Erik K Skodvin

skodvin

Erik K Skodvin.
Flame.
Sonic Pieces.

Nach dem deutschen Duden ist Melancholie ein „von grosser Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneter Gemütszustand“. Gleichwohl sagt Charles Baudelaire, dass er sich keine Schönheit vorstellen könne, in der nicht auch Melancholie stecke. Auf diesem vermeindlichen Widerspruch bilden eigentlich alle Veröffentlichungen von Erik K Skodvin ihre zunächst zierlich erscheinenden, aber rasch zu mächtiger Grösse erwachsenden Strukturen aus, sei es als Labelchef von Miasmah oder mit eigenen Produktionen. „Flame“ bildet da zunächst keine Ausnahme, und doch, etwas scheint milder geworden, zarter fast. Seine mächtig angeschwärtzen Gewitterwolken der früheren Jahre weichen zwar nicht einem strahlend blauen Himmel, da würde man Skodvins Spielfreude gänzlich unterschätzen; die hier so scheinbar friedlich vor sich hinnuckelnden weissen Wölkchen bilden bei näherer Betrachung bizarr aufquellende Formen aus. Eigentlich hätte man von auch gar nichts anders erwartet,
die musikalische Unterstützung von Anne Müller, Mika Posen am Streichgerät und Gareth Davis an der Klarinette helfen da dezent am Auseinanderzupfen von gängigen Darreichungen. „Flame“ fliegt mehr als früher zwischen Musik und Kino und dieses Mehr an „Dazwischen“ macht diesen Release so spannend.

Otto A Totland

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Otto A Totland.
Pinô.
Sonic Pieces.

Otto A Totland, der stillere Part des Duos Deaf Center veröffentlicht auf Sonic Pieces sein Debutalbum „Pinô“. Eingespielt in Nils Frahms Studio zeigen Totlands Pianostücke durchaus Ähnlichkeiten zu seinem Aufnahmeleiter, die winterlich anmutenden Szenarien werden allerdings  von einer zarteren Hand gezeichnet. Wo Frahm die Taste kräftig drückt stehen bei Totland Pausen, der Freude am abenteuerlichen Schneetreiben steht eine eher wehmütige, zurückhaltendere Betrachtung gegenüber, ein zeitloses Bild einer tief am Horizont stehenden Sonne, die mit ihren letzten Strahlen die Eiskristalle am Fenster kitzelt. Da heisst es ab unter die Decke und — wo sind Mamas Kekse!!!

Rauelsson

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Rauelsson.
Vora.
Sonic Pieces.

Wunderbar offener, suchender Release von Rauelsson aka Raúl Pastor Medall, der unlängst aus den USA zurück in sein Geburtsland Spanien gezogen ist. Der Artist, der mit Peter Broderick für das Hush Label das Album „Rèplica“ einspielte, zeichnet auf „Vora“ eine verlassene, sehnsüchtige Landschaft und es fällt schwer hier keine Bezüge zur aktuellen politischen Situation, vor allem zur dortigen, desaströsen Jugendarbeitslosigkeit zu ziehen. Dem Ambient/Minimal/Album ist eine sehr verhaltene Hoffnung unterlegt, das Land darbt und dennoch – es muss – es wird weitergehen. Dem ab und an auftretenden zarten Nippen am gefälligen Genre Schwulst sei gerne verziehen, selbst wenn es gerade für solcherart Musik etwas zu warm ist.

Insa Donja Kai

Insa Donja Kai.
Insomnie Joyeuse.
Sonic Pieces.

Cello, Cello und Perkussion, das ist die wagemutige, aber durchaus interessante Instrumentierung des Albums „Insomnie Joyeuse“, eingespielt von Insa Schirmer, Donja Djember und Kai Angermann, den Interessierten möglicherweise bekannt als Live- und Studiomusiker von Hauschka. Als Solche hat man es in der Regel schwer, aus dem Schatten eines grossen Maestros, gerade mit Eigenkompositionen, hervorzutreten, Insa, Donja und vor allem Kai schaffen dieses Unterfangen nicht wirklich. Dem Trio gelingt es zwar, einen warmen und solistisch auf grosser Strecke spannenden musikalischen Teppich zu weben, dem Ganzen fehlt aber der letzte Strich, der grosse Bogen, die Idee. Am deutlichsten dringt dieses Ambitionierte-Studenten-Gefühl bei dem Stück „Synoise“ zu Tage, während sich die Cellosektion langsam in einen dialogisierenden Blues einschwingt, klopft der Perkussionist eifrig auf lustigen Tongebern herum – alle haben ihren Spass und müssen sicherlich anhaltend dabei grinsen. Das zaubert nicht Jedem eine entsprechende Reaktion auf die Lippen, so zumindest nicht. Es dringt zwar eine Unmenge an frischer Spielfreude aus den neun Arbeiten, für einen mitreissenden Release ist das aber leider zu wenig.

Moon Ate The Dark

Moon Ate The Dark.
Moon Ate The Dark.
Sonic Pieces.

In London haben die beiden Musiker hinter dem Projektnamen Moon Ate The Dark ihre neue Wahlheimat gefunden und dort auch ihr erstes gemeinsames Album produziert. Die Waliserin Anna Rose Carter lässt ihre zartdüsteren Solopiano Ausflüge von dem kanadischen Produzenten Christopher Bailey mit elektronischen Mikroeingriffen feinfühlig ummanteln – umspinnen ist der bessere Ausdruck für diesen semitransparenten weichen, sonoren Kokon. Spannend hierbei ist gerade die dezente Zurückhaltung des Elektronikers, der mitunter feinste Klangteppiche unter Carters Arbeit auswirft, dann wieder winzige Haken und Ösen anbringt, indem er mit verwischten Halleffekten nebelhaft das Piano umschwebt und so den Eindruck entsehen lässt, als spräche das Instrument in einem inneren Dialog leise mit sich selbst. „Moon Ate The Dark“ ist sicherlich kein sonnenstrotzendes Sommeralbum, der Poet dichtet gern der auf Bienen wartenden Blüte eine gewisse Melancholie an, das muss diese aber nicht umbedingt stören.

Dictaphone

Dictaphone.
Poems From The Rooftop.
Sonic Pieces.

Dictaphone wechseln mit ihrem dritten Album von City Centre Offices zu Sonic Pieces, Oliver Doerell und Roger Döring nehmen den Violonisten Alexander Stolze mit ins Boot, alles auf die drei also. „Poems From The Rooftop“ ist ein schön zwischen den Stilen pendelndes Album, Stolzes Mitarbeit schiebt den Sound des ehemaligen Duos dezent in eine wunderbar melancholische, Downtempo Penguin Music Orchestra Stimmung. Der subtile Einsatz von minimaler Elektronik und sanfter Jazzliehhaberei zusammen mit einer bübisch verzückten Detailversessenheit machen das Album zu einem fortgesetzten Hörgenuss, der auch nicht durch den heutmorgigen dicken Erbsensuppenhimmel Schaden nehmen kann.

Hauschka & Hildur Gudnadottir

Hauschka & Hildur Gudnadóttir.
Pan Tone.
Sonic Pieces.

„Pantone“ ist eine Liveimprovisation der beiden begnadeten Musiker Hauschka (Piano) und Hildur Gudnadóttir (Cello), aufgenommen im Februar letzten Jahres anlässlich des „arctic circle presents… the bubbly blue and green festival“s in London. Dem Thema des Events folgend „eclectic water music – inspired by shipwrecks, rivers, waves and lighthouses“, legen Hauschka/Gudnadóttir ihren Kompositionen sechs verschiedene Blautöne unterschiedlicher Färbungen des Meeres zugrunde, die Stücke tragen die Nummern der entsprechenden Pantone Farbfächer. Die beiden Künstler umspülen sich musikalisch in zärtlichen Wellen, knallen ab und an heftig gischtspritzend gegen die Kaimauern und ziehen sich entsprechend der Gezeiten sensibel wieder zurück. Die musikalische Intelligenz der beiden kann aber leider nicht verhindern dass gewisse Längen im Vortrag ein gemeinsam durchkomponiertes, sicherlich folgendes Album manchmal vermissen lässt. So unkontrollierbar ist nunmal das Meer eben, „all rivers go down to the ocean and drown“.

Ryan Teague

Ryan Teague.
Causeway.
Sonic Pieces.

Der Nachfolger Teague’s von der Presse gepriesenen Debuts „Coins And Crosses“ auf Type ist eine klare Absage an deren damalig eingesetzte Samplingtechnik und die subtil darum herum arrangierten elektronischen Versatzstücke. Ryan Teague hat sich fünf Jahre in sein Studio zurückgezogen und kommt mit einem reinen Gitarrenalbum zurück; mit wunderschön um minimalistisch mäandernde Pattern gezogene Melodienbögen die man so in der Form seit den frühen Genesis Gitarristen Anthony Phillips und Steve Hackett nicht mehr gehört hat. Okey, da schreien jetzt alle lautauf ob dieses Vergleiches, hier ist aber nicht die Rede von Prog Rock sondern von der fein durchdachten und ausgearbeiteten Meisterschaft ihrer Instrumentalisten. Addieren wir einlenkend Robert Fripp mit seinen multiplen Fingerfertigkeiten und nehmen mal an an die Wogen glätten sich. Teague gelingt es klug Themen, Stimmungen und Techniken klassischer Gittarrenarbeit aufzunehmen und in kontemporäre Meisterwerke umzugiessen. Es mag dahingestellt sein ob man die originalen Werke kennen muss, diese Arbeit ist gross und einzigartig, und noch so ein Fauxpas – schön.

Erik Skodvin

Erik Skodvin.
Flare.
Sonic Pieces.

Deaf Center und Svarte Greiner, das sind die Projekte hinter denen Erik Skodvin steckt, hier nun sein „Debüt“ unter seinem richtigen Namen. Dieser vermeintliche Schritt aus dem Dunkel ist verfänglich, hat Skodvin auf „Flare“ zwar gänzlich auf verzerrende elektronische Mittel verzichtet, die ihn gerade bei oben erwähnten Unternehmungen so eindeutig zu identifizieren schienen. Zu Tage tritt ein Musiker der seine fast verschämt leise vorgetragenen akustischen Erkundigungen weiterhin in einer düsteren und geisterhaft entleerten Welt vornimmt. Der aus Oslo stammende Skodvin versteht es meisterhaft mit minimalen Mitteln und punktgenau subtil gesetzten stillen Momenten die Nackenhaare zu erregen und einen aus den Augenwinkel kaum wahrnehmbaren Bodennebel zu erzeugen. Zierlich eingefädelte, hauchende Vokalpassagen und die fast krautrockartige Verwendung von Schlagwerk runden „Flare“ zu einem zeitlich schwer verortbaren Album ab. Dann wieder eine auf zwei Akkorden fast kindlich angeschlagene akustische Gitarre… Schönes, mutiges Dunkel.