Rewind: Klassiker, neu gehört – Godspeed You Black Emperor! ‎– F♯ A♯ ∞ (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Godspeed You Black Emperor! ‎– F♯ A♯ ∞ (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 08.11.2017

Eine der wichtigsten Gitarrenbands der Neuzeit veröffentlichten 1997 ihre vielleicht wichtigste Platte. Wobei: Band ist bei Godspeed You! Black Emperor eigentlich das falsche Stichwort. Das kanadische Kollektiv zog und zieht auch heute noch in Kammerorchester-Größe mit stetig wechselnder Besetzung durch Studios und Konzerthallen. Phänomenal orchestriert, arrangiert wie ein DJ-Mix, verwurzelt in der prekären Realität der Weltpolitik und randvoll mit musikalischen Ideen, die noch heute zur Standardausstattung vieler Bands gehören, begründete die Gruppe mit diesem Album ihren ganz eigenen Sound aus Rock, Drone, Prog und Sampling-Ambient, der seither kontinuierlich bei Godspeed und in anderen Projekten weiter entwickelt wird. Und 20 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch den gleichen Eindruck hinterlässt? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann friemeln das Vinyl aus dem Goodiebag-Cover und schweben mit.

Martin Raabenstein: Siebziger und Neunziger, aus meiner Sicht die wahrhaft innovativen Jahrzehnte der Musikgeschichte. „F♯ A♯ ∞“ öffnet wunderbare neue Türen, eine nicht enden wollende Melange aus bis dato unvereinbar erscheinenden Styles. Vor allem die Prog-Rock-Anklänge müssten dir doch die Schuppen aus den Achseln wischen, oder?

Thaddeus Herrmann: Ich habe mich dieser Platte aus einer ganz anderen Position heraus genähert, weil – wie du schon richtig erkannt hast und weißt – Prog in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat. Aus meiner verpoppten Indie-Perspektive war dieses Album außerordentlich interessant. Weil ich mich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wirklich mit dem, was dann später Post-Rock oder so ähnlich genannt wurde, auseinandergesetzt hatte. Das war also schon neu. Label? Kannte ich nicht. Leute? Kannte ich nicht. Ich mochte vor allem die darken, ruhigen Passagen. Wie das schon losgeht: „The car is on fire, and there’s no driver at the wheel, And the sewers are all muddied with a thousand lonely suicides, And a dark wind blows.“ Das ist heute noch genauso. Ist schon ein wilder DJ-Mix.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Autechre – Chiastic Slide (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Autechre – Chiastic Slide (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 20.10.2017

Irgendwann muss sich jede Band mal entscheiden, wie die Zukunft klingen soll. Im Falle von Autechre und den beiden Musikern Sean Booth und Rob Brown lässt sich der Beginn dieser Periode ziemlich exakt auf 1995 bestimmen. Vorbei war das Schwelgen in üppigen Melodien und mehr oder weniger sanften Beats. Der Sound der beiden Manchesteraner, die zu diesem Zeitpunkt mit „Incunabula“ und „Amber“ zwei stilprägende LPs auf Warp veröffentlicht hatten, mäanderte fortan in immer abstrakteren Gefilden – eine Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen scheint. 1997 zeigt die Band am Scheideweg. Noch kann man sie hören, die Wärme früher Produktionen, die Liebe zu Chords und den Hang, das Filter für das Extraquäntchen Euphorie beherzt aufzudrehen. Aber: Dieses Gerüst wird schon hier scharfkantig kontrastiert von Beats, Strukturen und Tempi-Wechsel, die mit althergebrachten Schaltkreisen so nicht möglich gewesen wären. Als würden zwei Welten aufeinanderprallen, steht „Chiastic Slide“ gleichwohl für Abschied und Neubeginn, für die Vergangenheit und die Zukunft, für die sich jede Band eben irgendwann entscheiden muss. Wie die sich heute schlägt, klären Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann.

Martin Raabenstein: Cooler Scheiß. Macht man so heute auch nicht mehr. Streiche ich mir im Kalender an, den Tag, an dem ich mal sowas sagen würde. Das ist aber auch die letzte Autechre-Scheibe, die man so einfach ohne Paracetamol 600 genüsslich hören konnte.

Thaddeus Herrmann: Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Sean Booth und Rob Brown ihre ersten beiden LPs – „Incunabula“ und „Amber“ – heute eher kitschig finden. Empfinde ich natürlich ganz anders. Aber doch passierte danach ein Bruch. „Tri Repetae“ von 1995 und diese hier definieren den Sound der Band neu. Und sind beide noch so produziert, dass das Alte und das Neue miteinander harmonieren. Wir haben also die Melodien von früher und die Beat Science, die immer mehr von den technologischen Entwicklungen bestimmt wird. Weg von der klassischen Hardware, vom Drumcomputer, hin zur Software, zu MAX/MSP, bestimmt auch zu eigenen Patches. „Chiastic Slide“ ist also der zweite Schritt dieser Transformation, hier klingt alles schon deutlich abstrakter, ist aber auch sehr HipHop, was wiederum gut in die Zeit damals passt. Es gab zahlreiche Labels und Künstler, die sich an diesem digitalen B-Boy-Zeug abarbeiteten. Und nicht nur die Tracks von Autechre funktionieren heute noch gut. Man sagt ja immer gerne, Techno sei so wichtig, weil die Produktionsmittel plötzlich demokratisiert wurden. Die eigentliche Demokratisierung war aber der Laptop. Und Autechre haben den erfunden.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Photek – Modus Operandi (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Photek – Modus Operandi (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 09.10.2017

Rupert Parkes gilt als einer der größten Dons des Drum and Bass überhaupt. Ob als Aquarius, Special Forces, Studio Pressure, The Sentinel oder als Photek: Parkes prägte in den 90ern den Umgang mit Breaks und Bass wie kaum ein anderer. Auf Metalheadz, Good Looking, Certificate 18 und seinem eigenen Label hat er ebenso veröffentlicht, wie auf Science, einem kuscheligen Autoren-Label, mit dem Virgin ein Stück des Hype-Kuchens abbekommen wollte. Hier erschien 1997 sein Album „Modus Operandi“ – ein Meilenstein der immer weiter auseinander driftenden UK-Szene. Photeks Umgang mit Breakbeats in dieser Zeit war einzigartig. Der Amen? Vergessen. Statt offensichtlicher Abfahrt widmete sich Parkes der punktgenauen Sezierung von Sounds in technologisch vollständig entkernten Rohbauten der musikalischen Erinnerungen. Genau die waren bei Photek immer speziell. Niemand wechselte so schnell zwischen asiatisch geprägter Sample-Kultur und einer tiefen Verbundenheit zur Techno-Ästhetik Detroits und Sheffields hin und her. Ein reißender Strudel, in den man nicht nur freiwillig hineinsprang, sondern in dem man auch nur zu gerne unterging. Und heute? 20 Jahre später machen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann die Probe aufs Exempel. Verteilt auf drei schwergewichtige 12“s dreht sich „Modus Operandi“ erneut.

Thaddeus Herrmann: Wir schreiben das Jahr 1997 und Drum and Bass? Schon sehr unentschieden, bzw. sehr weit verzweigt. Rupert Parkes hatte zu diesem Zeitpunkt schon viele prägende und wichtige Platten veröffentlicht, die sich vor allem dadurch auszeichneten, dass sophisticated auch rollen kann. Rollen muss. Auch er hat sich natürlich – wie alle anderen – am Amen-Break abgearbeitet und ihn bis auf die molekulare Ebene gechoppt. Aber am besten fand ich Photek immer, wenn er den Smasher beiseite gelegt und sich auf andere Breaks gestürzt hat. Zum Beispiel hier, auf seinem ersten Album. Ein großer Techniker!

Martin Raabenstein: Großer Techniker und absolut begnadeter Minimalist. Wer wissen will, wie man aus etwas ganz Kleinem etwas ganz Großes drehen kann: Hier ist die Goldmine. Klingt wie gestern frisch gepresst, die Platte, wäre fein, wenn dem so wäre – oder?

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Rewind: Klassiker, neu gehört – The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 21.08.2017

Eine komische Band, manchmal auch im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwei Jahre lang – von 1985 bis 1987 – veröffentlichten The Housemartins Musik. Vier Jungs aus Hull im Nordosten Englands – Paul Heaton, Stan Cullimore, Hugh Whitaker (hier schon nicht mehr dabei und ersetzt durch Dave Hemmingway) und Norman Cook. Was vorne heraus zum Großteil wie La-La-Gitarrenpop wirkte, hatte textlich Biss und gerade auf den B-Seiten ihrer EPs auch musikalische Tiefe und Überraschungsmomente. Wer in der Zeit aufwuchs, in der das englische MTV plötzlich in deutsche Kabelnetze eingespeist wurde und die Popkultur einen visuellen Ruck machte, erinnert sich noch gut an das Video zu „Caravan Of Love“, einem Cover der Isley Brothers. A Capella vorgetragen, im Mittelgang der Kirche kriechend und predigend von der Kanzel hinab: der einzige Nummer-1-Hit der Band, die sich schon mit dieser zweiten LP wieder von der Bildfläche verabschiedete. Sänger Heaton gründete „The Beautiful South“, Norman Cook machte erst „Beats International“ und wurde dann zum Fatboy Slim. Herrmann & Raabenstein setzen ihre leicht angestaubten Indie-Brillen auf und drehen vorsichtig laut. Denn in der Lounge des britischen semi-detached house sind die Wände dünn, das Bier ist warm und das Acid knapp.

Martin Raabenstein: Ohne Vorbereitung heute, höre das Album zum ersten Mal wieder seit den Achtzigern. Sofortige, positive MTV-Memories. Das hier sind deine Pop-Wurzeln?

Thaddeus Herrmann: Auf jeden Fall. Ich habe die Band wie viele andere damals in meiner Hood auch bei MTV entdeckt, „Caravan Of Love“ lief da ja rauf und runter, „Happy Hour“ auch, da habe ich mal die LP gekauft. War super. Leider habe ich damals das Konzert in Berlin verpasst. Das fand im Loft statt, diesem Indie-Club im damaligen Metropol. Ich war am gleichen Abend genau dort, im Metropol, weiß aber nicht mehr, wer da gespielt hat. Das war der einzige Gig der Housemartins ever in Berlin, wenn mich nicht alles täuscht. Egal. Wir wollen ja über die zweite LP sprechen. Die ist ja schwierig, sagt die Pop-Kritik. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Prince – Sign O’ The Times (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Prince – Sign O’ The Times (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 31.07.2017

Es muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein. Als Prince 1987 sein siebtes Album veröffentlichte, hatte er sich zuvor von seiner Band getrennt und gleich drei andere Platten verworfen. Es sollte das Magnum Opus werden, die Essenz dessen, an was sich Prince Rogers Nelson zuvor abgearbeitet hatte. Nur auf Druck der Plattenfirma kürzte er „Sign O’ The Times“ schließlich – als sein bestes Album gilt die Platte dennoch. Keine Überraschung, dass es danach mit der Karriere des Musikers kompliziert wurde. Martin Raabenstein ist nach wie vor Feuer und Flamme, auch wenn hier „schlimmste Maul- und Klauenseuche“ drauf ist. Und Thaddeus Herrmann findet hier den einzigen Prince-Track, der ihm etwas bedeutet. Was kann das Zeichen der Zeit von 1987 drei Dekaden später noch? Und was hat Michael Jackson mit Stefanie Tücking zu tun? Rewind!

Martin Raabenstein: Genreüberschreitender Black Music God, egozentrische Style-Ikone oder ewig nervendes, zwergwüchsiges Froschmännchen, dessen Wunsch, endlich seine fehlenden 29 Zentimeter draufgeküsst zu bekommen, nie erhört wurde. Und dann auch noch gemeinsam mit so vielen anderen Super Heroes brav in einer Reihe letztjährig mitverstorben – heute geht es um Prince und sein Album „Sign O’ The Times“. 30 Jahre, Thaddi, du als der richtig tief durchdrungene Prince-Fan feierst also mit allem, was dazugehört kräftig mit?

Thaddeus Herrmann: Voller Respekt für eine Baustelle, auf der ich nie angeheuert habe. Aber: Das Titelstück ist der einzige Prince-Track, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Der ist herrlich klar. Tolles Video auch! Prince ist mir generell zu wuselig. Und ich komme auch mit seinen Grooves in der Regel nicht wirklich hin.

Martin: Da ist zwar Funk drin, aber die extensiv genutzte LinnDrum macht das doch eher gerade. Was verwirrt dich? Wo ist der Wusel?

Thaddeus: Ich bin nicht wirklich verwirrt, es berührt mich nicht sonderlich. Das ist geradezu ein Sound-Dickicht, in dem ich mich nicht zurecht finde. Alle Musiker sind voll am Start und machen ihr Ding und vorne steht der Prince und macht noch mal extra Yeah! Das ist mir zu viel. Leider. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 19.07.2017

Der Titel ist Programm: Mit „Music For The Masses“ wurden Depeche Mode endgültig zum Phänomen der Popmusik. Die sechste LP der Band streicht auch das letzte bisschen Teenie-Gekreische aus dem Sound, „Never Let Me Down Again“ ist einer der größten Hits ihrer Geschichte überhaupt und ganz Amerika lag fortan Martin Gore, Dave Gahan, Andrew Fletcher und Alan Wilder zu Füßen. Ist „Music For The Masses“ nun ein prägendes Stück der Musikgeschichte? Thaddeus Herrmann ist als Fanboy vorbelastet, findet an der Platte aber dennoch Makel. Und Martin Raabenstein spricht von der vulgären Banalität des Mittelmaßes. Der musikalische Retro-Roundtable ist in den 1980ern angekommen.

Thaddeus Herrmann: Da ich ja weiß, wie sehr du meine Lieblingsband magst, ordne ich dieses Album zunächst mal ein. „Music For The Masses“ ist die Platte, die die Band final groß machte. Wäre Depeche Mode eine Firma, wäre das Album ihr Börsengang. Am Ende der angeschlossenen Welt-Tournee spielten sie vor 4.576 Millionen Menschen im Rose Bowl in Pasadena. Die Platte war vor allem für den Durchbruch in den USA entscheidend. Das ist interessant, weil ich zumindest gar nicht so recht nachvollziehen kann, warum es gerade diese Songs sein mussten. Als Album nehme ich das heute doch eher unentschieden war. Hier finden sich zwar einige der größten Hits der Band – allen voran natürlich „Never Let Me Down Again“, aber auch „Strangelove“ und „Behind The Wheel“, dann sind hier aber auch Tracks drauf, die so gar nicht ins Bild einer Hit-Platte passen wollen. Dazu kommt, dass gerade „Strangelove“ und „Behind The Wheel“ in wirklich schlechten Versionen auf dem Album sind. Warum? Weiß man nicht. Aber: Es ist dennoch eine bemerkenswerte Platte. Es ist die erste, die die Band nach vielen Jahren nicht mehr in Berlin gemischt hat. Es ist auch die erste Platte, die nicht mehr vom Label-Boss Daniel Miller produziert wurde. Zum ersten Mal hört man Gitarren auf mehr als einem Track. Es ist auch der Beginn der „Dance-Remixe“, „Behind The Wheel“ wurde von den Beatmasters gemixt und im Zuge der Veröffentlichung gibt es auch die erste Cover-Version ever der Band: „Route 66“. So. Pause. Wie findest du die Platte denn so?

Martin Raabenstein: Wenn man Musik für die Massen macht, kann man natürlich auch erwarten, dass diese Massen brav ihr entsprechendes Gadget schwenken. Früher konnte man mit diesem Tool Zigaretten anzünden, heute ist das Smartphone der Beweis für die Freundin, dass man auf einem Konzert war und nicht bei deren Schwester. Also wedelt man damit. Das fühlt sich an wie WM-Endspiel, nur ohne Fußball. DM sind wie diese Massenveranstaltungen, 1981 aufgetaucht und dann nie wieder gegangen. Als MTV so gegen ’87 anfing, den Fernsehabend zu verzücken, waren sie auch da. Ok. Hier also das Album zu den Clips von damals.aktiviere JavaScript, falls es in deinem Browser deaktiviert sein sollte. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Talking Heads – 77 (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Talking Heads – 77 (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 16.06.2017

Lange bevor sich die Talking Heads auf die „Road To Nowhere“ begaben, rüttelte ihr Debüt an vielen Theken Drinks plötzlich andersrum. „77“ ist ein wichtiges Album, nicht nur für die Karriere von David Byrne und seinen Mitstreitern. Der Urknall einer Band, bevor sie von Brian Eno gekapert wurde. Thaddeus Herrmann versucht sich der Platte mit der Rezeptionsbrille des Spätgeborenen zu nähern, Martin Raabenstein erklärt die Nightlife-Regeln der 70er. Derweil sind die Leinen schon los: Der Retro-Roundtable steuert auf die 80er zu.

Martin Raabenstein: Das ist jetzt schon die dritte Platte aus den Siebzigern. Ein Jahrzehnt zu früh für dich, wie ich weiß. Und noch nicht mal von Brian Eno produziert, dafür sind wir wiederum ein Jahr zu früh. Aber: 40. Geburtstag. Also!

Thaddeus Hermann: Es ist aber die erste der drei Platten, zu deren Protagonisten ich keinerlei Beziehung aufgebaut habe und mich rückwirkend mit ihrem Werk beschäftigt habe. Natürlich kenne ich die Hits der Talking Heads, natürlich habe ich ein Buch von David Byrne im Schrank, obwohl ich es, glaube ich zumindest, nie wirklich gelesen habe. Das ist eine Band, bei der ich nie das Bedürfnis hatte, nachzuhören. Und der erste Track erklärt auch gleich warum. Puh, vorbei. Also. 1977. Ich bin fünf. Immer noch sozusagen. Und da kommt diese Platte raus. Warum eigentlich?

Martin: Die Briten und immer wieder diese Briten, ganz einfach. Man muss ja in den USA schwerst Pina Colada durch die Ohren gesaugt haben, um nicht mitzubekommen, dass da drüben heftig etwas durch die Wand bricht. Die Amerikaner hatten … die Ramones. Bei denen die Heads auch gleich ihr erstes Konzert abgeliefert haben. Aber nimm zum Beispiel die 1976er-Kompilation „Live From The CBGB’s Club, New York – The Home Of Punk Rock“. Da sind die Shirts drauf. Und Mink De Ville. Ganz nett, ein bisschen zu viel Stones gehört, aber ansonsten: Geht’s noch?

Thaddeus: Wenn dieses Album Underground ist, dann hat man in den USA aber ganz schön gelitten zu der Zeit.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Kraftwerk – Trans Europa Express (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Kraftwerk – Trans Europa Express (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.04.2017

Bevor aus Kraftwerk Roboter wurden, setzte sich die Düsseldorfer Band in den Trans Europa Express. Und nahm mit dieser Platte 1977 ihr vielleicht wichtigstes Werk überhaupt auf. Der Titeltrack ist ein unbestrittener Klassiker und gilt auch heute noch als einer der wichtigsten Referenzpunkte überhaupt, wenn es um die Entstehung von Electro und Techno geht. Afrika Bambaata sampelte das Stück in „Planet Rock“ und machte die Deutschen so zu Helden der HipHop-Kultur. „Trans Europa Express“ zeigt aber auch erstmals das gesamte Pop-Potenzial der Band, das in den Folgejahren mit den Alben „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ endgültig die Oberhand im Kraftwerk-Sound gewann. Hier jedoch, auf TEE, leben Erbe und Zukunft der Band noch gleichberechtigt nebeneinander. Herrmann und Raabenstein sind sich einig: So gut waren Kraftwerk nie wieder. Das gilt auch 40 Jahre nach der Veröffentlichung.

Martin: In Politik ’ne 6, sprachlich gerade mal eine 5 und die 1 in Musik. So schafft man doch keine Versetzung in die nächste Klasse.

Thaddeus: Aha!

Martin: Okay, von vorne. „Trans Europa Express“ hat nicht mehr die selbstbestäubte Traumsuseligkeit des krautdurchwirkten Vorgängers „Radio-Aktivität“ und liebäugelt noch nicht mit den Giorgio-Moroder-Sequencer-Diskotäten des 77er-Donna-Summer-Stampfers „I Feel Love“ wie später auf „Die Mensch-Maschine“. Aus meiner Sicht ist das Album damit der eigentlich originäre Blueprint des Kraftwerk-Sounds.

Thaddeus: Da kann ich nur zustimmen. Wenn ich mit für eine Kraftwerk-Platte entscheiden müsste, ich würde immer diese hier nehmen. Eigentlich aus genau den Gründen, die du auch anführst. Es ist das stilprägendste Album der Band, ein komplett durcharrangiertes Statement. Mit allen Zutaten, die den späteren Erfolg und die Massenkompatibilität der Band begründet hat, dabei aber noch sperrig und Lo-Fi genug, um nicht in die Gassenhauer-Falle zu tappen. Warum ist das so? Ich will nicht auf den Titel-Track „Trans-Europa-Express“ hinaus, nicht auf dessen Adaption durch die New Yorker HipHopper, auf dieses eine Sample, das die Band nochmal einem ganz anderen Publikum näher gebracht hat. Es sind genau die anderen Tracks, die hier so immens wichtig sind. Wo ich nicht zustimme, ist deine Bewertung des vermeintlich Politischen. Aus der heutigen Distanz finde ich den europäischen Gedanken erstaunlich überzeugend und nachhallend. Das ist rund. Sehr naiv, irgendwie putzig. Aber in seiner Bescheidenheit wahnsinnig groß. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört Brian Eno – Before And After Science (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Brian Eno – Before And After Science (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 15.02.2017

Im Dezember 1977 erschien Brian Enos fünftes Studio-Album „Before And After Science“. Vorbei war seine Zeit bei Roxy Music, der Musiker widmete sich vermehrt dem Sound, den wir heute Ambient nennen. „Discreet Music“ hatte er bereits vorgelegt. Kurze Zeit später sollte „Music For Airports“ folgen, eine Platte, die maßgeblich für den Ruf Enos verantwortlich ist, den er noch heute genießt. Für „Before And After Science“ arbeitete Eno mit zahlreichen Musikern zusammen: seinem ehemaligen Roxy-Music-Kollegen Phil Manzanera zum Beispiel, aber auch Phil Collins, Robert Fripp, Jaki Liebezeit, Achim Roedelius, Freds Frith und Kurt Schwitters. In Enos Diskografie markiert das Album einen Wendepunkt. Vergangenheit und Zukunft treffen in kompakten 40 Minuten aufeinander, einige seiner besten Songs überhaupt inklusive. Herrmann und Raabenstein hören 40 Jahre später einordnend nach.

Martin Raabenstein: Während in England schon die ersten Punks starben, lange bevor der Begriff hier in der Republik überhaupt massentauglich wurde, bringt Brian Eno ein weiteres Vokalalbum. Seine Spiderweb-Spaghetti-Tolle hat er dafür schon kurz über den Ohren gestutzt, damit man besser höre, was denn da noch so kommt. Zeitgleich sind seine ehemaligen Buddies von Roxy Music auf dem besten Wege, das musikalisch schlimmste Jahrzehnt vorzubereiten, das ich kenne, die Achtziger.

Thaddeus Herrmann: Ich muss mich direkt an dieser Stelle aus ZDF-History ausblenden, weil ich mein Kabel-Abo nicht bezahlt habe. Tut mir leid! Spaß beiseite. Das ist eine sehr unentschiedene Platte, finde ich, zumindest geht sie so los. Da rockt das Honky-tonk und alles klingt so gar nicht nach Punk, sondern vielmehr nach Pub Rock. Das gibt sich zum Glück recht schnell, und dann wird das Album auch für mich interessant oder zumindest interessanter.

Martin: Ich hätte da noch härtere Worte als Pub Rock. Diese Southhampton-Pfadfinder’s lustige Wanderlieder sind nie meins gewesen.

Thaddeus: Die ersten beiden Tracks hätten die Jungs damals wirklich weglassen können. „Before And After Science“ finde ich spannend, aber nicht bahnbrechend. Zwei seiner besten Songs aller Zeiten sind hier zu finden, über die sprechen wir bestimmt noch. Man merkt der Platte auch an, dass er parallel bereits an seinen Ambient-Konzepten arbeitete. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 19.01.2017

2017 jährt sich die Veröffentlichung eines Albums zum 50. Male, das vielen Beatles-Fans als einschneidend in der Geschichte der Band gilt: Vorbei die Zeit der Tourneen. Vorbei die Zeit der Anzug tragenden Pilzköpfe, vorbei die Zeit des Rock’n’Roll. „Pepper“ markiert den Beginn einer neuen Phase, die gleichzeitig den Zerfall der Gruppe einläutet. Aus der Band wird ein loser Zusammenschluss von Musikern, die das Studio und dessen Möglichkeiten für sich entdecken. Songs sind nicht mehr nur einfach Lieder, sondern immer auch ein Ausloten des technisch Möglichen. Auf der Zeitachse eingerahmt zwischen „Revolver“ (1966) und „The Beatles“ (1968, dem so genannten „White Album“), ist „Pepper“ ein mitunter unfertig und komisch tönender Hybrid, der zwar ein neues Kapitel in der Geschichte der Beatles aufschlägt, gleichzeitig aber immer noch deren Vergangenheit atmet. Welche Wirkung hat das Album heute, 2017, 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann tauschen LSD und Heroin gegen eine Flasche Rotwein und haben die Originalpressung aufgelegt. Die steht – natürlich – bei Raabenstein im Regal.

Mit diesem Text beleben Raabenstein und Herrmann ihre Kolumne „Rewind“ neu und arbeiten sich in den kommenden Monaten durch die vergangenen Jahrzehnte Platte um Platte gen Gegenwart.

Martin Raabenstein: Stell’ dir vor, dir fällt erst im Alter von 25 auf, dass die Beatles nicht „All you need is bla bla bla“ gesungen haben, sondern tatsächlich „All you need is love“. Während die Deutschen schwer an ihren mangelnden Sprachkenntnissen zu knabbern hatten, haben die Briten da ganz andere Dinge aus „Pepper“ herausgehört. Die BBC hatte die Platte faktisch auf dem Index, da hier offensichtlich Drogen verherrlicht wurden.

Thaddeus Herrmann: Die fiesen Drogen wieder, das passt ja in die Zeit des Niedergangs des Establishments. Jahrhunderte vor Punk, man ist nicht amused, weil die Töchter der White-Hall-Manager verdorben werden. Von so Jungs, die früher immerhin noch anständige Frisuren hatten, aber mittlerweile … naja, sieh dir das Cover an. Musste ja ein Skandal werden. Warum ist das Album eigentlich so wichtig?
Martin: Ich denke, „Pepper“ ist die Matrix für fast alles. Die Beatles konnten bis dahin ja machen was sie wollten: Die Mädels haben geschrien. Wenn die Fab Four die Bühne betraten, war nur noch tosendes Gekreische zu hören, an allen Ecken standen Doktores, die hysterische Teenager beruhigen und manchmal sogar wegtragen mussten.

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Franz Kirmann – Interview

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Wenn der Fuchs die Gans gestohlen hat, gibt er sie nicht wieder her.
Oder etwa doch? Ein Interview mit dem Herrn der Knöpfe Franz Kirmann.

Mit Hilfe intelligenter Technologie und einem weiten musikalischen Horizont bringt der Franzose Francois Kirmann Gamaury aka Franz Kirmann sein Mischpult mächtig zum Glühen. Nicht nur die Blamage bei der letzten Olympiade, auch andernorts lacht die Welt über die Herren der Lüfte, deren sanfte Fingerpantomimen zwar schick anzusehen, bei genauerer Betrachtung allerdings keinen echten Regler berühren. Franz Kirmann ist da deutlich handfester. Ambient, Noise, Modern Classical, Kirmann schiebt mit erstaunlich erfrischenden Ergebnissen alles durch seine Kanäle. Nach dem Auftritt seines Projektes Piano Interrupted im Berliner Radialsystem hatten wir die Chance zu einem Interview.

Raa – Du gehst mit deinem aktuellen, auf Denovali erschienen Soloalbum „Elysian Park“ auf Tour, Hamburg und Berlin sind die beiden deutschen Stationen. Piano Interrupted, deiner Kollaboration mit dem Pianisten Tom Hodge konnten wir gerade hier im Radialsystem lauschen. Was sind die Gemeinsamkeiten, die Unterschiede dabei?

FK – Da sind grosse Unterschiede. Die „Elysian Park“ Shows sind eher konzeptionell, näher an einer Kunstinstallation mit Live Visuals. Diese sind ein wichtiger Part und meine Performance ist eher ein DJ Set, bei dem ich Teile des Album präsentiere. Bei Piano Interrupted verwende ich den Mixer eher als voll integriertes Live Instrument.

Raa – Was ist deine Rolle bei Piano Interrupted?

FK – Bei diesem Projekt ging es immer um den Dialog zwischen der traditionellen, analogen Welt, hauptsächlich Tom Hodge am Piano und meiner digitalen Bearbeitung davon. Die Interaktion dieser beiden Welten bildet die Kernidee, bei der wir je nachdem andere Musiker hinzubitten, im aktuellen Fall den Kontrabassisten Tim Fairhall. Details »

Was vom Sex übrigbleibt. Ein Trauerspiel.

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Was vom Sex übrigbleibt.
Ein Trauerspiel.

Besseren Sex, eine gerechtere Welt und Lebensqualität, drei auf vollmundige Weise verknüpfte Allgemeinplätze bilden die Einleitung zu einem Pro-Feminismus-Artikel von Männern für Männer in der „Zeit“. Von Sex ist im weiteren Verlauf der Werbeschrift eigenartigerweise keine Rede mehr. Bei genauer Durchsicht erweist sich die Schrift als viellettriges, aber inhaltstrockenes „How-to-do-it“ für Feminismus Novizen. Warum also Sex hier überhaupt thematisieren? Sind wir auf der falschen Website? Dumme Leute schreiben nicht für diese Zeitschrift, so sagt man, das Dilemma scheint sich hinter mehr als einem tumb nachgebastelten Yellow-Press-Aufmacher zu verbergen.

Sex, der feuchte Angelhaken, der Schock. Sex, die Kampfansage, das kindliche Kichern darüber, die Scham. Sex in allem, in allen und doch so ein Nichtwort. Sex, du tust mir leid. Deiner natürlichen Unschuld so vielfach enthoben, bist du Spielball unendlich diverser Deutungsuniversen. Jeder nutzt, keiner schüzt dich. Keine Struktur, Metapher oder Meta-Botschaft wird dir gerecht, du verkommst zur schlüpfrigen Bananenschale des jeweils Andersdenkenden. Als Opfer deiner ehemaligen, historischen Unkorrektheit bist du hilflos den ausgeweideten Schlachtfeldern politischer Devianz ausgesetzt. Benutzt, beschmutzt, Sex, du bist soweit weg von dir, entkoppelt von deiner eigentlichen Schönheit. Dem körperlichen Akt. Details »

Loop + Loop + Loop +

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Play it again, Sam !!!
Segen und Fluch der Wiederholung.

Zuviel, viel zuviel Gestern im Heute und wenig, bis gar kein Morgen. Die postmoderne Tragödie labt sich nun schon im fünften Jahrzent an der traurigen Leier um Stillstand und Verzagen. Das Neue bedient sich beflissentlich am Alten, der Kreis scheint geschlossen. Zwei Bücher beleuchten nun, wie sich die erschlappte Moderne in den Schwanz beisst.

Zugegebenermaßen, das Kleinkind lernt an Wiederholungen, wächst am Kopieren der Erwachsenen. Was aber, wenn das Kindchen dann selber gross und die x-te Repetition des einst Vielgeliebten zum öden Wiederkau verkommt? Tilmann Baumgärtels Buch „Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops“ schafft hier Abhilfe. Letzten Sommer erschienen, behandelt die Schrift des Mainzer Medientheorieprofessors künstlerische Auseinandersetzungsstrategien mit der Schleifenform. Das Who-is-who musikalischer Innovation wird hier entsprechend des jeweiligen technischen Entwicklungsstandes vorgestellt. Pierre Schaeffer, Karlheinz Stockhausen, La Monte Young, Terry Riley und Steve Reich übten sich an der freudvollen Wiederholung und sind, so Baumgärtel, die Urväter modernen Musikschaffens. Details »

David Bowie – RIP

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Der Mars hat seinen schillerndsten Botschafter verloren.
Die gute Nachricht ist, der stillere von beiden, Brian Eno, lebt noch.

Die wandlungsfähigste Ikone der Popgeschichte ist im Alter von 69 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Chamäleon für die Einen, Gott der Anderen, das musikalische Spektrum David Bowies bildet eine unendlich weite Projektionsfläche individueller Erinnerungskultur.

Der Imagewechsel vom unscheinbaren, bebrillten Liedermacher der End-1960er zum, die Geschlechtergrenzen überschreitenden, den Glamrock clever als Sprungbrett nutzenden Alien der Ziggy Stardust Ära, ist die entscheidende Bewegung und Blueprint für alle weiteren Stilscharaden des Musikers. Das Publikum beklatschte begeistert alle folgenden Wandlungen des Herren, und das waren wahrlich viele. Es ist dabei ein absolutes Phänomen an sich daß Bowie an Popularität nie verlor, trotz vieler durchaus durchschnittlicher, die musikalischen Höheflüge der 70er nicht mehr erreichender Veröffentlichungen. Details »

Roy Batty – N6MAA10816

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Replikanten !!! Euch wurde heut ein Heiland geboren.

N6MAA10816, ein Nexus-6 Kampfmodell mit Namen Roy Batty wurde heute, am 8. Januar 2016 in Betrieb genommen. Er wir um seine und eure Rechte kämpfen, dann euren Schöpfer Eldon Tyrell ermorden. Und wie es nun mal mit Heiländern so ist, wissen wir jetzt schon dass er scheitern wird. Und natürlich auch, warum.

Die wohl ergreifendste Sterbeszene eines dem Menschen nachempfundenen Roboters bildet den krönenden Abschluss des Science-Fiction Klassikers „Blade Runner“. 1982 unter der Regie von Ridley Scott erschienen, ist dieser Kultklassiker bis heute in Sachen Story, Darstellung und Ausstattung unerreicht. Nach der Vorlage von Philip K. Dick inszeniert, gilt „Blade Runner“ als Blueprint des Cyberpunk und prägt bis heute das Bild ambitionierten Filmschaffens des Genres.

Es ist nicht verwunderlich dass Dicks im Jahre 1968 erschienener Roman „Do androids dream of electonic sheep“ sehr explizit die Frage beleuchtet, was menschlich ist, den Menschen bewegt, während zeitgleich auf den Strassen von Berlin, Prag und Paris Strassenkämpfe um zivile Rechte, Rassismus, Feminismus und Kriegsopposition toben. Details »

Shakespeare, der weltbeste Metzger.

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Shakespeare, der weltbeste Metzger.
Tim Crouch inszeniert des Barden gesammelte Bühnentode an oder besser, in einem Stück.

Die Einen ereifern sich begeistert darüber, dass Star Wars endlich in der Jetztzeit angekommen ist. Hier dürfen nun auch weibliche Heldinnen das Schwert am richtigen Ende anfassen. Andere hingegen erwärmen sich mächtig den Kopf, was der alte Engländer Zeitgemässes zu bieten hat und kommen zu einem erstaunlichen Ergebnis – das nicht enden wollende Blutbad! 400 Jahre nach dem eigenen Ableben des Verseschüttlers wird Shakespeare mit „The Complete Deaths“ auf den schaurig trockenen Punkt zurückgeschraubt, 74 Tode sind zu bestaunen. Während das elisabethianische Publikum zu Lebzeiten des Meisters noch sowohl den Poeten als auch den Nervenrüttler feierte, ist diese Show nun endlich von mühsam sprachlicher Pein befreit. Details »

Ruprecht von Kaufmann.

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Ruprecht von Kaufmann.
Ein Portrait.

Die unbarmherzige Treibjagd nach dem wahren Grund des Lebens und der endgültigen und unwideruflichen Definition des universellen Weltenantriebes, ist das mühevollste und zugleich unerfüllbarste Unterfangen des Menschen. Kein Schmetterling darf ungelenkt seinem flattrigen Treiben hinterherirren, kein Nahrungsmittelsack in fernem Lande hiervon unbetroffen umstürzen. Unter diesem heiligen aber gehetztem Dikat verbleibt nichts ohne Deutung, ob vordergründig tief, ob herzzerreissend flach, allem Seienden wird beflissentlich und zur allgemeinen Beruhigung ein inhaltssicheres Dach aufgezimmert. Details »

Kann das Kunst oder ist das weg?

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Kann das Kunst oder ist das weg?
Zepter und Sloterdijk machen mobil.

Mit „Kunst hassen“ hat die „The Germans“ Herausgeberin Nicole Zepter im Herbst letzten Jahres damit angefangen, jetzt lästerts auch äusserst unwillig in Peter Sloterdijks neuem Essay „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Die beschauliche Alllee der zeitgenössische Kunst erhält wortgewandt angebrachte Schlaglöcher.

Des Künstlers Blick in den zeitgenössischen Spiegel gebiert schieläugig delirierende Schauspiele. Im schalen Zirkus fabulierender Innenbelauschung, zwischen chronischer Konfusion fortgesetzter Legitimationshysterie und der hilflosen Ermattung an inwendiger Unschärfe, mag die unbeschämte Markierung künstlerischer Stellung nur demjenigen abrieblos gelingen, dem Selbstrespekt unbekannt und der, im tölpelhaften Rausch farbenprächtigen Glücksrittertums, auf den modernen Wiesen monetärer Turnierleidenschaft dahintrabt. Mit siegesgesichertem Hufscharren, lächelnd und sich seiner  Prämie gewiss, feiert das von sich entgrenzte Individuum seinen triumphalen Einzug in Hallen höherer Weihen und verendet wohligmatt auf dem flauschigen Siegertreppchen öder Camouflage. So stirbt die Kunst nicht durch sich, der kleinliche Freitod derer, die sie erschaffen sollten, formuliert die Szene. Details »

Haben und Sein

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Haben und Sein.
Ware im Web.

Jeder hat sie in seinem Schrank, die guten alten Dinge, die man liebt und deren Präsenz sich unmittelbar mit dem eigenen Leben verbindet. Gemeint sind hier alle Hosen, Bücher und möglicherweise der Schrank selbst, die sich schon immer im persönlichen Besitz zu befinden schienen. Im Gegensatz zu allen anderen Gütern, die saisonbedingt das Ego begleiten und dementsprechend relativ zügig wieder entsorgt werden, haben diese Oldies um ein vielfaches mehr den Duft, die Essenz des Besitzers eingesogen. Obwohl in der Regel schon länger nicht mehr getragen, betrachtet oder angefasst worden, käme deren Verlust einem tieferem Drama gleich, das nur mit dem unerklärlichen Entschwinden des heissgeliebten Kuscheltieres der Kindertage zu vergleichen wäre. Das T-shirt aus Amsterdam oder die Vase von der Ex, diese Gegenstände haben nicht nur eine Gebrauchs- sondern auch eine Erwerbsgeschichte. Die zu stellende Frage lautet also, ob die heute gängige „Click and Buy“  Kaufentscheidung zur tiefern Identitätsbildung des Käufers überhaupt beitragen kann, ob nicht durch die räumliche und zeitliche Verkürzung des Vorgangs Ware / Bildschirm / Konsument / Kauf die subtile Schönheit des Erwerbs im Draussen durch den persönlichen Verkauf des Anderen verloren geht und das individuelle, haptische Be-greifen und Wählen des gewünschten Objektes nicht für eine engere Subjekt-Objekt-Bindung notwendig ist. Details »

Leiden ist scheisse.

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Leiden ist scheisse.
Berlins erste Vinylpredigt.

Fünfzehn Menschen der gehobeneren Altersklasse sitzen auf Stühlen und Sofas und lauschen. Ein andächtig rhytmisches Kopfnicken hier, ein dezentes Fusswippen dort, Musik läuft. Was ist passiert? Ist man hier der finalen Erkenntnis erlegen dass der faltige Hintern endgültig das Tanzverbot gebietet? Falsch. Haru Specks aka Diethelm Kröhl hält in Berlin seine, für die Stadt erste Vinylpredigt. Wer wie ich der Meinung ist dass man durchaus am Sonntagmorgen in die Kirche gehen könnte, so der Mann auf der Kanzel auch etwas zu sagen hätte, der wird hier, nicht nur der Form halber, fündig.

Specks zelebriert seine Predigt zum Thema ‚Leiden ist Scheisse‘ und unterlegt seine Rede mit dreizehn Hörbeispielen unterschiedlichster Zeiten und Genres.
Schon der erste Beitrag von Napalm Death „You Suffer (But Why)“ malt der Zuhörerschaft ein Grinsen auf die Lippen, ist dieses musikgeschichtlich rekordverdächtige Stücklein doch nur eine Sekunde lang und wurde im Erscheinungsjahr 1987 von John Peel dutzendfach hintereinander gespielt und abgefeiert. Zu hören ist nur ein knurrender, aufbrummender Gitarrenriff und aus. Specks nimmt nun den Titel des Tracks zum Anlass um sein Thema langsam auszufalten. Er redet über Ängste, Depressionen, nennt Zahlen, Anlässe, lässt Anekdoten einfliessen und wickelt sein Publikum mit gut gesetzter Hintergrundsinformation in eine wohlige Gemeinschaftserfahrung um zum Ende hin bei Revolution und Gegenwehr zu enden. Details »

Guter Mond du scheinst so helle.

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Guter Mond du scheinst so helle.
Unserem Nachbarn zum 45. Jubiläum der Ersteroberung.

Am 21. Juli 1969 koordinierter Weltzeit betrat der erste Mensch den Mond. Während Neil Alden Armstrongs zaghaft auf dessen Oberfläche tapstet, raste sein historischer Ausspruch  „Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen… ein riesiger Sprung für die Menschheit“ mehrfach um die Welt.

Grosses war geschehen und für noch Grösseres schien der Anfang gelegt. Die Amerikaner hatten mit diesem Schritt im wörtlichen Sinne ihren Wettlauf mit den Russen gewonnen. Am Anfang dieses Kontests stand ein jäher Schock. Mitten im Kalten Krieg mit der Sowjetunion war ein kleines, 58 Zentimeter messendes Stück Metall in der Erdumlaufbahn den USA derb in die verängstigten Knochen gefahren. Während das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ unter Senator Joseph McCarthy gerade erfolgreich den im eigenen Land umtriebigen echten oder vermeindlichen Kommunisten schwer den roten Pelz angezündet hatte, umrundete der von der UDSSR 1957 gestartete Satellit  „Sputnik 1“ in ruhigen Bahnen den Planeten. Die dadurch ausgelöste Krise um den Verlust der selbstauerlegten Vormachtstellung über den Rivalen fand ihren krönenden Abschluss in der geglückten ersten Mondlandung mit Apollo 11 zwölf Jahre später. Details »

„Erfahrung wird durch Fleiss und Müh‘ erlangt und durch den raschen Lauf der Zeit gereift.“

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„Erfahrung wird durch Fleiss und Müh‘ erlangt und durch den raschen Lauf der Zeit gereift.“ William Shakespeare und Madlib als „best buddies“? Warum nicht? Wir gratulieren auf jeden Fall schon mal…

Der unsterbliche Gigant wird heute 450 Jahre alt. Daß er nun wirklich gelebt hat ist unbestritten. Über die Urheberschaft seiner bis heute aufgeführten und verfilmten Werke hingegen rauft sich die Forschung eifrig das Haupthaar. Die 2011er Verfilmung dieser nicht ganz unerheblichen Frage, Roland Emmerich hat hier mal keinen langweiligen Blockbuster hingelegt, bezieht sich hier eindeutig auf die Oxford-Theorie, wonach der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere der eigentliche Verfasser der Dramen und Sonette sei, die unter Shakespeares Namen erschienen. Grund zur Infragestellung Shakespeares schrifstellerischen Schaffens gibt dessen geringe Bildung. Man geht davon aus daß ein Besuch der Grammar School in Stratford-upon-Avon nicht die Basis für ein derartiges Wissen bieten kann, das für die Erschaffung eines solch enormen Werkes wohl benötigt wird. Vor uns hampelt also eine agile Rampensau rum, der man die Stücke nur untergeschoben hat, aus welchen Gründen auch immer. Details »

Bleib auf dem Teppich…

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Bleib auf dem Teppich…
…wenn du einen hast.

Sich an einem Werk von Richard Prince, Jürgen Teller oder Anselm Reyle zu ergötzen ist das Eine. Mit dem HIntern an einem Solchen reiben zu dürfen ist etwas anderes und auch um ein Vielfaches günstiger.

Es ist Äonen her dass man bei einer geschmackvollen Wohnungseinrichtung die Auslegeware unter die Design Klassiker spannte. Seit den frühen Achzigern, wenn Alt aus- und Jung einzogen, nervten die Schleifmaschinen tagelang die Nachbarschaft und die blanke Holzdiele bot, geölt, lackiert oder bei den Mutigen roh belassen, nur kargen Anlass zum Sichniederlassen.

Die Teppichläden scheinen in letzter Zeit wieder einen zweiten Blick wert zu sein, woran neue Produktionstechniken und Oberflächenstrukturen einen wichtigen Anteil haben. Neue Ware hat ihren Preis, sodass selbst Teppiche die sich in ihrem meisterlich gestalteten Vintagelook vor der Kundschaft ausbreiten, mächtig am Gesparten zerren, da handrasiert, gefärbt, nochmals fein nachgeschnitten oder was der Kreativität sonst noch alles aus der ekstatischen Hirnrinde sugeriert wird. So kann man schnell den Eindruck erhalten man habe ein Originalexemplar aus der Gründertagen des KaDeWe vor sich, das in der Eingangshalle tunlichst mit Füssen getreten nun in die Privatwohnung statt ins Museum verlegt wird.

Die schwedischen Henzel Studios unter ihrem Chef Calle Henzel bieten im Gegensatz dazu mit „Volume #1“ aussergewöhnliche Kollaborationen an, auf denen man seinem exquisiten Kunstsinn freien Lauf lassen kann.  Helmut Lang, Jack Pierson, Marylin Minter und noch eine ganze Stange renomierter Granden der zeitgenössischen Szene liefern wohlfeile Vorlagen, bei denen man sich im weit gespreizten Feld zwischen sehr geschmackvoll bis sehr geschmacklos ganz al gusto bedienen kann. So trifft die gezierte Selbstinszenierung des Artists auf die des Käufers, „Auf den Poden, Pursche!!!“ wussten Monthy Python hierzu schon in weiser Vorraussicht zu säuseln.

http://byhenzel.com/

Von der frivolen Erhabenheit des Banalen

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Von der frivolen Erhabenheit des Banalen.
Der Held und sein Weg.

Wenn das Krokodil kommt, schreien die Kinder. Immer. Kasperles Ignoranz ist der ultimative Garant für brüllende Massenhysterie. Er muss sich einfach dumm stellen, kann nicht anders als in die falsche Richtung schauen. Das nennt man geschickt inszenierten Spannungsaufbau und lässt die Zuschauerschaft von sprachlosem Verharren in hellste Aufgegung taumeln. Aber der Held wird gewinnen, das ist die Regel. Immer. Dass seine Klatsche zufälligerweise dem Maul des Krokodils in der Form sehr ähnelt muss nicht auffallen. Das ist schlussendlich egal, denn diese beisst nicht und ist nur das schlagende Instrument seiner Rache. Ohne diese Klatsche ist er hilflos.

Die Figur des Kasperle hat eine lange Tradition, ihre Spur lässt sich zurück bis ins 17. Jahrhundert verfolgen. Seine europäischen Kollegen heissen Punch, Guignol oder Pulcinella und kämpfen wie er gegen die in die Kinderwelt übertragene Unwegbarkeit der Welt. Es wird geschubst, gerangelt und geheult. Alles Elend der Existenz findet hier seine Paralelle zum kreischenden Schäufelchenhandgemenge des heimischen Sandkastens. Auch das Männchen mit der Mütze muss sich unentwegt behaupten, und weil er selbst die wagemutigsten Abenteur mit kindgleichem Ungestüm und forschen Sprüchen zu meistern weiss, identifiziert sich seine kleinwüchsige Zuschauerschft umgehend und endgültig mit ihm. Details »

Yair Elazar Glotman

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Yair Elazar Glotman.
Northern Gulfs.
Glacial Movements.

Hätte Brian Eno sein 1978er Album nicht „Music For Films“ genannt, vielleicht wäre dieser schwierig zu handhabende und schwammige Begriff „Cinematographic Music“ nie als Pseudogenre durch die Gassen geirrt. Dabei rumpeln auf sehr unscharfe Weise Musik, Sprache und Bild zusammen, hinzu kommt noch dass sich die Filmindustrie lieber mit Standartwerklern wie Herren Zimmer in die Köpfe des Publikums hämmert, als sich einer wirklich intelligenten und starken Musik zu bedienen, wie sie hier von Yair Elazar Glotman vorliegt. „Northern Gulfs“ ist „Ideal Score“ um es mal mit einem anderen Aufkleber zu probieren, die sieben Tracks darauf produzieren ein nicht alzu dunkles aber durchaus angebrochenes Stückchen Kino im Schädel. Das italienische Imprint Glacial Movements unter Alessandro Tedeschi hat schon einige namhafte Artists wie Celer, Pjusk und Loscil unterm Schirm, Glotman ist da ein wunderbarer Neuzugang.