kreis zu Gonjasufi geschlossen, der nun aber hier leider nicht dem Sound seinen Spirit mit seiner einzigartigen Vortragsweise einbläst, und da kratzt leise das Problem.  Sosehr die 25 Shorties hier auch die zeitgemässe Weirdo Taste drücken und den Backkatalog von Herrn Mikael in ein feines neues Brit-Tüchlein kleiden sehne ich mich nach White’s Erstling von 2009 „The strange Dreams Of Paul White“ zurück, in der der Meister eine wunderbare HipHop Prog Rock Scheibe zum Besten gab. Anhörenswert, aber mit drei Fragezeichen. Manche mögen die ja…

Ojra & Kiritchenko

Ojra & Kiritchenko.
A Tangle Of Mokosha.
The Lollipoppe Shoppe.

Halyna Breslavet und ihre Neo-Folkgruppe Ojra haben in den letzten zehn Jahren volkstümliche Stücke hauptsächlich aus den Osten der Ukraine gesammelt und sie hier auf diesem Album ausgebreitet. Umsponnen von einer feingliedrigen, sich sehr zurückhaltenden Elektronik, eingespielt von Andrey Kiritchenko, läuft ‚A Tangle Of Mokosha’ nie Gefahr in die süsslich verfängliche Nähe handesüblicher Worldmusik-Produkte abzusinken. Gerade die ambientartige, ansatzweise experimentelle Arbeit Kiritchenko’s, einigen hier möglicherweise bekannt durch seine Veröffentlichungen auf Staalplaat oder SPEKK, zieht das Album auf ein grösseres und weiteres Podest. Ausgezeichnet mit dem Qwartz Electronic Music Award webt Kiritchenko einen trotz seiner musikalischen Leichtfüssigkeit festen Teppich unter die vier Musiker und ihrer Sängerin, auf dem sie dem Hörer unaufhörlich um den Kopf schweben. Anders, angenehm, gross.

Klangwart

Klangwart.
Sommer.
Staubgold.

Markus Detmer und Timo Reuber, die seit 1996 als Klangwart zusammen Musik machen, zeigen mit ‚Sommer’ eine Mischung aus neuen Werken und seltenen Tracks ihrer vierzehjährigen Kollaboration.
Die über allem liegende Homogenität der einen nicht gerade klein zu nennenden Zeitraum umspannenden Stücke ist zugleich Stärke und Schwäche des Albums. Dass zwei musikalische Individuen so gleichförmig ihre elektronischen Schwingungen über die Zeit zu schieben vermögen, zeugt einerseits von ungeheurem Selbstbewusstsein, und einer entsprechenden inneren Ruhe. Wenn man in drei Atemzügen schnell an sich vorrüber ziehen lässt, was alles in diesem zeitlichen Rahmen an musikalischen Strömungen auftauchte und wieder verschwand, ist eine solcherart vorgetragene flächendeckende Resistenz gleichermassen irritierend, und läuft Gefahr borniert zu wirken. Die mögliche Oszillation zwischen Entwicklung und Verdichtung ist jedes Kreativen Kernfrage, Klangwart’s ‚Sommer’ zeigt sich davon mächtig unbeeindruckt…

Kabutogani

Kabutogani.
Bektop.
Mille Plateaux.

Kunden die auf EXP von Bretschneider stehen werden dies hier auch mögen? Wäre die Welt doch nur so einfach. Zum einen weil ein Bretschneider’scher Wurf eine viel koplexere gedankliche Architektur zur Grundlage hat, zum anderen ist es ja für die Promotionsabteilung immer eine heillose Gradwanderung sich zu nahe an die Sonne hoch hängender Protagonisten zu wagen. Denn wer kauft denn, wenn er denn kauft, eine Sache zweimal. Zurück zu dem Franzosen Kabutogani, von dem wir auf seinem abgegrast kümmerlichen Pressetext gar nichts und auf seiner Webseite nur erfahren dürfen, dass sein Alias Hufeisen Krabbe auf japanisch heisst. Und nun noch ein Stockwerk runter zu seiner Musik, eingeglitchter, steckenweise mit Atmosphärischem unterstrichener Click Funk, hier und da wird eine Melodiefahne sanft angestreichelt, da richten wir doch lieber wieder unser Augenmerk auf das Vorbild, der genau dieses elektronische Feld auf so erschreckend nüchterne Weise zu einem goldenen Klumpen haut.

James Blake

James Blake.
CMYK Ep.
R&S Records.

Der Londoner James Blake, wohl interessantester Producer derzeit auf dem Wonky / Grime Markt, bringt nach diversen Releasen auf Hemlock und Hessle Audio nun seinen  ersten Wurf auf R&S Records. Im Gegensatz zu seinen ansonsten sehr freizügig angelegten !2“ und diverser Remixe zeigt Blake hier weniger was man mit hochgradig intelligenter Beatprogrammierung und einer unfassbaren Soundästhetik in den dunklen Rändern von Dance so alles ableuchten kann, hier konzentriert sich der Herr eher auf Future Soul mit gepitchten Vocals, und lässt seinen Tracks mehr Luft zum atmen. Kein Wunder also dass Radio One mit seinen prominenten DJ’s die Promo hier rauf- und runterspielen. Auf das Album an dem er gerade neben seinem Studium an der Goldsmith schreibt darf man andächtig gespannt sein.

FNS

FNS.
FNS.
Miasmah.

Fredrik Ness Sevendal, der Mann hinter FNS, Bandmitglied von Slowburn, Del, Kobi, um nur einige zu nennen, schaubt hier auf diesem Miasmah Release solo an den Instrumenten und diversen Reglern. Seine Mischung aus Lo-Fi Pop und Noise Rock setzt der experimentierfreudig psychedelischen Phase von Bands wie Pink Floyd eine gültige und zeitgemässe Neuinterpretation gegenüber. Live improvisierte Layers winden sich zu tranceartigen Folk Schlingen, verzupfen sich unter spacigen Synthie-Drones zu einem dräuenden Sound-Melange, und gerade die mir sonst so die Pelle pickenden ‚La-La-La’s’ der beigepackten Sängerinnen runden den Verweis auf die späten Sechziger gelungen ab. Irgendwo auf meiner entzündeten Hirnrinde keimt der Gedanke auf, dass gerade die Gitarre in Kombination mit verschiedensten Loop- und Feedbackmaschinen dem Pendant des Symbols des einsamen Mannes der achziger Jahre, dem Saxophon, in den Nuller- und Zehnerjahren überraschend kantig verzwirbelte Ergebnisse gegenübersetzt, so als sei die semi-sexuelle Schwundverlockung der damaligen Zeit einer Rückbesinnung auf das Spirituelle gewichen. Denn genau so kommt FNS rüber, mit gesenktem Haupt erhoben.

Arandel

Arandel.
In D.
Infiné.

Arandel ist ein Pseudonym, dessen Träger unbenannt verbleiben will. Alles klar soweit. Arandel möchte, entsprechend der Von Trier’schen Dogma Idee, ein Statement gegen die Nutzung von Midi und Sampling setzen; puristisch, nur mit den Instrumenten die in seinem Studio  stehen, der Begriff Lo-Fi fällt auch. Aha. Sodann folgen im Pressetext als  Allgemeinplatz ein Zitat von Sigmund Freud, Begriffe wie das Unerwartete, Transformation und freier Raum zupfen zusehends an meiner kleinen Vorstellungskraft. Schliesslich wird Terry Riley’s ‚In C’ als Arbeitsmethodik  (In D, verstehste?) herangezerrt, während das Album in meinem Ohr paralell dazu unablässig eine musikalische Nullnummer nach der anderen runterschubbelt. Das Ganze würde ich mich noch nicht mal unter anonymer Tarnkappe trauen anzudenken, geschweige denn zu veröffentlichen. Unfassbar viel Lärm um nichts hier, oder um mein Hirn gütlich mit einem FK Wächter Zitat wieder runterzukühlen – Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter.

Ametsub

Ametsub.
The Nothings Of The North.
Mille Plateaux.

Ametsub, in Tokyo beheimateter Pianist und Produzent bringt nach seinem Erstling ‚Linear Cryptics’ nun sein zweites Album hier auf Mille Plateaux heraus. Die gelungene Mischung aus glitchigen Minimal Electronica mit seinen im Grenzland zwischen Klassik und Jazz angesiedelten, sehr gewählt gesetzten Pianokompositionen erstaunt um so mehr, als dass gerade dieser Pfad seit den späten Neunzigern von Künstlern wie Arovane, Plaid und Lusine ausgiebigst und breitflächig abgelaufen wurde. Die locker hingeworfenen elektronischen Elemente berühren hier mal ein housiges Spielfeld, tauchen in warp’scher Manier ab und an ein wenig zu sehr in ihre neunziger Roots, und sind genau dann auf dem Punkt wenn sie sich zerfasernd, und nicht zu sehr nach den Altvorderen  blinzelnd, autistisch fast mit sich selbst spielen. Wie fragil die Kompositionen eigentlich gestrickt sind merkt man dann mit baffer Miene wenn Helios in seinem ‚Repeatedly’ Remix dem feinsinnigen Ausgangsmaterial die vermeindlich zeitgemässe Jacke überstreift, Brrrrr…

Akira Rabelais

Akira Rabelais.
Caduceus.
Samadhisound.

Akira Rabelais, der mit seinem Field Recordings gefüllten, durch überragendes Filtern zu einem eigenen Klangkosmos gehobenen Debut ‚Spellewauerynsherde’ vielerorts die Lautsprecher aufrüttelte greift nun mit ‚Caduceus’ zur Verfremdung der Gitarre. Unter Zuhilfenahme seiner in den Neunzigern entwickelten Computer-Software ‚Arge*phontes Lyre’ der Sechsseitigen zu Leibe gerückt, entblättern sich gebrochen suchende, sich in winzigen Melodiebögen verfangende Kompositionen, entsprechend den isländischen Vokalaufnahmen, die er 2004 zu vermeintlich mittelalterlich klingenden Stücken verfremdete. Sich in die Deckung dieser eigenartig vertraut wirkenden, gregorianisch anmutenden Gesänge zu begeben, um mit dieser tonalen Mimikry auf einzigartige Weise zu spielen war ein musikalischer Geniestreich. Bei ‚Caduceus’ wagt sich Rabelais diesmal in ein viel beackertes Feld und zeigt auf meisterliche Art erneut, dass nur der ein Stück vom Kuchen verdient, der auch einen Plan hat wie er es bekommt.