Rewind: Klassiker, neu gehört – The Cure – Disintegration (1989)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Cure – Disintegration (1989)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 17.04.2019

Am 2. Mai 1989 erschien das achte Studioalbum von The Cure. „Disintegration“ gilt als eine der einflussreichsten Platten der Band um Robert Smith überhaupt. Zwei Jahre nach „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“, dem im grellem Orange leuchtenden Doppel-Album, kehrt die im freien Fall befindliche Gruppe zur konzeptuellen Düsternis zurück, die sich jedoch in einem ganz anderen Sound präsentiert. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann heuern auf einem Öltanker an und schippern 30 Jahre zurück in die Vergangenheit. Zwischen den Stromschnellen der Geschichte des hochtoupierten Leidens wird schnell klar, dass die gemeinsame Seefahrt weder lange dauert, noch lustig ist. Ist das noch innovativ oder nur noch rezitativ? Simon Reynolds wirft den beiden Rezensenten den Rettungsring des Best-of zu, stimmt das „Lullaby“ an, kann aber auch nicht verhindern, dass es kommt, wie es kommen muss. I will always love you.

Martin Raabenstein: Vorsichtige Annäherung von mir diesmal.

Thaddeus Herrmann: Oha, ich rieche Trouble.

Martin: Irgendetwas in mir will mächtig auf die Kacke klopfen, macht es aber nicht.

Thaddeus: Dann erzähle ich dir erstmal, wie ich dieses Album kennengelernt habe. Das muss im Sommer 1990 gewesen sein, also ein Jahr, nachdem es erschienen war. Wir waren auf Kursfahrt in Krakow, es ging gen Auschwitz. Einen Tag machten wir einen Ausflug in ein stillgelegtes Bergwerk. Mit Kapelle und Tennisplatz unter der Erde. Davor war ein kleiner Kiosk und dort kaufte ich das Album auf Bootleg-Tape. Bekam man damals überall in der Gegend – für ungefähr 15 Pfennige pro Kassette. Die restlichen Tage hörte ich die Platte im Walkman. Fand ich toll. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – The Human League – Reproduction (1979)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Human League – Reproduction (1979)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 18.03.2019

Nachdem Kraftwerk die britischen Motorways hoch und runter gefahren waren, begann die Jugend auch in Sheffield Ende der 1970-Jahre damit, dem Punk das Filter abzudrehen. Mittendrin: Martyn Ware und Ian Marsh, die als „The Future“ ebenjene Zukunft mit Synthesizern suchten. Wie die klingt, weiß man ja nie so genau. Gemeinsam mit dem Sänger Phil Oakey nahmen sie als The Human League den Klassiker „Being Boiled“ auf und fanden sich danach mit Major-Vertrag im Studio wieder, um ihr erstes Album aufzunehmen. „Reproduction“ floppte, wie das Album einer außerhalb Sheffields praktisch unbekannten Band mit tatsächlich futuristischer, aber nischiger Single nur floppen kann. Zwei Jahre später trennte sich das Trio. Oakey behielt den Namen der Band und wurde Popstar, Ware und Marsh gründeten Heaven 17 und taten es ihm gleich. „Reproduction“ gilt bis heute dennoch als tragende Säule der elektronischen Musik, made in Sheffield. Warum eigentlich? Fragen sich auch Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann. Denn während Cabaret Voltaire die poröse Gegenwart der nordenglischen Stadt in sägendes Sound Design verpackten, entwickelte sich bei The Human League ein popmusikalisches Konstrukt, das – wenn überhaupt – nur noch ob der Dystopie-informierten Texte nach Zukunft riecht. Ist dieses Album nun ein viel zu früh totgetrampeltes und missverstandenes zartes Pflänzchen der elektronischen Musik oder doch nur ein überhasteter Versuch, es allen recht zu machen?

Martin Raabenstein: „Reproduction“ ist ein Album, das hervorragend zu meiner These passt: Die besten 80er-Alben stammen aus den 70ern. Die waren meiner Meinung nach nämlich erst 1983 zu Ende. Spannend auch das Erscheinungsdatum – 1979, das Jahr des Amtsantritts Margaret Thatchers. Ihr glühender EU-Skeptizismus, der heute, vierzig Jahre später, noch zynisch mit schwelenden Wunden spielt, ist der eine, unverzeihliche Fehler der konservativ-irren Wuchtbrumme. Wie sie hingegen mit ihrem eigenen Land umging, vor allem dem Norden, ist irreparabel. Liverpool, Manchester, Leeds und Sheffield, die einstigen Industriegrößen des Vereinten Königreiches gingen zu Boden – Massenarbeitslosigkeit war die Folge. In diesem zutiefst rauen Klima entsteht der erste Release der Band. Sind die Briten nur gut, wenn es ums Kämpfen geht?

Thaddeus Herrmann: Sind sie denn jetzt aktuell auch wieder besonders gut?

Martin: Heute? Das ist für mich kein Kampf. Kulturelles Desinteresse und fehlgeleitetes politisches Kalkül umschleichen sich hier in einer üblen Scharade. So sehr ich den Begriff „Der kleine Mann“ auch hasse – dieser ist der Leidtragende, damals wie heute. Musikalisch spiegelte sich das vor 40 Jahren sicherlich um einiges deutlicher wieder. Dystopie und Science-Fiction waren wichtige Einflüsse – die kleine Flucht in übergroße, dunkle oder ferne zukünftige Welten. „Empire State Human“ ist da ein gutes Beispiel. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Joy Division – Unknown Pleasures (1979)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Joy Division – Unknown Pleasures (1979)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 04.02.2019

43 Songs, vier Singles, drei EPs, zwei Alben und gut 120 Konzerte: Das ist die viel zu kurze Geschichte von Joy Division – abgearbeitet in nur 29 Monaten im Zeitraum zwischen 1978 und 1980. Dann, am 18. Mai 1980, erhängte sich Ian Curtis, der charismatische Sänger der Band, einen Tag, bevor er mit seinen Mitmusikern zur ersten USA-Tour aufbrechen sollte. Ein perfekter Mythos für die nach Orientierung suchende Post-Punk-Jugend des runtergekommenen British Empire. Der Bogen in die Gegenwart könnte offensichtlicher nicht sein. Am 20. Juli 1976 besuchten die beiden Schulfreunde Bernhard Sumner und Peter Hook das Sex-Pistols-Konzert in der Lesser Free Trade Hall in Manchester, kauften sich Instrumente und gründeten die Band „Warsaw“. Curtis war als Sänger schnell dabei und nach einem personellen Gerangel war die finale Besetzung mit Drummer Stephen Morris schließlich komplett. Unter dem neuen Namen Joy Division begründete das Quartett die Manchester-Musiktradition und die Legende rund um ihr Label Factory Records. Die großen Hits „Love Will Tear Us Apart“ und „Atmosphere“ spielen im dystopischen Klangkosmos der Band dabei nur eine von vielen Rollen – dem wahren Sound der Musiker werden diese Songs nur bedingt gerecht. Und sind beide nicht auf dem Debütalbum „Unknown Pleasures“ zu finden – aufgenommen von Martin Hannett im April 1979 im Strawberry Studio in Stockport – dieser nicht minder unwirtlichen Stadt, knapp zehn Minuten mit dem Zug von Manchester entfernt. Und heute? 40 Jahre später? Fahren Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann zwar nicht nach Manchester (Budget-Probleme!), um ganz nah dran zu sein, fragen sich aber, wie hell das vermeintliche Meisterwerk heute noch strahlt.

Martin Raabenstein: Der von uns erst kürzlich besprochene Nick Drake hatte es zu Lebzeiten wenigstens auf drei Alben gebracht, Ian Curtis nur auf eines. Bevor das zweite Joy-Division-Album „Closer“ erschien, war er, dreiundzwanzigjährig, schon tot. Melodrama, Paranoia und Depression, die ureigenen Ingredenzien für eine durchwachsene Mythenbildung. Der unerbittliche Nerd muss die Lyrics von „Unknown Pleasures“ nicht lange durchwühlen, um auf zielführende Hinweise zu stoßen. Bei „Insight“ heißt es unter anderem „But I don’t care anymore, I’ve lost the will to want more, I’m not afraid at all …“. Was machst du, wenn dein best buddy solche Lyrics ausstößt, vor allem in solch düsteren, grau verschlierten No-Future-Zeiten, wie Ende der Siebziger? Holt man den Arzt, kramt Mamas kleine Helferlein-Pillen raus?

Thaddeus Herrmann: Ich kenne Manchester ganz gut, auch bereits vor dem Bombenanschlag. Mich wundert das alles nicht besonders. Der Norden des Landes hatte den Kampf verloren. Das ist auch der Grund, warum die lokalen Szenen – die in Manchester wurde ja praktisch durch Joy Division begründet, zumindest was die Wahrnehmung auf der globalen Karte der Post-Punk-Popkultur angeht – sich auch bewusst abgrenzten gegen London. Manchester, Sheffield, Leeds: Der Sound mag unterschiedlich sein, das Phänomen ist aber ganz ähnlich. Die Einflüsse dürften überall die selben gewesen sein. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Nick Drake – Five Leaves Left (1969)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Nick Drake – Five Leaves Left (1969)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 16.01.2019

1969 passierte das, was in der Geschichte der Tonträger praktisch jeden Tag passiert: Ein junger Mensch veröffentlicht ein Album, und kaum jemand interessiert sich dafür. Zu diesem Zeitpunkt war Nicholas Rodney Drake 21 Jahre alt – fünf Jahre später war er tot. Heute gilt der Engländer als einer der einflussreichsten Singer/Songwriter aller Zeiten. Drei Alben nahm er in dieser kurzen Periode auf und stürzte tief in den Tunnel der drei großen Ds: Drugs, Depression, Death. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann legen schweren Herzens das Debüt von Nick Drake auf. Und geben sich einem Crooner hin, dessen minimal arrangierte Stücke noch heute so kraftvoll fließen, dass sie den Künstler schon längst im Paradies haben an Land gehen lassen.

Martin Raabenstein: Die wenigen Werke von Nick Drake sind in meinem Kopf eng miteinander verbunden, sie verbleiben eher wie ein in sich verschlungenes Triple-Album als drei unabhängige Releases, wenn auch die Grundstimmungen sehr unterschiedlich sind. Da ich irgendwann aufgehört habe, mich für die Beipackzettel von Alben zu interessieren, war es für mich umso mehr verwunderlich, dass Drake schon 1968 mit den Aufnahmen zu „Five Leaves Left“ begann. Ich hätte diese Platten musikalisch eher in den Mitsiebzigern verortet.

Thaddeus Herrmann: Das ist deine Epoche, ich bin da auch auf deine Expertise angewiesen. Warum also würdest du das Album zeitlich später einsortieren?

Martin: Das ist nicht und klingt auch nicht wie die Sechziger. Hier steckt eine andere, sich nach mehr sehnende Kraft dahinter. So kommen wir gleich vom Start weg gleich auf Drakes Grundproblem – seine Depression. Wie er auf diesem Album vorgeht, macht man das eigentlich erst in den Siebzigern, getrieben von einer unendlichen Traurigkeit. Vorgetragen mit entrückter, unverhallter Stimme, die sich von der Gitarre umwickeln und mittragen lässt, einem dunklen Nichts entgegen.

Thaddeus: Dann haben wir es hier ja mit einem echten Pionier zu tun, der – das ist mein Gefühl – jedoch nie ein Pionier sein wollte. Seine Vita liest sich, als wäre ihm die Musik schon wichtig gewesen, es ihm aber im Traum nicht eingefallen wäre, daraus so etwas wie eine Karriere zu entwickeln. Was ihm faktisch ja auch erst posthum geglückt ist. Alle drei Platten waren finanzielle Flops, die Kritiken mau, Airplay war praktisch nicht existent. Nur John Peel hat es gespielt. Gereicht hat ihm das natürlich nicht, also entwickelte er eine Art renitente Haltung gegenüber dem Business. Zurück bleibt die Musik. Und die ist auf diesem ersten Album doch sehr auf den Punkt und gelungen – in aller Stille. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Fennesz – Black Sea (2008)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Fennesz – Black Sea (2008)

Das Filter– Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 07.12.2018

Auch der „Endless Summer“ ist mal vorbei. Mit dieser Platte hatte der Wiener Christian Fennesz sich selbst und der Gitarrenmusik ein Denkmal gesetzt, die Frippertronics erst angezählt und dann hinter der Granularsynthese zu Staub zerfallen lassen. Sieben Jahre, zwei Solo-Alben und zahlreiche Kollaborationen (zum Beispiel mit David Sylvian und Ryuichi Sakamoto) später entfaltet sich auf „Black Sea“ eine Art ästhetisches Best-of eines Musikers, der zwischen Drones, Ambient, Field Recordings und sinfonischen Anleihen die Tiden des verbrieften musikalischen Status Quo am Schlick packt. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann kippen auf ihrer Reise nach Drone-City zunächst rein symbolisch alte Plug-Ins in den Ausguss der Geschichte, um schließlich im Fahrstuhl des Schlussakkords ein paar Vorstadttränen zu verdrücken.

Martin Raabenstein: Die Kombination Gitarre/Computer ist ureigenstes Fennesz-Feld. Ist der Komponist mit seinem vierten Studioalbum „Black Sea“ auf der Suche nach dem sinfonischen Drone?

Thaddeus Herrmann: Zunächst ist die Musik von Fennesz ja der einzige Heavy Metal, den ich mag. Ich hatte das Album wirklich lange Zeit nicht mehr gehört und zog dann in der Vorbereitung den direkten Vergleich mit dem Vorgänger – „Venice“ – von 2004. In diesen Jahren ist tatsächlich viel passiert im granulierten Nirgendwo zwischen MAX/MSP und Fender. Die Tracks wirken auf mich … durchdachter? Zumindest unaufgeregter und mit weniger Spitzen. Bis auf das Intro natürlich, aber danach entsteht eine fein wogende See der Stille. Die ganz viel von dem beinhaltet, was in den Jahren zuvor durch die Musikgeschichte gerauscht war und Eindruck hinterlassen hatte. „Black Sea“ wirkt wie ein Schlussakkord für diese Phase. The End.

Martin: Also mal wieder das Ende einer Ära. Ich habe für dieses Album keine romantischen Erinnerungen. Fennesz war damals nicht auf meinem Teller, obwohl „Cendre“ von Fennesz & Sakamoto schon ein Jahr früher erschien und bei mir am äußeren Rand der Aufmerksamkeit auftauchte. Zehn Jahre später finde ich nur noch eine leise Ahnung vor, warum mich das damals bewegt haben könnte, aber immerhin – das Werk taugt noch wunderbar als musikalische Untermalung für nebenbei. Eigenartigerweise empfand ich diese steigende Distanz gerade vor kurzem schon einmal – zu dieser Art Musik, der Zeit und allem, was sich daraus entwickelte. Mein neuerlicher Versuch, Fluid Radio zu hören, war wohl wirklich der letzte. Vieles davon hat sich für mich zu einer Art intelligenter Fahrstuhlmusik entwickelt. Gar nicht schlecht im eigentlichen Sinne, ein nicht unangenehmes Grundrauschen.

Thaddeus: Na, in dem Fahrstuhl würde ich ja gerne stundenlang cruisen. Mein Verhältnis zu Fennesz und seiner Musik ist aber auch ein bisschen atypisch. „Endless Summer“ hat mich nie interessiert. Die ganze Wiener Blase hat mich nie interessiert. Das war für mich zum Großteil immer genau die PowerBook-Musik, die die Welt nicht gebraucht hat. Aber dankenswerter Weise legte sich im Kopf von Fennesz irgendwann ein Schalter um, der mich dann ins Boot holte. Auch die Zusammenarbeit mit Sakamoto halte ich für mehr oder weniger belanglos. Wir hören hier meinem Empfinden nach die Essenz eines über Jahre entwickelten und verfeinerten Ansatzes, der nicht zuletzt dank der stetig besser werdenden Technologie zu etwas Großem gewachsen ist. Auf der Welle kann man schon mal ein paar Jahre reiten. Oder eben im Fahrstuhl fahren. Auf und ab, auf und ab, auf und ab: Die Metapher passt ja sowohl zur See als auch zum Hochhaus.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

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Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.11.2018

Es gab eine Zeit, in der war Max Richter noch indie. Damals schrubbte der britische Komponist nicht Soundtrack nach Soundtrack, sondern war vielmehr dabei, seine musikalischen Ideen Schritt für Schritt und sehr sachte zu entwickeln – auf „130701“, einem kleinen Sublabel des Techno-Imperiums „FatCat“. Und beschäftigte sich mit den Dingen, die damals eben Thema waren – Klingeltöne zum Beispiel. Sein Album „24 Postcards In Full Colour“ war die Antwort auf Abzocker-Abos von Jamba und Co. 24 kurze Snapshots, mit denen bimmelnde Telefonen ihre plärrende Würde wiedererlangen sollten. Zehn Jahre später vereinbaren Raabenstein und Herrmann erst telefonisch einen Termin, klären, wer von den beiden nun Mozart und wer Bach ist und lassen es klingeln. Also laufen. Jóhann Jóhannsson hört auch irgendwie zu. Aber das ist bei Max Richter ja nun wirklich keine Überraschung.

Martin Raabenstein: Du sagst, du kommst in das Album nicht so richtig rein. Warum?

Thaddeus Herrmann: Das ist der dann doch recht speziellen Form geschuldet. Es ist ja kein Album im herkömmlichen Sinn. Dass wir beide uns nochmal über Klingeltöne unterhalten würden … toll!

Martin: Dieses Nicht-Album ist aber ein eindeutiger Richter. Mit allem was den Max sonst so ausmacht. Möglicherweise ist genau hier, in der Verknappung, des Komponisten wahre Seele zu spüren?

Thaddeus: Ein absolut eindeutiger Richter, gar keine Frage. Und natürlich schon ein Album, nur eines, das für mich nicht als solches funktioniert. Und von Richter – glaube ich – auch nicht so gedacht ist. Denn es ist ja tatsächlich seine Auseinandersetzung mit dem Thema Klingelton – 2008 war das ein großes Thema auf den Telefonen da draußen. 24 kurze – sehr kurze Stücke, Ideen, Skizzen. Hier spielt die Reihenfolge keine Rolle, am besten hört man das im Shuffle-Modus oder sucht sich seine Lieblinge raus, lädt sie sich auf das Telefon und hofft, ganz viele SMS oder Anrufe zu bekommen. Für einen Komponisten schon ein interessanter Schritt. Ich mag das. Weil: Wenn man es einfach durchhört, wird man ja immer wieder rausgeworfen. Um in der Metapher zu bleiben: Es ist ein einziger Verbindungsabbruch. Es gibt so gut wie keine Blenden, Stücke fangen an, hören drastisch und radikal auf, Pausen zwischen den Tracks scheinen willkürlich. Man hüpft von Pfütze zu Pfütze.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Jóhann Jóhannsson – Fordlandia – (2008)

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Jóhann Jóhannsson – Fordlandia (2008)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 11.10.2018

Am 9. Februar 2018 starb Jóhann Jóhannsson. Zu diesem Zeitpunkt war aus dem isländischen Komponisten nach einer knapp 20-jährigen Karriere ein Weltstar geworden – überhäuft mit Auszeichnungen, vor allem für seine Soundtracks immer größerer Hollywood-Produktionen. Wer hätte 2002 schon damit gerechnet, dass aus dem Künstler, der damals auf dem wundervollen, aber doch auch sehr kleinen Londoner Touch-Label sein erstes Album „Englabörn“ veröffentlichte, mal der werden würde, der die Cinemaxx-Leinwände orchestriert? Seine Fans haben es ihm vielleicht gewünscht, insgeheim aber auch gehofft, dass es nie dazu kommen würde. Denn in Jóhannssons Musik lebte hinter der großen Geste auch immer die kleine ausgestreckte Hand, die man mit niemandem teilen wollte – schon gar nicht den Filmstudios. Jóhannssons Begabung, klassische Musik alles andere als klassisch klingen zu lassen, resultierte in den folgenden Jahren in gleich mehreren Alben, die heute – ja – Klassiker sind. Klassiker eines Genres oder einer Idee, die bis heute keinen Namen hat und auch nicht verdient hätte: Wer seiner Zeit voraus ist, muss sich nicht mit den Nachzüglern gemein machen. „Fordlandia“ ist eines dieser Alben. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören mucksmäuschenstill zu.

Martin Raabenstein: Kann man „Odi et Amo“ von Jóhannssons 2002er-Album „Englabörn“ eigentlich noch toppen? Wenn auf dem ersten Soloalbum schon der erste Track die Latte so himmelhoch hängt, wie kommt man da in Folge immer wieder drüber?

Thaddeus Herrmann: Du warst später ja ganz optimistisch. Und ich überhöre diese Frage lieber – mir fehlt die passende Antwort. Ich schätze „Englabörn“ sehr, purzele aber ohnehin immer ganz tief in Jóhanns Platten hinein, wenn ich sie wieder von Neuem höre. So ging es mir auch hier. Der Opener und der Closer – die beiden Versionen des namensgebenden Themas – bilden eine derart starke Klammer, dass es mir fast schon egal ist, was dazwischen passiert. Und mich auch ausblenden lässt, dass Jóhannsson Henry Ford zum Sujet der Platte macht.

Martin: Lustig, dass du dich an diese Review erinnerst, lang, lang ist’s her. Ein paar Alben, also Jahre später, bin ich da dezent kritischer. Gerade die von dir erwähnten Tracks sind mein schmerzender Zahn.

Thaddeus: Hab ich es doch gewusst!

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Rewind: Klassiker, neu gehört – 4hero – Two Pages (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
4hero – Two Pages (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 20.09.2018

Drum and Bass hat ja bekanntlich viele Seiten. Hardcore, Jungle, Two-Step, Half-Step, Liquid Funk, Abstract, Amen-Gewitter – am Ende sind es immer die Breakbeats, die als kleinster gemeinsamer Nenner übrig bleiben. Und mit denen kannten sich 4hero immer aus. Mark „Marc Mac“ Clair und Denis „Dego“ McFarlane haben die Szene mit aus der Taufe gehoben, entscheidend geprägt und ihren Erfolg geebnet – mit ihren eigenen Produktionen und als Teil des Reinforced-Kollektivs, einem der wichtigsten Label des Genres überhaupt. Bei ihnen haben die späteren Stars das kleine Einmaleins gelernt. 1998 wagten die beiden Musiker schließlich selbst den nächsten Schritt. „Two Pages“ – ihr drittes Album – erschien auf Talkin‘ Loud, der Major-Label-Spielwiese von Gilles Peterson, und sollte die ganz große Geste werden. 4heros Ziehsohn Goldie hatte mit „Timeless“ drei Jahre zuvor ein epochales Konzeptalbum hingelegt, „Two Pages“ ist ähnlich umfangreich. Und doch ganz anders. In zwei autarken Teilen sollte hier der ganze Kosmos der Londoner Produzenten ein Denkmal bekommen. Sanft, durchdacht gejazzt und mit vielen Gästen – zum Beispiel Ursula Rucker, Ike Obiamiwe, Carol Crosby am Mikrofon – im ersten, und gewohnt radikal „trackig“ im zweiten. Da fragt man sich zunächst: Geht das überhaupt und vor allem auch zusammen? Raabenstein und Herrmann lassen 20 Jahre später die so unterschiedlichen Beats auf sich runterprasseln, zünden eine Kerze des Gedenkens an, merken schnell, dass des einen Drum and Bass nicht des anderen Drum and Bass ist – und ziehen gerade noch rechtzeitig vor dem Best-Of von Galliano den Stecker des Vergessens. Die Pionierarbeit von 4hero bleibt derweil unangetastet.

Martin Raabenstein: Eindeutige Premiere. Mir fällt kein Einstieg ein, keine Anekdote, noch nicht mal ein boshaftes Dissen.

Thaddeus Herrmann: Und doch hat er wieder das erste Wort. Ha! Dann lege ich zunächst mal die Fakten auf den Tisch. Es gibt nicht gerade viele Dons im Drum and Bass, Marc und Dego – 4hero – sind die größten, wichtigsten und Väter aller anderen. Sie haben geschuftet für den Breakbeat, vom ersten Tag an. Reinforced, ihr Label, ist ein echtes Powerhouse. Was sie mit ihrer Crew A&R-mäßig dort auf die Beine gestellt haben, ist auch heute noch schlicht unfassbar. Das gilt auch für ihre eigene Musik. Ob nun 4hero, Tek 9 oder Jacob’s Optical Stairway – alles großartig. Die beiden haben an den Drum and Bass geglaubt und sich nicht vom Weg abbringen lassen. Was vielleicht ihr Untergang war. Ihr Sound wurde nur langsam schneller, nur zum Teil darker, und weil sie generell nur wenig Lust auf Öffentlichkeit hatten, hat ihr Ziehkind Goldie dann halt die Lorbeeren eingesteckt. Also: Kniefall vor den beiden aus Dollis Hill. Allerdings passt „Two Pages“ aus meiner Perspektive in diese Lobhudelei nur bedingt hinein. Man kann – und muss es wahrscheinlich auch – auf mindestens zwei Weisen lesen und hören. Als Rückbesinnung auf die Ursprünge und Einflüsse oder aber als einfache Verweigerungshaltung. Nach dem Motto: Jetzt haben wir unseren Major-Vertrag, jetzt machen wir erst recht das, was wir wollen und genau das, was niemand erwartet.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Boards Of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Boards Of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.09.2018

Die definitiven Superstars der Electronica? Boards Of Canada! Das Mystery-Bruderpaar aus Schottland – Michael Sandison and Marcus Eoin – daddelte in den 1990er-Jahren erst ein paar Jahre vor sich hin, startete dann auf SKAM durch und wurde auf Warp zu einer musikalischen Ikone. „Music Has The Right To Children“ erschien ebenda, 1998. Das erste „Album“ war kaum mehr als eine Compilation, die dennoch wichtiger nicht hätte sein können. So wurde der introvertierte Sound-Entwurf der Boards in die große weite Welt katapultiert und rumort seitdem heftigst, auch wenn neue Veröffentlichungen rar und immer seltener werden. Boards Of Canada stehen heute für einen vollständig eigenen Sound-Entwurf, der zwischen Verschwörungstheorien und ganz persönlicher Nostalgie oszilliert – eine Steilvorlage für alle Beteiligten. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören sich durch die Tracks und Samples, die erst mit einer Prise virtuellem LSD richtig gut werden, holen den Radioempfänger aus dem Keller, um die Number Stations zu checken und fragen sich 20 Jahre später, welche Relevanz solche Entwürfe für die Musik von heute noch haben. Ein Mashup bringt Licht ins Dunkel der popkulturellen Grobkörnigkeit.

Martin Raabenstein: Mit „Music Has The Right To Children“ lauschen wir dem exakten Gegenentwurf zu Massive Attacks „Mezzanine“ von neulich, sozusagen dem Laurel zum Hardy. Diesem sexy aber gleichwohl im dunkelsten Dunkel fischenden Projekt wird hier Ironie, Wortspiel, Zahlenmythologie und nahezu kindliche Naivität entgegengesetzt. Das ist Psychedelic in Mikrodosierung. Bemerkenswerter Weise diskutiert man heute, 20 Jahre später, über LSD für die Massen, in wohl dosierter Globuli-Darreichung.

Thaddeus Herrmann: Gegenentwurf? Eher nicht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es da Berührungspunkte gab und Telefonnummern gespeichert wurden. Wir haben es hier ja auch gar nicht mit einem Album zu tun, sondern vielmehr mit einer Compilation. Aufgepeppt und rund gemacht, mit neuen Stücken ergänzt, aber es ist letztlich doch nur eine Compilation. Die beiden schottischen Brüder ordnen hier ihr Frühwerk. Das ist gut, weil es zuvor ziemlich zerfasert vorlag und viele der Platten ohnehin nicht verfügbar waren. Die „High Scores“-EP auf SKAM war zuvor erschienen. Das Label aus Manchester durchlebte damals den Hype der Hypes und davon profitierten auch die Boards Of Canada. Und dann kam Warp um die Ecke. Ich möchte gerne etwas aus dem Pressezettel von damals zitieren: „Eine Sammlung schon bekannter und bisher unveröffentlichter Tracks. Michael und Marcus liefern einen kleinen Ausblick auf Ende 1998, wenn ein neues Studioalbum von Boards Of Canada das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird. Boards Of Canada bewegen sich in einer Welt von Kraftwerkscher Schönheit, kühler Ästhetik und des perfekt gesetzen Beats.“
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Rewind: Klassiker, neu gehört – Massive Attack – Mezzanine (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Massive Attack – Mezzanine (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 29.08.2018

Massive Attack gelten als TripHop-Ikonen. Die Musiker aus Bristol legten gut vor: Ein kuddelmuddeliges Kollektiv von DJs und Beatmakern produzierte mit „Blue Lines“ und „Protection“ zwei Alben, die sich in das gemeinschaftliche Gedächtnis der Popkultur eingebrannt haben – nicht nur wegen der zahlreichen Features von der Reggae-Legende Horace Andy oder Tracey Thorn, einer der besten Sängerinnen der Welt. 1998 – vor 20 Jahren – wendete sich das Blatt: Die LP „Mezzanine“ steht für einen radikalen Wandel im Sound des Projekts. Düster-schimmernd – und ohne Tricky – setzt die Band die kommerziell erfolgreichsten Akzente ihrer Karriere. Aber wie passt dieser Entwurf in die Geschichte von Massive Attack? Ein Aufbruch zu neuen Ufern oder doch nur musikalische Ratlosigkeit, verpackt in rockige Downbeats? Ist die „Unfinished Symphony“ von 1991 endgültig ausgeträumt? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören das Album 20 Jahre später durch, schwärmen und schwofen zu den großen Singles der Platte und stellen die Frage aller Fragen: Ist Nostalgie tödlich?

Martin Raabenstein: „Mezzanine“, schöne Erinnerungen an das auslaufende, letzte Jahrtausend. Dark, kräftig und ohne das Tricky-GnaGnaGna. Herrliches Highlight das, Herr Herrmann, oder nicht?

Thaddeus Herrmann: Ja, so halb. Bei mir ist es so: Die beiden ersten Alben des Projekts – „Blue Lines“ und „Protection“ – finde ich von A-Z fantastisch. Das sind super Songs, die dazu noch super sequenziert sind. Die Platten funktionieren wie ein DJ-Mix. Hier, auf „Mezzanine“ ist alles etwas anders. Zuerst hat sich das Projekt im Sound gewandelt. Dazu sprechen wir später bestimmt noch. Vor allem aber wird die starre Darreichungsform aufgebrochen. Und diese Tatsache ist dafür verantwortlich, dass ich keine ganz eindeutige Haltung zu diesem Album habe. Das geht alles wunderbar los – mit „Angel“ und dem wunderbaren Horace Andy, der ja auch schon auf den ersten beiden Alben dabei war, und natürlich „Teardrop“ mit der unfassbaren Elizabeth Fraser. Aber es zerfasert danach ein wenig. Meinem Empfinden nach gelingt es nicht, den Spannungsbogen zu halten. Und auch wenn nur elf Tracks drauf sind – vollkommen im Rahmen –, kam es mir beim Durchhören einfach unglaublich lang vor. Also: Das nicht auf den Punkt kommen wollende Album hört auch einfach nicht auf. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Front 242 – Front By Front (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Front 242 – Front By Front (1988)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 30.07.2018

Wenn es um den stampfenden Maschinen-Beat der Prä-Techno-Ära geht, sind Front 242 ausgemachte Helden. Daniel Bressanutti und Dirk Bergen gründeten die Band 1981 in Belgien – als Patrick Codenys, Sänger Jean-Luc De Meyer und der MC Richard Jonckheere aka Richard 23 dazu stießen, rollte die EBM-Welle unaufhörlich auf Erfolgskurs. Diese „Electronic Body Music“ florierte nicht nur, aber vor allem in Belgien – auf einigen wenigen Labels wurden in den 1980er-Jahren die stilprägenden Platten ebenso stilprägender Bands veröffentlicht. 1988 – als „Front By Front“ erschien, war EBM schon global gelebte musikalische Ausdrucksform. Ein Sound, der aber auch Gefahr lief, vom Techno absorbiert zu werden. Dem Sound aus Detroit hatten Front 242, Skinny Puppy, à;GRUMH… und Nitzer Ebb nur wenig bzw. das Falsche entgegen zu setzen. Die Szenen begannen zu verschmelzen und sich abzulösen. 1988 hingegen gingen Front 242 noch steil: Mit ihrem vierten Album legten die Belgier einen Sound-Entwurf vor, der in der Vergangenheit, der Gegenwart und der versprochenen Zukunft verankert war. Straffe Beats, erstaunliches Songwriting und immer noch ein Händchen für Sampling retteten dieses Album problemlos über die Ziellinie des guten Geschmacks all derer, die die Revolution des 4/4-Geschäfts noch nicht wahrhaben wollten. Und heute? 30 Jahre später ziehen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann ihre Tarnwesten über, werfen ihre Netze aus und suchen nach dem „Headhunter“ des guten Geschmacks.

Martin Raabenstein: Sieht man von den deutschen Projekten D.A.F, Einstürzende Neubauten und Die Krupps Anfang der Achtziger mal ab, hat Kontinentaleuropa Mitte dieses Jahrzehntes nur noch wenig auf der elektronischen Pfanne. Front 242 waren die Letzten, die noch erfolgreich und innovativ den von Ralf Hütter geprägten Terminus Electronic Body Music hoch über ihren Köpfen schwenkten. Mit dem Track „Headhunter“ von „Front By Front“ turnten die Belgier sogar in den US Billboard Charts ziemlich weit oben. Wie erklärt sich dieses Alleinstellungsphänomen?

Thaddeus Herrmann: Dem stimme ich schon mal überhaupt nicht zu. Die „elektronische Pfanne“ brutzelte – um mal im Bild zu bleiben – heftigst. Die letzten waren sie also sicher nicht. Aber das gesamte Genre der EBM war zu diesem Zeitpunkt, also 1988, dabei sich zu wandeln. Front 242 waren zu diesem Zeitpunkt ja schon lange aktiv und schwammen im Strom der belgischen Bands und Projekte mit, waren dabei aber wahrscheinlich die Erfolgreichsten. Ich finde das Album interessant, weil es diesen Umbruch in ihrem Sound so explizit herausstellt. Tracks wie „Headhunter“ oder „Circling Overland“ sind ganz klassisch 242 – „Headhunter“ dazu noch der vielleicht größte Hit der Gruppe, was nicht zuletzt auch auf das Eier-Video von Anton Corbijn zurückzuführen ist. Gleichzeitig hört man hier aber zum ersten Mal wirklich den Techno heraus. Da spielt der New-Beat-Einfluss mit rein. Hier vermischten sich Szenen. Es wurde also technoider. Und das – ganz ehrlich – fand ich immer schwierig. Weil es zumindest auf Platte für mich nicht so recht funktionierte. Ganz anders als live. Warum ging „Headhunter“ nun so durch die Decke? Erstens: guter Song. Zweitens: Die Band hat sich das ja auch erpinselt – mit Tracks wie „Quite Unusual“ oder „Masterhit“ im Jahr davor und endloses Touren. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (1988)t

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 16.07.2018

Chuck D, Flavor Flav, Professor Griff, Khari Wynn und DJ Lord zählten mit ihrem zweiten Album die US-amerikanische Gesellschaft und die HipHop-Welt gleichermaßen an. Bessere Raps, bessere Produktion, bessere Samples: Die Angst vor dem schwarzen Planeten zog bereits am Horizont herauf. Die dringliche Melange, die gemeinsam mit Rick Rubin für dessen Label Def Jam entstand, hallte lange nach und wurde zur Blaupause einer musikalischen Protestkultur, die einen noch heute die Faust recken lässt. Die Themen und deren musikalische Umsetzung von Public Enemy sind heute aktuelle denn je. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann überprüfen das Album 30 Jahre später auf die vermaledeite Authentizität, jetten zwischen der Ost- und Westküste hin und her und stellen schließlich die Fragen aller Fragen: Was denkt wohl Kendrick Lamar über „Bring The Noise“?

Martin Raabenstein: Besser kann es ja gar nicht passen. Nach Talk Talk erneut derselbe Begriff – Authentizität. Andere Lesart, komplett gegenteilige Baustelle, Blackness als politischer „It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back“ ist nicht die erste klar gerichtete Botschaft – auch Gil Scott-Heron, Grandmaster Flash and the Furious Five hatten alle schon den Zeigefinger oben. Mit diesem Album aber kommt die dicke Welle, das Statement wird laut und rauher. Schon allein der Bandname ist Programm: „The Black man is definitely the public enemy“. Das ist keine Beastie-Boys-Partymucke, hier kochen die Kessel.

Thaddeus Herrmann: Wir wollten Authentizität doch als Unwort im Schrank lassen! Ich kann das auch schlecht bis gar nicht einschätzen, weil mir die Historie des HipHop einfach abgeht – ich kenne mich nicht aus. Das Album ist jedoch mit seiner In-Your-Face-Attitüde ein großer Wurf. Was ziemlich bemerkenswert ist, weil der Vorgänger – nur ein Jahr zuvor erschienen – längst nicht so weit ist. Da klingt Chuck D eher wie ein nölender Beastie Boy, der noch nicht so recht weiß, wie das alles werden wird. Auch die Produktion ist vergleichsweise lahm. Rick Rubin scheint sich hier einen neuen Kompressor zugelegt zu haben. Gute Entscheidung. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 27.06.2018

Auf diesem Album warfen Mark Hollis, Paul Webb, Lee Harris und Produzent Tim Friese-Greene alle Zweifel über Bord, kehrten das Innerste nach Außen und setzten dem „Prinzip Talk Talk“ eine stille und berührende Krone auf. Dass sich die Band, die mit Songs wie „Such A Shame“, „Living In Another World“ oder „Life’s What You Make It“ der Popwelt Momente der Bedeutsamkeit geschenkt hatte, auf dem Weg in die musikalische Meditation befand, war abzusehen. Doch die sechs Stücke auf „Spirit Of Eden“ hallen bis heute, 29 Jahre und zehn Monate nach der Veröffentlichung, auf beeindruckende Art und Weise nach – kraftvoll und einzigartig. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann sind sich einig wie selten, beamen sich in das Aufnahmestudio, legen sanft das Kinn auf Mark Hollis’ Schulter und summen leise mit: „Take My Freedom For Giving Me A Sacred Love.“

Martin Raabenstein: Von „It’s My Life“ zu „Spirit Of Eden“ ist es ein langer Weg. Jedoch: Gerade mal vier Jahre liegen dazwischen. Was für eine Entwicklung.

Thaddeus Herrmann: Wir sind ja hier quasi live dabei, wie eine Band zerfällt. „Spirit Of Eden“ – das ist ja vor allem nur noch das Zusammenspiel von Mark Hollis und Tim Friese-Greene, der später zu Talk Talk dazugestoßen war. Paul Webb und Lee Harris spielen noch mit, werden aber wie die zahlreichen anderen Gäste vom Kreativ-Duo dirigiert. Über die Gründe dieses doch schnellen Wandels im Sound kann ich nur spekulieren. Das Album ist das Ergebnis endloser Jams, die dann zu Stücken verarbeitet wurden. Keine Konzerte, nur ein Video, das Hollis scheiße fand. Künstlerische Evolution vs. Verweigerungshaltung dem Pop-Business? Was meinst du? Was wiegt schwerer? Details »

Yair Elazar Glotman

glotman

Yair Elazar Glotman.
Northern Gulfs.
Glacial Movements.

Hätte Brian Eno sein 1978er Album nicht „Music For Films“ genannt, vielleicht wäre dieser schwierig zu handhabende und schwammige Begriff „Cinematographic Music“ nie als Pseudogenre durch die Gassen geirrt. Dabei rumpeln auf sehr unscharfe Weise Musik, Sprache und Bild zusammen, hinzu kommt noch dass sich die Filmindustrie lieber mit Standartwerklern wie Herren Zimmer in die Köpfe des Publikums hämmert, als sich einer wirklich intelligenten und starken Musik zu bedienen, wie sie hier von Yair Elazar Glotman vorliegt. „Northern Gulfs“ ist „Ideal Score“ um es mal mit einem anderen Aufkleber zu probieren, die sieben Tracks darauf produzieren ein nicht alzu dunkles aber durchaus angebrochenes Stückchen Kino im Schädel. Das italienische Imprint Glacial Movements unter Alessandro Tedeschi hat schon einige namhafte Artists wie Celer, Pjusk und Loscil unterm Schirm, Glotman ist da ein wunderbarer Neuzugang.

Teebs

teebs

Teebs.
E S T A R A.
Brainfeeder.

Mtendere Mandowa aka Teebs kann mit seinem zweiten Longplayer „E S T A R A“ für Brainfeeder dem 2010er Vorgänger „Ardour“ mit Leichtigkeit einen obendrauf setzen, die fluffige Verspieltheit seiner Instrumental Hip-Hop Produktionen lässt ihn weiterhin zum entspanntesten Aushängeschild des Labels freudig in der Sonne strahlen. „Estar“ meint auf Spanisch einfach nur „Sein“, besser, einfacher kann man das Album gar nicht beschreiben. Teebs ist auch gleichzeitig Maler, seine Arbeiten zieren auf allen seinen Releasen die Cover und es ist zu vermuten dass der Producer hier tief aus der Kreativität eines begleitenden Mediums Ruhe und Gleichmut schöpfen kann. Die Vorstellung dass er Prefuse 73, Lars Hornveth, Jonti und Populous, die hier auf dem Album mitschwingen dürfen, ebenfalls dazu inspirieren konnte zukünftig den Pinsel auf der Leinwand zu verstreichen macht schmunzeln. Das wird man dann ja, ganz wörtlich, sehen können.

Shivers

shivers

Shivers.
s/t.
Miasmah.

Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek umtriebig zu nennen wäre gröbstens untertrieben und es käme einfacher diejenigen aufzuzählen, mit denen er noch nicht gekuschelt hat. Wundersamerweise halten seine vielfältigen Produktionen dennoch einen gehobenen Qualitätsstandart, so auch sein neuester Wurf. Das Trio Shivers setzt sich aus ihm, Gareth Davis und Leo Fabriek zusammen. Für diese Kollaboration hat sich Zuydervelt den ersten David Cronenberg Film als Konzept vorgenommen und den Titel der Einfachheit halber gleich zum Projektnamen gemacht. Die Gefährdungen des eigenen Körpers durch fremde Infiltration und / oder durch ungewollte Transformation ziehen sich durch die sechs Tracks wie eine mit Nadeln bespickte bittesüsse Spur. Drone, Noise, Psychedelic und Free Jazz zerren nicht nur garstig am Ohr, der ganze Organismus fühlt sich unsanft geschmiergelt. Gerade weil die intelligent eingewebten, Beruhigung suggerierenden Passagen letztendlich doch nur den Horror verzögern, zieht „s/t“ weiter seine feinen Haarrisse über die Haut. Was hier draufsteht ist also auch drin. Sehr selten das.

Owen Pallett

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Owen Pallett.
In Conflict.
Domino.

Mit seinem zweiten Album „He Poos Clouds“, 2006 auf Tomlab released, setzte der kanadische Geiger, Sänger und Komponist Owen Pallett, damals noch als Final Fantasy unterwegs, einen ordentlichen Koffer in die Welt. Die sehr eigene Mischung aus klassischen Elementen, minimalem Pop und seiner exzellenten Stimme machte ihn umgehend zu einer der führenden Kapitäne der damals noch frischen „Modern Classical“ Szene. Sein 2010er Nachfolger „Heartland“, ab dann unter eigenem Namen veröffentlicht, verfestigte diesen seinen Stand an Deck. „In Conflict“ wurde zunächst in Island aufgenommen, gänzlich verworfen und nochmals live in Montreal eingespielt. Perfektionisten sind nun mal dickschädlig und das dauert dann etwas länger. Jahre gingen ins Land und Altmeister Brian Eno wurde mit Back-Up Vocals, Synths und Gitarre mit an Bord geholt. Somit könnte die Reise schliesslich zu einem gelungenen „And-lived-happily-ever-after“ führen… und doch, irgenwo ist hier ein Leck, das Boot zieht Wasser. Pallets vertraute Stilelemente versuchen vergeblich das Ganze zusammenzuzurren, die ungelenk eingesetzten Electronica hängen schlapp vom Mast und die schwergängigen Progrock Versatzstücke brechen Löcher in den Rumpf. Das ist eigentlich ganz schön traurig, Anderen gelingt der Spagat zwischen den Genres auch ohne mit dem Wimpel zu zucken. Mit diesem Schiff jedenfalls gewinnt man keine Regatta.

Erik K Skodvin

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Erik K Skodvin.
Flame.
Sonic Pieces.

Nach dem deutschen Duden ist Melancholie ein „von grosser Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneter Gemütszustand“. Gleichwohl sagt Charles Baudelaire, dass er sich keine Schönheit vorstellen könne, in der nicht auch Melancholie stecke. Auf diesem vermeindlichen Widerspruch bilden eigentlich alle Veröffentlichungen von Erik K Skodvin ihre zunächst zierlich erscheinenden, aber rasch zu mächtiger Grösse erwachsenden Strukturen aus, sei es als Labelchef von Miasmah oder mit eigenen Produktionen. „Flame“ bildet da zunächst keine Ausnahme, und doch, etwas scheint milder geworden, zarter fast. Seine mächtig angeschwärtzen Gewitterwolken der früheren Jahre weichen zwar nicht einem strahlend blauen Himmel, da würde man Skodvins Spielfreude gänzlich unterschätzen; die hier so scheinbar friedlich vor sich hinnuckelnden weissen Wölkchen bilden bei näherer Betrachung bizarr aufquellende Formen aus. Eigentlich hätte man von auch gar nichts anders erwartet,
die musikalische Unterstützung von Anne Müller, Mika Posen am Streichgerät und Gareth Davis an der Klarinette helfen da dezent am Auseinanderzupfen von gängigen Darreichungen. „Flame“ fliegt mehr als früher zwischen Musik und Kino und dieses Mehr an „Dazwischen“ macht diesen Release so spannend.

Downliners Sekt

downliners

Downliners Sekt.
Silent Ascent.
InFiné.

Seit dem 2008er Longplayer „The Saltire Wave“ hat man lange auf das dritte Album der Stilhybrid Meister Downliners Sekt aka Fabrizio Rizzin und Pere Solé warten müssen. Die fünf EPs dazwischen waren eine wohlig spritzige Verköstigung, hier nun endlich „Silent Ascent“ und das ziept und zupft so fruchtig perlend am Tanzbein wie es nicht besser zu erhoffen war.
So gestaltet man hochkomplexen Dancefloor, da muss man auch die eingeflossenen Styles oder Microgenres nicht beim Namen nennen. Wer hier nicht das Schuhwerk fester zurrt damit es einem später nicht um die Ohren fliegt, der darf auch nicht in der Ecke sitzend mitanstossen. Schüttelt die Flaschen, lasst die Korken Sputnik spielen und — Spass!!!

Douglas Dare

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Douglas Dare.
Whelm.
Erased Tapes.

Vor knapp einem halben Jahr hat Douglas Dares EP „Seven Hours“ schon starke Wellen geschoben, hier folgt nun das Debüt Album „Whelm“ für das Londoner Erased Tapes Imprint. Es gibt eine ganze Menge Musiker die ihr Stücklein singend, sich selbst am Piano begleitend, vortragen. Dare unterscheidet sich oberflächlich nur in winzigen Details von den Anderen und gerade diese schwer in Worte zu bindenden Eigenarten lassen seinen Fluss diese individuelle, faszinierende Biegung nehmen. Spürt er als Poet einen anderen Einstieg in die Musik oder hat er ein viel tiefer sitzendes musikalisches Selbstbewusstsein und gleichzeitig (oder gerade darum) so eine bezaubernde Art diese unerhörte Wucht seines Antriebs in so ruhigen, eindeutigen Bahnen darzubringen? Gleichwohl, ich finde keine Sprache dafür, ich schaue nach oben und klappe Ab und An den Mund auf und manchmal auch wieder zu. Und dann, auf „Swim“, dem neunten Stück kommt er dann mächtig, lässt den Damm brechen, aber nur kurz, schon fliesst er weiter. Das ist einfach schön, und vielleicht ist es auch völlig egal warum dem so ist.

 

Will Samson

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Will Samson.
Light Shadows.
Karaoke Kalk.

Die Erfahrung einen nahen Menschen zu verlieren ist durch nichts vermittelbar. Nach einem sehr umtriebigen Jahr auf Tour durchlief Will Samson dieses dunkle Tal und zog sich zur Besinnung nach Indien zurück.
Die Reflektionen über diesen traurigen Lebensabschnitt sind nun auf einer 4 Track EP für Karaoke Kalk zu hören, eingespielt mit Samsons Buddy Florian Franzel, der auch bei dessen Longplayer „Balance“ mitproduzierte. „Light Shadow“ ist den Umständen entsprechend ein sehr verhaltener, ruhig im leicht geschwungenen Flussbett dahingleitender, elektro-akustischer Release, der nur im ersten Track durch eine „keine-Angst-es-wird-schon-weitergehn“ 4/4 Kick etwas irritirend eingetaktet wird. Herzerweichende, traurigschöne Musik über die Bon Iver die schützende Hand hält.

Otto A Totland

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Otto A Totland.
Pinô.
Sonic Pieces.

Otto A Totland, der stillere Part des Duos Deaf Center veröffentlicht auf Sonic Pieces sein Debutalbum „Pinô“. Eingespielt in Nils Frahms Studio zeigen Totlands Pianostücke durchaus Ähnlichkeiten zu seinem Aufnahmeleiter, die winterlich anmutenden Szenarien werden allerdings  von einer zarteren Hand gezeichnet. Wo Frahm die Taste kräftig drückt stehen bei Totland Pausen, der Freude am abenteuerlichen Schneetreiben steht eine eher wehmütige, zurückhaltendere Betrachtung gegenüber, ein zeitloses Bild einer tief am Horizont stehenden Sonne, die mit ihren letzten Strahlen die Eiskristalle am Fenster kitzelt. Da heisst es ab unter die Decke und — wo sind Mamas Kekse!!!

Sebastien Tellier

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Sebastien Tellier.
Confection.
Record Makers.

In Zeiten der Ganzkörperschur scheint so ein dicht durchsaftetes Brusthaartoupet eine klärende Alternative zur bleich gewachsten Einerleihaut der Massen zu sein, oder um es mit John Clute zu sagen, die Aliens wenden sich pikiert ab, weil des Menschen wahrer USP sein Geruch ist… er stinkt. Wer dem ungekrönten Superstar der französich-dunklen Siebziger Michel Piccoli einmal ein Autogramm abluchsen wollte weiss, wovon ich rede, dieses konzentrierte anti-bougeoise Odeur, destiliert aus einem lastwagenvoll ungewaschener Fernfahrer… Zigarettenasche und Schuppen der letzten durchsoffenen Wochen auf dem Nadelstreifenrevers. Sehr handfestes Restflackern längst vergangener Revolutionen um Liebe und Freiheit. Feucht, derb, schön…

Simon Fisher Turner

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Simon Fisher Turner.
The Epic Of Everest.
Mute.

Der Mythos, ob der englische Bergsteiger George Mallory 1924 der erste Bezwinger des Mount Everest war, will nicht enden. Zumindest lässt sich nicht eindeutig nachweisen, ob er mit seinem Partner Andrew Irvine
am 8. Juni den Gipfel erreichte, wiewohl seine 75 Jahre nach seinem vermutlichen Absturz gefundene Leiche Indizien aufzeigte, dass er es geschaft haben könnte. Das Archiv des BFI veröffentlicht nun die restaurierte Neufassung des Originalfilmes zur gescheiterten Expedition. Simon Fisher Turner, Musiker, Komponist, Schauspieler und Scoreschreiber von Derek Jarman, wagt sich vorsichtig, präzise und begeisternd an die musikalische Interpretation einer 90 Jahre alten Katastrophe. Der Artist vertonte schon einmal eine BFI-Restaurierung, „The Great White Silence“, ebenfalls eine tödlich endende Expedition, bei der der englische Forscher Robert Scott als zweiter nach Amundsen den Südpol 1912 erreichte um dann auf dem Rückweg zu verenden. Im Gegensatz dazu zieht es Fisher Turner bei „The Epic Of The Everest“ vor, nicht nur mit authentischen Materialien zu arbeiten. Auf allen möglichen Wegen, auch aus dem Internet, sammelte er Sounds zusammen, um mit einer Handvoll wohlbekannter Freunde (Cosey Fanni Tutti, Andrew Blick und Peter Gregson) das Scheitern am Berg nachzustellen. Das Ergebnis lässt einen die Heizung höher stellen, zwischendurch, der Einsamkeit entrinnend ein paar gute Freunde anrufen, um dann nach 16 Tracks wieder auf Anfang zu gehen… wohlig.

Hans Castrup

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Hans Castrup.
Shadowplay.
Karlrecords.

„…eine vibrierende Kombination aus Kalkül und Zufall“, so benennt die Presse die Leinwand Arbeiten Hans Castrups, Grenzgänger zwischen Malerei, Fotografie, Videokunst und Musik. Der Künstler vermengt Techniken unterschiedlicher Medien miteinander und kreiert damit spannungsgeladene Collagen, so auch auf „Shadowplay“, eine experimentelle Melange aus Field Recordings, elektronischen Tongebern und Effegtgeräten. Castrups Lieblingstool ist die Schleifmaschine und so editiert er auch seine musikalischen Fundstücke, das Arbeitsprinzip ist der Taktgeber, nicht die Attitüde. Auf Youtube darf man sich zu allen zwölf Stücken noch die entsprechenden Videos betrachten, und eigenartigerweise gelingt es Castrup hier nicht zu vibrieren, der kalkulierte Zufall formuliert sich besser in der Abwesenheit einer paralellen Bildwelt.