Flying Lotus

Flying Lotus.
Until The Quiet Comes.
Warp.

Es gibt Frauen, die hinter vorgehaltener Hand von Igor, dem Masseur mit den gegenläufig kreisenden Fingerspitzen wispern, wohlig, mit halb geschlossenen Lidern und angekrümmten Rücken. Man weiss nicht, ob dieser Mythos aus den USA kommt, oder umgekehrt, er es bis dorthin geschafft hat weitergetuschelt zu werden. So liesse sich zumindest ansatzweise erklären, warum es Steven Ellison aka Flying Lotus anhaltend gelingt, mit der Kraft der zwei in Tempo und Tune gegenläufigen Plattenspielern die Kritiker und das Publikum zu derart orgasmischem Getöne zu verzücken. Es bedarf weiterhin keiner grösseren Anstrengung um den kindlich-sentimentalen Wunsch der aufgeklärten Musikspezialisten nach immer neuen, imaginären Kleidern des Kaisers sowohl verstehen zu können, als gleichwohl den sinnlichen Vorteilen der Anbetung messianischer Grösse nicht wohlwollend gegenüber zu stehen.

Nebelhaft schimmernde Genre Zersplitterung und deren zeitgleiche, brüchige Rekonfiguration zieht sich wie bei den beiden Vorgängern „Los Angeles“ und „Cosmogramma“ durch dieses Album. Verschiedenste Spielarten des Jazz äugen blinzend vom Wegesrand, ab und an aufgenommen von Flying Lotus‘ typischer Bocksprung Beat Programmierung. Die verwendeten Samples klingen holprig und, wie kann man einen Kaiser auch anders deuten mögen, gewollt schmutzig und mit grosszügiger Geste meisterlich drapiert. Manchmal dürfen auch durchaus bekannte Vokalisten wie Erykah Badu und Thom Yorke vor des Meisters Mikrofon scharren, was aber eher wie eine nicht zu ernst zu nehmende, grosszügige Beiläufigkeit daherkommt.

Nach vier Albenseiten verbleibt der Hörer in einer eigenartigen Stille, die zwar ob der multiplen Soundsensationen unterschwellig herbeigesehnt, dennoch aber viel zu schnell einzutritt. Das neue Werk „Until The Quiet Comes“ wäre dann in Würde und Ehrfurcht zu den anderen musikalischen Entäusserungen des Herren dezent in die Sammlung zu schieben, keimte da nicht zaghaft die Erkenntnis auf, dass diese Reaktion nicht neu und die anderen Alben ähnliche Distanz und Divergenz hinterliessen. Hinzu kommt noch, auch das ist allen FlyLo Releasen verwandt – ein Track schwebt weit oben über dem fluffigen Gesummse, so in diesem Fall „Phantasm“, das Restalbums bildet den nötigen, durchaus potenten Nährboden – den Hofstaat sozusagen.

Vermutlich haben alle einen, in welchem Medium auch immer, solcherart still verehrten Unantastbaren, dem man sich nicht wirklich annähern kann, dieser Nähe aber unbedingt bedarf und ihn gerade darum noch mehr in traumverlorene Wolkengipfel entrückt. Klugerweise hat Flying Lotus 2008 sein eigenes Label Brainfeeder gegründet, dessen Producer eifrig, aber nicht zuviel an seinen Skills lecken dürfen, um gerade so das Quentchen Salz für ihre Produkte einsaugen zu können, das den Stoff des Kaisers zwar wage erahnen lässt, die wahre Grösse des Meistern aber nur noch weiter erhöht.