Leyland Kirby

Leyland Kirby.
Intrigue & Stuff Vol.3.
History Always Favours The Winners.

Mittlerweile in Berlin ansässig bringt Leyland Kirby aka The Caretaker die dritte Ausgabe seiner „Intrigue & Stuff“ Reihe heraus. Es bedarf schon eines gestandenen Egos, die Wellen einer enthusiasmierten Öffentlichkeit zu ertragen, die Kirby mit seinen Caretaker Releasen und deren klaustrophobischen 78er Schellackverwerfungen ausgelöst hat. Kirby zieht sich hier geschickt aus der Affäre und veroffentlicht nun unter bürgerlichem Namen seine nicht auf knisterndem Altmaterial basierenden Bastelorgien. Die Machart ist ähnlich, die eingesetzten musikalischen Versatzstücke ganz anders, kreischende, stolpernde, verendende Maschinengesänge jagen sich treibend zum Erguss. Schwierig wird es wenn Kirby auf die Drumtastatur drückt, dann verblasst der mattschwarz saugende Glanz des geordneten Chaos zu einem merkwürdig hilflosen 80er Jamsession Wust. Vielleicht sollte sich der Artist hier jemanden ins Boot holen, der das besser kann.

James Blake

James Blake.
Enough Thunder.
Atlas Recordings.

The higher they climp, the harder they fall. Es gibt ja nicht wenige die dem Spiegel Feuilleton Liebling gar nicht erst das Zepter in die Hand geben wollten, für die ist dieser Spruch obsolet, liegt Blake doch seit seinem Debutalbum ohnehin schon in deren Restekiste. Für alle anderen, denen der Artist die Knöpfe an der richtigen Stelle gedrückt hat, ist „Enough Thunder“ keine Verlängerung sinnlicher Freuden, die Spielwiese wirkt herbstlich und abgegrast, mit einer Ausnahme – „Not Long Now“. Eine Schwalbe macht aber noch keinen Frühling, jetzt wird es erstmal Winter für James Blake und der wird wohl eher hart.

Brian Eno

Brian Eno.
Panic Of Looking.
Warp Records.

Extrem reduzierte, und an seine herausragenden Arbeiten aus den späten Siebzigern und frühen Achzigern anknüpfende EP des Elektronikpioniers und Ambient Granden Brian Eno. Die fast stoisch vorgetragene Lyrik des Dichters Rick Holland gleitet abgehoben über der musikalisch minimalen Landschaft, ab und an vom Meister stimmlich unterlegt. Spoken Poetry, eigentlich schon seit einere Weile totgesagt, erhält eine nicht mehr neue, hier aber durchaus anziehende Version. Wer Eno’s Werk in den letzten Jahren nicht so richtig goutieren konnte, dem ist hier ein Ansatz zu alter Grösse gegeben.

Balam Acab

Balam Acab.
Wander / Wonder.
Tri Angle.

Manchmal ist es ein Fluch zu klingen wie der derzeit gängige Avant-Pop, nicht aber so in diesem Fall. Der stark im R’n’B verwurzelte Balam Acab dreht aus seinen Roots ein eigensinniges, schillerndes Gewächs aus fragmentierten Songstrukturen, choralen Vokalelementen, dezent gebrochenen Beats und intelligent gesetzten, tränenlockenden Samples. Nach dem allerorten lauten Aufschrei über Acabs „See Birds“ EP im letzten Jahr
kommt der Herr mit einem ausgereiften, mitunter nicht ganz kitschfreien Debütalbum auf den Player, deren zielsicher vermengter, musikalischer Bandbreite man schwer entkommen kann. Es wird nicht mehr lange dauern bis diese auch hier verwendeten hochgepitchten Vokalschnipsel ein absolutes NoNo sind, hier aber sind sie noch frisch und im Kontext stimmig.

Yves De Mey

Yves De Mey.
Counting Triggers.
Sandwell District.

Das gänzlich ohne Netzpräsenz auskommende Technolabel Sandwell District, auf den Releasen befindet sich gerade mal eine Faxnummer, kommt mit einer Doppel 12″ des Belgiers Yves De Mey auf den Markt, Kennern möglicherweise bekannt durch seine Veröffentlichungen auf Line und Knobsounds. Der sehr minimal daherschleichende Sound De Meys könnte durchaus ein Raster Noton Produkt sein, die Machart ähnelt den Projekten Carsten Nicolais, bewegt sich aber in einer spielerisch leichtfüssigeren und weniger streng durchkonzipierten Gangart. „Counting Triggers“ ist nicht nur Liebhabern minimalistischer Bewegung ans Herz gelegt, wiewohl es das Label ein wenig schwer macht an diesen Release zu kommen. Einer der Köpfe hinter Sandwell District, der amerikanische DJ und Produzent Dave Sumner aka Function erklärt die Underground Haltung seiners Labels mit der völligen Übersschwemmung des Marktes mit Promotions- und Marketingtiraden. Recht hat er, und folgt bewusst oder unterbewusst einer langen, die Anonymität nutzenden Veröffentlichungsstrategie.

Xela

Xela.
The Sublime.
Dekorder.

Nach „The Illuminated“ und „The Divine“ schliesst John Twells aka Xela seine musikalische Trilogie mit dem Album „The Sublime“ ab. Ursprünglich als Cassetten auf Digitalis releast und nun auf Vinyl erhältlich, zieht der Artist seine Bahn mit analogen Synthdrones entlang wohlbekannter Genregrössen, der frühe Aphex Twin sei hier nur als ein Beispiel genannt. Die sich langsam entfaltenden, düsteren Scapes lassen sehr subtil die verstärkte Leidenschaft des Type Masterminds Twells für Horrorfilm-Soundtracks  durchscheinen. „The Sublime“ setzt dabei weniger auf den offensichtlichen Paukenschlag, im Gegenteil, seine nervenbahnschindenden Konstrukte ziehen den Thrill zu zwei gebälkknirschenden Langzeitbehandlungen im zwanzig Minuten Bereich – der Hörer wird kunstvoll und stetig enger umwickelt. Alles ist endlich, so die These. Zusammen mit den beiden Vorgängeralben erschafft Twells hier auf eindrückliche Weise dazu den möglichen Soundtrack.

Steve Reich

Steve Reich.
Wtc 9/11.
Nonesuch.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Zerstörung des World Trade Centers gab das Kronos Quartet dem Minimal Music Komponisten Steve Reich den Auftrag ein Werk zu kreieren. Vollendet im Jahre 2010, ist die dreiteilige Komposition nun von dem Streichquartett interpretiert auf diesem Release zu hören. Reich’s Appartement befand sich gerade vier Blocks vom Ort des Anschlages entfernt, dementsprechend mischt er neben den damals mitgeschnittenen Notrufen der New Yorker Feuerwehrmänner und dem Funkverkehr der Flugtlotsen auch Wortbeiträge von Freunden und ehemaligen Nachbarn unter die Arbeit. Musikalisch bewegt sich hier alles in wohlbekanntem und durch die Verleihung des Pulitzer Preises für Musik an Reich im Jahre 2009 honoriertem Rahmen, der mittlerweile 75jährige bleibt sich selbst und seinem Stil treu. Ebenfalls auf der CD verteten sind die von der So- Percussion beauftragte Produktion „Mallet Quartet“ aus dem Jahre 2009 sowie Reichs Beitrag für den Film „Counter Phases“ der Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker, dieser wiederum beauftragt und unter anderm aufgeführt vom belgischen Ictus Ensemble. Damit man die Herren auch live die Bögen streichen sehen kann, liegt darüberhinaus auch noch eine Live Performance des „Mallet Quartet“s als DVD bei. Was will man mehr?

Simon Scott

Simon Scott.
Bunny.
Miasmah.

Simon Scott’s zweiter Longplayer für Miasmah drängelt, nein kuschelt sich vordergründig zwischen Space Rock, Shoegaze und unaufgeregter, elektronischer Werkelei. Dazu lässt der ehemalige Slowdrive Drummer hier und da kundig Badalamenti Flimmer einfliessen und rundet so das Ganze zu einem vermeindlich warmen, beizeiten aber mit dräuender Schwermut durchdrungenem Hörwerk ab. Dieses Wechselbad zwischen dem immer wieder durchschimmerndem Traum von einem Happy End und wellenartig darübergeworfenen lynch’schen Schleiern erzeugen ein Bild sisyphosartigen Aufbäumens und Scheiterns. Scott, der den miasmahtypischen Abyss nur bis zur Hälfte abtaucht und sich dort durchaus hörenswert einen Platz zurechtmacht, erreicht nach mehrmaligen Hören seines Albums „Bunny“  eine sehr interessante Erweiterung der musikalischen Ränder des Labels.

Peter Broderick

Peter Broderick.
Music For Confluence.
Erased Tapes.

Broderick’s Karriere als Komponist und Musiker weist ansehnlich steil nach oben. Gerade nach Beendigung seiner Kollaboration mit dem Hollywood Granden Clint Mansell für den Soundtrack zu dem Film „Last Night“ erscheint sein neuestes Werk „Music For Confluence“ auf Erased Tapes. Auch dieses Album ist eine Auftragsarbeit für einen Film, diesmal eine Dokumentation über das mysteriöse Verschwinden junger Mädchen in Lewiston/Idaho rund um das Jahr 1980. Broderick, der unweit dieses Ortes aufgewachsen ist, schloss sich in den letzten Monaten des Jahres 2010 in einem Berliner Klavierladen ein, den er nach Geschäftsschluss nutzen konnte. Die spürbare Einsamkeit des nächlich verlassenen, von einem harten Winter umschlichenen Aufnahmeortes und das bedrückende Thema der Kompositionen ergeben ein dichtes, entgegen den ansonsten eher freudig erregten und offenen Arbeiten Brodericks, schwer lastendes, unentrinnbares Album. Beeindruckend still und …schön, wenn man nur den Anlass vergessen könnte.

Mike Weis

Mike Weis.
Loop Current / Raft.
Barge Recordings.

Wenn ein Drummer sich an sein mit Liebe gesammeltes und sorgsam gehütetes Asservat an Schlagwerk macht, um damit ein Dark Ambient / Drone Album aufzunehmen, sollte man nicht bis Drei warten um sich in Luft aufzulösen. Nicht so bei dem in Chicago beheimateten Stöckeschwinger von Zelienople, der auch unter anderem bei The North Sea, Xela und Jasper TX die Trommel rührt. Weis baut ein sorgsam gelayertes, mit wenigen, fein eingefügten Field Recordings- und Radiosplittern versetztes Album. Seine an verschiedenen Drumstyles der Welt geschulte Technik benötigt keine bei Kollegen zu erwartende Hyperdramatik, seine westafrikanische Polyrythmik untermischt mit Gamelan Elementen geben „Loop Current / Raft“ eine tranceartige Grundstruktur die so noch stundenlang weiter mäandern könnte. Durch die Geburt seines Kindes nur mit wenig, dann aber schnell zu nutzender Zeit behaftet, machte sich der erklärte Fan des japanischen Onkyo Movements, eine in den Neunzigern enstandene, eher an der Emphasis als an der Struktur interessierte Improvisationstechnik, immer wieder auf zu kurzen Recording Sessions. Diese ursprünglichen und nahezu rohen Elemente, sowie Weis‘ Wurzeln im westlichem Indie / Experimental Underground ergeben den starken Reiz des Albums.

Jean-Claude Vannier

Jean-Claude Vannier.
Electro Rapide.
Finders Keepers Records.

Ihren 50sten Release feiert das aus Manchester stammende Label Finders Keepers Records mit einer Sammlung instrumentaler Arbeiten des Orchestral Pop Komponisten Jean-Claude Vannier. Das sich selbst als „accidental world music label with a punk aesthetic“ bezeichnende Imprint beweist mit „Electro Rapide“ erneut spitznasige Finesse, um mit den Arbeiten des Wegbegleiters Serge Gainsbourgs bis in die heutige Zeit stilprägende, französische Einflüsse aufzuzeigen. Die beiden berühmten Tracks „Histoire De Melody Nelson“ und „L’Enfant Assasin Des Mouches“ mit Gainsbourg sind hier nicht enthalten, vielmehr werden Stücke vor und während der Zusammenarbeit mit dem segelohrigen Monument präsentiert, darunter experimentelle Arbeiten für Ballett, Fashion Shows oder Film. Der 1943 geborene Autodidakt Vannier ist DER Vertreter des Gallo Pops der Siebziger und bis heute reichhaltiges Samplearchiv interessierter Kuriosaräuber. Hier kann man ihn pur und mit raren Beispielen erleben.

Nils Frahm

Nils Frahm.
Felt.
Erased Tapes.

Nils Frahms dritter Solorelease auf Erased Tapes zeigt einen gereiften, keinesfalls aber gealterten Künstler. Seine weiterhin jungenhaft suchenden, positivistischen und hoffnungsdurchwachsenen, pianobasierten Kompositionen treiben, mit wenigen, dezent eingesetzten anderen Instrumenten unterlegt, wie Staub im Sonnenlicht, vergänglich und ewig zugleich. Der wohl schier grenzenlosen Freundlichkeit des Pianisten ist darüberhinaus ein überraschendes, neuartig klingendes Hörerlebnis zu verdanken. Frahm, der seine Nachbarn in seinem Berliner Studio nicht allzu sehr mit seinem Spiel belästigen wollte, dämpfte sein Instrument mit Filz und spielte das Album mit sanftem Anschlag ein. Die dem Piano sehr nahe beigestellten Mikrofone nahmen dementsprechend sämtliche mechanischen und menschlichen Nebengeräusche mit auf, ein ansonsten unliebsamer Effekt, den Andere so wohl unterbunden hätten. Nicht so Frahm der diese subtilen, rhytmustreibenden Auralunliebsamkeiten gewitzt und spielerisch, umtriebig interessiert in seine Arbeit integrierte. „Felt“ ist auf beeindruckende Weise selbstvergessen, ein graziles, an die filmischen Arbeiten der Quay Brothers erinnerndes, mechanisches Menschmaschinen Wunderwerk.

Jóhann Jóhannssonn

Jóhann Jóhannssonn.
The Miners‘ Hymns.
Fat Cat.

Extrem gefühlsgeladene und bildreiche Musik zum gleichnamigen Film von Bill Morrison, aufgenommen in der Durham Cathedral im Herbst 2010. Wer dem weiterhin schwer entzifferbaren Genreumhängeschildchen Neo-Classical noch den Begriff „cinematografisch“ beihängen möchte, tut gut daran dieses sprachliche Hilfskonstrukt nicht allzu vollmundig zu verwenden. Wird diese sogenannte Gattung wiederum als Score genutzt dreht sich der Sinn, die Dopplung verstärkt die verbale Unschärfe. Zurück zum Werk. Jóhannssonns meisterliche zweite Arbeit für die Filmbranche zeichnet mit drückend vorgetragenen Emotionen und im wahrsten Sinne des Wortes atemraubender Schwere die Welt der Bergarbeiter nach. Drei Ebenen kämpfen hier in harmonischem Wechsel. Die schwelende, beständig in den Abgrund ziehende Elektronik, mit schwerer orchestraler Unterstützung auf der einen Seite, die gedämpft hoffnungsvollen, nur selten triumphierenden Bläser, die dem Berg das Erz abtrotzenden Minenarbeiter darstellend, auf der Anderen. Über und hinter dem Ganzen die Orgel, das Requiem, der Tod, die trauernden Hinterbliebenen. Man muss nicht selber aus einer Bergarbeiterfamilie stammen um die bewegende Tiefgründigkeit von Jóhannssonns neuesten Album zu verstehen und mitzufühlen. Der letzte Track „The Cause Of Labour Is The Hope Of The World“ lässt den Hörer wieder ans Tageslicht kommen, die vormals trauernde Orgel wird zum Symbol eines neuen anbrechenden Tages. Der Mensch hat den Kampf gewonnen, trotz all seiner Verluste. Diese Jahrhunderte alte Industrieform aber ist am Sterben, zumindest hier im Westen.

Various

Various.
DJ Kicks: Scuba.
!K7.

Gut gedachter und gemachter, deeper Mix von Paul Rose aka Scuba für das !K7 Imprint
und deren nun seit 1995 laufender DJ Kicks Serie. Der aus London stammende, mittlerweile nach Berlin umgezogene Hotflush Mastermind verbindet fingerflink den Sound der beiden Städte. Die 32 Stücke beinhaltende Tracklist umfasst schön rund und konstant zehenkitzelnd Takes von George FitzGerald, Recloose, Sigha und Sepalcure, um nur einige wenige zu nennen. Als Blueprint für seine Arbeit hier dienen die Sets von Rose im Berliner Berghain. Wer als letzter am Abend auflegt, so der Artist, hat grössere Freiheit im Mixen von Styles; die Leute auf dem Floor bleiben bei dir. Dieses sich langsam im Tempo runterschraubende Stay-Feeling springt auf diesem Release gekonnt über. Rose, dessen eigene musikalische Linie sich, vom Techno kommend, über Drum’n’Bass bis hin zu dem von ihm mitgeprägten Dubstep spannt, weiss genau was er tut.  Am Ende drücken selbst sitzend hörend die Sneakers. Der Begiff Sofatanzen stammt nicht von mir, aber die schon erwähnten Zehen sind eindeutig angeschubbert. Wohliges Danke hierfür …

Sepalcure

Sepalcure.
Love Pressure Remixed.
Hotflush Recordings.

Drei Tracks der phänomenalen Sepalcure 12″ „Love Pressure“ in den Händen von XI, Falty DL, Jimmy Edgar, Daedalus und Lando Kal. Travis Stewart und Praveen Sharma aka Sepalcure, deren Crossover aus HipHop, House und Dubstep auf „Love Pressure“ letzten Sommer schon das Dach durschossen hat, gibt diese Floorveredelung der renomierten Herren nochmal richtig Stoff für eine weitere Erdumrundung. Wenn der Sommer schon nicht so richtig kommen mag, so könnte er auf jeden Fall klingen.

Samiyam

Samiyam.
Sam Baker’s Album.
Brainfeeder.

Los Angeles Producer Sam Baker aka Samiyam presst 40 Minuten minimale HipHop Downtempo Instrumentals auf sein Debütalbum. Seit seiner 2008er EP „Return“ veröffentlicht er ansatzweise verkopfte und dennoch schwer funkige 8bit Elektronik, ein stark auf die Ästhetik Dilla’s und Madlib’s fokusierter Protagonist der zweiten Generation. Sosehr alle 17 Tracks auch auf die brillante technische Meisterschaft des Produzenten verweisen, fehlt hier spätentens nach der Hälfte des Albums zusehens der musikalische Blick über den eigenen Tellerand. Hierbei geht es nicht um die zusätzliche Vermengung von Stileinflüssen; Soul, Funk und eine Vielzahl anderer Soundpräziosen finden reichlich Eingang in diese delikate Soundsuppe. Vielmehr gerät die Machart des Gemenges in der massiven Aneinanderreihung zum starren Prinzip, ein Track aus diesem Album in einem Mix ist ein gaumenschmeichelndes Feuerwerk, immer wieder aber das Gleiche essen zu müssen tötet den Geschmacksnerv und aktiviert die inneren Abwehrmechanismen.

Jasmina Maschina

Jasmina Maschina.
Alphabet Dream Noise.
Staubgold.

Traumhafte, intelligent gewirkte Mischung aus Folk, Ambient und Elektronika. Die Australierin Jasmine Guffond aka Jasmina Maschina gleitet leichtflüglig über Musikgeschichte und Stile, ansatzweise mit Múm vergleichbar. Guffond’s Kompositionen hingegen sind zarter strukturiert, weniger die verstörungssehnsüchtigen Pfade der Isländer suchend, näher an der eigenen Auflösung als an der Irritation des Hörers interessiert. Ihre brüchigen, mit wenigen prägnant gesetzten Gitarrenchords gehaltenen Songgebilde spielen mit Vorbildern der späten Sechziger und Elementen von Art School Rock, darüber, dahinter im Wechsel ihre Stimme, gejagt von subtil nebeliger Ambience und ihrer eigenen Sehnsucht.

James Blake

James Blake.
Order / Pan 12″.
Hemlock Recordings.

Der Meister releast zwei darke, superschwere Tracks auf Hemlock, das UK Label dass ihn 2009 mit seiner weicheren und raumgreifenderen Version von Dubstep in alle Ohren brachte. Hier merkt man sehr deutlich dass Blake, im Gegensatz zu seinen an zwei Tasten noddelnden Kollegen vielschichtiger und mit konstanter Qualität an verschiedenen Ecken zündeln kann. Also, weg mit den Schmusedecken und Heultüchern die, ob seines Albumdebüts im letzten Frühling so zwingend notwendig zur Hand genommen werden mussten und zurück in die harte, trockene 808 Realität im minimalen Dubstep Halftempo.

Hauschka & Hildur Gudnadottir

Hauschka & Hildur Gudnadóttir.
Pan Tone.
Sonic Pieces.

„Pantone“ ist eine Liveimprovisation der beiden begnadeten Musiker Hauschka (Piano) und Hildur Gudnadóttir (Cello), aufgenommen im Februar letzten Jahres anlässlich des „arctic circle presents… the bubbly blue and green festival“s in London. Dem Thema des Events folgend „eclectic water music – inspired by shipwrecks, rivers, waves and lighthouses“, legen Hauschka/Gudnadóttir ihren Kompositionen sechs verschiedene Blautöne unterschiedlicher Färbungen des Meeres zugrunde, die Stücke tragen die Nummern der entsprechenden Pantone Farbfächer. Die beiden Künstler umspülen sich musikalisch in zärtlichen Wellen, knallen ab und an heftig gischtspritzend gegen die Kaimauern und ziehen sich entsprechend der Gezeiten sensibel wieder zurück. Die musikalische Intelligenz der beiden kann aber leider nicht verhindern dass gewisse Längen im Vortrag ein gemeinsam durchkomponiertes, sicherlich folgendes Album manchmal vermissen lässt. So unkontrollierbar ist nunmal das Meer eben, „all rivers go down to the ocean and drown“.

A Winged Victory For The Sullen

A Winged Victory For The Sullen.
A Winged Victory For The Sullen.
Erased Tapes.

Ein weiterer grosser Wurf gelingt dem UK Label Erased Tapes mit der Veröffentlichung der ersten Kollaboration zwischen Stars Of The Lid Mitglied Adam Wiltzie und dem amerikanischen Komponisten Dustin O’Halloran. Gemischt wurde das Album in einer Villa des 17. Jahrhunderts in der Nähe von Ferrara. Hier wird die Wahl der Produktionsstätten zum Konzept; Kirchen und alte Radiostudios dienten zur Aufnahme dieser sieben melancholischen, sich sanft in weite Klangräume wagenden und wieder zurückziehenden Kompositionen. Die Mischung aus O’Halloran’s tastendem Pianospiel, unterlegt mit Wiltzie’s schwellenden Ambient Drones, angereichert mit so illustren Gastmusikern wie Hildur Gudnadóttir und Peter Broderick generiert ein harmonisches Wechselspiel von Sehnsucht und Trauer, unterschwelliger Leidenschaft und …Dekadenz. Ein geflügelter Sieg für die Griesgrämigen? Beileibe nicht. Eher ein Triumph der süssen Melancholie, wiewohl einige wenige Passagen ein wenig in hermetische Schwermut verfallen.

Various

Various.
Early Rappers / Hipper Than Hop – The Ancestors Of Rap.
Trikont.

Als der Godfather des Rap Gil Scott-Heron im April dieses Jahres überraschend verstarb hatte er gerade sein drittes Revival erlebt und mit dem Album „I’m New Here“ erneut bemerkenswerte Wellen geschlagen. In den frühen Siebzigern prägte er unter anderem mit seiner Komposition „The Revolution Will Not Be Televised“ den Begriff „Spoken Word“ und beeinflusste damit Generationen von HipHop Artists nach ihm. Auf der Compilation „Early Rappers / Hipper Than Hop – The Ancestors Of Rap“ suchen wir Scott-Heron allerdings vergeblich. Das mag unfreiwilliges Konzept sein. Die Aussage, dass sich afroamerikanischer Sprechgesang schon bei Cab Calloway’s kraftstrotzenden Swing-eskapaden finden lässt, zieht ein sehr weites und möglicherweise spannendes Spielfeld auf… und wir lauschen interessiert der angebotenen Auswahl an amerikanischer Musikgeschichte. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Reggae, alles umtänzelt ohne erkennbaren Faden den Gehörnerv, halt, allen Stücken ist eins gemeinsam – hier wird gesprochen. Dieser pädagogisch anmutende Fingerzeig macht nur aber leider die 21 hier vertretenen Tracks nicht spannender, irgendwie klingt das alles nach hundertmal schnell abgeschalteten Radiosendungen für ältere Semester. Wenn einen die Geschichte des HipHop wirklich interessiert würde ich da eher auf das Frühwerk von Herrn Scott-Heron verweisen, das geht auch heute noch…

Various

Various.
Audible Approaches For A Better Place.
C.Sides Label.

„Kunst kann ein politischer Akt sein und ein Pfad um die Welt zu ändern“. Dieser schwer zu negierende Gedanke war das Motto, das die Macher des C.Sides Labels zehn Künstlern mit auf den Weg gaben, um in „völliger Freiheit“ Musik für eine bessere Welt zu komponieren. Sich eine bessere Welt zu wünschen ist sicherlich ein höherer Ansatz als eine Mottoparty zum Thema „Pirates Of The Carbbean“ zu veranstalten, allerdings spielt hier das Alter der geladenen Gäste eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nichtsdestotrotz, die Ergebnisse die hier aus meinen Lautsprechern dringen machen meine Welt nicht besser, im Gegenteil. Meine Stirn wirft sich in Falten, Gedanken an den nahenden Steuerberatertermin umrunden zwickend meine Hirnschale, ein zweiter Kaffee wäre auch nicht schlecht und während ich so munter vor mich hin schreibe, habe ich gar nicht bemerkt dass ich die Musik ausgeschaltet habe. Jedem Zeitzeugen scheint die Beobachtung aktueller Geschehnisse von gewisser Bedeutung, was sich aber in den letzten Monaten in den Bereichen Energietechnologie, Finanzmarkt und Gesellschaftswandel weltweit abgespielt hat ist von einer grösseren Tragweite als meine Wahrnehmung dies in den letzten Jahren aufgenommen hat. Kunst spielt hierbei eine kaum spürbare Rolle, über die Gründe dessen kann man lange diskutieren, man kann es sich auf jeden Fall aber wünschen, dass sich das ändern möge. Ebenso verhält es sich bei dieser Compilation, sie verbleibt beim Wunsch und scheitert an der Umsetzung.

Tokimonsta

Tokimonsta.
Creature Dreams EP.
Brainfeeder.

Tokimonsta mit ihrer zweiten EP unter eigenem Namen, nach Ramp Recordings diesmal aus Flylos Brainfeeder Stall. Wunderbar relaxte, sich qualitativ treubleibend verspielte Funkelnummern im wackeren Holperschritt, die beiden angepopten Tracks mit der Vokalistin Gavin Turek runden das Ganze zu einem schönen Sommerausritt ab, wenn sie auch beim letzten Track „Day Job“ einmal unsanft an der Hecke hängenbleibt. Wieder aufsteigen und weiter so Madame, wir traben fröhlich wackelnd hinterher.

Seth Horvitz

Seth Horvitz.
Eight Studies For Automatic Piano.
Line.

Man stelle sich vor, das Licht im Konzertsaal geht aus, das Publikum raschelt noch ein letztes Mal umständlich mit den Programmheftchen – der ostentative Räusperer soll hier auch nicht unerwähnt bleiben – das Licht geht wieder an und der ruhmbetupft begnadete Pianist zieht seine Tastenzauber einen nach dem anderen aus den schlanken Fingern. In diesem Falle nicht so ganz richtig, das Piano spielt hier solo, alleine und midigetrieben, an der einen oder anderen Stelle seine technischen Schwächen, mit Stakkatokaskaden die Anatomie sprengenden tonalen Abenteuer schwer vertuschen könnend. Gewollt oder nicht, die Präzision hat eben nicht nur Vorteile, das herrenlose Instrument hingegen kann mit vierzehn Fingern beeindrucken, so es denn will und dennoch, wir beklatschen mächtig den Kopf gewaschen nach exakt den immer gleichen 45 Minuten und 40 Sekunden den Komponisten für seine Idee, nicht für seine brav durchtaktende Technik. Seth Horvitz, dem Saal auch unter seinem aka Sutekh bekannt, hat die acht Tracks des Albums in der Littlefield Concert Hall in Oakland mit einem Yamaha Disklavier C7 Mark III ohne Publikum aufgenommen. Je weiter man sich in die CD hineinwagt, desto weniger kann man sich bei der sich steigernd aufdrängenden Vorstellung dem Schmunzeln entziehen, wie ein eifriger Hammermechanikdrücker wohl aussehen möge, anlässlich dieser partiell hochakrobatischen Grosstaten. Es sind dann auch einige ruhigere Passagen vertreten. Ein unnötiger, geschmacksgetrübter Witz also? Im Gegenteil, ein bewundernswürdiges Experiment mit erstaunlichen Klangergebnissen und auch ein, zwei, mitunter drei kleinen, ein wenig hervorgestreckten Mittelfingern.

Seth Cluett

Seth Cluett.
Objects Of Memory.
Line..

Im dicht besiedelten Feld der Ambient / Drone Releases hat es der New Yorker Soundartist  und Komponist Seth Cluett ein wenig schwer mit seinen langgestreckten minimalistischen Klanggebilden auf unbedingtes Gehör zu stossen. Seine sanft mit klassischen Instrumenten und Field Recordings unterfütterten fünf Kompositionen, die auf „Objects Of Memory“ dezent einander ablösen, sind klare und würdige Enkel von Brian Enos Ambient Blueprint „Apollo“. Die von ihnen ausgehende zuversichtliche Ruhe basiert auf einem wohlausgeklügeltem Spiel mit Zeit und deren Wahrnehmung, alle säuberlich über seine elektronischen Flächen eingefügten Elemente markieren minimale Richtungswechsel in der ansonsten unbeirrt und bedächtig dahinfliessenden Gesamtbewegung des Albums. Wer bei Virgin eine Reise mit deren zukünftigem Unterseeboot in die tiefsten Tiefen der Ozeane gebucht haben sollte muss diesen Release unbedingt mit auf dem Kopfhörer haben. (www.virginoceanic.com)