Rewind: Klassiker, neu gehört – The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 21.08.2017

Eine komische Band, manchmal auch im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwei Jahre lang – von 1985 bis 1987 – veröffentlichten The Housemartins Musik. Vier Jungs aus Hull im Nordosten Englands – Paul Heaton, Stan Cullimore, Hugh Whitaker (hier schon nicht mehr dabei und ersetzt durch Dave Hemmingway) und Norman Cook. Was vorne heraus zum Großteil wie La-La-Gitarrenpop wirkte, hatte textlich Biss und gerade auf den B-Seiten ihrer EPs auch musikalische Tiefe und Überraschungsmomente. Wer in der Zeit aufwuchs, in der das englische MTV plötzlich in deutsche Kabelnetze eingespeist wurde und die Popkultur einen visuellen Ruck machte, erinnert sich noch gut an das Video zu „Caravan Of Love“, einem Cover der Isley Brothers. A Capella vorgetragen, im Mittelgang der Kirche kriechend und predigend von der Kanzel hinab: der einzige Nummer-1-Hit der Band, die sich schon mit dieser zweiten LP wieder von der Bildfläche verabschiedete. Sänger Heaton gründete „The Beautiful South“, Norman Cook machte erst „Beats International“ und wurde dann zum Fatboy Slim. Herrmann & Raabenstein setzen ihre leicht angestaubten Indie-Brillen auf und drehen vorsichtig laut. Denn in der Lounge des britischen semi-detached house sind die Wände dünn, das Bier ist warm und das Acid knapp.

Martin Raabenstein: Ohne Vorbereitung heute, höre das Album zum ersten Mal wieder seit den Achtzigern. Sofortige, positive MTV-Memories. Das hier sind deine Pop-Wurzeln?

Thaddeus Herrmann: Auf jeden Fall. Ich habe die Band wie viele andere damals in meiner Hood auch bei MTV entdeckt, „Caravan Of Love“ lief da ja rauf und runter, „Happy Hour“ auch, da habe ich mal die LP gekauft. War super. Leider habe ich damals das Konzert in Berlin verpasst. Das fand im Loft statt, diesem Indie-Club im damaligen Metropol. Ich war am gleichen Abend genau dort, im Metropol, weiß aber nicht mehr, wer da gespielt hat. Das war der einzige Gig der Housemartins ever in Berlin, wenn mich nicht alles täuscht. Egal. Wir wollen ja über die zweite LP sprechen. Die ist ja schwierig, sagt die Pop-Kritik. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Prince – Sign O’ The Times (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Prince – Sign O’ The Times (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 31.07.2017

Es muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein. Als Prince 1987 sein siebtes Album veröffentlichte, hatte er sich zuvor von seiner Band getrennt und gleich drei andere Platten verworfen. Es sollte das Magnum Opus werden, die Essenz dessen, an was sich Prince Rogers Nelson zuvor abgearbeitet hatte. Nur auf Druck der Plattenfirma kürzte er „Sign O’ The Times“ schließlich – als sein bestes Album gilt die Platte dennoch. Keine Überraschung, dass es danach mit der Karriere des Musikers kompliziert wurde. Martin Raabenstein ist nach wie vor Feuer und Flamme, auch wenn hier „schlimmste Maul- und Klauenseuche“ drauf ist. Und Thaddeus Herrmann findet hier den einzigen Prince-Track, der ihm etwas bedeutet. Was kann das Zeichen der Zeit von 1987 drei Dekaden später noch? Und was hat Michael Jackson mit Stefanie Tücking zu tun? Rewind!

Martin Raabenstein: Genreüberschreitender Black Music God, egozentrische Style-Ikone oder ewig nervendes, zwergwüchsiges Froschmännchen, dessen Wunsch, endlich seine fehlenden 29 Zentimeter draufgeküsst zu bekommen, nie erhört wurde. Und dann auch noch gemeinsam mit so vielen anderen Super Heroes brav in einer Reihe letztjährig mitverstorben – heute geht es um Prince und sein Album „Sign O’ The Times“. 30 Jahre, Thaddi, du als der richtig tief durchdrungene Prince-Fan feierst also mit allem, was dazugehört kräftig mit?

Thaddeus Herrmann: Voller Respekt für eine Baustelle, auf der ich nie angeheuert habe. Aber: Das Titelstück ist der einzige Prince-Track, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Der ist herrlich klar. Tolles Video auch! Prince ist mir generell zu wuselig. Und ich komme auch mit seinen Grooves in der Regel nicht wirklich hin.

Martin: Da ist zwar Funk drin, aber die extensiv genutzte LinnDrum macht das doch eher gerade. Was verwirrt dich? Wo ist der Wusel?

Thaddeus: Ich bin nicht wirklich verwirrt, es berührt mich nicht sonderlich. Das ist geradezu ein Sound-Dickicht, in dem ich mich nicht zurecht finde. Alle Musiker sind voll am Start und machen ihr Ding und vorne steht der Prince und macht noch mal extra Yeah! Das ist mir zu viel. Leider. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 19.07.2017

Der Titel ist Programm: Mit „Music For The Masses“ wurden Depeche Mode endgültig zum Phänomen der Popmusik. Die sechste LP der Band streicht auch das letzte bisschen Teenie-Gekreische aus dem Sound, „Never Let Me Down Again“ ist einer der größten Hits ihrer Geschichte überhaupt und ganz Amerika lag fortan Martin Gore, Dave Gahan, Andrew Fletcher und Alan Wilder zu Füßen. Ist „Music For The Masses“ nun ein prägendes Stück der Musikgeschichte? Thaddeus Herrmann ist als Fanboy vorbelastet, findet an der Platte aber dennoch Makel. Und Martin Raabenstein spricht von der vulgären Banalität des Mittelmaßes. Der musikalische Retro-Roundtable ist in den 1980ern angekommen.

Thaddeus Herrmann: Da ich ja weiß, wie sehr du meine Lieblingsband magst, ordne ich dieses Album zunächst mal ein. „Music For The Masses“ ist die Platte, die die Band final groß machte. Wäre Depeche Mode eine Firma, wäre das Album ihr Börsengang. Am Ende der angeschlossenen Welt-Tournee spielten sie vor 4.576 Millionen Menschen im Rose Bowl in Pasadena. Die Platte war vor allem für den Durchbruch in den USA entscheidend. Das ist interessant, weil ich zumindest gar nicht so recht nachvollziehen kann, warum es gerade diese Songs sein mussten. Als Album nehme ich das heute doch eher unentschieden war. Hier finden sich zwar einige der größten Hits der Band – allen voran natürlich „Never Let Me Down Again“, aber auch „Strangelove“ und „Behind The Wheel“, dann sind hier aber auch Tracks drauf, die so gar nicht ins Bild einer Hit-Platte passen wollen. Dazu kommt, dass gerade „Strangelove“ und „Behind The Wheel“ in wirklich schlechten Versionen auf dem Album sind. Warum? Weiß man nicht. Aber: Es ist dennoch eine bemerkenswerte Platte. Es ist die erste, die die Band nach vielen Jahren nicht mehr in Berlin gemischt hat. Es ist auch die erste Platte, die nicht mehr vom Label-Boss Daniel Miller produziert wurde. Zum ersten Mal hört man Gitarren auf mehr als einem Track. Es ist auch der Beginn der „Dance-Remixe“, „Behind The Wheel“ wurde von den Beatmasters gemixt und im Zuge der Veröffentlichung gibt es auch die erste Cover-Version ever der Band: „Route 66“. So. Pause. Wie findest du die Platte denn so?

Martin Raabenstein: Wenn man Musik für die Massen macht, kann man natürlich auch erwarten, dass diese Massen brav ihr entsprechendes Gadget schwenken. Früher konnte man mit diesem Tool Zigaretten anzünden, heute ist das Smartphone der Beweis für die Freundin, dass man auf einem Konzert war und nicht bei deren Schwester. Also wedelt man damit. Das fühlt sich an wie WM-Endspiel, nur ohne Fußball. DM sind wie diese Massenveranstaltungen, 1981 aufgetaucht und dann nie wieder gegangen. Als MTV so gegen ’87 anfing, den Fernsehabend zu verzücken, waren sie auch da. Ok. Hier also das Album zu den Clips von damals.aktiviere JavaScript, falls es in deinem Browser deaktiviert sein sollte. Details »