Rewind: Klassiker, neu gehört – Chic – C’est Chic (1978)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Chic – C’est Chic (1978)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 14.05.2018

Chic, das Projekt von Nile Rodgers und Bernard Edwards, steht musikhistorisch für mehr als Disko und Dancefloor. Aber auf der Tanzfläche scheiden sich die Raabenstein’schen und Herrmann’schen Geister immer wieder besonders fulminant. Unter der so wunderbar gleichmäßig gepunkteten Diskokugel des Vergessens hören die beiden „das Album mit ‚Le Freak’“. Ein Gassenhauer, der der LP „C’est Chic“ nicht wirklich gerecht wird. Es kommt, wie es kommen muss: Erst kriegen die Pet Shop Boys aufs Maul, und dann verlieren sich die Spuren im Swimmingpool vor dem Berghain.

Martin Raabenstein: „C’est Chic“ war mehr als nur Disko, eher eine verruchte Änderung der Zeitform, sexualisiertes Futur II: „Wir werden viel Spaß gehabt haben“, das definitive Versprechen also. „I Want Your Love“ drückte keinen Wunsch aus, sondern eine schon im Hier und Jetzt vollzogene Zukunft. Die Babyboomer wackelten sich 70er-like in ihre unkeusche Visionen. Disko hatte 1978 zwar schon ein paar Jährchen auf der Rille, dennoch, heißer Scheiß hier, ein wirkmachtsicherer Feuchtigkeitsspender zur Dauerbespielung.

Thaddeus Herrmann: Dabei klingt es ja aus der heutigen Sicht – also der Zukunft von damals – gar nicht sonderlich aufregend oder anders. Dieses Album beschreibt für mich zunächst ein fast perfektes Cocooning. Es geht also um die Erschaffung eines Raumes, vielleicht sogar eines Paralleluniversums, in dem alles mehr als perfekt wattiert und ausgeleuchtet ist. Wer hier auf der Gästeliste steht, darf sich glücklich schätzen. Muss aber auch den Regeln folgen, sich darauf einlassen, was hier vorgegeben wird. Genau das gelingt aus der heutigen Zukunft natürlich kinderleicht, weil viele der Dinge, die auf dem Album entschieden wurden, mittlerweile Kanon sind. Schon wieder so eine Referenzmaschine. Was interessant ist, weil abseits der Tracks, die heute Gassenhauer sind, es eher die subtilen Nuancen sind, die adaptiert wurden. Ich meine: Wo wären die Pet Shop Boys jemals angekommen ohne diese Streicher-Sounds?!

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Harold Budd – The Pavilion Of Dreams (1978)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Harold Budd – The Pavilion Of Dreams (1978)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 02.03.2018

Harold Budd gilt als Weggefährte von Brian Eno und prägender Mitstreiter in Sachen Ambient. Dabei ist er überhaupt kein Fan dieses Begriffs, schon gar nicht, wenn es um seine eigene Musik geht. Geboren 1936 in Los Angeles, spielte er schon als Jugendlicher Schlagzeug in den Jazz Clubs South Centrals, belegte schließlich einen Kompositionskurs am College, identifizierte sich mit der Haltung von John Cage in Bezug auf die Künste und begann eigene Werke zu komponieren. Das Album „The Pavilion Of Dreams“ markiert seinen Wiedereintritt in die Musik – zuvor hatte er jahrelang pausiert, weil ihm seine eigene Rolle im kompositorischen Prozess nicht mehr ausreichte. Heute kennt man Harold Budd vor allem für seinen ganz eigenen Stil am Piano, den er auf zahlreichen Soloplatten, aber auch mit Brian Eno, den Cocteau Twins oder Robin Guthrie seit den frühen 1980er-Jahren immer weiter verfeinert hat. Mit dem für ihn typischen Soft-Pedal hinter viel Hall hat dieses Album hier aber rein gar nichts zu tun. Auch 40 Jahre nach dem Erscheinen ist es schwer, diese Platte wirklich einzuordnen. Nicht nur, weil viele wichtige Größen aus der Musikwelt hier mitspielen, wenn auch zum Teil nur als Statisten. Brian Eno scheint zu spüren, dass das hier etwas Besonderes ist. Warum sonst hätte er sich als Produzent groß auf das Cover geschrieben? Raabenstein und Herrmann sammeln die Stolpersteine, die das Album und seine Geschichte haben, von der Zeitachse auf und fangen da an, wo man in so einer Situation eben anfängt: bei Ambient und Raumschiff Enterprise.

Martin Raabenstein: „This is only pretty, don’t look for any meaning.“ Wundersames Understatement des Künstlers zu seinem Album oder fein durchdachte, konzeptuelle Grundidee eines ganzen Genres, des Ambient?

Thaddeus Herrmann: Lustigerweise will Budd ja nicht als Ambient-Künstler wahrgenommen werden. Viel Glück dabei, der gute Mann ist mittlerweile über 80, da kann er ja noch ein paar Piano-getupfte Pamphlete verfassen. Dieses Album markierte damals seinen Wiedereintritt in die Musik. Er hatte Komposition studiert, sich in der Minimal Music verloren und irgendwann das Interesse verloren. Dann kommt er mit diesem Album wieder auf die Bildfläche – 1978. Mich erinnert die Musik ja an Raumschiff Enterprise, an diese wenigen Folgen, in denen Kirk, Spock und Co. sich auf Planeten runterbeamen, die einem stilisierten Paradies ähneln, die Menschen oder Lebewesen aber nur Böses im Sinn haben. Wenn man sich dort am sprudelnden Brunnen traf, dann lief so ein Sound. So grell wie schlecht belichtetes Technicolor. Total irre.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – The Beatles – The White Album (1968)

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The Beatles – The White Album (1968)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 01.02.2018

Was folgt auf eine ausgedehnte Meditationszeit in Indien? Natürlich ein Doppelalbum. Die Beatles hatten in den späten 1960er-Jahren ordentlich zu tun: Aus ihrer Musik war längst ein big business geworden, das man in die eigenen Hände genommen hatte. Es wurde gestritten und experimentiert – ein ewiger Kampf der Egos, bei dem mehr kaputt ging, als sich hinterher noch flicken ließ. Zwei Jahre später hieß es nur noch „Let It Be“. Doch hier versammelt die Band 30 Songs, von denen viele in das popkulturelle Unterbewusstsein eingesickert und eine deutlich längere Halbwertzeit aufweisen als die Schrammel-Schlager aus der Pilzkopf-Zeit. Und dann ist da noch Yoko Ono. Alles nicht ganz einfach – oder etwa doch? Raabenstein und Herrmann lassen ihre die Finger über den Prägedruck des weißen Covers gleiten und hören nach.

Martin Raabenstein: Ich würde gerne mit einem Video einsteigen.

Thaddeus Herrmann: OK, was schauen wir?

Martin: Über die Aufnahmen zum Album „The Beatles“ sind viele Geschichten unterwegs. Vor allem die Rolle Yoko Onos bei der Trennung der Fab Four war damals noch, heute vielleicht nicht mehr so sehr, Anlass zum Aufschrei. Betrachtet man in Ruhe den Auftritt von Lennon und Ono bei Dick Cavett ein Jahr nach dem Ausscheiden Lennons, lassen sich einige interessante Details beobachten. Der Erfinder der nach ihm benannten Brille wirkt locker und entspannt, tatkräftig und voller Ideen. Ob Ono das Fass zum Umkippen brachte oder nicht, ist gar nicht so sehr von Belang, vielmehr stellt sich die Frage, was sie dem Mann, der meinte, er sei bekannter als Jesus, zu bieten hatte. Was veranlasst einen Endzwanziger, lieber mit seiner Frau weiterzuziehen, als mit den Buddys im Studio zu werkeln?

Thaddeus: Fangen wir doch mal einen Schritt vorher an. Bei den Beatles gab es im Studio seit jeher ein Freundinnen-Verbot. Das war Lennon dann mit Yoko egal, beziehungsweise Yoko ist einfach mitgekommen. Was weiß ich. Das führte zu Irritationen, die in dieser Phase der Band natürlich besonders dramatisch waren, weil sich die Jungs ja eh schon nicht mehr sonderlich verstanden und alle eher ihr eigenes Ding machen wollten. Man liest schlimme Dinge über die Entstehung des „White Album“. Man war gemeinsam meditieren, und John und Paul haben Songs geschrieben. Aber dann sind alle wieder solo abgereist und haben dann in drei Monaten dieses Album zusammengestochert. Sogar Produzent George Martin nahm sich währenddessen eine Auszeit und Ringo stieg kurzfristig ganz aus. Dafür klingt das Album dann doch ganz gut gelaunt.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

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Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 15.12.2017

Carsten Nicolai ist einer der wichtigsten Künstler der Jetztzeit. Auch, weil er sich nicht auf eine Disziplin festlegen will und kann und sie oft genug sowieso miteinander ganz bewusst vermischt, mal gegeneinander antreten lässt, mal in Einklang bringt. 2007 startete er sein „Xerrox“-Projekt. Angelegt auf insgesamt fünf Teile – drei davon sind mittlerweile veröffentlicht –, steht der Vorgang des Kopierens im Mittelpunkt. Found Sounds werden so lange durch den digitalen Häcksler geschickt, bis sie ihre eigene Identität gefunden haben und sich ihr Ursprung nicht mal mehr von Frequenz-affinen Anthropologen nachweisen oder rückverfolgen lässt. „Xerrox Vol. 1“ gilt als Meisterwerk, auf dem Nicolai schon vor zehn Jahren den geloopten Algorithmen genau den Freiraum einräumte, den sie heute im Klammergriff der großen Technologie-Firmen gerne hätten. Raabenstein und Herrmann begeben sich ein letztes Mal in die Zeitmaschine, deren Zieljahr immer mit „7“ endet. Im kommenden Jahr dreht sich dann alles um die Endziffer „8“.

Martin Raabenstein: „Xerrox“ ist ein, so Carsten Nicolai aka Alva Noto, Sample Transformer, gebaut von Christoph Brünggel. Diese Maschine verarbeitet Aufnahmen von Flughäfen, Anrufbeantworter-Schleifen, Atmos aus Hotels usw. Nicolai vertritt im Pressetext zum Release die These, dass in unserer sich konstant selbst vervielfältigenden Welt die Kopie, sooft sie auch multipliziert und dabei immer wieder zerstückelt wird, immer noch einen Teil des Ausgangsmaterials enthält. Von dieser Idee ausgehend stellt er mit seinem Konzept den Begriff des Originals auf den Kopf. Indem er bei der maschinellen Reproduktion tonaler Ereignisse die Mutation nicht nur zulässt, sondern sie geradezu sucht, behauptet er, die Ergebnisse selbst seien wieder Originale. Angelegt auf fünf Folgen ist dieses vorliegende Album das erste der Reihe. „Xerrox Vol. 1“, zehn Jahre alt – einfach nur mind over matter, oder ist da mehr drin?

Thaddeus Herrmann: Ich trete zunächst mal einen Schritt zurück. Ich hatte die Musik jahrelang nicht mehr gehört und war bei der Vorbereitung ganz außer mir vor Freude. Wie schön diese Platte ist. Warum sie mich so anspringt, ist jedem klar, der meine musikalische Sozialisation kennt. Es sind nur einige wenige Motive, die Nicolai hier fast schon auf Überlänge immer wieder durchexerziert, bzw. wie du schon richtig sagst, durchexerzieren lässt. Ich hatte kürzlich auf einer anderen Baustelle mit den künstlerischen Grundsätzen und Ideen von Nicolai zu tun – da erzählte er diese Geschichte nochmal ausführlich. Welche Rolle für ihn in der DDR damals der Fotokopierer spielte: dieses Gerät, das gleichzeitig vervielfältigt und auch immer leichte Artefakte dazu interpretiert. Genau dieses Prinzip hat er dann mit der Software nachgebaut und sich dabei die technische Überforderung der Maschinen zunutze gemacht. Ein konstanter „buffer overflow“ also, der ja auch die Rollen zwischen Schöpfer und Produktionsmitteln neu definiert. Mit dieser Idee war er sicher nicht der erste. Und es es ist mir eigentlich auch egal. Denn selbst, wenn er jedes Geräusch, jeden Ton minutiös selbst geplant und komponiert hätte, wäre mein Urteil das Gleiche: unglaublich gutes Album. An wen erinnern dich die melodischen Motive? Also das, was hinter dem Rauschen passiert?

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Burial – Untrue (2007)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Burial – Untrue (2007)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 27.11.2017

Wer ist eigentlich dieser Burial? William Emmanuel Bevans betrat 2005 als Anonymous die musikalische Bildfläche. Kein Klarname, so gut wie keine Interviews, keine Fotos. Wenn das Internet nicht weiterhilft, bleiben nur die Beats. Und die machten Burial schnell zum ästhetisch-musikalischen Testamentsverwalter der britischen Rave-Kultur. Die Tracks von Burial sind durchströmt von einer dick wattierten und dabei umso analytischeren Sicht auf das, was den britischen Dancefloor immer wieder so einzigartig und relevant gemacht hat. Herausgelöst aus der lähmenden Zeitachse und abstrahierend neu kontextualisiert für eine Zukunft, in der es keine Vergangenheit mehr gibt. Diese Zukunft ist heute – zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines zweiten Albums „Untrue“ – angebrochen. Zeit für einen Realitäts-Check. Ist der Klassiker wirklich einer?

Martin Raabenstein: Burial. Der Name allein ist ein Mythos. Beim Neustart unserer Reihe im Januar war der schon im Spiel. Der Remix des Beatles-Klassikers „A Day In The Life“ musste gar nicht aus William Emmanuel Bevans Hand kommen, völlig egal, allein das Munkeln um seine mögliche Autorenschaft war ausreichend, den Track ehrfürchtig in alle Ohren zu drehen.

Thaddeus Herrmann: Die Verschleierungstaktik ist ein entscheideneds Stichwort, denn eigentlich war diese Masche ja zu diesem Zeitpunkt bereits durch – kalter Kaffee einer White-Label-Kultur, die es so gut wie nicht mehr gab. Enigmatische Lichtgestalten ziehen aber offenbar immer dann, wenn der begleitende Sound eine bis ins Absurde perfektionierte Post-Alles-Angelegenheit ist. Genau das ist Burial ja, bzw. dafür steht er mit seiner Musik. Es ist ein sperrangelweit offenes Fenster in eine Wunschvorstellung des Dancefloor. Die Garage-Beats rumpeln, bzw: Der Garage-Beat rumpelt, denn mehr als ein Pattern hat er ja nicht drauf. Muss er auch gar nicht, denn natürlich geht es bei Burial vor allem um Sound. Und Design. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Godspeed You Black Emperor! ‎– F♯ A♯ ∞ (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Godspeed You Black Emperor! ‎– F♯ A♯ ∞ (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 08.11.2017

Eine der wichtigsten Gitarrenbands der Neuzeit veröffentlichten 1997 ihre vielleicht wichtigste Platte. Wobei: Band ist bei Godspeed You! Black Emperor eigentlich das falsche Stichwort. Das kanadische Kollektiv zog und zieht auch heute noch in Kammerorchester-Größe mit stetig wechselnder Besetzung durch Studios und Konzerthallen. Phänomenal orchestriert, arrangiert wie ein DJ-Mix, verwurzelt in der prekären Realität der Weltpolitik und randvoll mit musikalischen Ideen, die noch heute zur Standardausstattung vieler Bands gehören, begründete die Gruppe mit diesem Album ihren ganz eigenen Sound aus Rock, Drone, Prog und Sampling-Ambient, der seither kontinuierlich bei Godspeed und in anderen Projekten weiter entwickelt wird. Und 20 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch den gleichen Eindruck hinterlässt? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann friemeln das Vinyl aus dem Goodiebag-Cover und schweben mit.

Martin Raabenstein: Siebziger und Neunziger, aus meiner Sicht die wahrhaft innovativen Jahrzehnte der Musikgeschichte. „F♯ A♯ ∞“ öffnet wunderbare neue Türen, eine nicht enden wollende Melange aus bis dato unvereinbar erscheinenden Styles. Vor allem die Prog-Rock-Anklänge müssten dir doch die Schuppen aus den Achseln wischen, oder?

Thaddeus Herrmann: Ich habe mich dieser Platte aus einer ganz anderen Position heraus genähert, weil – wie du schon richtig erkannt hast und weißt – Prog in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat. Aus meiner verpoppten Indie-Perspektive war dieses Album außerordentlich interessant. Weil ich mich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wirklich mit dem, was dann später Post-Rock oder so ähnlich genannt wurde, auseinandergesetzt hatte. Das war also schon neu. Label? Kannte ich nicht. Leute? Kannte ich nicht. Ich mochte vor allem die darken, ruhigen Passagen. Wie das schon losgeht: „The car is on fire, and there’s no driver at the wheel, And the sewers are all muddied with a thousand lonely suicides, And a dark wind blows.“ Das ist heute noch genauso. Ist schon ein wilder DJ-Mix.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Autechre – Chiastic Slide (1997)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Autechre – Chiastic Slide (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 20.10.2017

Irgendwann muss sich jede Band mal entscheiden, wie die Zukunft klingen soll. Im Falle von Autechre und den beiden Musikern Sean Booth und Rob Brown lässt sich der Beginn dieser Periode ziemlich exakt auf 1995 bestimmen. Vorbei war das Schwelgen in üppigen Melodien und mehr oder weniger sanften Beats. Der Sound der beiden Manchesteraner, die zu diesem Zeitpunkt mit „Incunabula“ und „Amber“ zwei stilprägende LPs auf Warp veröffentlicht hatten, mäanderte fortan in immer abstrakteren Gefilden – eine Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen scheint. 1997 zeigt die Band am Scheideweg. Noch kann man sie hören, die Wärme früher Produktionen, die Liebe zu Chords und den Hang, das Filter für das Extraquäntchen Euphorie beherzt aufzudrehen. Aber: Dieses Gerüst wird schon hier scharfkantig kontrastiert von Beats, Strukturen und Tempi-Wechsel, die mit althergebrachten Schaltkreisen so nicht möglich gewesen wären. Als würden zwei Welten aufeinanderprallen, steht „Chiastic Slide“ gleichwohl für Abschied und Neubeginn, für die Vergangenheit und die Zukunft, für die sich jede Band eben irgendwann entscheiden muss. Wie die sich heute schlägt, klären Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann.

Martin Raabenstein: Cooler Scheiß. Macht man so heute auch nicht mehr. Streiche ich mir im Kalender an, den Tag, an dem ich mal sowas sagen würde. Das ist aber auch die letzte Autechre-Scheibe, die man so einfach ohne Paracetamol 600 genüsslich hören konnte.

Thaddeus Herrmann: Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Sean Booth und Rob Brown ihre ersten beiden LPs – „Incunabula“ und „Amber“ – heute eher kitschig finden. Empfinde ich natürlich ganz anders. Aber doch passierte danach ein Bruch. „Tri Repetae“ von 1995 und diese hier definieren den Sound der Band neu. Und sind beide noch so produziert, dass das Alte und das Neue miteinander harmonieren. Wir haben also die Melodien von früher und die Beat Science, die immer mehr von den technologischen Entwicklungen bestimmt wird. Weg von der klassischen Hardware, vom Drumcomputer, hin zur Software, zu MAX/MSP, bestimmt auch zu eigenen Patches. „Chiastic Slide“ ist also der zweite Schritt dieser Transformation, hier klingt alles schon deutlich abstrakter, ist aber auch sehr HipHop, was wiederum gut in die Zeit damals passt. Es gab zahlreiche Labels und Künstler, die sich an diesem digitalen B-Boy-Zeug abarbeiteten. Und nicht nur die Tracks von Autechre funktionieren heute noch gut. Man sagt ja immer gerne, Techno sei so wichtig, weil die Produktionsmittel plötzlich demokratisiert wurden. Die eigentliche Demokratisierung war aber der Laptop. Und Autechre haben den erfunden.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Photek – Modus Operandi (1997)

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Photek – Modus Operandi (1997)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 09.10.2017

Rupert Parkes gilt als einer der größten Dons des Drum and Bass überhaupt. Ob als Aquarius, Special Forces, Studio Pressure, The Sentinel oder als Photek: Parkes prägte in den 90ern den Umgang mit Breaks und Bass wie kaum ein anderer. Auf Metalheadz, Good Looking, Certificate 18 und seinem eigenen Label hat er ebenso veröffentlicht, wie auf Science, einem kuscheligen Autoren-Label, mit dem Virgin ein Stück des Hype-Kuchens abbekommen wollte. Hier erschien 1997 sein Album „Modus Operandi“ – ein Meilenstein der immer weiter auseinander driftenden UK-Szene. Photeks Umgang mit Breakbeats in dieser Zeit war einzigartig. Der Amen? Vergessen. Statt offensichtlicher Abfahrt widmete sich Parkes der punktgenauen Sezierung von Sounds in technologisch vollständig entkernten Rohbauten der musikalischen Erinnerungen. Genau die waren bei Photek immer speziell. Niemand wechselte so schnell zwischen asiatisch geprägter Sample-Kultur und einer tiefen Verbundenheit zur Techno-Ästhetik Detroits und Sheffields hin und her. Ein reißender Strudel, in den man nicht nur freiwillig hineinsprang, sondern in dem man auch nur zu gerne unterging. Und heute? 20 Jahre später machen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann die Probe aufs Exempel. Verteilt auf drei schwergewichtige 12“s dreht sich „Modus Operandi“ erneut.

Thaddeus Herrmann: Wir schreiben das Jahr 1997 und Drum and Bass? Schon sehr unentschieden, bzw. sehr weit verzweigt. Rupert Parkes hatte zu diesem Zeitpunkt schon viele prägende und wichtige Platten veröffentlicht, die sich vor allem dadurch auszeichneten, dass sophisticated auch rollen kann. Rollen muss. Auch er hat sich natürlich – wie alle anderen – am Amen-Break abgearbeitet und ihn bis auf die molekulare Ebene gechoppt. Aber am besten fand ich Photek immer, wenn er den Smasher beiseite gelegt und sich auf andere Breaks gestürzt hat. Zum Beispiel hier, auf seinem ersten Album. Ein großer Techniker!

Martin Raabenstein: Großer Techniker und absolut begnadeter Minimalist. Wer wissen will, wie man aus etwas ganz Kleinem etwas ganz Großes drehen kann: Hier ist die Goldmine. Klingt wie gestern frisch gepresst, die Platte, wäre fein, wenn dem so wäre – oder?

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Rewind: Klassiker, neu gehört – The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Housemartins – The People Who Grinned Themselves To Death (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 21.08.2017

Eine komische Band, manchmal auch im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwei Jahre lang – von 1985 bis 1987 – veröffentlichten The Housemartins Musik. Vier Jungs aus Hull im Nordosten Englands – Paul Heaton, Stan Cullimore, Hugh Whitaker (hier schon nicht mehr dabei und ersetzt durch Dave Hemmingway) und Norman Cook. Was vorne heraus zum Großteil wie La-La-Gitarrenpop wirkte, hatte textlich Biss und gerade auf den B-Seiten ihrer EPs auch musikalische Tiefe und Überraschungsmomente. Wer in der Zeit aufwuchs, in der das englische MTV plötzlich in deutsche Kabelnetze eingespeist wurde und die Popkultur einen visuellen Ruck machte, erinnert sich noch gut an das Video zu „Caravan Of Love“, einem Cover der Isley Brothers. A Capella vorgetragen, im Mittelgang der Kirche kriechend und predigend von der Kanzel hinab: der einzige Nummer-1-Hit der Band, die sich schon mit dieser zweiten LP wieder von der Bildfläche verabschiedete. Sänger Heaton gründete „The Beautiful South“, Norman Cook machte erst „Beats International“ und wurde dann zum Fatboy Slim. Herrmann & Raabenstein setzen ihre leicht angestaubten Indie-Brillen auf und drehen vorsichtig laut. Denn in der Lounge des britischen semi-detached house sind die Wände dünn, das Bier ist warm und das Acid knapp.

Martin Raabenstein: Ohne Vorbereitung heute, höre das Album zum ersten Mal wieder seit den Achtzigern. Sofortige, positive MTV-Memories. Das hier sind deine Pop-Wurzeln?

Thaddeus Herrmann: Auf jeden Fall. Ich habe die Band wie viele andere damals in meiner Hood auch bei MTV entdeckt, „Caravan Of Love“ lief da ja rauf und runter, „Happy Hour“ auch, da habe ich mal die LP gekauft. War super. Leider habe ich damals das Konzert in Berlin verpasst. Das fand im Loft statt, diesem Indie-Club im damaligen Metropol. Ich war am gleichen Abend genau dort, im Metropol, weiß aber nicht mehr, wer da gespielt hat. Das war der einzige Gig der Housemartins ever in Berlin, wenn mich nicht alles täuscht. Egal. Wir wollen ja über die zweite LP sprechen. Die ist ja schwierig, sagt die Pop-Kritik. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Prince – Sign O’ The Times (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Prince – Sign O’ The Times (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 31.07.2017

Es muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein. Als Prince 1987 sein siebtes Album veröffentlichte, hatte er sich zuvor von seiner Band getrennt und gleich drei andere Platten verworfen. Es sollte das Magnum Opus werden, die Essenz dessen, an was sich Prince Rogers Nelson zuvor abgearbeitet hatte. Nur auf Druck der Plattenfirma kürzte er „Sign O’ The Times“ schließlich – als sein bestes Album gilt die Platte dennoch. Keine Überraschung, dass es danach mit der Karriere des Musikers kompliziert wurde. Martin Raabenstein ist nach wie vor Feuer und Flamme, auch wenn hier „schlimmste Maul- und Klauenseuche“ drauf ist. Und Thaddeus Herrmann findet hier den einzigen Prince-Track, der ihm etwas bedeutet. Was kann das Zeichen der Zeit von 1987 drei Dekaden später noch? Und was hat Michael Jackson mit Stefanie Tücking zu tun? Rewind!

Martin Raabenstein: Genreüberschreitender Black Music God, egozentrische Style-Ikone oder ewig nervendes, zwergwüchsiges Froschmännchen, dessen Wunsch, endlich seine fehlenden 29 Zentimeter draufgeküsst zu bekommen, nie erhört wurde. Und dann auch noch gemeinsam mit so vielen anderen Super Heroes brav in einer Reihe letztjährig mitverstorben – heute geht es um Prince und sein Album „Sign O’ The Times“. 30 Jahre, Thaddi, du als der richtig tief durchdrungene Prince-Fan feierst also mit allem, was dazugehört kräftig mit?

Thaddeus Herrmann: Voller Respekt für eine Baustelle, auf der ich nie angeheuert habe. Aber: Das Titelstück ist der einzige Prince-Track, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Der ist herrlich klar. Tolles Video auch! Prince ist mir generell zu wuselig. Und ich komme auch mit seinen Grooves in der Regel nicht wirklich hin.

Martin: Da ist zwar Funk drin, aber die extensiv genutzte LinnDrum macht das doch eher gerade. Was verwirrt dich? Wo ist der Wusel?

Thaddeus: Ich bin nicht wirklich verwirrt, es berührt mich nicht sonderlich. Das ist geradezu ein Sound-Dickicht, in dem ich mich nicht zurecht finde. Alle Musiker sind voll am Start und machen ihr Ding und vorne steht der Prince und macht noch mal extra Yeah! Das ist mir zu viel. Leider. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Depeche Mode – Music For The Masses (1987)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 19.07.2017

Der Titel ist Programm: Mit „Music For The Masses“ wurden Depeche Mode endgültig zum Phänomen der Popmusik. Die sechste LP der Band streicht auch das letzte bisschen Teenie-Gekreische aus dem Sound, „Never Let Me Down Again“ ist einer der größten Hits ihrer Geschichte überhaupt und ganz Amerika lag fortan Martin Gore, Dave Gahan, Andrew Fletcher und Alan Wilder zu Füßen. Ist „Music For The Masses“ nun ein prägendes Stück der Musikgeschichte? Thaddeus Herrmann ist als Fanboy vorbelastet, findet an der Platte aber dennoch Makel. Und Martin Raabenstein spricht von der vulgären Banalität des Mittelmaßes. Der musikalische Retro-Roundtable ist in den 1980ern angekommen.

Thaddeus Herrmann: Da ich ja weiß, wie sehr du meine Lieblingsband magst, ordne ich dieses Album zunächst mal ein. „Music For The Masses“ ist die Platte, die die Band final groß machte. Wäre Depeche Mode eine Firma, wäre das Album ihr Börsengang. Am Ende der angeschlossenen Welt-Tournee spielten sie vor 4.576 Millionen Menschen im Rose Bowl in Pasadena. Die Platte war vor allem für den Durchbruch in den USA entscheidend. Das ist interessant, weil ich zumindest gar nicht so recht nachvollziehen kann, warum es gerade diese Songs sein mussten. Als Album nehme ich das heute doch eher unentschieden war. Hier finden sich zwar einige der größten Hits der Band – allen voran natürlich „Never Let Me Down Again“, aber auch „Strangelove“ und „Behind The Wheel“, dann sind hier aber auch Tracks drauf, die so gar nicht ins Bild einer Hit-Platte passen wollen. Dazu kommt, dass gerade „Strangelove“ und „Behind The Wheel“ in wirklich schlechten Versionen auf dem Album sind. Warum? Weiß man nicht. Aber: Es ist dennoch eine bemerkenswerte Platte. Es ist die erste, die die Band nach vielen Jahren nicht mehr in Berlin gemischt hat. Es ist auch die erste Platte, die nicht mehr vom Label-Boss Daniel Miller produziert wurde. Zum ersten Mal hört man Gitarren auf mehr als einem Track. Es ist auch der Beginn der „Dance-Remixe“, „Behind The Wheel“ wurde von den Beatmasters gemixt und im Zuge der Veröffentlichung gibt es auch die erste Cover-Version ever der Band: „Route 66“. So. Pause. Wie findest du die Platte denn so?

Martin Raabenstein: Wenn man Musik für die Massen macht, kann man natürlich auch erwarten, dass diese Massen brav ihr entsprechendes Gadget schwenken. Früher konnte man mit diesem Tool Zigaretten anzünden, heute ist das Smartphone der Beweis für die Freundin, dass man auf einem Konzert war und nicht bei deren Schwester. Also wedelt man damit. Das fühlt sich an wie WM-Endspiel, nur ohne Fußball. DM sind wie diese Massenveranstaltungen, 1981 aufgetaucht und dann nie wieder gegangen. Als MTV so gegen ’87 anfing, den Fernsehabend zu verzücken, waren sie auch da. Ok. Hier also das Album zu den Clips von damals.aktiviere JavaScript, falls es in deinem Browser deaktiviert sein sollte. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Talking Heads – 77 (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Talking Heads – 77 (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 16.06.2017

Lange bevor sich die Talking Heads auf die „Road To Nowhere“ begaben, rüttelte ihr Debüt an vielen Theken Drinks plötzlich andersrum. „77“ ist ein wichtiges Album, nicht nur für die Karriere von David Byrne und seinen Mitstreitern. Der Urknall einer Band, bevor sie von Brian Eno gekapert wurde. Thaddeus Herrmann versucht sich der Platte mit der Rezeptionsbrille des Spätgeborenen zu nähern, Martin Raabenstein erklärt die Nightlife-Regeln der 70er. Derweil sind die Leinen schon los: Der Retro-Roundtable steuert auf die 80er zu.

Martin Raabenstein: Das ist jetzt schon die dritte Platte aus den Siebzigern. Ein Jahrzehnt zu früh für dich, wie ich weiß. Und noch nicht mal von Brian Eno produziert, dafür sind wir wiederum ein Jahr zu früh. Aber: 40. Geburtstag. Also!

Thaddeus Hermann: Es ist aber die erste der drei Platten, zu deren Protagonisten ich keinerlei Beziehung aufgebaut habe und mich rückwirkend mit ihrem Werk beschäftigt habe. Natürlich kenne ich die Hits der Talking Heads, natürlich habe ich ein Buch von David Byrne im Schrank, obwohl ich es, glaube ich zumindest, nie wirklich gelesen habe. Das ist eine Band, bei der ich nie das Bedürfnis hatte, nachzuhören. Und der erste Track erklärt auch gleich warum. Puh, vorbei. Also. 1977. Ich bin fünf. Immer noch sozusagen. Und da kommt diese Platte raus. Warum eigentlich?

Martin: Die Briten und immer wieder diese Briten, ganz einfach. Man muss ja in den USA schwerst Pina Colada durch die Ohren gesaugt haben, um nicht mitzubekommen, dass da drüben heftig etwas durch die Wand bricht. Die Amerikaner hatten … die Ramones. Bei denen die Heads auch gleich ihr erstes Konzert abgeliefert haben. Aber nimm zum Beispiel die 1976er-Kompilation „Live From The CBGB’s Club, New York – The Home Of Punk Rock“. Da sind die Shirts drauf. Und Mink De Ville. Ganz nett, ein bisschen zu viel Stones gehört, aber ansonsten: Geht’s noch?

Thaddeus: Wenn dieses Album Underground ist, dann hat man in den USA aber ganz schön gelitten zu der Zeit.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Kraftwerk – Trans Europa Express (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Kraftwerk – Trans Europa Express (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.04.2017

Bevor aus Kraftwerk Roboter wurden, setzte sich die Düsseldorfer Band in den Trans Europa Express. Und nahm mit dieser Platte 1977 ihr vielleicht wichtigstes Werk überhaupt auf. Der Titeltrack ist ein unbestrittener Klassiker und gilt auch heute noch als einer der wichtigsten Referenzpunkte überhaupt, wenn es um die Entstehung von Electro und Techno geht. Afrika Bambaata sampelte das Stück in „Planet Rock“ und machte die Deutschen so zu Helden der HipHop-Kultur. „Trans Europa Express“ zeigt aber auch erstmals das gesamte Pop-Potenzial der Band, das in den Folgejahren mit den Alben „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ endgültig die Oberhand im Kraftwerk-Sound gewann. Hier jedoch, auf TEE, leben Erbe und Zukunft der Band noch gleichberechtigt nebeneinander. Herrmann und Raabenstein sind sich einig: So gut waren Kraftwerk nie wieder. Das gilt auch 40 Jahre nach der Veröffentlichung.

Martin: In Politik ’ne 6, sprachlich gerade mal eine 5 und die 1 in Musik. So schafft man doch keine Versetzung in die nächste Klasse.

Thaddeus: Aha!

Martin: Okay, von vorne. „Trans Europa Express“ hat nicht mehr die selbstbestäubte Traumsuseligkeit des krautdurchwirkten Vorgängers „Radio-Aktivität“ und liebäugelt noch nicht mit den Giorgio-Moroder-Sequencer-Diskotäten des 77er-Donna-Summer-Stampfers „I Feel Love“ wie später auf „Die Mensch-Maschine“. Aus meiner Sicht ist das Album damit der eigentlich originäre Blueprint des Kraftwerk-Sounds.

Thaddeus: Da kann ich nur zustimmen. Wenn ich mit für eine Kraftwerk-Platte entscheiden müsste, ich würde immer diese hier nehmen. Eigentlich aus genau den Gründen, die du auch anführst. Es ist das stilprägendste Album der Band, ein komplett durcharrangiertes Statement. Mit allen Zutaten, die den späteren Erfolg und die Massenkompatibilität der Band begründet hat, dabei aber noch sperrig und Lo-Fi genug, um nicht in die Gassenhauer-Falle zu tappen. Warum ist das so? Ich will nicht auf den Titel-Track „Trans-Europa-Express“ hinaus, nicht auf dessen Adaption durch die New Yorker HipHopper, auf dieses eine Sample, das die Band nochmal einem ganz anderen Publikum näher gebracht hat. Es sind genau die anderen Tracks, die hier so immens wichtig sind. Wo ich nicht zustimme, ist deine Bewertung des vermeintlich Politischen. Aus der heutigen Distanz finde ich den europäischen Gedanken erstaunlich überzeugend und nachhallend. Das ist rund. Sehr naiv, irgendwie putzig. Aber in seiner Bescheidenheit wahnsinnig groß. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört Brian Eno – Before And After Science (1977)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Brian Eno – Before And After Science (1977)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 15.02.2017

Im Dezember 1977 erschien Brian Enos fünftes Studio-Album „Before And After Science“. Vorbei war seine Zeit bei Roxy Music, der Musiker widmete sich vermehrt dem Sound, den wir heute Ambient nennen. „Discreet Music“ hatte er bereits vorgelegt. Kurze Zeit später sollte „Music For Airports“ folgen, eine Platte, die maßgeblich für den Ruf Enos verantwortlich ist, den er noch heute genießt. Für „Before And After Science“ arbeitete Eno mit zahlreichen Musikern zusammen: seinem ehemaligen Roxy-Music-Kollegen Phil Manzanera zum Beispiel, aber auch Phil Collins, Robert Fripp, Jaki Liebezeit, Achim Roedelius, Freds Frith und Kurt Schwitters. In Enos Diskografie markiert das Album einen Wendepunkt. Vergangenheit und Zukunft treffen in kompakten 40 Minuten aufeinander, einige seiner besten Songs überhaupt inklusive. Herrmann und Raabenstein hören 40 Jahre später einordnend nach.

Martin Raabenstein: Während in England schon die ersten Punks starben, lange bevor der Begriff hier in der Republik überhaupt massentauglich wurde, bringt Brian Eno ein weiteres Vokalalbum. Seine Spiderweb-Spaghetti-Tolle hat er dafür schon kurz über den Ohren gestutzt, damit man besser höre, was denn da noch so kommt. Zeitgleich sind seine ehemaligen Buddies von Roxy Music auf dem besten Wege, das musikalisch schlimmste Jahrzehnt vorzubereiten, das ich kenne, die Achtziger.

Thaddeus Herrmann: Ich muss mich direkt an dieser Stelle aus ZDF-History ausblenden, weil ich mein Kabel-Abo nicht bezahlt habe. Tut mir leid! Spaß beiseite. Das ist eine sehr unentschiedene Platte, finde ich, zumindest geht sie so los. Da rockt das Honky-tonk und alles klingt so gar nicht nach Punk, sondern vielmehr nach Pub Rock. Das gibt sich zum Glück recht schnell, und dann wird das Album auch für mich interessant oder zumindest interessanter.

Martin: Ich hätte da noch härtere Worte als Pub Rock. Diese Southhampton-Pfadfinder’s lustige Wanderlieder sind nie meins gewesen.

Thaddeus: Die ersten beiden Tracks hätten die Jungs damals wirklich weglassen können. „Before And After Science“ finde ich spannend, aber nicht bahnbrechend. Zwei seiner besten Songs aller Zeiten sind hier zu finden, über die sprechen wir bestimmt noch. Man merkt der Platte auch an, dass er parallel bereits an seinen Ambient-Konzepten arbeitete. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 19.01.2017

2017 jährt sich die Veröffentlichung eines Albums zum 50. Male, das vielen Beatles-Fans als einschneidend in der Geschichte der Band gilt: Vorbei die Zeit der Tourneen. Vorbei die Zeit der Anzug tragenden Pilzköpfe, vorbei die Zeit des Rock’n’Roll. „Pepper“ markiert den Beginn einer neuen Phase, die gleichzeitig den Zerfall der Gruppe einläutet. Aus der Band wird ein loser Zusammenschluss von Musikern, die das Studio und dessen Möglichkeiten für sich entdecken. Songs sind nicht mehr nur einfach Lieder, sondern immer auch ein Ausloten des technisch Möglichen. Auf der Zeitachse eingerahmt zwischen „Revolver“ (1966) und „The Beatles“ (1968, dem so genannten „White Album“), ist „Pepper“ ein mitunter unfertig und komisch tönender Hybrid, der zwar ein neues Kapitel in der Geschichte der Beatles aufschlägt, gleichzeitig aber immer noch deren Vergangenheit atmet. Welche Wirkung hat das Album heute, 2017, 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann tauschen LSD und Heroin gegen eine Flasche Rotwein und haben die Originalpressung aufgelegt. Die steht – natürlich – bei Raabenstein im Regal.

Mit diesem Text beleben Raabenstein und Herrmann ihre Kolumne „Rewind“ neu und arbeiten sich in den kommenden Monaten durch die vergangenen Jahrzehnte Platte um Platte gen Gegenwart.

Martin Raabenstein: Stell’ dir vor, dir fällt erst im Alter von 25 auf, dass die Beatles nicht „All you need is bla bla bla“ gesungen haben, sondern tatsächlich „All you need is love“. Während die Deutschen schwer an ihren mangelnden Sprachkenntnissen zu knabbern hatten, haben die Briten da ganz andere Dinge aus „Pepper“ herausgehört. Die BBC hatte die Platte faktisch auf dem Index, da hier offensichtlich Drogen verherrlicht wurden.

Thaddeus Herrmann: Die fiesen Drogen wieder, das passt ja in die Zeit des Niedergangs des Establishments. Jahrhunderte vor Punk, man ist nicht amused, weil die Töchter der White-Hall-Manager verdorben werden. Von so Jungs, die früher immerhin noch anständige Frisuren hatten, aber mittlerweile … naja, sieh dir das Cover an. Musste ja ein Skandal werden. Warum ist das Album eigentlich so wichtig?
Martin: Ich denke, „Pepper“ ist die Matrix für fast alles. Die Beatles konnten bis dahin ja machen was sie wollten: Die Mädels haben geschrien. Wenn die Fab Four die Bühne betraten, war nur noch tosendes Gekreische zu hören, an allen Ecken standen Doktores, die hysterische Teenager beruhigen und manchmal sogar wegtragen mussten.

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