Rewind: Klassiker, neu gehört – Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 15.12.2017

Carsten Nicolai ist einer der wichtigsten Künstler der Jetztzeit. Auch, weil er sich nicht auf eine Disziplin festlegen will und kann und sie oft genug sowieso miteinander ganz bewusst vermischt, mal gegeneinander antreten lässt, mal in Einklang bringt. 2007 startete er sein „Xerrox“-Projekt. Angelegt auf insgesamt fünf Teile – drei davon sind mittlerweile veröffentlicht –, steht der Vorgang des Kopierens im Mittelpunkt. Found Sounds werden so lange durch den digitalen Häcksler geschickt, bis sie ihre eigene Identität gefunden haben und sich ihr Ursprung nicht mal mehr von Frequenz-affinen Anthropologen nachweisen oder rückverfolgen lässt. „Xerrox Vol. 1“ gilt als Meisterwerk, auf dem Nicolai schon vor zehn Jahren den geloopten Algorithmen genau den Freiraum einräumte, den sie heute im Klammergriff der großen Technologie-Firmen gerne hätten. Raabenstein und Herrmann begeben sich ein letztes Mal in die Zeitmaschine, deren Zieljahr immer mit „7“ endet. Im kommenden Jahr dreht sich dann alles um die Endziffer „8“.

Martin Raabenstein: „Xerrox“ ist ein, so Carsten Nicolai aka Alva Noto, Sample Transformer, gebaut von Christoph Brünggel. Diese Maschine verarbeitet Aufnahmen von Flughäfen, Anrufbeantworter-Schleifen, Atmos aus Hotels usw. Nicolai vertritt im Pressetext zum Release die These, dass in unserer sich konstant selbst vervielfältigenden Welt die Kopie, sooft sie auch multipliziert und dabei immer wieder zerstückelt wird, immer noch einen Teil des Ausgangsmaterials enthält. Von dieser Idee ausgehend stellt er mit seinem Konzept den Begriff des Originals auf den Kopf. Indem er bei der maschinellen Reproduktion tonaler Ereignisse die Mutation nicht nur zulässt, sondern sie geradezu sucht, behauptet er, die Ergebnisse selbst seien wieder Originale. Angelegt auf fünf Folgen ist dieses vorliegende Album das erste der Reihe. „Xerrox Vol. 1“, zehn Jahre alt – einfach nur mind over matter, oder ist da mehr drin?

Thaddeus Herrmann: Ich trete zunächst mal einen Schritt zurück. Ich hatte die Musik jahrelang nicht mehr gehört und war bei der Vorbereitung ganz außer mir vor Freude. Wie schön diese Platte ist. Warum sie mich so anspringt, ist jedem klar, der meine musikalische Sozialisation kennt. Es sind nur einige wenige Motive, die Nicolai hier fast schon auf Überlänge immer wieder durchexerziert, bzw. wie du schon richtig sagst, durchexerzieren lässt. Ich hatte kürzlich auf einer anderen Baustelle mit den künstlerischen Grundsätzen und Ideen von Nicolai zu tun – da erzählte er diese Geschichte nochmal ausführlich. Welche Rolle für ihn in der DDR damals der Fotokopierer spielte: dieses Gerät, das gleichzeitig vervielfältigt und auch immer leichte Artefakte dazu interpretiert. Genau dieses Prinzip hat er dann mit der Software nachgebaut und sich dabei die technische Überforderung der Maschinen zunutze gemacht. Ein konstanter „buffer overflow“ also, der ja auch die Rollen zwischen Schöpfer und Produktionsmitteln neu definiert. Mit dieser Idee war er sicher nicht der erste. Und es es ist mir eigentlich auch egal. Denn selbst, wenn er jedes Geräusch, jeden Ton minutiös selbst geplant und komponiert hätte, wäre mein Urteil das Gleiche: unglaublich gutes Album. An wen erinnern dich die melodischen Motive? Also das, was hinter dem Rauschen passiert?

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