Rewind: Klassiker, neu gehört – Autechre – Chiastic Slide (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Autechre – Chiastic Slide (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 20.10.2017

Irgendwann muss sich jede Band mal entscheiden, wie die Zukunft klingen soll. Im Falle von Autechre und den beiden Musikern Sean Booth und Rob Brown lässt sich der Beginn dieser Periode ziemlich exakt auf 1995 bestimmen. Vorbei war das Schwelgen in üppigen Melodien und mehr oder weniger sanften Beats. Der Sound der beiden Manchesteraner, die zu diesem Zeitpunkt mit „Incunabula“ und „Amber“ zwei stilprägende LPs auf Warp veröffentlicht hatten, mäanderte fortan in immer abstrakteren Gefilden – eine Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen scheint. 1997 zeigt die Band am Scheideweg. Noch kann man sie hören, die Wärme früher Produktionen, die Liebe zu Chords und den Hang, das Filter für das Extraquäntchen Euphorie beherzt aufzudrehen. Aber: Dieses Gerüst wird schon hier scharfkantig kontrastiert von Beats, Strukturen und Tempi-Wechsel, die mit althergebrachten Schaltkreisen so nicht möglich gewesen wären. Als würden zwei Welten aufeinanderprallen, steht „Chiastic Slide“ gleichwohl für Abschied und Neubeginn, für die Vergangenheit und die Zukunft, für die sich jede Band eben irgendwann entscheiden muss. Wie die sich heute schlägt, klären Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann.

Martin Raabenstein: Cooler Scheiß. Macht man so heute auch nicht mehr. Streiche ich mir im Kalender an, den Tag, an dem ich mal sowas sagen würde. Das ist aber auch die letzte Autechre-Scheibe, die man so einfach ohne Paracetamol 600 genüsslich hören konnte.

Thaddeus Herrmann: Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Sean Booth und Rob Brown ihre ersten beiden LPs – „Incunabula“ und „Amber“ – heute eher kitschig finden. Empfinde ich natürlich ganz anders. Aber doch passierte danach ein Bruch. „Tri Repetae“ von 1995 und diese hier definieren den Sound der Band neu. Und sind beide noch so produziert, dass das Alte und das Neue miteinander harmonieren. Wir haben also die Melodien von früher und die Beat Science, die immer mehr von den technologischen Entwicklungen bestimmt wird. Weg von der klassischen Hardware, vom Drumcomputer, hin zur Software, zu MAX/MSP, bestimmt auch zu eigenen Patches. „Chiastic Slide“ ist also der zweite Schritt dieser Transformation, hier klingt alles schon deutlich abstrakter, ist aber auch sehr HipHop, was wiederum gut in die Zeit damals passt. Es gab zahlreiche Labels und Künstler, die sich an diesem digitalen B-Boy-Zeug abarbeiteten. Und nicht nur die Tracks von Autechre funktionieren heute noch gut. Man sagt ja immer gerne, Techno sei so wichtig, weil die Produktionsmittel plötzlich demokratisiert wurden. Die eigentliche Demokratisierung war aber der Laptop. Und Autechre haben den erfunden.

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