Darkstar

darkstar

Darkstar.
News From Nowhere.
Warp.

Nachdem die Mädchen nicht mehr so sind, was sie früher waren, scheint auch der Begriff Mädchenmusik, ehemals vermeindlich eindeutig, nun unscharf. Zumindest früher also hätte man Darkstars zweites Album „News From Nowhere“, so kategorisiert. Die traumgefangene, sehnsuchtsvergorene Stimme von James Buttery, eingenebelt in pastorale, radiohead-eske Soundfäden, vermittelt eine jahreszeitenunabhängige und sorgenenfreie Lümmelsofakuschelatmoshäre mit angenehmen Teegerüchen, Gebäck und einer heimeligen Serie auf dem Bildschirm. Für einige mag das, was das West Yorkshire Trio Darkstar hier vorspielen, Anlass zum schnellen Einpacken und Gehen sein. Das lustvolle Gähnen aber verhindern die in allen Tracks fein versteckten, unpassend wirkenden Details. Hier eine leiernde Gitarre, dort eine doch zu düster wabernde Synthfläche. Einmal auf die Fährte gebracht wird die Lust, all diesen hintergründigen Splittern nachzuspüren fast zwanghaft. Bemerkenswerteweise könnte man heutige Mädchen auch so empfinden, irgendwo immer in kleine Wiedersprüche verstrickt. Mädchenmusik also.

Flying Lotus

Flying Lotus.
Until The Quiet Comes.
Warp.

Es gibt Frauen, die hinter vorgehaltener Hand von Igor, dem Masseur mit den gegenläufig kreisenden Fingerspitzen wispern, wohlig, mit halb geschlossenen Lidern und angekrümmten Rücken. Man weiss nicht, ob dieser Mythos aus den USA kommt, oder umgekehrt, er es bis dorthin geschafft hat weitergetuschelt zu werden. So liesse sich zumindest ansatzweise erklären, warum es Steven Ellison aka Flying Lotus anhaltend gelingt, mit der Kraft der zwei in Tempo und Tune gegenläufigen Plattenspielern die Kritiker und das Publikum zu derart orgasmischem Getöne zu verzücken. Es bedarf weiterhin keiner grösseren Anstrengung um den kindlich-sentimentalen Wunsch der aufgeklärten Musikspezialisten nach immer neuen, imaginären Kleidern des Kaisers sowohl verstehen zu können, als gleichwohl den sinnlichen Vorteilen der Anbetung messianischer Grösse nicht wohlwollend gegenüber zu stehen.

Nebelhaft schimmernde Genre Zersplitterung und deren zeitgleiche, brüchige Rekonfiguration zieht sich wie bei den beiden Vorgängern „Los Angeles“ und „Cosmogramma“ durch dieses Album. Verschiedenste Spielarten des Jazz äugen blinzend vom Wegesrand, ab und an aufgenommen von Flying Lotus‘ typischer Bocksprung Beat Programmierung. Die verwendeten Samples klingen holprig und, wie kann man einen Kaiser auch anders deuten mögen, gewollt schmutzig und mit grosszügiger Geste meisterlich drapiert. Manchmal dürfen auch durchaus bekannte Vokalisten wie Erykah Badu und Thom Yorke vor des Meisters Mikrofon scharren, was aber eher wie eine nicht zu ernst zu nehmende, grosszügige Beiläufigkeit daherkommt.

Nach vier Albenseiten verbleibt der Hörer in einer eigenartigen Stille, die zwar ob der multiplen Soundsensationen unterschwellig herbeigesehnt, dennoch aber viel zu schnell einzutritt. Das neue Werk „Until The Quiet Comes“ wäre dann in Würde und Ehrfurcht zu den anderen musikalischen Entäusserungen des Herren dezent in die Sammlung zu schieben, keimte da nicht zaghaft die Erkenntnis auf, dass diese Reaktion nicht neu und die anderen Alben ähnliche Distanz und Divergenz hinterliessen. Hinzu kommt noch, auch das ist allen FlyLo Releasen verwandt – ein Track schwebt weit oben über dem fluffigen Gesummse, so in diesem Fall „Phantasm“, das Restalbums bildet den nötigen, durchaus potenten Nährboden – den Hofstaat sozusagen.

Vermutlich haben alle einen, in welchem Medium auch immer, solcherart still verehrten Unantastbaren, dem man sich nicht wirklich annähern kann, dieser Nähe aber unbedingt bedarf und ihn gerade darum noch mehr in traumverlorene Wolkengipfel entrückt. Klugerweise hat Flying Lotus 2008 sein eigenes Label Brainfeeder gegründet, dessen Producer eifrig, aber nicht zuviel an seinen Skills lecken dürfen, um gerade so das Quentchen Salz für ihre Produkte einsaugen zu können, das den Stoff des Kaisers zwar wage erahnen lässt, die wahre Grösse des Meistern aber nur noch weiter erhöht.

Clark

Clark.
Iradelphic.
Warp.

Chris Clarks sechstes Album für Warp schiebt ein unglaubliches Spektrum an -Ismen zu einem bunt schillernden, ständig die musikalische Richtung ändernden Werk zusammen. Pychedelic, Kraut, Prog Rock, Pop und Folk fliessen zusammen mit vermeintlich in Garagen selbstverloren schrabbelnden Gitarrenaufnahmen, daneben wunderschöne Pianoetüden, dann wieder aufgeregtes, Minimal Music unterlegtes Schlagwerk, schlussendlich Ambient.
Das wie ein Geburtstagsschokokuchen, wild mit Smarties beklebtes und Kinderherzen höher schlagen lassendes, eher an eine Label Compilation erinnerndes Album „Iradelphic“
lässt den bis dato eher fleissig n der Elektronikkiste wühlenden Clark gleichzeitig jugendlich unbändiger aber auch etwas ratloser erscheinen. Was auch immer der Grund sein mag hier allen möglichen Winden Tür und Tor zu öffnen, die Konsequenz und Durchführung diesen frischen Verwirbelungen hinterherzujagen und sie auf diesem Album zu bündeln ist einfach auch bezaubernd.

Leila

Leila.
U&I.
Warp.

Leila legen mit ihrem vierten Album „U&I“ eine schön gekühlte Sammlung Elektropop mit dunklem, kantig geschliffenem Synthbrodem vor. Wiewohl eifrig nach 80’s Ausdünstungen schnappende kontemporäre Releases in der Regel eher den bemitleidenswerten Pausenkasper geben dürfen, gelingt es Leila, unter Mitwirkung der digital verhauchten Vocals von Mt. Sims, eine intelligente, gleichzeitig im Rohen belassene, dennoch fein gedachte zeitlose Elektronik zu erschaffen. Schöner Eisjuwel, der genau dort ansetzt, wo LCD Soundsystem die Puste ausgegangen ist.

Brian Eno

Brian Eno.
Panic Of Looking.
Warp Records.

Extrem reduzierte, und an seine herausragenden Arbeiten aus den späten Siebzigern und frühen Achzigern anknüpfende EP des Elektronikpioniers und Ambient Granden Brian Eno. Die fast stoisch vorgetragene Lyrik des Dichters Rick Holland gleitet abgehoben über der musikalisch minimalen Landschaft, ab und an vom Meister stimmlich unterlegt. Spoken Poetry, eigentlich schon seit einere Weile totgesagt, erhält eine nicht mehr neue, hier aber durchaus anziehende Version. Wer Eno’s Werk in den letzten Jahren nicht so richtig goutieren konnte, dem ist hier ein Ansatz zu alter Grösse gegeben.

Prefuse 73

Prefuse 73.
The Only She Chapters.
Warp.

Scott Herren’s musikalischen Weg mit über einem Dutzend Alben unter unterschiedlichen aka’s ist, so zielstrebig er auch auf diesen Release zuzustreben scheint, schwerlich in einfache Worte zu fassen. Vom Avantgarde Hip-Hop Produzenten, ohne dessen visionäre Arbeiten die aktuell angesagten Grössen à la Flying Lotus bedingt vorstellbar wären, über seine vielseitigen Kollaborationen unter anderem als Savath & Savalas bis hin zu seinem aktuellen Werk „The Only She Chapters“ entfernt sich Herren’s Gestaltungswille immer weiter weg vom beat-basierten Track hin zu einem symphonisch angelegten, soundscape-durchdrungenen und stark psychedelisch-experimentellen, reifen Alterswerk, sofern man diesen Begriff für einen gerade 34-jährigen überhaupt anwenden sollte/kann. Die Stücke schlängeln und winden sich als versponnene, träumerisch gedanken- und zeitverlorene Strudel um die acht hier vertretenen Vokalistinen, deren prominenteste die leider im Januar verstorbene Trish Keenan von Broadcast ist. Prefuse 73 möchte dass man dem Album ohne Voreingenommenheit gegenüber tritt, wohlwissend dass es einigen nicht gelingen wird ihn hier mühelos zu begleiten. Die Titel aller Stücke beginnen mit „The Only…“; darauf kann man getrost antworten „The Only Reason Not To Like This Is Not To Listen“.

Africa Hitech

Africa Hitech.
93 Million Miles.
Warp Records.

Nach einer Single und der bemerkenswerten ersten EP ihrer Zusammenarbeit „Hitecherous“ drehen die beiden Afro-Futuristen Mark Pritchard und Steve Spacek mit Hochgeschwindigkeit erneut ihr Rad weiter in Richtung 21. Jahrhundert Dance Fusion. Die Farben drängen ineinander, Garage, Broken Beat, Dancehalll und Footwork verwachsen zu einem spektumreichen Fächer angewandter Leidenschaft mit nur einem wirklich unnötigen Ausrutscher „Our Luv“ und generell einer etwas zu obercoolen, laxen Handhabung digitaler Orchestrierung. Dennoch, die blanke Spiel- und Experimentierfreude der beiden High Players lässt eine jugendliche Erfrischtheit der grandios gereiften Produzenten zu Tage treten die ansonsten eher im Jazz-Bereich zu finden ist, und bezeichnenderweise tauchen hier auch, nicht musikalisch zwar aber spirituelle Ähnlichkeiten zu den grossen Würfen von Sun Ra und Pharoah Sanders auf, sehr spannend das alles und eine brillant gefundene  Öffnung in eine zukunftsweisende digitale Produktionsphilosophie.

Squarepusher Pres. Shobaleader One

Squarepusher Pres. Shobaleader One.
D’Demonstrator.
Warp.

Ich besitze eine wunderbare Edition von Squarepusher’s Album „Ultravisitor“, in Buchform. Sie hat ein Sonderformat, passt also nicht regulär in mein Cd-regal, also schaut mich der Herr immer frontal an wenn ich mich meinen Archiven nähere. Dieses Album habe ich nun herausgenommen und spreche es direkt an. Ich sage : Schön dich heute wieder zu sehen Thomas, wie geht es dir ? Lass mich ein wenig in deinem Buch blättern, lass mich von deiner Musik inspirieren. Jaja ich weiss, die „Ultravisitor“ ist von 2004, seis drum, ich mag sie. Du hast drei weitere Alben herausgebracht? Jahaa, aber ich mag dieses. Du hast jetzt eine Band mit der du deine Ideen verwirklichen willst? Du willst touren und hast ein Album mit denen gemacht? Das mit dem Jedi und dem roten Ampellicht auf dem Cover? Ja das habe ich gehört. Wie ich es finde? Können wir das Thema wechseln??? Herr Jenkinson aus Chelmsford, Essex antwortet nicht mehr…

Rustie

Rustie.
Sunburst Ep.
Warp Records.

Sollte sich hier noch jemand an die Progrocker Camel erinnern, aus welchen Gründen auch immer, und diese auch heute noch verehren, nur zu, hier kommt die 2010er Fassung. Da helfen auch die zeitgemäss programierten Elektronikdoodles nicht, ich frage mich allen Ernstes was im Hause Warp manchmal schiefläuft, Jesus Maria, jetzt kommt auch noch so ein Kinderzimmertanzmaus Art Of Noise Zitat, brrrrrrrrr, schnell einen Magenbitter… und weg damit.

Broadcast & The Focus Group

Broadcast & The Focus Group.
…Investigate Witch Cults Of The Radio Age.
Warp.

Broadcast liefern mit satanischen Versen / Library music und sphärischen Sci-fi Effekten verschmierte Popsongs. Trish Keenan und James Cargill’s seit 1995 bestehendes Projekt stösst hier auf Julian House aka The Focus Group, Artdirector und Gründer des Ghost Box Labels. Was The Focus Group an britischem Folklore-meets-Vintage-Bbc-School-Programs-Extravaganza seiner bisherigen Kultstatus erreichenden Veröffentlichungen vorgibt,  wird auf diesem Mini Album zu einem sicherlich nicht jedermann zugänglichem Hörerlebnis verschmolzen. „… Investigates Witch Cults Of The Radio Age“ balanziert fein auf der Linie zwischen einer stotternden, bewusst verstörenden Disharmonie und in langen Fäden eingewobenen Popversatzstücken. Beide Elemente spielen wie junge Hunde mitenander, knuffen und zwicken sich und geben dem Hörer wenig Chancen, wenn auch nur für einen Augenblick ein Gesamtbild zu erhaschen. Hier ein Schrei, dort ein kaputtes Harpsinchord das über eine Flöte brettert. Das würde bei einer vollen Albumlänge sicherlich zu schwerer Ermüdung führen, 23 Minuten aber in dieser Form sind wohltuend und anregend. Das postpupertär anmutende Spiel mit dem Paranormalen bleibt europäisch erträglich und augenzwinkernd, hier spielen junge Mädchen und ihre schüchternen Cousins mit Oma’s Glaskugel. This is not america, wie wahr – ob das die Zukunft ist kann man so nicht sehen. Wer das will muss die Oma ranlassen, nur wenn die schreit, dann ist es echt. Trotzdem, dies ist ein sehr schöner Wurf.