Rewind: Klassiker, neu gehört – Nick Drake – Five Leaves Left (1969)

von | Jan 16, 2019 | Allgemein, archiv 2019, Reviews | 0 Kommentare

Rewind: Klassiker, neu gehört
Nick Drake – Five Leaves Left (1969)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 16.01.2019

1969 passierte das, was in der Geschichte der Tonträger praktisch jeden Tag passiert: Ein junger Mensch veröffentlicht ein Album, und kaum jemand interessiert sich dafür. Zu diesem Zeitpunkt war Nicholas Rodney Drake 21 Jahre alt – fünf Jahre später war er tot. Heute gilt der Engländer als einer der einflussreichsten Singer/Songwriter aller Zeiten. Drei Alben nahm er in dieser kurzen Periode auf und stürzte tief in den Tunnel der drei großen Ds: Drugs, Depression, Death. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann legen schweren Herzens das Debüt von Nick Drake auf. Und geben sich einem Crooner hin, dessen minimal arrangierte Stücke noch heute so kraftvoll fließen, dass sie den Künstler schon längst im Paradies haben an Land gehen lassen.

Martin Raabenstein: Die wenigen Werke von Nick Drake sind in meinem Kopf eng miteinander verbunden, sie verbleiben eher wie ein in sich verschlungenes Triple-Album als drei unabhängige Releases, wenn auch die Grundstimmungen sehr unterschiedlich sind. Da ich irgendwann aufgehört habe, mich für die Beipackzettel von Alben zu interessieren, war es für mich umso mehr verwunderlich, dass Drake schon 1968 mit den Aufnahmen zu „Five Leaves Left“ begann. Ich hätte diese Platten musikalisch eher in den Mitsiebzigern verortet.

Thaddeus Herrmann: Das ist deine Epoche, ich bin da auch auf deine Expertise angewiesen. Warum also würdest du das Album zeitlich später einsortieren?

Martin: Das ist nicht und klingt auch nicht wie die Sechziger. Hier steckt eine andere, sich nach mehr sehnende Kraft dahinter. So kommen wir gleich vom Start weg gleich auf Drakes Grundproblem – seine Depression. Wie er auf diesem Album vorgeht, macht man das eigentlich erst in den Siebzigern, getrieben von einer unendlichen Traurigkeit. Vorgetragen mit entrückter, unverhallter Stimme, die sich von der Gitarre umwickeln und mittragen lässt, einem dunklen Nichts entgegen.

Thaddeus: Dann haben wir es hier ja mit einem echten Pionier zu tun, der – das ist mein Gefühl – jedoch nie ein Pionier sein wollte. Seine Vita liest sich, als wäre ihm die Musik schon wichtig gewesen, es ihm aber im Traum nicht eingefallen wäre, daraus so etwas wie eine Karriere zu entwickeln. Was ihm faktisch ja auch erst posthum geglückt ist. Alle drei Platten waren finanzielle Flops, die Kritiken mau, Airplay war praktisch nicht existent. Nur John Peel hat es gespielt. Gereicht hat ihm das natürlich nicht, also entwickelte er eine Art renitente Haltung gegenüber dem Business. Zurück bleibt die Musik. Und die ist auf diesem ersten Album doch sehr auf den Punkt und gelungen – in aller Stille.

Martin: Hinzu kommt noch das alte, leidige Thema – der schüchterne, introvertierte Musiker und die Drogen. Dabei ist es wohl völlig unerheblich, ob die Depression die Drogen nach sich zieht oder umgekehrt. Alles verbleibt im Loop des sich in den Schwanz beißenden Wurmes. Drakes Spuren im Musikjournalismus sind spärlich. Kein Wunder also, dass sich die Sache heute nicht mehr klären lässt, sich im Gegenteil sogar ein Mythos darauf aufbauen kann. Die Liste der Musiker, die den einsamen Meister als Inspiration angeben, ist schier endlos.

Thaddeus: Die Musik von Nick Drake passte später sicherlich immer noch oder wieder in ein gewisses Mindset. Immerhin wurde er so überhaupt noch entdeckt. Entrückte – das meine ich gar nicht böse – Singer/Songwriter gibt es ja in jeder Epoche. Ganz egal, wie das dann ganz konkret klingt. Dass sich in den 1980er-Jahren plötzlich Musiker auf ihn bezogen, passt gut ins Gesamtbild. Klassische Outsider eben. Robert Smith, David Sylvian … eh klar, dass es hier Parallelen gibt. Ich würde sogar noch eine Generation weiter in Richtung meiner Realität gehen: Neil Halstead von Slowdive hat auch ganz viel Nick Drake geatmet. Das wird vor allem bei seinen Solo-Aufnahmen und Mojave 3 sehr deutlich.

Martin: Der Bogen zieht sich für mich noch viel weiter, bis hin zu Bon Iver, Bonnie ‚Prince‘ Billy und Iron And Wine. Ich mag solche sich über die Jahrzehnte hinweg durchziehende Blueprints, schade nur, dass die Urkraft, der Erfinder des Ganzen so einfach, so still und leise ins Loch einfährt. Man weiß einfach nicht, ob das Ganze einem größeren Plan folgt. Auf „Fruit Tree“ singt Drake: „Mach dir nichts draus, sie werden dastehen und starren, wenn du gestorben bist.“ Eine klare, vermeintlich eindeutige Linie, wenn du, gänzlich in deiner Musik versinkend, dein Ende auf der ersten Veröffentlichung schon mit einbaust. Das kann man schon als ganz schön spooky deuten. Der Mann ist 1974 mit nur 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva verstorben – fünf Jahre, nachdem er es 1969 mit „Five Leaves Left“ quasi durch die Blume angedeutet hatte. Fünf harte, finale Jahre, was ein Zufall – oder Schicksal, wie auch immer man das benennen will.

Thaddeus: Immerhin scheint es ein Album zu sein, welches zum Großteil nach seinen Wünschen fertiggestellt wurde. Und seiner Persona klanglich ja offenbar auch viel mehr entspricht als der Nachfolger. Da lachten die Tracks und er weinte innerlich noch stärker als auf dieser Platte hier. Ich werde dennoch den Eindruck nicht los, dass hier jemand zu einem Tonträger kam wie die Jungfrau zum Kinde. Vielleicht war es gar keine gute Entscheidung aller Beteiligten, ihn dieses Album überhaupt machen zu lassen. Warum hat sich denn nun aber damals niemand für seine Musik interessiert? Waren es deutlich lautere Zeiten, in denen er schlicht nicht durchdringen konnte?

Martin: Introvertiertheit, Schüchternheit, nenne es wie du magst. Drake war äußerst wortkarg und verschlossen, ganz in sich. Darüberhinaus konnte er seine Fertigkeiten auch schwerlich live umsetzen – seine Tracks sind auf jeweils sehr unterschiedlichen Gitarrengrundstimmungen aufgebaut. Das Publikum empfand es als nervend, wenn sie einem Musiker folgen sollten, der ständig sein Instrument in die richtige Tonart stimmen musste. Damit baut sich viel Stress auf, und Drake war dafür einfach nicht gebaut. Also, null Punkte auf allen Marketing-Skalen und wenn man dann auch noch mitten im Track abbricht und die Bühne fluchtartig verlässt – schlimmer gehts nimmer. Das klingt nach Loser, Nichtskönner.

Thaddeus: Zehn Jahre später nannte man das Von-der-Bühne-Gehen dann Punk, und es wurde gefeiert. Aber letztendlich heißt das ja, dass damals alles genauso war, wie es heute wieder ist: Ab auf die Bühne, spiel! Sonst verdienst du nichts. Die Koordinaten des Erfolgs haben also seit 1969 einmal den Todesstern umkreist. Mit dem Unterschied, dass jemand, der heute nicht live spielt, nicht mit der Presse redet oder wenn, dann nur einsilbig an die Decke guckt, durchaus als cool gelten kann. Und seinen Shit dann auf Bandcamp verkauft. Vielleicht wurde er damals ja auch nur mit immer wieder der gleichen Frage konfrontiert, die ihn aus seiner wattierten Isolation zu rabiat herausriss: Warum, Herr Drake, gehen Ihre Gesangspassagen eigentlich immer gleich los? Haben Sie nur die eine Phrase im Kopf?

Martin: Ein typischer Crooner eben. Kein Wunder also, dass David Sylvian umgehend hellhörig wird. Ich denke, der Künstler fließt völlig in seine Instrumentalkunst ein, der Gesang ist nicht direkt nebensächlich, aber eben nur Begleitung. Obwohl, zweiter Gedanke, gerade durch die scheinbare Monotonie der Gesangseinlagen kommen die wunderbar frei fliegenden Gitarrenparts doch erst richtig zum Zuge?

Thaddeus: Du referierst auf die Gesangsmelodie und nicht die tatsächlichen Texte – als zusätzliches bzw. konterkarierendes Element zum Gitarrenspiel. Bekommen seine Songs dadurch, gesamtheitlich betrachtet, eine gewisse Austauschbarkeit oder gerade ganz im Gegenteil eine Distinktion?

Martin: Nimm Sinatra zum Beispiel. Der konnte vor lauter Grinsen doch nur um drei Halbtöne herumsingen.

Thaddeus: Und nahm doch um genau die gleiche Zeit sein einziges wichtiges Album auf.

Martin: „Watertown“? Über Sinatra verhandeln wir ein anderes Mal. Ich meine, Dylan machte das auf seine Art schon ähnlich, mit seinem typischen Ich-und-meine-Ziege-Genäsel. Oder John Martyn, schließlich hat ja auch Ike Godseys Autohupe bei den „Waltons“ was. Dagegen klingen Drakes Altersgenossen Donovan und Cat Stevens, als ob sie von der Hoppla-jetzt-komm-ich-und-lustig-Front wären, mit oder ohne Vollbart. Ich glaube da geht es gar nicht um Können oder Wollen. Und der, der es eigentlich erklären könnte, liegt leider schon lange unter der Erde. Das ist ein unglaubliches, trauriges, aber auch faszinierendes Phänomen. Ich frage mich, wie die Nachwelt eigentlich von diesem Musiker erfahren hat, beeinflusst werden konnte, bei unter 3.000 verkauften Kopien pro Album. Der Cure-Sänger hat ja nicht erst von Drake gehört, als dieser mit einer Volkswagen-Werbung 30 Jahre nach seinem Tode erstmalig dem Mainstream präsentiert wurde.

Thaddeus: Hier ist ein Bruch in der Geschichtsschreibung und ich mutmaße, dass diese Loser-Geschichte im Nachhinein dann doch etwas überhöht wurde. Aber egal. Solche Schätze werden ja immer wieder mal mehr oder weniger zufällig plötzlich ausgebuddelt. Und ganz egal, wie klein eine Szene auch sein mag: Nerd-Wissen wird vererbt und an die nächste Generation weitergereicht. Oder aber es ist noch profaner: Robert Smith und alle anderen, die ihn als wichtigen Einfluss nennen, waren in ihrer prägenden Phase einfach konstant derart pleite, dass sie beim Tape & Vinyl Exchange eben nur in den 10p-Kisten unterwegs waren. Das werden wir nicht mehr klären können. Wichtiger ist ja, dass es passiert ist. Für die Agentur, die den VW-Clip mit Musik bespielen musste, war es bestimmt super: Das kann nicht viel gekostet haben.

Martin: Haha Thaddi, das ist lustig, keine Gefangenen. Da reiht sich dann auch kuschelig der Live-fast-die-young-Bonus ein. Je kürzer etwas stark geleuchtet hat, bemerkt nur von ganz Wenigen, bildet es den idealen Nährboden für Mythenbildung und Deutungshoheit. Ich möchte mich in dieser Richtung sehr ungerne beteiligen, dazu höre das jetzt schon so lange und gerne, ohne genauer zu wissen, warum eigentlich. Es hypnotisiert mich und ich lasse es einfach zu. Schon denkbar, dass genau dieses Ungewisse Nick Drakes Schlüssel zu meinem Olymp sein könnte.

Thaddeus: Es ist an uns, die Platte zu feiern und den grundlos weinerlichen Nachahmern von heute als Spiegel vorzuhalten. Damit die sich mal auf ihren Instagram-Hosenboden setzen und ein bisschen ihren Authentizitäts-Algorithmus optimieren

raabe