Celer

Celer.
Evaporate And Wonder.
Experimedia.

Das Duo Danielle Marie Baquet und William Thomas Long verzücken schon seit 2005 mit ihrem sehr intimen, sehr reduzierten Ambientsound, mit dem das Ehepaar teils im Eigenvertrieb, aber auch bei verschiedenen Labeln releasen, so hier bei Experimedia. Das ruhig dahintreibende, hier auf „Evaporate And Wonder“ auf dezenten Synthesizerimprovisationen und Field Recordings aufbauende Material durchdringt eine fein akzentuierte Ruhe, die minimal gesetzten Änderungen im sanft dahingleitenden Strom sind fast unmerklich gesetzt. Wer den mit Myriarden von Releasen ähnlicher Machart im Netz nicht mit trotziger Verweigerung entgegen treten muss und wer Celer noch nicht kennt, dem sei dieses limitiert aufgelegte Album als Einsteiger in die Arbeit der beiden Artists mit dringlicher Empfehlung ins Plattenregal geschoben.

Ryan Teague

Ryan Teague.
Field Drawings.
Village Green.

Ryan Teagues viertes Album, diesmal für das Village Green Imprint, augenzwinkernd „Field Drawings“ benannt, zeigt den Meister wieder back to the roots hinter dem Sampler. Zwölf liebevollen Optimismus verströmende, in kammerorchestralen Minimalismus getränkte Tracks, deren floral frühlingshaft treibender Wachstumsdrang den grau verhangenen Wattebauschhimmel lächelnd mit frischen Ranken überzieht, sind nicht nur ideale Orchestrierung für die Freunde Attenborough’scher Natureuphorie. Mit diesen schwärmerischen „Zeichnungen“ pflanzt Teague einen wunderbaren frischen Baum in den derzeit etwas uninspirierten, cinematographischen Garten. Hut ab.

Leila

Leila.
U&I.
Warp.

Leila legen mit ihrem vierten Album „U&I“ eine schön gekühlte Sammlung Elektropop mit dunklem, kantig geschliffenem Synthbrodem vor. Wiewohl eifrig nach 80’s Ausdünstungen schnappende kontemporäre Releases in der Regel eher den bemitleidenswerten Pausenkasper geben dürfen, gelingt es Leila, unter Mitwirkung der digital verhauchten Vocals von Mt. Sims, eine intelligente, gleichzeitig im Rohen belassene, dennoch fein gedachte zeitlose Elektronik zu erschaffen. Schöner Eisjuwel, der genau dort ansetzt, wo LCD Soundsystem die Puste ausgegangen ist.

General Strike

General Strike.
Danger In Paradise.
Staubgold.

Dieser Re-release des 1984 bei Touch veröffentlichten Tapes, von Mastermind David Cunningham neu gemastered, ist ein wunderbarer, die ohnehin schon sehr verspielten, andere würden es experimentierenden Arbeiten Cunninghams (The Flying Lizards / This Heat) zu ergänzen. Cunningham, der seit 1976 veröffentlicht und unter anderem als Produzent für Michael Nyman und dessen Soundtracks zu den Filmen von Peter Greenaway arbeitete,  spürt auf „Danger In Paradise“ den feinen und reizbaren Nerv zerborstener Songtexturen mit atonalen Tendenzen auf, indem er daran genussvoll zwirbelt, bisweilen zerrt. Unter anderem durch seinen internationalen Hit „Money“ mit den Flying Lizards bekannt, ein reines Versehen so der Artist, sticht Cunningham zusammen mit Steve Beresford und David Toop mit diesem Projekt fein säuberlich und zielsicher in musikalische Grenzen und Erwartungen. Das ist nichts für musikalische Dünnbrettbohrer, ein spritziger Genuss hingegen für die Freunde gehobener, selbstironischer Unterhaltungskunst.

F.C Judd

F.C Judd.
Electronics Without Tears.
Public Information.

Mit dem derzeitigen Hype um Daphne Oram, den gerade abgeschlossenen Remix Competitions um ihre „Oramics“ Arbeiten und dem bald dazu erscheinenden Rework Album aus der Hand von Andrea Parker, wird auch auf andere britische Elektronik PIoniere ein breiteres Licht gestreut. 1914 in London geboren, war Frederick Charles Judd Ende der fünfziger Jahre zunächst Herausgeber des Amateur Tape Recording Magazines, schrieb dann das Buch „Electronic Music And Musique Concrète‘ 1961 um ab 1963 mit einem selbstgebauten Apparat drei EP’s zu veröffentlichen, sowie damit den ersten rein elektronischen Score zu einer Fernsehserie zu produzieren. Das von ihm konstruierte Chromasonics System, ein voll funktionsfähiger Synthesizer, gab schon ein Jahr bevor andere Vorkämpfer wie Moog und Buchla ihre Maschinen auf den Markt brachten, seine Töne von sich. In den Sechzigern war F.C. Judd noch für die Musik zu verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen verantwortlich, bis er in den Siebzigern frustriert das Handtuch warf und seine Erfindung verkaufte. Die 35 Kompositionen auf  „Electronics Without Tears“ bieten einen guten Überblick in das Schaffen von Judd, dessen aus heutiger Sicht nicht mehr so ganz düster wirkenden Sci-Fi Musikvisionen durchaus einen würdigen, wen auch kleineren Platz neben dem Musique Concrète Granden Pierre Schaeffer einnehmen können. Dem Label Public Information, eine Zusammenarbeit von Warp mit dem British Library Sound Archiv sei dafür gedankt.

Breton

Breton.
Other People’s Problems.
FatCat.

Das bislang bei Hemlock releasende Londoner Musik/Film Quintett Breton wechselt die Lager zu FatCat, um mit ihrem Albumdebut „Other People’s Problems“ dem Hörer genau vor dem Problem stehen zu lassen, was er denn da gerade so vernehmen darf. Irgendwo im Niemandsland zwischen Leftfield HipHop, zerklüfteter Postrock Indie Soundmontage und schwer dadaesker Elektronik spielen Roman Rappak, Adam Ainger, Ian Patterson, Daniel McIlvenny und Ryan McClarnon zu ihrem inspirierenden Tänzchen zwischen den Stühlen auf. Das Album wurde, um dem ganzen analoge Tiefe angedeien zu lassen, in Sigur Ros‘ isländischem Studio aufgenommen und damit nicht genug, der wohlbekannte Meister gepflegtester Tastenwerke Hauschka zeichnet für die Streicheraufnahmen verantwortlich. Bemerkenswerterweise kochen hier eine Menge Köche eine, entgegen den allgemein anzunehmenden Vorurteilen, äusserst fein gewürzte, facettenreich abgeschmeckte und wohl bekömmliche Suppe auf.

Shlohmo

Shlohmo.
Shlo-fi.
Error Broadcast.

Der Re-release des 2009er Tapes des damilg 17jährigen Henry Laufer aka Shlohmo ist ein weirdes, unbehauenes Beatgestein und Blueprint seiner seitdem auf allen Playern geisternden Soundattacken. Das Mini-Album in der 2 x 12″ Version ist ergänzt mit Remixen von Anenon, S.Mharba, Wanda Group (ehemals Dem Hunger, Jameszoo und dem fantastischen Soosh. Wem das intelligente Schaben an der verzweifelten Trommel samt ambitioniertem Sounddesign ein Anliegen ist, sollte sich durch das ursprüngliche Releasedate nicht täuschen lassen. Hier spricht Grösse und von all dem was da noch so kommen mag.

Robert Haigh

Robert Haigh.
Strange And Secret Things.
Siren.

Dritter Release der Piano Solo Trilogie von Robert Haigh auf dem japanischen Imprint Siren.
Wer gerne, von Saties Piano Woks ausgehend, einem wahrlich inspirierten Nachfolger auf die Spur kommen möchte, sei dies, bei allen überstrapazierten satieesken Spielereien der letzten Jahre wärmstens ans Herz gelegt. „Strange And Secret Things“ beinhaltet sehr emotionale und pointiert bilderreich gesetzte Improvisationen – Haigh scheut sich nicht, klischeegefährdete Untiefen der stark in unser Unterbewusstes eingedrungenen Kompositionen neuer französischer Klaviermusik des verehrten Originales zu durchwaten, um mit irritierender Leichtigkeit, ganz im Sinne des satieschen Nouveau Esprit, in eigenen Sphären zu landen. Überraschung und Wirkung, so die Aussage Saties, sei die Wiederaufnahme klassischer Formgestaltung vom Standpunkt eines modernen Kunstbegriffes. So fährt die Zeitschiene auf bezaubernde Weise vor und zurück, ganz so wie es sein sollte. Die beiden ersten Teile der Trilogie sind unter dem Moniker SEMA auf des Künstlers eigenem Label Le Rey Records zu erwerben.

Oliveray

Oliveray.
Wonders.
Erased Tapes.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich Nils Oliver Frahm und Peter Ray Broderick zu einem gemeinsamen Album zusammen finden würden. Der Projektnahme bildet sich aus ihren zweiten Vornamen und wir gehen einfach einmal davon aus, dass dies nicht mit second best zu assoziieren sei. Schön geteilt, je zur Hälfte in Instrumentalsongs und Lieder mit Gesang, könnte „Wonders“ ebensosehr ein Livemitschnitt sein. Die nahezu überschäumende Spielfreude und Improvisationseleganz der beiden Berliner Musiker, zusammengefügt mit Frahms bewährter, meisterlichen Produktionshand, ist nicht der Beginn einer langen Freundschaft sondern deren hoffentlich nicht einziges und letztes Gemeinschaftsprodukt. Brodericks James-Taylor-Singer/Songwriter-Art spannt mit Gitarre, Geige und Stimme weitestgehend den Bogen, den Frahm gewitzt mit feingesetzter Intelligenz füllt und ergänzt, im umgekehrten Fall kann das Broderick bei „Just Resign“ nicht so ganz gelingen, das wäre aber bestenfalls eine unangebrachte Norgelei die anlässlich der Schönheit des Albums lässig unter den Tisch zu schieben ist.

Olafur Arnalds

Olafur Arnalds.
Living Room Songs.
Erased Tapes.

Arnalds spielte im Herbst diesen Jahres innerhalb einer Woche täglich einen Track ein und gab diesen zum kostenlosen downloaden preis, das Album „Living Room Songs“ ist nun bei Erased Tapes erhältlich. Das Ergebnis zeigt einen wieder an seine Anfänge anknüpfenden, sinnig im modern classic pool schwimmenden Komponisten, der bis auf „Near Light“ zumindest hier bei diesen Songs seine Finger von dümmlichem Stochern im rockigem Brackwasser lassen kann. Die Songs sind ordentliche Hausmannskost, der Spruch „zehn Tage war der Papa krank, jetzt geigt er wieder, Gott sei Dank“ ist nicht für diesen Künstler erdacht worden, passt aber. Wie lange sich aber dieses nicht zu benennen wollende Genre noch mit romantisch dräuenden Piano- und Streicheretuden über Wasser halten will und kann, ist fraglich.

Jacaszek

Jacaszek.
Glimmer.
Ghostly International.

Nicht nur seit ihrer beeindruckenden „Kompilation SMM: Context“ äugt das amerikanische Label Ghostly über den au courant elektronischen Produktionstellerrand hinaus, der polnische Komponist Jacaszek scheint bei dieser näheren Betrachtung beim Label mehr als nur einen One Track Stand hingelegt zu haben und wird nun dort mit dem Album „Glimmer“ releast. Die Art und Weise wie der Artist osteuropäische Einflüsse in zeitgenössische Dark Ambient Teppiche einwebt, wie er Klarinetten, Gitaren und Streicher um seine verhallten Dubräume wickelt, die obsoleten Vinylkratzer seien hier auch nicht unerwähnt, macht schwelgen, schweben oder was auch immer man macht, wenn einen etwas berührt und/oder beflügelt. Bei all der scheinbar tiefgreifenden, vertraut scheinenden Schwere der angerissenen musikalischen Themen gelingt es dem Artist, dem Hörer immer einen Takt voraus, durch all die dunklen Gassen und Winkel zu führen und ihm zu guter Letzt in einer warmen Gaststube zu Speis und Getränk zu laden. Wundersame Zeitreise, gleichzeitig im Hier und sehr, sehr weit weg in der Vergangenheit.

Fennesz + Sakamoto

Fennesz + Sakamoto.
Flumina.
Touch.

Ein mir befreundeter Kritiker hat mir mal geraten, sollte ich mit einem Release nichts anfangen können, mich in die Welt derer hineinzuversetzen, die diese Arbeit mögen. Jetzt gibt es sehr wohl Momente, und von denen gibt es einige, in denen ich mit diesem lyrischen, pianogestützten Ambient sehr wohl in meine innersten Tiefen steigen kann. Betrachte ich mir also ernsthaft meine aneinandergereihten Meter an Vinyl dieser Gattung, inklusive der Releses der beiden mir sehr wohl wertvollen Meister auf diesem Album „Flumina“, so kann ich mich des bitteren Eindrucks nicht erwehren, dass ich entweder schon genug davon (im positiven Sinne) habe – oder hier einfach ein Stillstand in die Ritze gepresst ist. Andererseits dreht sich mein Player auch immer nur im Kreis. Wers also mag…

Burnt Friedman

Burnt Friedman.
Bokoboko.
Nonplace.

Seit seiner Zusammenarbeit mit Jaki Liebezeit möchte Burnt Friedman der elektronisch produzierten Klangwelt ein tatsächlich eingespieltes Produktionsmodell gegenüberstellen, um deren inhärente Künstlichkeit zu entlarven, so der Künstler. Das klingt nach einem missionarischen Bedürfnis, dem man so nicht ganz unvoreingenommen, aber gerade in Kenntnis Friedmans Werk gerne folgen möchte. Darüberhinaus sieht der Musiker und Produzent die Form der zehn hier vertretenen Tracks nicht als abgeschlossen, im Prozess also. Das machen andere Künstler auch gerne, Fennesz zum Beispiel. Nun gut, lauschen wir also der Musik. Der Artist gräbt sich tief in die deutsche Krautgeschichte, Can, Cluster und die frühen Kraftwerk werden erwähnt, und hier setzt genau der Punkt ein, wo der Kopf zu schwer und die Eier unsichtbar werden. Das trömmelt und klöpfelt so unbeschwert trist daher dass man sich ernsthaft fragen muss, ob die oben erwähnten Musiker durch eine Zeitmaschine in die Jetztzeit versetzt und mit den aktuellen elektronischen Produktionsmitteln konfrontiert, sich nicht lieber euphorisch auf diese stürzen und sie mit Leidenschaft durchdringen würden, genau so wie sie es mit den Mitteln ihrer Zeit auch damals schon getan haben. Womit wir erneut beim Kopf und dessen möglichen unendlichen Irrungen und Wirrungen wären.

Teebs

Teebs.
Collections 01.
Brainfeeder.

Wiewohl Teebs die hier auf „Collection 01“ vorliegenden Tracks als Skizzen und Experimente ausweist, stehen sie in Ausführung und produktionstechnischer Qualität seinem Albumdebüt „Ardour“ in keinster Weise nach. Über seinen brainfeedertypischen flylo Beats gestaltet der 23jährige seine traumwolkigen Konstruktionen locker und jazzy fluffig, die sparsam eingefügte Harfinistin Rebekah Raff rundet hier das musikalische Kissen dezent streichelnd ab. Irgendwie lässt mich das Gefühl nicht los dass sich Lounge Music, in neunem Gewand und nicht ganz unangenehm, wieder in die Räume schleichen darf.

Son Lux

Son Lux.
We Are Rising.
Anticon.

Son Lux‘ zweiter Longplayer für Anticon verzaubert mit seinem an Russell Mael / Sparks erinnernden Gesangsstil und einer scheinbar ebenfalls an deren Sounduniversum
angelehnten Klangpalette. Zweiteres ist nicht verwunderlich, hat doch Sufjan Stevens seine Finger mit in der Produktion, dessen Modern Classical Symphoniesplitter deutlich zwischen den Rillen empordrücken. Der aus Denver stammende Ryan Lott aka Son Lux arrangiert auf spannende Weise Songwriting mit klassischer Instrumentation und au courant Elektronik, seinen mitunter sehr barock ausblühenden Kompositionen dampft im positiven Sinne blanker Authismus aus den Rippen, wobei wir wieder bei den Mael Brüdern angelangt sind. Wem der Begriff weird nicht einen Pullerfleck macht, sei dies wärmstens ans Herz gelegt.

Oneohtrix Point Never

Oneohtrix Point Never.
Replica.
Software.

„Noise can be sculpted down to pop, pop can be sculpted down to noise“.
Der aus der Brooklyn Noise Scene stammende Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never veröffentlich auf seinem Label Software ein Album, ein Werk, dessen genreübergreifende Finesse staunen macht. Nichts scheint dem philosophisch stark durchdrungenen Artist zu unantastbar, um es nicht durch seinen brillanten Schredder zu drücken. 70er Cosmic Trance, 80er New Age und 90er Drone werden zu einem gebrochenen, gehetzten Loopgemenge verschmolzen, das es in der Form, nur mit anderen Ingridenzien selten, etwa bei einigen Prefuse 73 Tracks zu hören gab. Heraus kommt ein fast hysterischer, im richtigen Moment in sich brechender, sich ständig im Fluss befindlicher Soundtrack, der die gängigen „cinematic“ Floskeln seiner Zeitgenossen dezent aber zielsicher ins Knie schiesst.
Lopatin kommt nicht mit der an Filmbilder erinnernden Zartfühligkeit aktueller Produktionen daher, er erschiesst dich mit einem aus seiner Pumpgun abgefeuerten Flut winziger Zelluloidfragmente. Der Hörer träumt sich nicht in einen kuscheligen Score, er erliegt wohlig ermattet dem Schrapnellgewitter. So ist das Eingangszitat nicht eine schlapp an der Fahne hängende, wunschverzehrte Worttändelei, sondern zu eine straff im Wind wehende Kampfansage. Grosse, sehr grosse Kunst.

Leyland Kirby

Leyland Kirby.
Intrigue & Stuff Vol.3.
History Always Favours The Winners.

Mittlerweile in Berlin ansässig bringt Leyland Kirby aka The Caretaker die dritte Ausgabe seiner „Intrigue & Stuff“ Reihe heraus. Es bedarf schon eines gestandenen Egos, die Wellen einer enthusiasmierten Öffentlichkeit zu ertragen, die Kirby mit seinen Caretaker Releasen und deren klaustrophobischen 78er Schellackverwerfungen ausgelöst hat. Kirby zieht sich hier geschickt aus der Affäre und veroffentlicht nun unter bürgerlichem Namen seine nicht auf knisterndem Altmaterial basierenden Bastelorgien. Die Machart ist ähnlich, die eingesetzten musikalischen Versatzstücke ganz anders, kreischende, stolpernde, verendende Maschinengesänge jagen sich treibend zum Erguss. Schwierig wird es wenn Kirby auf die Drumtastatur drückt, dann verblasst der mattschwarz saugende Glanz des geordneten Chaos zu einem merkwürdig hilflosen 80er Jamsession Wust. Vielleicht sollte sich der Artist hier jemanden ins Boot holen, der das besser kann.

James Blake

James Blake.
Enough Thunder.
Atlas Recordings.

The higher they climp, the harder they fall. Es gibt ja nicht wenige die dem Spiegel Feuilleton Liebling gar nicht erst das Zepter in die Hand geben wollten, für die ist dieser Spruch obsolet, liegt Blake doch seit seinem Debutalbum ohnehin schon in deren Restekiste. Für alle anderen, denen der Artist die Knöpfe an der richtigen Stelle gedrückt hat, ist „Enough Thunder“ keine Verlängerung sinnlicher Freuden, die Spielwiese wirkt herbstlich und abgegrast, mit einer Ausnahme – „Not Long Now“. Eine Schwalbe macht aber noch keinen Frühling, jetzt wird es erstmal Winter für James Blake und der wird wohl eher hart.

Brian Eno

Brian Eno.
Panic Of Looking.
Warp Records.

Extrem reduzierte, und an seine herausragenden Arbeiten aus den späten Siebzigern und frühen Achzigern anknüpfende EP des Elektronikpioniers und Ambient Granden Brian Eno. Die fast stoisch vorgetragene Lyrik des Dichters Rick Holland gleitet abgehoben über der musikalisch minimalen Landschaft, ab und an vom Meister stimmlich unterlegt. Spoken Poetry, eigentlich schon seit einere Weile totgesagt, erhält eine nicht mehr neue, hier aber durchaus anziehende Version. Wer Eno’s Werk in den letzten Jahren nicht so richtig goutieren konnte, dem ist hier ein Ansatz zu alter Grösse gegeben.

Balam Acab

Balam Acab.
Wander / Wonder.
Tri Angle.

Manchmal ist es ein Fluch zu klingen wie der derzeit gängige Avant-Pop, nicht aber so in diesem Fall. Der stark im R’n’B verwurzelte Balam Acab dreht aus seinen Roots ein eigensinniges, schillerndes Gewächs aus fragmentierten Songstrukturen, choralen Vokalelementen, dezent gebrochenen Beats und intelligent gesetzten, tränenlockenden Samples. Nach dem allerorten lauten Aufschrei über Acabs „See Birds“ EP im letzten Jahr
kommt der Herr mit einem ausgereiften, mitunter nicht ganz kitschfreien Debütalbum auf den Player, deren zielsicher vermengter, musikalischer Bandbreite man schwer entkommen kann. Es wird nicht mehr lange dauern bis diese auch hier verwendeten hochgepitchten Vokalschnipsel ein absolutes NoNo sind, hier aber sind sie noch frisch und im Kontext stimmig.

Yves De Mey

Yves De Mey.
Counting Triggers.
Sandwell District.

Das gänzlich ohne Netzpräsenz auskommende Technolabel Sandwell District, auf den Releasen befindet sich gerade mal eine Faxnummer, kommt mit einer Doppel 12″ des Belgiers Yves De Mey auf den Markt, Kennern möglicherweise bekannt durch seine Veröffentlichungen auf Line und Knobsounds. Der sehr minimal daherschleichende Sound De Meys könnte durchaus ein Raster Noton Produkt sein, die Machart ähnelt den Projekten Carsten Nicolais, bewegt sich aber in einer spielerisch leichtfüssigeren und weniger streng durchkonzipierten Gangart. „Counting Triggers“ ist nicht nur Liebhabern minimalistischer Bewegung ans Herz gelegt, wiewohl es das Label ein wenig schwer macht an diesen Release zu kommen. Einer der Köpfe hinter Sandwell District, der amerikanische DJ und Produzent Dave Sumner aka Function erklärt die Underground Haltung seiners Labels mit der völligen Übersschwemmung des Marktes mit Promotions- und Marketingtiraden. Recht hat er, und folgt bewusst oder unterbewusst einer langen, die Anonymität nutzenden Veröffentlichungsstrategie.

Xela

Xela.
The Sublime.
Dekorder.

Nach „The Illuminated“ und „The Divine“ schliesst John Twells aka Xela seine musikalische Trilogie mit dem Album „The Sublime“ ab. Ursprünglich als Cassetten auf Digitalis releast und nun auf Vinyl erhältlich, zieht der Artist seine Bahn mit analogen Synthdrones entlang wohlbekannter Genregrössen, der frühe Aphex Twin sei hier nur als ein Beispiel genannt. Die sich langsam entfaltenden, düsteren Scapes lassen sehr subtil die verstärkte Leidenschaft des Type Masterminds Twells für Horrorfilm-Soundtracks  durchscheinen. „The Sublime“ setzt dabei weniger auf den offensichtlichen Paukenschlag, im Gegenteil, seine nervenbahnschindenden Konstrukte ziehen den Thrill zu zwei gebälkknirschenden Langzeitbehandlungen im zwanzig Minuten Bereich – der Hörer wird kunstvoll und stetig enger umwickelt. Alles ist endlich, so die These. Zusammen mit den beiden Vorgängeralben erschafft Twells hier auf eindrückliche Weise dazu den möglichen Soundtrack.

Steve Reich

Steve Reich.
Wtc 9/11.
Nonesuch.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Zerstörung des World Trade Centers gab das Kronos Quartet dem Minimal Music Komponisten Steve Reich den Auftrag ein Werk zu kreieren. Vollendet im Jahre 2010, ist die dreiteilige Komposition nun von dem Streichquartett interpretiert auf diesem Release zu hören. Reich’s Appartement befand sich gerade vier Blocks vom Ort des Anschlages entfernt, dementsprechend mischt er neben den damals mitgeschnittenen Notrufen der New Yorker Feuerwehrmänner und dem Funkverkehr der Flugtlotsen auch Wortbeiträge von Freunden und ehemaligen Nachbarn unter die Arbeit. Musikalisch bewegt sich hier alles in wohlbekanntem und durch die Verleihung des Pulitzer Preises für Musik an Reich im Jahre 2009 honoriertem Rahmen, der mittlerweile 75jährige bleibt sich selbst und seinem Stil treu. Ebenfalls auf der CD verteten sind die von der So- Percussion beauftragte Produktion „Mallet Quartet“ aus dem Jahre 2009 sowie Reichs Beitrag für den Film „Counter Phases“ der Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker, dieser wiederum beauftragt und unter anderm aufgeführt vom belgischen Ictus Ensemble. Damit man die Herren auch live die Bögen streichen sehen kann, liegt darüberhinaus auch noch eine Live Performance des „Mallet Quartet“s als DVD bei. Was will man mehr?

Simon Scott

Simon Scott.
Bunny.
Miasmah.

Simon Scott’s zweiter Longplayer für Miasmah drängelt, nein kuschelt sich vordergründig zwischen Space Rock, Shoegaze und unaufgeregter, elektronischer Werkelei. Dazu lässt der ehemalige Slowdrive Drummer hier und da kundig Badalamenti Flimmer einfliessen und rundet so das Ganze zu einem vermeindlich warmen, beizeiten aber mit dräuender Schwermut durchdrungenem Hörwerk ab. Dieses Wechselbad zwischen dem immer wieder durchschimmerndem Traum von einem Happy End und wellenartig darübergeworfenen lynch’schen Schleiern erzeugen ein Bild sisyphosartigen Aufbäumens und Scheiterns. Scott, der den miasmahtypischen Abyss nur bis zur Hälfte abtaucht und sich dort durchaus hörenswert einen Platz zurechtmacht, erreicht nach mehrmaligen Hören seines Albums „Bunny“  eine sehr interessante Erweiterung der musikalischen Ränder des Labels.

Peter Broderick

Peter Broderick.
Music For Confluence.
Erased Tapes.

Broderick’s Karriere als Komponist und Musiker weist ansehnlich steil nach oben. Gerade nach Beendigung seiner Kollaboration mit dem Hollywood Granden Clint Mansell für den Soundtrack zu dem Film „Last Night“ erscheint sein neuestes Werk „Music For Confluence“ auf Erased Tapes. Auch dieses Album ist eine Auftragsarbeit für einen Film, diesmal eine Dokumentation über das mysteriöse Verschwinden junger Mädchen in Lewiston/Idaho rund um das Jahr 1980. Broderick, der unweit dieses Ortes aufgewachsen ist, schloss sich in den letzten Monaten des Jahres 2010 in einem Berliner Klavierladen ein, den er nach Geschäftsschluss nutzen konnte. Die spürbare Einsamkeit des nächlich verlassenen, von einem harten Winter umschlichenen Aufnahmeortes und das bedrückende Thema der Kompositionen ergeben ein dichtes, entgegen den ansonsten eher freudig erregten und offenen Arbeiten Brodericks, schwer lastendes, unentrinnbares Album. Beeindruckend still und …schön, wenn man nur den Anlass vergessen könnte.