Will Samson

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Will Samson.
Light Shadows.
Karaoke Kalk.

Die Erfahrung einen nahen Menschen zu verlieren ist durch nichts vermittelbar. Nach einem sehr umtriebigen Jahr auf Tour durchlief Will Samson dieses dunkle Tal und zog sich zur Besinnung nach Indien zurück.
Die Reflektionen über diesen traurigen Lebensabschnitt sind nun auf einer 4 Track EP für Karaoke Kalk zu hören, eingespielt mit Samsons Buddy Florian Franzel, der auch bei dessen Longplayer „Balance“ mitproduzierte. „Light Shadow“ ist den Umständen entsprechend ein sehr verhaltener, ruhig im leicht geschwungenen Flussbett dahingleitender, elektro-akustischer Release, der nur im ersten Track durch eine „keine-Angst-es-wird-schon-weitergehn“ 4/4 Kick etwas irritirend eingetaktet wird. Herzerweichende, traurigschöne Musik über die Bon Iver die schützende Hand hält.

Squarepusher Pres. Shobaleader One

Squarepusher Pres. Shobaleader One.
D’Demonstrator.
Warp.

Ich besitze eine wunderbare Edition von Squarepusher’s Album „Ultravisitor“, in Buchform. Sie hat ein Sonderformat, passt also nicht regulär in mein Cd-regal, also schaut mich der Herr immer frontal an wenn ich mich meinen Archiven nähere. Dieses Album habe ich nun herausgenommen und spreche es direkt an. Ich sage : Schön dich heute wieder zu sehen Thomas, wie geht es dir ? Lass mich ein wenig in deinem Buch blättern, lass mich von deiner Musik inspirieren. Jaja ich weiss, die „Ultravisitor“ ist von 2004, seis drum, ich mag sie. Du hast drei weitere Alben herausgebracht? Jahaa, aber ich mag dieses. Du hast jetzt eine Band mit der du deine Ideen verwirklichen willst? Du willst touren und hast ein Album mit denen gemacht? Das mit dem Jedi und dem roten Ampellicht auf dem Cover? Ja das habe ich gehört. Wie ich es finde? Können wir das Thema wechseln??? Herr Jenkinson aus Chelmsford, Essex antwortet nicht mehr…

Rustie

Rustie.
Sunburst Ep.
Warp Records.

Sollte sich hier noch jemand an die Progrocker Camel erinnern, aus welchen Gründen auch immer, und diese auch heute noch verehren, nur zu, hier kommt die 2010er Fassung. Da helfen auch die zeitgemäss programierten Elektronikdoodles nicht, ich frage mich allen Ernstes was im Hause Warp manchmal schiefläuft, Jesus Maria, jetzt kommt auch noch so ein Kinderzimmertanzmaus Art Of Noise Zitat, brrrrrrrrr, schnell einen Magenbitter… und weg damit.

Raime

Raime.
Raime Ep.
Blackest Ever Black.

Wunderbarer Erstling des britischen Duos Raime auf dem brandneuen Label Blackest Ever Black. Die bezaubernd einfach strukturierten drei Tracks auf dieser Ep spielen im dunklen Sektor des Post-Dubstep, mystische Trommeln, lange spinnwebartige Atmosphären und ein erfrischendes Gespür für ineinander verschachtelte Hall- und Delaybasteleien machen „Raime“ zu einem cinematographischen Highlight. Und irgenwie ganz tief unten schwingen da auch noch Bill Laswell’s dubige Experimente aus den Achzigern mit. Aber ganz tief…

Peter Broderick

Peter Broderick.
Music For Contemporary Dance.
Erased Tapes.

Der mit zahlreichen Ambient- und Folk- Veröffentlichungen allseits renomierte, aus Portland stammende Multiinstrumentalist Broderick veröffentlicht auf „Music for contemporary dance“ zwei mehraktige Arbeiten für zeitgenössischen Tanz. Ab und an enden Auftragskompostitionen in einem gefälligen Halbleben, nicht so hier. Die fein aufeinandergeschichteten und wunderbar verspielten, fast um sich selbst tanzenden Stücke lassen den dazugehörigen Event nur aus Gründen der Neugier vermissen, sind sie doch selbständige und bilderreiche Produkte in sich. Der seit seinem siebten Lebensjahr Violine, später dann Piano und Gitarre spielende Broderick, auch bekannt als Live-Mitglied der dänischen Gruppe Efterklang, hat eine kompositorische Kraft die ihresgleichen sucht. Die im Oktober beginnende Tour Broderick’s sollte auf jeden Fall nicht verpasst werden, wer ihn einmal live auf der Bühne gesehen und gehört hat weiss warum.

James Blake

James Blake.
Klavierwerke Ep.
R&S Records.

Verschiedene Onlineplattformen waren ja schon bei den Pre-listenings zu Blake’s neuer Ep „Klavierwerke“ schiergar zu Tränen gerührt, und dies nicht ohne Grund. Die vier hier auf dieser 12″ versammelten Stücke sind die Crème de la Crème was elektronische Musik derzeit zu bieten hat, die Art wie James Blake seine Strukturen aufbaut um sie sogleich wieder zerfliessen zu lassen sucht auf weiter Flur seinesgleichen. Diese bis zur Grundsubstanz in aktueller Produktionstechnik runtergeschraubte moderne Kammermusik wird nicht nur die Post-Dubstep Gemeinde zu Recht in hellste Begeisterungsstürme stürzen.

Hecker

Hecker.
Neu.
Galerie Neu.

Der 2003 mit dem Prix Ars Electronica ausgezeichnete Sound Künstler Florian Hecker bietet hier mikroskopische Reisen in die Welt minimalistischer Klangkunst. Ursprünglich vor drei Jahren als Release geplant finden die vier Aufnahmen nun 2010 den Weg zum Hörer. Puristische Liebhaber dieser künstlerischen Gangart werden verzückt ob der musikalischen Feinheiten und Freiheiten auf „Neu“ in ihren Ohrenseseln versinken, den Anderen sei ein Besuch Hecker’s Klanginstallationen angeraten, das Sound -Erlebnis dieser Arbeiten losgelöst von den eigens dafür ausgestalteten Ausstellungsräumen lässt diese vermissen.

Erik Skodvin

Erik Skodvin.
Flare.
Sonic Pieces.

Deaf Center und Svarte Greiner, das sind die Projekte hinter denen Erik Skodvin steckt, hier nun sein „Debüt“ unter seinem richtigen Namen. Dieser vermeintliche Schritt aus dem Dunkel ist verfänglich, hat Skodvin auf „Flare“ zwar gänzlich auf verzerrende elektronische Mittel verzichtet, die ihn gerade bei oben erwähnten Unternehmungen so eindeutig zu identifizieren schienen. Zu Tage tritt ein Musiker der seine fast verschämt leise vorgetragenen akustischen Erkundigungen weiterhin in einer düsteren und geisterhaft entleerten Welt vornimmt. Der aus Oslo stammende Skodvin versteht es meisterhaft mit minimalen Mitteln und punktgenau subtil gesetzten stillen Momenten die Nackenhaare zu erregen und einen aus den Augenwinkel kaum wahrnehmbaren Bodennebel zu erzeugen. Zierlich eingefädelte, hauchende Vokalpassagen und die fast krautrockartige Verwendung von Schlagwerk runden „Flare“ zu einem zeitlich schwer verortbaren Album ab. Dann wieder eine auf zwei Akkorden fast kindlich angeschlagene akustische Gitarre… Schönes, mutiges Dunkel.

David Sylvian

David Sylvian.
Sleepwalkers.
Samadhisound.

Von dem 1978 auf Hansa veröffentlichten Japan Debüt Album „Adolescent Sex“ bis zu diesem Release
hat der 1958 geborene Sylvian so ziemlich alle musikalischen Styles der letzten Jahrzehnte angefasst, von Glam Rock und New Wave über Synth Pop bis hin zu Experimental.  Seit 1984 auf Solopfaden schuf Sylvian mit dem 2003er Album „Blemish“ zusammen mit Derek Bailey und Christian Fennesz einen Meilenstein an minimalistischer Dekonstruktion und legt nun mit „Sleepwalkers“ eine Auswahl seiner verschiedenen Kollaborationen der letzten Jahre vor. Mit seinem Fünfhalbton-Grooning legt sich seine Stimme, unverkennbar seit dem Track „Nightporter“ von1980, über sämtliche seiner Projekte und umschmeichelt warm als geschickter Fuchs die willigen Hälse seiner Fans. Wenn auf „Blemish“ diese Vortragsart noch in der Musik ihren (notwendigen) Widerpart sucht und findet gerät mir diese Lieblingsschwiegersohntatik langsam zum ermüdenden Mantra, vor allem wenn die hier vertretenen Tracks eher wie unfertige Skizzen wirken und ein zu trostloses Bett für den Meister bereiten. Abgesehen von den drei schon hinlänglich bekannten und wunderbaren Stücken „Money for all“, „World Citizen“ und „Wonderful World“ bietet „Sleepwalkers“ ausser dem Titeltrack dürftig trockene Rohkost, schade drum David.

Codes In The Cloud

Codes In The Cloud.
Paper Canyon Recycled.
Erased Tapes.

Ist die Welt bereit für eine weitere Post-Rock Band? Auf der Website von Erased Tapes wird diese Frage mit „Ja‘ beantwortet. Auf jeden Fall hat diese Band ihr Album „Paper Canyon“  seit Anfang des Jahres zum Remixen zur Verfügung gestellt, hier nun das Ergebnis. Fünf der elf Trackbearbeitungen sind bemerkenswert, diese von Tom Hodge, Worriedaboutsatan, Library Tapes, Machinefabriek und vor allem der von Nils Frahm. Den Sound der aus Kent stammenden Codes In The Cloud in ein neues Gewand  umzustricken gelingt diesen Herren vor allem deshalb da sie das Post-Rock weitestgehend auslassen um es durch klassisch inspirierte, oder weit in Delays wegtauchende Soundgebäude zu ersetzen. Ist die Welt also bereit für ein weiteres Remix-Album? Ja, wenn man sich traut etwas wirklich Neues zu bauen…

Shortstuff

Shortstuff.
The Summer Of Shortstuff.
Ramp Recordings.

Shortstuff’s 3 x 10 inch auf Ramp zeigt dessen gekonnte Meisterschaft zwischen IDM, Future Garage, Grime und Afrobeat leichtfüssig hin und her tänzeln zu können und augenzwinkernd einfache Future Classic Headnodder auf die Matte zu legen. Der Track ‚Galaxy‘ schubst mit einer derart einfach angelegten Klarheit vom Hocker dass er hier schon seit einer halben Stunde läuft. ‚Swine Time‘ wird sich gleich auch im Loop drehen… Das eher als Mini Album denn wie vom Label als Ep zu benennende Werk des Londoners Richard Attley lässt auf noch Grösseres hoffen, Ramp und Planet Mu können sich die Hände reiben einen solchen Künstler im Programm zu haben.

ANBB

ANBB.
Mimikry.
Raster-Noton.

Dass die beiden Künstler Carsten Nicolai (Alva Noto) und Blixa Bargeld irgendwann mal aufeinander treffen könnten und ein Album daraus entstünde ist ein feuchter Traum, nun liegt er vor. Seit 2007 in der Planung, wirkt ‚Mimikry‘ dennoch wie eine spontane Live Performance, Bargeld’s Poeme, fragil in ihrer Findung und weitumgreifend in ihrem Vortrag treffen auf einen ebenfalls im Kleinen beginnenden, dann tief in die Elektronik greifenden Nicolai. Überraschenderweise klingen bei ‚Once Again‘ Elemente an die stark an die ersten Einstürzende Neubauten Alben erinnern, absichtliches Zitat oder nicht, es ist verblüffend wie ANBB diese Spuren einsaugen und sie dreissig Jahre nach Release dieser Werke fett und kraftstrotzend wieder ausspucken. Einen kleinen Fehlgriff dürfen sich die beiden mit ‚One‘, dem Titelstück des Films Magnolia wohl erlauben, ansonsten ist die tonale und filmische Qualität von ‚Mimikry‘ schwerst beeindruckend. Nicolai & Bargeld würde ich gerne mal zusammen auf der Bühne sehen…

Ahu

Ahu.
To: Love.
One Handed Music.

Die aus Istanbul stammende Musikerin und Djeuse Ahu schaukelt sich auf ihrer One Handed Music Erstling’s Ep schaumig verträumt in die Ohren, produziert von Paul White kitzeln die angebrochenen Beats unterlegt mit ihrer nicht allzu mädchenhaft sanften Stimme sehr angenehm das Trommelfell. Spannend wird das Projekt durch die beiden beigefügten Dimlite Remixe, vor allem dessen pulsende Dub Version von ‚To: Love.‘ sei wärmstens empfohlen in des Lesers Hörmuscheln gelegt…