Tokimonsta

Tokimonsta.
Creature Dreams EP.
Brainfeeder.

Tokimonsta mit ihrer zweiten EP unter eigenem Namen, nach Ramp Recordings diesmal aus Flylos Brainfeeder Stall. Wunderbar relaxte, sich qualitativ treubleibend verspielte Funkelnummern im wackeren Holperschritt, die beiden angepopten Tracks mit der Vokalistin Gavin Turek runden das Ganze zu einem schönen Sommerausritt ab, wenn sie auch beim letzten Track „Day Job“ einmal unsanft an der Hecke hängenbleibt. Wieder aufsteigen und weiter so Madame, wir traben fröhlich wackelnd hinterher.

Seth Horvitz

Seth Horvitz.
Eight Studies For Automatic Piano.
Line.

Man stelle sich vor, das Licht im Konzertsaal geht aus, das Publikum raschelt noch ein letztes Mal umständlich mit den Programmheftchen – der ostentative Räusperer soll hier auch nicht unerwähnt bleiben – das Licht geht wieder an und der ruhmbetupft begnadete Pianist zieht seine Tastenzauber einen nach dem anderen aus den schlanken Fingern. In diesem Falle nicht so ganz richtig, das Piano spielt hier solo, alleine und midigetrieben, an der einen oder anderen Stelle seine technischen Schwächen, mit Stakkatokaskaden die Anatomie sprengenden tonalen Abenteuer schwer vertuschen könnend. Gewollt oder nicht, die Präzision hat eben nicht nur Vorteile, das herrenlose Instrument hingegen kann mit vierzehn Fingern beeindrucken, so es denn will und dennoch, wir beklatschen mächtig den Kopf gewaschen nach exakt den immer gleichen 45 Minuten und 40 Sekunden den Komponisten für seine Idee, nicht für seine brav durchtaktende Technik. Seth Horvitz, dem Saal auch unter seinem aka Sutekh bekannt, hat die acht Tracks des Albums in der Littlefield Concert Hall in Oakland mit einem Yamaha Disklavier C7 Mark III ohne Publikum aufgenommen. Je weiter man sich in die CD hineinwagt, desto weniger kann man sich bei der sich steigernd aufdrängenden Vorstellung dem Schmunzeln entziehen, wie ein eifriger Hammermechanikdrücker wohl aussehen möge, anlässlich dieser partiell hochakrobatischen Grosstaten. Es sind dann auch einige ruhigere Passagen vertreten. Ein unnötiger, geschmacksgetrübter Witz also? Im Gegenteil, ein bewundernswürdiges Experiment mit erstaunlichen Klangergebnissen und auch ein, zwei, mitunter drei kleinen, ein wenig hervorgestreckten Mittelfingern.

Seth Cluett

Seth Cluett.
Objects Of Memory.
Line..

Im dicht besiedelten Feld der Ambient / Drone Releases hat es der New Yorker Soundartist  und Komponist Seth Cluett ein wenig schwer mit seinen langgestreckten minimalistischen Klanggebilden auf unbedingtes Gehör zu stossen. Seine sanft mit klassischen Instrumenten und Field Recordings unterfütterten fünf Kompositionen, die auf „Objects Of Memory“ dezent einander ablösen, sind klare und würdige Enkel von Brian Enos Ambient Blueprint „Apollo“. Die von ihnen ausgehende zuversichtliche Ruhe basiert auf einem wohlausgeklügeltem Spiel mit Zeit und deren Wahrnehmung, alle säuberlich über seine elektronischen Flächen eingefügten Elemente markieren minimale Richtungswechsel in der ansonsten unbeirrt und bedächtig dahinfliessenden Gesamtbewegung des Albums. Wer bei Virgin eine Reise mit deren zukünftigem Unterseeboot in die tiefsten Tiefen der Ozeane gebucht haben sollte muss diesen Release unbedingt mit auf dem Kopfhörer haben. (www.virginoceanic.com)

Richard Chartier

Richard Chartier.
Transparency (Performance).
Line.

Richard Chartier zählt mit Ryoji Ikeda, Carsten Nicolai zu den führenden Vertretern einer extrem minimalistischen Strömung innerhalb der zeitgenössischen elektronischen Musik. Sein Release „Transparency“ auf Line ist die erste Version seiner einstündige Performance, aufgenommen im Hirshhorn Museum in Washington, DC., inspiriert hat ihn dazu die dortige Ausstellung „ColorForms“ mit Werken von James Turell, Fred Sandbank und Olafur Eliasson. Aufnahmen von im Kunstsektor basierten Klanginstallationen neigen in der Regel dazu den Performanceort und sein Ambiente vermissen zu lassen, die museale und heilige Restveredelung fehlt, das ärgerlich angesäuerte „Pssst“ Zischeln des Nachbars beim vorsichtigen Beineübereinanderschlagen. Dennoch kann man dem Album einen gewissen Reiz nicht absprechen, „Transparency“ wirkt wie eine auf low speed abgespielte Version eines Alva Noto Tracks. Chartier hat auf Nicolais Label Raster-Noton schon veröffentlicht und der sich hier ab und an vorsichtig einschleichende Basston legt da eine sanfte Spur, die an die Grenzen des Hörbaren gehenden eingestreuten Hochfrequenzen verfeinern den Eindruck.

David Sylvian

David Sylvian.
Died In The Wool / Manofon Variations.
Samadhisound.

Sylvian treibt seine auralen Expeditionen in die Welt der improvisierten, zeitgenössischen klassischen Musik behende weiter. War sein 2009 releastes Album „Manofon“ schon reich mit experimentellen Passagen durchzogen, werden hier Tracks daraus von dem japanischen Komponisten Dai Fujikura neu interpretiert, „recomposed“ so der gängige Begriff.
Unter anderem von Sylvians Stimme seit dessen 1987er Album „Secrets Of The Beehive'“ fasziniert, umschleicht der Pierre Boulez Protegé Fujikura Sylvians unumstösslichen Vokalvortrag mit spitzfingrig brilliantem Instrumentarium. So erhält des Meisters einzigartige Weltverlorenheit nicht wie bei den üblichen club-anwimmernden Fassadenumbauten einen aufwühlend grellen Anstrich, Sylvians Material wird bis auf seine tragende Konstruktion entkernt und mit orchestralen und minimalistisch elektronischen Spannungsblöcken ummmantelt. Die Produzenten Jan Bang und Erik Honoré dürfen fleissig mitbauen und sind auch mitverantwortlich für die beiden hier vertretenen, bisher unreleasten Stücke „I Should Not Dare“ und „A Certain Slant Of Light“. Durchaus gelungene und spannende Neu- und Anbauten also in Sylvians weitverzweigtem Garten. Alt genug wäre er ja sein Territoire nicht mehr verlassen zu müssen, und wenn er es dann tut, wie auf der beiliegenden zweiten CD des Releases zu hören, ist es einfach angenehm dass er dann dezent den Mund halten kann. Das tut seiner urprünglich 2003 in Auftrag gegebenen Soundinstallation „When we return you won’t recognize us“, hier im Stereomix, ganz gut und belässt den beteiligten Musikern den ab und an nötigen Freiraum, ohne „their masters voice“…

Ryan Teague

Ryan Teague.
Causeway.
Sonic Pieces.

Der Nachfolger Teague’s von der Presse gepriesenen Debuts „Coins And Crosses“ auf Type ist eine klare Absage an deren damalig eingesetzte Samplingtechnik und die subtil darum herum arrangierten elektronischen Versatzstücke. Ryan Teague hat sich fünf Jahre in sein Studio zurückgezogen und kommt mit einem reinen Gitarrenalbum zurück; mit wunderschön um minimalistisch mäandernde Pattern gezogene Melodienbögen die man so in der Form seit den frühen Genesis Gitarristen Anthony Phillips und Steve Hackett nicht mehr gehört hat. Okey, da schreien jetzt alle lautauf ob dieses Vergleiches, hier ist aber nicht die Rede von Prog Rock sondern von der fein durchdachten und ausgearbeiteten Meisterschaft ihrer Instrumentalisten. Addieren wir einlenkend Robert Fripp mit seinen multiplen Fingerfertigkeiten und nehmen mal an an die Wogen glätten sich. Teague gelingt es klug Themen, Stimmungen und Techniken klassischer Gittarrenarbeit aufzunehmen und in kontemporäre Meisterwerke umzugiessen. Es mag dahingestellt sein ob man die originalen Werke kennen muss, diese Arbeit ist gross und einzigartig, und noch so ein Fauxpas – schön.

Ruin

Ruin.
1/2 Skull.
Zwölf.

Allseits als Maler geschätzt betritt Martin Eder erneut den musikalischen Schauraum, nachdem er 2007 mit Jochen Arbeit und Thomas Wydler unter dem aka Ruin seinen Erstling „The Heimlich Manoeuvre“ veröffentlichte. Das mit zwölf unterschiedlichen Materialproben und der davor umgehend zu schützenden CD bestückte Kästlein verweist auf einen ungebremsten Gestaltungswillen, der sich auch in der Musik wiederfinden möchte. Ist die durch Siebdruck aufgebrachte Stoffpalette von Knochenmehl, Schweineblut und Seife auf Pappträgern dem Kuriosa-Sammler noch den Euro wert, so verirrt sich Eder konstant in seinen mit Drones, Doom Metal und Elementen Neuer Musik durchsetztem Soundeskapaden. Gerade letztere Bestandteile und leider zu selten eingesetzte Klangfarben looporientierter Elektronik erhellen Teile seiner zwölf Kompositionen, ansonsten wirkt das Album eher auf die Probebühne kontemporärer Avantgardefestivals gestellt besser passend.

London Elektricity

London Elektricity.
Yikes.
Hospital.

Tja, einfach in die Zeitfalle gelaufen, da liegt der direkte Vergleich zu Elektrizität und deren derzeit unbeliebten atomaren Erzeugern bitzelnd und brummend auf der Zunge. Alte Technologie, späte Neunziger und keine Sekunde später. Nicht wirklich gefährlich aber dennoch – ABSCHALTEN !!!

Kreng

Kreng.
Grimoire.
Miasmah.

Dem Chef der flämischen Theatergruppe Abattoir Fermé, Schauspieler und Komponist Pepijn Caudron aka Kreng gelingt auf seinem zweiten Release für Miasmah das Meisterstück die ohnehin schon zermürbenden Bilder seines Debüts „L’Autopsie Phänomenale De Dieu“ noch weiter in düster bedrückende Schlünde zu pfropfen. Sind wir nicht alle etwas überdrüssig am Schönen, so der Pressetext, kann in der heutigen Flut soundtrack-observierender Finsterdudeleien schnell ins Gegenteil umschlagen. Sinken wir nicht ermattet ob all dieser kunstvoll böse mit dem Besen raschelnden Möchtegernhexen und Dunkelheimern blöde grinsend zurück in unsere Kissen? Kreng, theaterbühnenerprobte Fackel in dieser um gängige Genreaufkleber heischenden unbeleuchteten Meute lächelt da still mit. Warum auch nicht, er kann es sich leisten. Seine Kompositionen sind nicht laut winselnde Höllenhunde, seine geschmeidig ineinander verzahnten Tracks eher in der Minimalisierung glänzende, im Nebeneinander von Gut (hier – alles klar Ede) und Böse (die Kerze geht aus !!!) hin und herirrende Preziosen. Das macht die Spannung umso … schlimmer.

Instra:mental

Instra:mental.
Resolution 653.
Nonplus+ Records.

Jeder Mythos braucht seine gute Story, Alex Green und Damon Kirkham aka Instra:mental’s Background ist wohl bekannt. Die Videoverleih-Nerds, jahrelang genährt an Filmklassikern wie „Tron“, „Bladerunner“ und ähnlichem modern-basic Gepäck entfliehen dem tristen britischen Alltag und treiben die Musikgeschichte fett in Richtung D’n’B, Electro und UK Bass weiter. Entsprechend ihren zahlreichen 12″ auf Exil und Demonic wirkt ihr Albumerstling „Resolution 653“ breitflächig in die Stilkiste greifend. Dennoch drängt sich hier die Frage auf ob der offensichtlich klassische Gedanke von Musikern erst mit einem Studioalbum wahres Ansehen erlangen zu können für diese elektronische Spielfläche noch Sinn macht. Möglicherweise ist meine Ansicht dass ein gutes Album mehr sein sollte als seine Bestandteile überholt, zumindest gilt dieser Anspruch nicht für „Resolution 653“. Das Ganze scheint aber nicht allein Instra:mental’s Problem zu sein, weite Teile dieser Szene wirken in diesem augenscheinlich altehrwürdigen Format ungelenk und ihre Tracks simpel hintereinader gestapelt.

Arrested Development

Arrested Development.
Strong.
Vagabond Records.

Im nach allen Seiten ausblühenden HipHop-Lager will Arrested Development so ihr Frontmann Speech wieder eine Balance einfügen. Ob das der 1989 gegründeten Truppe mit diesem Release gelingen mag ist eigentlich irrelevant, AR klingt wie AR und „Strong“ ist wie alle ihre Alben klassischer Old School, nett anzuhören, zeitweilig lendenlahm aber lieb gemeint. Die immergleiche Frage dämmert ob in dieser Liga überhaupt musikalische Entwicklung gewünscht wird oder ob „Strong“ gar den dritten Grammy für Arrested Development einfahren wird? Das haben schon einige Stehenbleiber geschafft. Your Choice.

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto.
Summvs.
Raster-Noton.

Ryuichi Sakamoto und der Raster-Noton Labeleigner Carsten Nicolai gehen zur fünften Runde ihres Dialoges ins Studio; „Summvs“ das Produkt ihres Zwiegespräches zwischen au courant Elektronik und Piano wirkt stiller oder besser besinnlicher als seine Vorgänger. Wer längere Zeit das Lager teilt hat sich weniger zu sagen, möglich, aber gerade bei den beiden Beteiligten eher unwahrscheinlich. Das Album klingt noch minimierter da Carsten Nicolai seine von den Vorgängern von „Summvs“ bekannten, dezenten Beiträge noch weiter bis an die Grenzen des beinahe unhörbaren Sounddesigns herunterschraubt. Dieser Begriff klingt hier majestätsbeleidigend, soll es aber gar nicht sein. Wenn jemand wie er seine Elemente fast schüchtern an der Rand der sinnlichen Wahrnehmung schiebt, und wir wissen alle dass er zumindest bei seinen Soloprojekten LAUT kann, verbreitet das Ergebnis im Gegenteil zwingende Anziehung; seine vermeintliche Zurückhaltung wird zur wohlüberlegten Ausweitung seiner ohnehin schon anerkannten Grösse. Bei der Coverversion der Brian Eno Klassikers „By This River“drängt es ihn dann doch ein wenig den Volume Regler zu bewegen, aber nur ganz sanft. Bemerkenswertes Produkt einer hoffentlich noch lange anhaltenden musikalischen Freundschaft.

Prefuse 73

Prefuse 73.
The Only She Chapters.
Warp.

Scott Herren’s musikalischen Weg mit über einem Dutzend Alben unter unterschiedlichen aka’s ist, so zielstrebig er auch auf diesen Release zuzustreben scheint, schwerlich in einfache Worte zu fassen. Vom Avantgarde Hip-Hop Produzenten, ohne dessen visionäre Arbeiten die aktuell angesagten Grössen à la Flying Lotus bedingt vorstellbar wären, über seine vielseitigen Kollaborationen unter anderem als Savath & Savalas bis hin zu seinem aktuellen Werk „The Only She Chapters“ entfernt sich Herren’s Gestaltungswille immer weiter weg vom beat-basierten Track hin zu einem symphonisch angelegten, soundscape-durchdrungenen und stark psychedelisch-experimentellen, reifen Alterswerk, sofern man diesen Begriff für einen gerade 34-jährigen überhaupt anwenden sollte/kann. Die Stücke schlängeln und winden sich als versponnene, träumerisch gedanken- und zeitverlorene Strudel um die acht hier vertretenen Vokalistinen, deren prominenteste die leider im Januar verstorbene Trish Keenan von Broadcast ist. Prefuse 73 möchte dass man dem Album ohne Voreingenommenheit gegenüber tritt, wohlwissend dass es einigen nicht gelingen wird ihn hier mühelos zu begleiten. Die Titel aller Stücke beginnen mit „The Only…“; darauf kann man getrost antworten „The Only Reason Not To Like This Is Not To Listen“.

Mo Kolours

Mo Kolours.
Drum Talking EP.
One-Handed Music.

Mo Kolours, von Gilles Peterson heiss verehrter und in seiner Show fett gefeaturter Musiker maurizischen Ursprungs präsentiert die Volksmusik seiner Heimat in modernem Gewand. Das mit den Releasen von Gonjasufi neu geschürte Interesse der elektronischen Szene an der Einbindung nativer und unverbrauchter Elemente verschafft Mo Kolours ein prominentes Sprungbrett um seine sehr innovative Vermengung von heimatlichem Schlagwerk mit Elementen aus HipHop und
kontemporärem Sampling von ganz oben zu präsentieren. Mit Sicherheit verliert der Begriff World Music hier sein gerne mal verbreitendes schales Gerüchlein.

Kraak & Smaak

Kraak & Smaak.
Electric Hustle.
Jalapeno Records.

Wenn alle zum Tanzen rennen soll man eigentlich nicht meckern, Wim Plug, Mark Kneppers und Oscar De Jong aka Kraak & Smaak wedeln mit ihrem dritten Album „Electric Hustle“ und alle scheuern schon wieder das Parkett auf. Diesmal winken unter anderem so Sternchen wie John Turrell, Romanthony und Lee Fields mit aus der VIP Kanzel und yep, alles auf Anfang und nochmal von vorn. Massiver Club-Hit? Sicherlich, und jetzt schön alle eure Pfötchen fliegen lassen, Electro-Boogie, das multifunktionale Gleitmittel unter euren Sneakers, das freut auch die amerikanischen Fernsehzuschauer und alle ham sich ganz doll lieb. Gute Nacht John-Boy, Gute Nacht Mary-Allen…

Kaboom Karavan

Kaboom Karavan.
Barra Barra.
Miasmah.

War das um Bram Bosteels gescharte belgische Kollektiv Kaboom Karavan auf ihrem 2007er Album „Shorts Walk With Olaf“ für das mexikanische Label Umor Rex noch ansatzweise an Songstrukturen interessiert, so wagen sie sich in den zehn Stücken ihres Zweitlings „Barra Barra“ leichtfüssiger in frei improvisierte, jazzige Felder. Durch Bosteel’s ausserordentlich spannend inszeniertes Arrangement und seinem bewundernswerten Sinn für zeitgenössisches Editing verliert das verwendete musikalische Ausgangsmaterial seine ursprüngliche Farbe und formt sich, die gängigen Begriffe Post-Rock, Post-Folk hinter sich lassend, zu morbide verschlungenen Sound- und Klangskulpturen deren Verotung eher in der Sphäre zwischen performativer und freier Kunst zu suchen wäre. Nicht umsonst verweist das Kollektiv auf die reiche belgische Kunstgeschichte zu deren Blütezeit des Symbolismus und Surrealismus Brüssel als europäische Metropole galt. Von Fernand Khnopff über René Magritte zum belgischen Grossmeister des zeitgenössischen Theaters und Tanzes Jan Fabre; ein wunderbar mystisch verklärtes Inspirationskästchen aus dem man sich hier bedient, ohne Attitüden und esoterische Effekthaschereien frei. „Parked in a very small town in a rather small country“, so beschreiben sich Kaboom Karavan auf ihrer Myspace Seite – ist nicht eher die Grösse der Lichtquelle unwichtig, vielmehr der Schatten den sie wirft?

Various

Various.
Dj Hell – Coming Home.
Stereo De Luxe.

Was machen alte Männer die nach getaner Arbeit erschöpft nach Hause gehen, ihre müden Glieder reiben, sich ein Gläschen Hartes genehmigen und sich dann seufzend zurücklehnen? Sie resümieren über ihr Leben, über das was mal war und reflektieren, so hier, über dreissig Jahre deutsche Musikgeschichte, persönlich ge- und erlebte natürlich. DJ Hell ist als Vielgefragter, Weltgereister zurückgekehrt in seine Heimat und legt statt sich hier die fünfte Folge der Kompilations-Reihe „Coming Home“ für Stereo De Luxe auf das Sofa. Auserwählt hat er altehrwürdige Oldies bekannt aus tausenden Hallo-wach-Sendungen für Fernfahrer, alles Musiker und Produzenten die den Herren nachhaltig beeinflusst haben, so Hell, nur was sagt uns das? Zum einen über Hell, zum andern über Deutschland und seine Musik der letzten drei Dekaden? Es ist wieder mal für alle was zum knabbern dabei, ein wenig NeubautenHagenFehlfarben für die Lauten, etwas KnefMeyBlumfeld für die Stilleren, für die Intelligentern gibt es ein kleines Wortspielchen „Ohm Sweed Ohm“ zum Schmunzeln und von Kraftwerk und zu guter Letzt noch ein klassisches Standup-Gefrotzele von KInski – um schon mal gleich vorwegzunehmen dass, wem das hier nicht passt, man sich doch einfach mal verpissen soll. Irgendwie ist das Ganze ganz weit hinten im Bus, ganz allein und arm und ganz unfassbar einfältig in seiner Zickigkeit.
In diesem Zusammenhang macht sich der Begriff persönliche Zusammenstellung nicht erlebbar als bitter gewirktes Dornenkissen, das hier ist ein benutztes Tempotaschentuch das man beim Waschen in der Hose vergessen hat…

James Blake

James Blake.
The Wilhelm Scream.
Atlas Recordings.

Mit zwei neuen Tracks und dem vor kurzem auf seinem Debut veröffentlichten Stück „The Wilhelm Scream“ gelingt es Blake vielleicht ein wenig zu früh nochmals auf sich aufmerksam zu machen, „What Was Is It You Said About Luck“ und „Half Heat Full (Old Circular)“ zeigen noch einen Zacken schärfer sein Gespür für brillanten Minimalismus und einen weiteren Blick tiefer in seine geschundene Seele. Ob das nun Take-Outs aus ‚James Blake‘ sind oder nicht mag dahin gestellt sein, das Ganze wirkt als hätte das Label bei seinm Erstling auf pressbare Albumlänge gedrungen und dem Künstler sei eine zeitnahe Verbindung mit dem Hauptwerk wichtig. Spekulation hin oder her, die beiden Neuen sprechen gross und mächtig traurig für sich…

B.I.L.L

B.I.L.L.
Spielwiese Zwei.
Klangbad.

Überall stehts zu lesen, keiner kann sagen er hätte es nicht gesehen, B.I.L.L, das sind Clive Bell und Hans Joachim Irmler und Jaki Liebezeit und Robert Lippok, mit dem musikalisch illustren Background kommend von Faust, Can und To Rococco Rot, jau. Bei so einer sternengleichen Besetzung kann nur gutes herauskommen? Die Summe, das Produkt ist automatisch immer grösser als seine Ingridenzien? Nur weil Milch draufsteht ist auch Milch drin? Weit gefehlt oder besser, knapp daneben ist auch vorbei. Spielwiese Zwei wirkt wie eine… Spielwiese eben, die Herren agieren verspielt auch anwesend und das Ganze mutet an als ob man für Aerobic zu alt und für Yoga innerlich noch zu jung wäre, spiel mit mir aber fass mich nicht an… Ich rate da eher zu den Originalwerken aus den Biographien der Beteiligten, und der Abend ist gerettet, oder anders, wäre „Spielwiese Zwei‘ aus dem Jahr 1973 wäre dieser Release ganz schön okey.

Africa Hitech

Africa Hitech.
93 Million Miles.
Warp Records.

Nach einer Single und der bemerkenswerten ersten EP ihrer Zusammenarbeit „Hitecherous“ drehen die beiden Afro-Futuristen Mark Pritchard und Steve Spacek mit Hochgeschwindigkeit erneut ihr Rad weiter in Richtung 21. Jahrhundert Dance Fusion. Die Farben drängen ineinander, Garage, Broken Beat, Dancehalll und Footwork verwachsen zu einem spektumreichen Fächer angewandter Leidenschaft mit nur einem wirklich unnötigen Ausrutscher „Our Luv“ und generell einer etwas zu obercoolen, laxen Handhabung digitaler Orchestrierung. Dennoch, die blanke Spiel- und Experimentierfreude der beiden High Players lässt eine jugendliche Erfrischtheit der grandios gereiften Produzenten zu Tage treten die ansonsten eher im Jazz-Bereich zu finden ist, und bezeichnenderweise tauchen hier auch, nicht musikalisch zwar aber spirituelle Ähnlichkeiten zu den grossen Würfen von Sun Ra und Pharoah Sanders auf, sehr spannend das alles und eine brillant gefundene  Öffnung in eine zukunftsweisende digitale Produktionsphilosophie.

Marsen Jules Trio

Marsen Jules Trio.
Les Fleures Variations.
Oktaf.

2006 auf dem Berliner Label City Centre Offices veröffentlicht bezauberte Marsen Jules mit seinem Album „Les Fleurs“, auf seinem eigenen Label Oktaf hier nun die nachgereichten Variationen. Jules, der sich Sound Poet nennt spielt hier als Trio mit den englischen Zwillingsbrüdern Anwar und Jan-Phillip Alam vier Stücke neu ein und erweitert mit deren reichem Violinen- und Pianospiel die ursprünglichen Arbeiten zu einer gelungenen Klassikversion seiner fragilen Soundkristalle. Ursprünglich für die Live Umsetzung seiner Projekte zusammengekommen verspricht das Trio spannende zukünftige Kollaborationen, eine vortreffliche Erweiterung der fein aus Vibraphon- und Harfenfragmenten gewirkten Ambientarbeiten aus Jules‘ eigener Hand.

John Foxx

John Foxx.
Metamatic 30th Anniversary Edition.
Demon.

John Foxx’s Weggang als Frontmann und Sänger von Ultravox markierte in den frühen Achzigern den Beginn des schleichenden Übergangs der Punk / New Wave Szene zu einer massentauglicheren, süsslichen Popvariante an der sie dann auch später kümmerlich erstickte. Ultravox wechselte auf ihren Folgealben mit überragendem Erfolg ins weichgeklopfte Spandau Balett und Duran Duran Lager während John Foxx seine plastik- und alienhaften Ideen solo neu formulierte und mit „Metamatic“ und „The Garden“ zwei grosse Würfe der elektronischen Musik veröffentlichte. Das 1980er Album „Metamatic“ wird nun zu seinem dreissigsten Jubiläum um eine Handvoll B-Seiten der Singleauskopplungen und alternativen Takes erweitert re-releast. Foxx‘ Alben waren zur Zeit ihrer Erscheinung schon nicht mehr im zentrierten Fokus ihrer Zeit und fielen mit den Jahren gänzlich aus der Beachtung, was ihrer eigentlichen Qualität durch ihre schiere kalte und distanzierte Pracht nicht gerecht wurde. Das ge-remasterte Werk wirkt nach all den Jahren frisch und im wahrsten Sinne der Wortes glasklar, die aktuelle Flut lieblich-kontemporärer Electro Pop und Minimal Wave Gruppierungen wird sich an diesem Meilenstein messen müssen.

heRobust

heRobust.
Albumin EP.
Saturate!Records.

heRobust, Producer und eine Hälfte des in Atlanta beheimateten Duos Mane Mane zwickt dem Brand „21st-century-beat-music“ so leidenschaflich in den jungen Hintern dass man getrost sagen kann möge dieser blaue Fleck lange scheinen. Warum der Herr einen 12 Track Release als EP bezeichnet ist schleierhaft, anyway, was hier an Soundzauberei und Future HipHop mit Spacesynths und bösen Bässen unterlegt auf die Ohrmuschel trifft ist atemberaubend heiss.

Dustin O’Halloran

Dustin O’Halloran.
Lumiere.
Fat Cat.

Seit seinem 2004er Debüt „Piano Solos Vol. 1“ wird der in Berlin schaffende Komponist O’Halloran in einem Atemzug mit Max Richter, Johann Johannsson und anderen Sternen der neo-classical Musikszene genannt.
Ähnlich wie Hauschka vom Piano kommend erweitert er sein fein inszeniertes, melancholisches Spiel auf „Lumiere“ um eine meisterhaft vom ACME Orchestra vorgetragene Kammermusikorchestrierung, die Herren Johannsson und Adam Wiltzie (Stars Of The Lid) treten schön im Hintergrund verbleibend mit auf die Bühne.
Der Begriff cinematographische Musik ist in letzter Zeit fast zu oft schon gefallen, ein so eindeutig Musik mit Sprache zu beschreibendes Wort zu haben ist Segen und Fluch zugleich, scheint es doch alternativlos und in der steten Wiederholung schwächelnd. Im Prinzip kann und sollte es einem Musiker egal sein ob er in einem wohlwollend beobachteten, aktuellen Pool mitspielt, genau da aber sitzt das kleine Problem dass sich hier mit der Titelgebung von „Lumiere“ ergibt – es verweist direkt wieder zurück auf das Kino und seine Bilder. Unbenommen, dies ist ein wunderschönes Album und die Fangemeinde darf sich in leicht abgedunkelten Räumen mit in dieses wohlige Bad geleiten lassen, die Frage bleibt nur offen wie lange dieses Wasser noch warm bleibt.

Various

Various.
SMM: Context.
Ghostly International.

Ghostly schreibt sich auf ihre Fahnen schon seit 2003 den Begriff SMM für die Grenzgänger zwischen zeitgenössischer minimaler Klassik, Ambient, Drone und Post-Industrial verwendet zu haben, ein durchaus spannendes Unterfangen um, so Ghostly
„aufrüttelnde und erkundende Musik“ in einen Rahmen zu fassen. Das Label startet mit „SMM: Context“  eine jährlich zu erscheinende Kompilationsreihe unter demselben Titel. Intelligent mit den üblichen Verdächtigen Goldmund, Rafael Anton Irisarri, Peter Broderick und unbekannteren Künstlern durchmischt schafft diese gelungene Zusammenstellung einen eindrücklichen Ausschnitt aus diesem weiten Land, man darf gespannt sein wie sich diese Serie und die darauf zu findende Musik entwickelt.