Jóhann Jóhannssonn

Jóhann Jóhannssonn.
The Miners‘ Hymns.
Fat Cat.

Extrem gefühlsgeladene und bildreiche Musik zum gleichnamigen Film von Bill Morrison, aufgenommen in der Durham Cathedral im Herbst 2010. Wer dem weiterhin schwer entzifferbaren Genreumhängeschildchen Neo-Classical noch den Begriff „cinematografisch“ beihängen möchte, tut gut daran dieses sprachliche Hilfskonstrukt nicht allzu vollmundig zu verwenden. Wird diese sogenannte Gattung wiederum als Score genutzt dreht sich der Sinn, die Dopplung verstärkt die verbale Unschärfe. Zurück zum Werk. Jóhannssonns meisterliche zweite Arbeit für die Filmbranche zeichnet mit drückend vorgetragenen Emotionen und im wahrsten Sinne des Wortes atemraubender Schwere die Welt der Bergarbeiter nach. Drei Ebenen kämpfen hier in harmonischem Wechsel. Die schwelende, beständig in den Abgrund ziehende Elektronik, mit schwerer orchestraler Unterstützung auf der einen Seite, die gedämpft hoffnungsvollen, nur selten triumphierenden Bläser, die dem Berg das Erz abtrotzenden Minenarbeiter darstellend, auf der Anderen. Über und hinter dem Ganzen die Orgel, das Requiem, der Tod, die trauernden Hinterbliebenen. Man muss nicht selber aus einer Bergarbeiterfamilie stammen um die bewegende Tiefgründigkeit von Jóhannssonns neuesten Album zu verstehen und mitzufühlen. Der letzte Track „The Cause Of Labour Is The Hope Of The World“ lässt den Hörer wieder ans Tageslicht kommen, die vormals trauernde Orgel wird zum Symbol eines neuen anbrechenden Tages. Der Mensch hat den Kampf gewonnen, trotz all seiner Verluste. Diese Jahrhunderte alte Industrieform aber ist am Sterben, zumindest hier im Westen.