Lussuria

lussuria

Lussuria.
American Babylon.
Hospital Productions.

Für all diejenigen, denen Andy Stott wieder einen freudigeren Blick auf Techno und dessen dunkle, unausgeleuchteten Winkel eröffnet hat, setzt Hospital Productions mit Lussurias Werk mehr Licht in diese nosferatu-schen, Industrial und Ambient durchsetzten Kammern. 2012 in Dreierserie und Miniauflage von 99 Kopien auf Kassetten erschienen, drängen aus allen Ritzen und Fugen der acht Tracks des Albums schwärzestes schwarzes Schwarz. Selbst unter Zuhilfenahme aller einsetzbaren Resentiments gegenüber genrespezifischen Klisches und Albernheiten umstrickt „American Babylon“ Kopf und Gehör schlichtweg dicht und gnadenlos. Sosehr auch alle Farbtöpfchen, aus denen hier eifrig gesogen wurde offensichtlich ihren Nachklang haben, sosehr Horror, Klaustrophobie und Endzeit eigentlich zu spitzbübig ritualisierter Produzentenfertigkeit verkommen schienen – hier harrt der wahre sinistre Meister deiner Seele. Lustig zweideutig daran ist nur dass Lussuria im Italienischen Lust bedeutet. Ehem – ja. Na dann.

Julia Holter

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Julia Holter.
Tragedy.
Domino Recording Co.

Reissue von Holter’s 2011er Release auf Leaving Records. „Tragedy“ ist eine Bearbeitung der Tragödie „Hyppolytus“ von Euripides, eine klassische Inszenierung um Ränkespiele der griechischen Götter, all included, verschmähte Liebe, Hass, Rache und Tod. Man kann jetzt nicht mit eindeutiger Sicherheit sagen, ob es die Künstlerin bedauert, den täglichen Unbill nicht mehr den Intrigen gelangweilter Unsterblicher zuschreiben zu können. Diese Frage ist bei der Finesse wie Julia Holter hier Field Recordings, Drones, Ambient, Neo-Classical und Electronica zu einem einzigartigen Erlebnis verdichtet auch definitiv nebensächlich, alles zusammengefasst durch ihre Stimme – Laurie Anderson wäre ein möglicher, aber nur annähernder Vergleich. Die aus Los Angeles stammende Multi-Instrumentalistin und studierte Komponistin legt hier eine Komplexität an Sound und Arrangement vor, die bezauberte Sprachlosigkeit hinterlässt – und schiere Freude.

Colin Stetson

stetson

Colin Stetson.
New History Warfare Vol. 3: To See More Light.
Constellation.

Der Bass Saxophonist Colin Stetson ist ein sehr gefragter Musiker, seine Arbeit ist auf Veröffentlichungen von Tom Waits, Arcade Fire, Feist und Bon Iver zu bewundern. So ist es auch naheliegend dass Bon Iver Frontmann Justin Vernon auf mehreren der elf hier vertretenen Tracks seine Stimme leiht. Der australische Komponist und Producer Ben Frost hat die Live Improvisationen, die dem Album zugrunde liegen, aufgenommen. Dritter Teil einer Mach-mal-den-Mund-auf-und-lass-ihn-einfach-eine-Weile-offenstehen Reihe ist „New History Warfare Vol. 3: To See More Light“ ein virtuoser Furor. Das ist keine Auseinandersetzung mit einem Instrument, das ist Auseinandernehmen und Zusammensetzen eines Klangkörpers gleichzeitig und es wäre absolut wundersam, wanderte das geschundene Objekt dieser Begierde nach einer derartigen Performance nicht direkt zur Reperatur in die Werkstatt. Dieses Klappen-fliegen-Sax-bersten-Artist-explodieren spielt irgendwo zwischen Minimal, Experimental, Industrial und Emo. Emo vor allem durch die vorsichtig eingesetzten vokalen Klammern Justin Vernons: wenn du also das nächste Mal dem Ausbruch eines Vulkans beistehen möchtest – das ist die Musik dazu…

Jenny Hval

hval

Jenny Hval.
Innocence Is Kinky.
Rune Grammofon.

Alles fliesst, das ist wahrlich kein neuer Spruch, gilt aber zusehens mehr und mehr auch für Genregrenzen, die hier wieder einmal, aber aufs Nachdrücklichste und mit fesselnder Grazie von Jenny Hval niedergerissen werden. Vom altbekannten Meister John Parish produziert, umschwirrt die Norwegerin koboldgleich die Zäune um eure Häuser, links ein fettes „Pop“ Tatoo, rechts „Rock“ und ein bunt schillerndes „Electronica“ Shirt in der Mitte, gleich als sei sie der nachgeborene Zwilling der Schwedin Stina Nordenstam. Nehmen wir noch die Norwegerin Hanne Hukkelberg mit in die Mitte und unser bezauberndes Hexentrio wäre perfekt. Die Schreiberin, Journalistin und Künstlerin vermengt lässig Experiment und Provokation, ihre freizügigen Texte lassen die Pitchforkleute erröten, „The Wire“ nennt sie schlichtweg erstaunlich. Auf „Innocence Is Kinky“ nimmt Hval den Begriff Unschuld auf so gar nicht unschuldige Art und Weise auseinander und Oslo, ihre Heimatstadt bekommt so richtig was auf die Nüsse. Absolute Anspieltips sind „Mephisto In The Water“ und „Death Of The Author“. Herrlich sag ich da nur, herrlich.

Greg Haines

haines

Greg Haines.
Where We Were.
Denovali Records.

Von Greg Haines Debut „Slumber Tides“ bis zu diesem, seinem fünften Soloalbum ist ein sehr weiter, spannender Weg. Wer Haines anlässlich der Veröffentlichung der Compilation „Reflections On Classical Music“ 2008 live im Tresor spielen hörte, hätte sich bei dessen atmosphärischen, cellobasierten Wall-of-Sounds schwer vorstellen können, wo der junge Künstler dereinst landen würde. Während anderenorts weiterhin mit solchen angestaubten Brettern das Sackhaar gebauscht wird, hat sich Haines weg von den stark abgetrampelten Pfaden romantischer, klassisch inspirierter Kammerspielereien entfernt.

Auf „Where We Were“ lässt Haines das Streichwerk gänzlich ruhen und wendet sich der Schichtung von Synthezisern und Rythmusgeräten zu. Stilistisch sehr intelligent immer wieder von Dub zu Techno springend, baut sich das Album in Wellen auf und ab, euphorische Drumsequenzen wechseln zu langsam wegtauchenden Synthteppichen. Das ist so alles noch nichts wirklich Neues, Carl Craig und Moritz von Oswald haben mit ihrem „Recomposed“ Album diese Strecke schon abmarschiert. Haines fasst das Material aber anders, intelligenter an, die Wechsel in Stimmung und Schlagwerk wirken feiner und geschmeidiger. Hier und da klingen winzige Krautelemente Can-scher Machart durch die Stücke, die frühen Arbeiten von Tangerine Dream, von Haines sehr geschätzt, drücken seitlich in das Werk, nur um sogleich wieder von ruhigeren, weniger massiv gesättigten Passagen abgewechselt zu werden.

Der in England geborene und aufgewachsene Musiker und Komponist, der seit 2008 in Berlin lebt, hat zunächst Piano, dann Cello gelernt, was die Rückkehr zu den Tastenelementen erklären könnte. Hinzukommt ein nicht zu verdeckender Spieltrieb und die Bereitschaft den dramatischen Wechsel zwischen Himmelhoch und Zutiefstdarnieder darstellen zu wollen.  Wobei wir genau an der Sollbruchstelle emotionlaer Ehrlichkeit angekommen sind – den leider viel zu oft auftretenden,  ungewollten und schnöden Wechsel von Drama zu Kitsch. Haines scheint sich dieser Gefahr sehr wohl bewusst zu sein, schleicht er doch zu gerne und immer wieder um diesen Punkt herum, ohne jedoch in dieses dunkle Loch zu fallen. Dieses sehr sensible Vor und Zurück, ein Tasten erst, dann ein wild berauschter, hingerissener Tanz, gefolgt von Ermattung und Rückzug ist eine wunderbar feinsinnige Spiegelung menschlicher Seelenzustände, deren stetigem Sog man sich schwer entziehen kann. Der einjährige Schaffensprozess des Albums hat ein sehr reifes Werk entstehen lassen. Von den Aufnahmen improvisierter Elemente, über die Bearbeitung durch analoge Bandmaschinen bis hin zur Mischung in Nils Frahms Studio, der hier auch noch lobend erwähnt sein sollte, zieht sich ein beindruckend zwingender Faden, dessen Genuss man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Gold Panda

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Gold Panda.
Half Of Where You Live.
Ghostly International.

Drei Jahre liess sich Gold Panda Zeit für sein zweites Soloalbum, eine durchaus nachvollziehbare Reaktion, nachdem sein Erstling „Lucky Shiner“ einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Producer tourte mehrfach um die Welt, war vielgefragter Remixer und sammelte auf seinen umfangreichen Reisen die Inspirationen für die elf Stücke auf „Half Of Where You Live“. Stilistisch nicht weit von seinem 2010er Debut entfernt zelebriert der Künstler die Faszination an urbanem Leben in den Metropolen der Welt, seine einfachen, fingerschnippenden Beats, gepaart mit eingängigen, folkloristischen Snippets verzücken auch den löffelschwingenden Hausherren. So gerät die Sauce ein wenig weltoffener und die Gäste wippen beschwingt im Takt zu diesem herzallerliebsten Menu. Schöne, farbenfrohe, glückliche Welt hier. Das letzte Stück, „Reprise“ nimmt mich schliesslich gefangen, dieses beatlose, mit einer klagend einsamen Hihat unterlegte, im Synthsturm halb untergehende, endlich eine Frage im Raum offen stehen lassende Etwas – das berührt dann doch – noch.

Dean Blunt

blunt

Dean Blunt.
The Redeemer.
Hippos In Tanks.

Dem weltweit mit fasziniert hochgezogenen Augenbrauen begeistert aufgenommenen Kosmos von Hype Williams entronnen, releast Dean Blunt hier erstmals unter eigenem Namen ein Soloalum. Nachdem Inga Copeland, zweiter Teil des Duos im März mit ihrer Debut Ep die disparate Stange gewohnter HW Machart wieder aufgenommen hat, wählt Blunt den weitaus rougheren Weg durch den dunklen Wald. Je weiter man in die kantige 80er Ästhetik seiner Produktionen eindringt, lässt die Schnörkellosigkeit seiner eher mit dem Tacker als im Rechner aneinander gehefteten Samples den Mund vom O zum Strich, zum umgedrehten U und wieder zurück geraten. Die Chuzpe einfach den Drumpart von Kate Bushs „Sat In Your Lap“ mit Chor und einem minimalen Streichquartett zu unterlegen, um darauf Sprechgesang auszubreiten, muss man erst mal haben. Oder ein allzu bekanntes Pink Floyd Stück zum Loop zu runden und das auch noch „Papi“ zu nennen. Ehhh? War bei HW Orientierungslosigkeit und Konfusion zu einem fein dosierten, geschlossenen System verpackt, legt Blunt alle Elemente nebeneinander und lässt Finken darauf rumhüpfen. Zwei Ausnahmetracks ragen hier wie Berge aus dem finsteren Blättermeer, das Titelstück „The Redeemer“ und „Imperial Gold“. Blunt turnt hier verschmitzt lässig auf gängigen Singer/Songwriter Klischees herum. Ansonsten ist der Artist auf diesem Album sehr verstört, sehr gebrochen, sehr allein. Ziemlich ehrlich, einfach so, das muss man erst mal ertragen können.

Airhead

airhead

Airhead.
For Years.
R&S Records.

Freund, Produzentenkollege und Gitarrist von James Blake, bleibt Rob McAndrews aka Airhead den gemeinsamen Roots eher treu als sein schmuseknuddeliger Feuilleton-Lieblings Buddy. Wiewohl ich bis heute nicht wirklich sagen kann, ob ich bei Blake’s letztem Album noch mitgehen mag, liesse sich im Gegenzug „For Years“ vermeintlich darstellen. Die Sparsamkeit im Arrangement ihrer gemeinsamen 10′ „Pembroke“ aus dem Jahr 2010 ist den beiden verblieben, ebenfalls das Spiel mit Melancholie und Weite. Hier endet aber auch die offensichtliche Verwicklung der beiden, Blake verbleibt unter der Bettdecke und gibt ab und an ein knurrend souliges Lebenszeichen von sich, während Airhead munter auf dem Fussboden auf seinen Tools rumklöpfelt, die eine oder andere Gitarre miteingerechnet. Jetzt könnte man natürlich schnippisch anmerken, dieses Verhalten sei altersgerechter als bei seinem bettlägrigem Kumpel, ganz so einfach fängt man den Hasen aber auch nicht. Oder etwa doch? Versuchen wir es mal so, bei dem Jungen auf dem Fussboden kann man klar sehen wie er sein Spiel gestaltet, während wir es uns unter den Laken einfach nur vorstellen können… Andererseits drängt sich auch leise der Gedanke auf dass „For Years“ einfach ein paar Jahre zu spät erscheint, während die Anderen längst draussen auf dem Hof einem Ball nachrennen? Verflixt…

Ryan Teague

teague

Ryan Teague.
Four Piano Studies.
King Tree.

Ein weiteres Artist-geführtes Label kommt auf den Markt, King Tree, auf dem der Multiinstrumentalist, Producer und Komponist Ryan Teague seine Werke veröffentlicht, bisher auf Type, Sonic Pieces und Miasmah zu hören. Sein Imprint startet der Brite mit einer schlicht „Four Piano Studies“ genannten EP, diesmal nicht von eigener Hand sondern von der Pianistin Semra Kurutac (Piano Circus) eingespielt. Seine gewohnt brillanten, elektro-akustischen Minimalismen sucht man ebenfalls vergebens, der Meister zieht hier seine Inspirationen aus Impressionismus und Romantik und verbleibt ohne technische Wirbeleien rein beim Instrument. Teague wäre nun aber nicht Teague, gelänge es ihm nicht in seiner ungebremsten Experimentierfreude auf diesem eher etwas müffeligem Musikacker vier wunderbar poetische und zeitgenössisch duftende Rosen zu züchten.

Ritornell

ritornell

Ritornell.
Aquarium Eyes.
Karaoke Kalk.

Die Liste der Projekte, an denen Richard Eigner und Roman Gerold aka Ritornell beteiligt waren und sind, ist ellenlang, bei Flying Lotus, Dimlite, Andreya Triana und vielen Anderen haben die Musiker ihre Spuren gelegt. Nun folgt das zweite Studioalbum „Aquarium Eyes“ auf Karaoke Kalk, ein frühlingsfrischer, warmer Gruss und wieder drehen die beiden Österreicher auf erstaunlich einfache, aber umsomehr effektive Weise ihre Regler an der vielerorts sehr geschundenen Schnittstelle zwischen akustischer Musik und Elektronik; mit gelegentlichen Zügen in den Jazz. Es gibt wenige Projekte die ein subtiles Knistern so punktgenau gegen ein Klavier, Kontrabass oder Vibrafon setzen können, und darüberhinaus, gerade auch im Weglassen ihrer musikalischen Textur einen äusserst individuellen Freiraum gestatten. Hinzu kommt dass ein derart feines Multi-Genre Gespinst gerne von allzu emotionalisierten Vokalisten ordentlich durcheinandergezupft werden kann, nicht aber so in diesem Fall. Die Wienerin Mimu umrundet die hier gesponnenen feinen Fäden mit dezenter Finesse in ihrer Gesangsakrobatik. Wenn man dann noch eine so exquisit gelungene Coverversion des Roxy Music Klassikers „In Every Dreamhole A Heartache“ obendrauflegt, lacht die Sonne und der Mensch freut sich.

Aidan Baker

baker

Aidan Baker.
Aneira.
Glacial Movements.

Mit „Aneira“ (walisisch für Schnee) veröffentlicht der kanadische Multiinstrumentalist Aidan Baker einen 48 Minuten Ambient/Postrock Track für das italienische Glacial Movements Imprint. Bekannt auch durch seine Kollaborationen mit Tim Hecker und dem zeitgenössischen Klassik Ensemble The Penderecki Quartet, entlehnt Baker die Idee hinter „Aneira“ der Robert Fripp’schen Soundästhetik auf dessen „Frippertronics“ und erweitert diese. Die durch Effektgeräte modulierte, und mit unterschiedlichen Techniken gespielte 12-String Gitarre wirkt wie unter meterhohen Schnee, direkt auf die gefrorene Erde geschoben. Lange, sich umschlingende Harmoniebögen und eine sich behutsam aufbauende Dramaturgie lassen das Stück beben und schlussendlich zum Brodeln bringen, die Schneedecke schmilzt und die erkaltete Erde erwärmt sich. Selten wurde der Übergang zwischen Winter und Frühling so dringlich nachempfunden, dieser kleine Moment, in dem das Leben nach langem Warten wieder von unten durch den Boden bricht. Baker hat in den letzten Jahren auch mehrere Poesie Bücher geschrieben. Das ist mehr als deutlich zu spüren.

Lubomyr Melnyk

melnyk

Lubomyr Melnyk.
Corollaries.
Erased Tapes.

Dezent von Nils Frahm und Martyn Heyne begleitet, produziert und aufgenommen von Peter Broderick, veröffentlicht der kanadische Pianovirtuoso Lubomyr Melnyk sein Minimal Album „Corollaries“ für Erased Tapes. Was der Begriff „schnellster Meister auf seinem Instrument“ bei der Gitarre anrichten kann ist uns allen bekannt, Melnyk wird auch als solcher bezeichnet und durchschreitet trockenen und geschwinden Fusses die Meere seiner Harmonien und Melodien.
Die Tastenanschlagszahl hierbei ist wahrlich berauschend, zwingend wird das fünf Stücke umfassende Album dadurch aber nicht, irgendetwas Ungreifbares verbleibt trotz heftigem Bewegungsdrang statisch, monolithisch starr. Da können auch Melnyks Mitstreiter nicht wirklich den Frachter zum schwimmen bringen, Broderick und Frahm sind geübte Paddler in der Materie und wissen, auch im Miteinander, wo weniger mehr ist, nur dazu haben sie hier wenig Gelegenheit. Beim letzten Stück „Le Miroir D’Amour“ geht dann auch richtig die Lampe aus, das ist des Kitsches reinste Seele. Es mag Leute geben, die das ganz anders sehen und gerne in schwerer Emotionalität schwelgen. Dafür dann ist „Corollaries“ perfekt.

Clinic

clinic

Clinic.
Free Reign II (Daniel Lopatin Versions).
Domino Recording Co.

Im November 2012 erschien das siebte Album der Band Clinic, ein selbstproduziertes, soweit unspektakuläres Prog Rock Album. Das von Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never gemischte Album erfährt nun eine wundersame Wandlung, mit „Free Reign II“ liegen hier die alternativen Mixes des Mannes hinter den Reglern vor, und jetzt, jetzt wird die Sache erst spannend. In altbekannter, genresprengender Manier mischt Lopatin den Originalen echtes Feuer unter den Hintern und zerrt alles mit unter die Bettdecke was seiner Meinung nach das Bett brennen lässt, Prog ist nur noch die Matratze auf der sich Psychedelic, Kraut und Elektronik kräftig an den Arschhaaren zupfen. Diese Neuinterpretation ist ein glorioses Beispiel für die Kraft des Wissens um die Welt hinter dem Tellerrand und ein geeigneter Zeigefinger für diejenigen, die glauben nur ihr Instrument beherrschen zu müssen und alles wäre damit schon gut.

Dinos Chapman

chapman

Dinos Chapman.
Luftbobler.
The Vinyl Factory.

In den letzten Jahren wird wohl kaum jemand um die verstörenden und äusserst effizient gesetzten Arbeiten der beiden Chapman Brüder Jake und Dinos herumgekommen sein. Mit genitalisierten Kinderskulpturen und SS Schergen in Sexualposen hat sich ihr Werk brillant in unsere Erinnerung geätzt. Dinos, der ältere der beiden britischen Artists, hat nun seine künstlerische Auseinandersetzung um das Medium Musik erweitert. Der Mythos kursiert, wie anders, dass er sich an Schlaflosigkeit leidend, die Nächte mit Musikprogrammen beschäftigt und im Laufe des letzten Jahrzehntes ein schönes Häufchen an Tracks damit erstellt hat. The Vinyl Factory hat nun diesen versteckten Schatz gehoben und zeigt mit „Luftbobler“ deutlich wo Chapmans Grenzen sind. Das Album wirkt wie eine nett gemachte Zusammenstellung britischer Elektronik der letzten zwanzig Jahre, hier ein Quentchen Techno, da eine Prise Knispelbeats, ein Schuss Ambient darüber und fertig. Obwohl „Luftbobler“ ebenso wie die skulpturale Arbeit der Chapman Brothers mit Erinnerung und Zitat arbeitet, fehlt dem Werk jegliche individuelle Vorstellungskraft. Möglicherweise als ausgleichende Massnahme gegen die provokative Zerstörungskraft des eigenen künstlerischen Schaffens gedacht, dümpeln die Stücke einem schläfrigen Ende entgegen. Asche zu Asche, die Zeichnungen des Führers des dritten Reiches neu zu interpretieren ist eine Sache, mit diesem Album aber kann man noch nichtmal ein Staubflöckchen aufwirbeln.

Various

alphapub

Various Artists.
TeamSupreme: Collection 1.
Alpha Pup.

Das LA-based Imprint Alpha Pup stellt mit „Team Supreme: Collection 1“ eine fein arrangierte Compilation mit 19 Artists und au courant Elektronik auf den Platz. Sehr weit wird das Feld hier geöffnet, vom Ohrenschmeichler zum Zahnartzbohrer, gar nicht, mittel und stark angebrochene Beats, von Lush bis Uptempo und Bass mit zwei bis vier s. So verschieden die Styles, so homogen die Zusammenstellung, dem Compiler einen Drink auf meine Rechnung bitte. Alles kommt ohne Alpha Pups Headliner à la Nosaj Thing etc aus. Hier dümpelt die zweite Mannschaft nicht auf dem Kinderspielplatz, das hier ist Bundesliga vom Feinsten. Anspieltip – Penthouse Penthouse mit „Teddy Rooster“, ja, so lässt sich locker gewinnen.

The North Sea

thenorthsea

The North Sea.
Grandeur & Weakness.
Rubber City Noise.

Schluss, Aus. Seit 2004 treibt Brad Rose aka The North Sea im Experimental- und Noisebereich sehr erfolgreich seine Anhängerschaft in die Höhen und Tiefen elektronischer Soundbearbeitung. Jetzt hängt er zumindest dieses Projekt an den Nagel, „Grandeur & Weakness“ ist der letzte Release unter diesem Namen. Wie auf dem Vorgänger „Bloodlines“ für das Type Label zerrt Rose sein Ausgangsmaterial durch alle Filter, derer er habhaft werden kann. Heraus kommen spiralartige, in sich zerfallende aber nicht gänzlich auflösende Drones, durchschossen von fett im Raum stehenden, schweren Synthbombern. Das Ganze hämmert immer knapp am Kontrollverlust, überschreitet diese Grenze aber nie. Wer denkt, sich just im Moment enger binden zu müssen, nehme „Grandeur & Weakness“ als passenden Testgenerator, um zukunftsweisend daran forschen zu dürfen wie der entsprechend Partner hierauf oszilliert. Womöglich wird es dann etwas holprig, aber auch das hat der Artist schon vorgedacht – das Eine oder Andere Getrommle holpert hier schlagwerkerverloren über die Tracks. Na also.

Darkstar

darkstar

Darkstar.
News From Nowhere.
Warp.

Nachdem die Mädchen nicht mehr so sind, was sie früher waren, scheint auch der Begriff Mädchenmusik, ehemals vermeindlich eindeutig, nun unscharf. Zumindest früher also hätte man Darkstars zweites Album „News From Nowhere“, so kategorisiert. Die traumgefangene, sehnsuchtsvergorene Stimme von James Buttery, eingenebelt in pastorale, radiohead-eske Soundfäden, vermittelt eine jahreszeitenunabhängige und sorgenenfreie Lümmelsofakuschelatmoshäre mit angenehmen Teegerüchen, Gebäck und einer heimeligen Serie auf dem Bildschirm. Für einige mag das, was das West Yorkshire Trio Darkstar hier vorspielen, Anlass zum schnellen Einpacken und Gehen sein. Das lustvolle Gähnen aber verhindern die in allen Tracks fein versteckten, unpassend wirkenden Details. Hier eine leiernde Gitarre, dort eine doch zu düster wabernde Synthfläche. Einmal auf die Fährte gebracht wird die Lust, all diesen hintergründigen Splittern nachzuspüren fast zwanghaft. Bemerkenswerteweise könnte man heutige Mädchen auch so empfinden, irgendwo immer in kleine Wiedersprüche verstrickt. Mädchenmusik also.

Scott Walker. Bish Bosch

Scott Walker.
Bish Bosch.
4AD.

Sechs Jahre nach seinem allseits begeistert aufgenommenem Album „The Drift“ releast der Singer/Songwriter und Komponist Scott Walker für 4AD den Nachfolger „Bish Bosch“. In den Sechzigern mit den „The Walker Brothers“ und seichten, orchestralen Pop Balladen zu Berühmtheit gelangt, änderte Walker ab Mitte der Achziger langsam aber zunehmend radikal seine musikalische Richtung. Waren seine frühen Arbeiten streckenweise schwer zu ertragen und orchestral weichgespült, liess Walker auf den Alben „Climate Of Hunter“ (1984) und „Tilt“ (1995) nun atonale, moderne klassische Musik und Rockelemente zu einem experimentellen Werk verschmelzen, immer getragen und umfangen von seiner balladesken Stimme. „Bish Bosch“ setzt nun diese Entwicklung logisch fort. Einsam klagende, in Soundscapes durchwirkte Räume hineingesungene Melodien, rockige Passagen die an der Hörlust saugen und zirbelnde Orchesterelemente die zerrend die Ohren umstreichen; die neun Stücke mit einer über 8ominütigen Spiellänge ziehen sich zu einem kaskadenhaft stolperndernden, sich dann wieder fangenden Psycho Hörstück zusammen. Düster dräuend und nervenzerrend kehrt sich des 69jährigen Innerstes nach aussen, Schmerz dringt ungefiltert aus seinen Texten. Das Album ist wahrlich nichts für zartbeseelte Menschlein, es lässt durch seine immaterielle Distanz und zugleich zerstörerische Härte ein verwirrendes, atemberaubendes Klangerlebnis zurück. Gerade durch diese Zerrissenheit und unbedingte Klage bildet „Bish Bosch“ eine sehr spannende und wichtige Ergänzung zu derzeit gängigen, kammerorchestralen Nettigkeiten.

Michael Price. A Stillness

Michael Price.
A Stillness.
Erased Tapes.

Gerade einmal 12 Minuten umfasst die 4 Track EP „A Stillness“ des durch Arbeiten für die Filmindustrie wie „Herr Der Ringe“, „James Bond“ und unlängst für die BBC Serie „Sherlock“
zu Rang und Ehre gelangten Komponisten Michael Price. Der ursprünglich für zeitgenössische Choreographie schreibende Künstler war 1996 dem Ruf des amerikanischen Grossmeisters Michael Kamen in die Welt des Scores gefolgt, um nun wieder, befreit von der Last den bewegten Bildern das musikalische Mäntelchen hinterher tragen zu müssen, frei und ungezwungen Stücke für ein Streichquartett schreiben zu können. „A Stillness“ ist ein leider viel zu kurzer Ausflug in eine zartfühlige, sehnende Welt, die geschickt gelegten Melodiebögen sind in ihrer Schlichtheit einfach bezaubernd. Erased Tapes kann mit diesem kleinen Juwel geschickt seinen Modern Classical Katalog erweitern und es lässt sich mehr als wünschen, dass Price bald mit einem weiteren, längeren Werk unsere Ohren beglückt.

Björk. Bastards

Björk.
Bastards.
One Little Indian.

Mit ihrem 2011er Album „Biophilia“ hat Björk, die immer schon fröhlich grinsend an der Grenze klassischer Musikpräsentation zu kratzen pflegte, einen wunderbaren und äusserst schmackhaften Multimedia Kuchen angerichtet. „Bastards“ ist eine Auswahl von Remixen aus diesem Album, die schon seit Beginn 2012 nach und nach releast wurden. Die Künstlerin kommentiert hierzu in typisch verschmitzter Manier: „Mehr Beats, die Stücke haben jetzt Beine, auf denen sie tanzen können“… ???… also, um da gleich mal die Sahne vom Kuchen runterzuwischen, ein Dance Album ist „Bastards“ ganz bestimmt nicht, und das ist schade. Die 13 Tracks sind ein kunterbuntes Allerlei aus bekannter björk’scher Küche, auch wenn so illustre Herrschaften wie Hudson Mohawk oder Matthew Herbert ein wenig den Teig modifizieren durften. Es fällt einfach schwer der dauerjung ewiggleichen Back- und Umrührfreude der Dame mit der gehörigen Aufmerksamkeit beistehen zu wollen, gerade weil es anderen, in die Jahre gekommenen Künstlern durchaus gelingt, ihre Waren weiterhin mit ordendlichem Applaus an die Kundschaft zu bringen. Das liegt wohl unter anderm daran, dass sich diese einfach weiterentwickeln. Zurück bleibt eine gewisse Form von Wohlwollen und der Respekt vor Leuten denen das so gefällt. Der Arab-electronica Remix von Omar Souleyman zu „Thunderbolt“ sei dann aber doch noch lobend zu erwähnen, da zupfts durchaus am Bein, doch, doch…

Flying Lotus

Flying Lotus.
Until The Quiet Comes.
Warp.

Es gibt Frauen, die hinter vorgehaltener Hand von Igor, dem Masseur mit den gegenläufig kreisenden Fingerspitzen wispern, wohlig, mit halb geschlossenen Lidern und angekrümmten Rücken. Man weiss nicht, ob dieser Mythos aus den USA kommt, oder umgekehrt, er es bis dorthin geschafft hat weitergetuschelt zu werden. So liesse sich zumindest ansatzweise erklären, warum es Steven Ellison aka Flying Lotus anhaltend gelingt, mit der Kraft der zwei in Tempo und Tune gegenläufigen Plattenspielern die Kritiker und das Publikum zu derart orgasmischem Getöne zu verzücken. Es bedarf weiterhin keiner grösseren Anstrengung um den kindlich-sentimentalen Wunsch der aufgeklärten Musikspezialisten nach immer neuen, imaginären Kleidern des Kaisers sowohl verstehen zu können, als gleichwohl den sinnlichen Vorteilen der Anbetung messianischer Grösse nicht wohlwollend gegenüber zu stehen.

Nebelhaft schimmernde Genre Zersplitterung und deren zeitgleiche, brüchige Rekonfiguration zieht sich wie bei den beiden Vorgängern „Los Angeles“ und „Cosmogramma“ durch dieses Album. Verschiedenste Spielarten des Jazz äugen blinzend vom Wegesrand, ab und an aufgenommen von Flying Lotus‘ typischer Bocksprung Beat Programmierung. Die verwendeten Samples klingen holprig und, wie kann man einen Kaiser auch anders deuten mögen, gewollt schmutzig und mit grosszügiger Geste meisterlich drapiert. Manchmal dürfen auch durchaus bekannte Vokalisten wie Erykah Badu und Thom Yorke vor des Meisters Mikrofon scharren, was aber eher wie eine nicht zu ernst zu nehmende, grosszügige Beiläufigkeit daherkommt.

Nach vier Albenseiten verbleibt der Hörer in einer eigenartigen Stille, die zwar ob der multiplen Soundsensationen unterschwellig herbeigesehnt, dennoch aber viel zu schnell einzutritt. Das neue Werk „Until The Quiet Comes“ wäre dann in Würde und Ehrfurcht zu den anderen musikalischen Entäusserungen des Herren dezent in die Sammlung zu schieben, keimte da nicht zaghaft die Erkenntnis auf, dass diese Reaktion nicht neu und die anderen Alben ähnliche Distanz und Divergenz hinterliessen. Hinzu kommt noch, auch das ist allen FlyLo Releasen verwandt – ein Track schwebt weit oben über dem fluffigen Gesummse, so in diesem Fall „Phantasm“, das Restalbums bildet den nötigen, durchaus potenten Nährboden – den Hofstaat sozusagen.

Vermutlich haben alle einen, in welchem Medium auch immer, solcherart still verehrten Unantastbaren, dem man sich nicht wirklich annähern kann, dieser Nähe aber unbedingt bedarf und ihn gerade darum noch mehr in traumverlorene Wolkengipfel entrückt. Klugerweise hat Flying Lotus 2008 sein eigenes Label Brainfeeder gegründet, dessen Producer eifrig, aber nicht zuviel an seinen Skills lecken dürfen, um gerade so das Quentchen Salz für ihre Produkte einsaugen zu können, das den Stoff des Kaisers zwar wage erahnen lässt, die wahre Grösse des Meistern aber nur noch weiter erhöht.

Various

Various Artists.
Sonar Kollektiv – 15 Years Of Volxmusik.
Sonar Kollektiv.

„Reborn into a new inner dimension“, diesem Textzitat aus Ena Wadans hier auf dieser Compilation vertretenen Track „Reborn“ würde ich nur allzu gerne glauben. Es geht hier schliesslich um die Jubiläums Show, 15 Jahre Sonar Kollektiv, und was könnten hier alles für prominente Pferdchen in der Manege den Staub aufwirbeln, Forss, Dimlite, Fat Freddy’s Drop, Àme, Ulrich Schnauss und so weiter – es ist schon erstaunlich wer bei diesem Berliner Label alles das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, nebst den Gründervätern selbst natürlich, Jazzanova. Ist es wirklich schon so lange her, dass man bei deren Dj Sets alle fünf Minuten dort nerven ging, um in Erfahrung zu bringen, was da gerade läuft? Es ist. Das ist insofern doppelt traurig, weil ich allein schon beim zweiten Track von „15 Years Of Volxmusik“, einer unfassbar erbärmlichen Kate Bush Coverversion, schreiend aus dem Laden gerannt wäre… Auch das ganze Restangebot klingt eher wie Sektkorken zum Fünfjährigen, anno 2002. Ein schöner Lichtblick sei noch erwähnt, Micatone mit Lisa Bassenge. Zeitlos muss man eben auch können.

Kreng

Kreng.
Works For Abattoir Fermé – 2007 – 2011.
Miasmah.

Anlässlich seines zwanzigsten Jubiläums veröffentlicht das Berliner Imprint Miasmah eine 4 LP & 10″ Box des belgischen Schauspielers und Produzenten Kreng . Enthalten sind ausgewählte Arbeiten des umtriebigen Artists für die international renomierte Theatergruppe Abattoir Fermé, Tracks für deren TV Serie „Monster“, sowie Rohversionen aus seinen beiden ersten Releasen „L’autopsie Phénoménale De Dieu“ und „Grimoire“. Auf acht Albenseiten breitet sich das samplebasierte Frühwerk Kreng’s in voller Länge aus, die rough’n’dirty gehaltenen Ambientdrones zupfen genüsslich an unseren mittlerweile etwas durchhängenden, an Cinematographischem überstopften Ohren. Selbst schauspielernder Teil Abattoir Fermés, hat der Künstler ein subtil schwarz gefärbtes Näschen für Dramatik. Ab und an auflaufende Überlängen entstehen durch die (wie bei vielen Theatermusiken und Scores) fehlende, begleitende visuelle Darbietung, stören aber nicht wesentlich. Schwierig wird es dagegen mit den „Monster“ Stücken auf der beiliegenden 10″, deren allzu wuschig angelegte 60’s-psy-fi-B-Movie Elemente wirkliche Gelassenheit abnötigen. Um dem glühenden, oder gerade frisch anglimmenden Kreng Fan einen schlüssigen Schaffenseinblick zu gewähren, würde ich eher die Kreng EPs „The Pleiades“ und „Zomer“ (auf Fant00m releast) in die Box legen, aber… jenun… die restlichen 180 (!!!) Minuten Material lassen da gerne über diese Stolperscheibe hinweghören.

Animal Collective

Animal Collective.
Centipede Hz.
Domino Records.

Beim ersten Hören von „Centipede Hz“ hat mich die Musik so wuschig gemacht, dass mir umgehend bei der Arbeit zwei kapitale Fehler unterlaufen sind, ich bin multitaskingfähig, so glaubte ich bis dato. Zugegebenermassen waren diese Fehler weniger Fehler, sondern durchaus interessante Variationen, geboren aus dem absoluten Zurückschrecken vor blanker Hysterie. Jetzt hat dieses Album natürlich wenig mit dem britischen Vibrator-Geburtsmythos Film „Hysteria“ aus dem vergangenen Jahr zu tun, wiewohl ein Satz Wubbler in den Hosen des Kollektives sehr wohl erklären würde, warum die Herren wie wild die Bananen samt sich selbst vom Baum schütteln. Da steckt soviel Brit, soviel Inselaffe drin, dass es schwer vorstellbar ist, dieses Produkt komme direkt aus Baltimore, USA. Wenig verwunderlich ist es auch dass meine Kollegen aus der Redaktion in wilder Panik kreischend hinter den Schränken verschwinden, das ist PROG in Reinkultur und der einzige der sich hinter dem Mikrofon so derart erregen konnte ist Steve Harley mit seinen Cockney Rebel. Leider sind mir dann beim mehrmaligen weiteren Hören keine wegweisenden Fehler mehr unterlaufen, sondern nur noch wohlige Schüttelanfälle… egal. Gross das!!!

Jakob Bro, Thomas Knak

Jakob Bro, Thomas Knak.
BRO /KNAK.
Loveland Records.

Der dänische Gitarrist und Komponist Jakob Bro spielt in der Jazzwelt mit den ganz Grossen, Bill Frisell, Lee Konitz und Paul Motian stehen auf seiner Liste, um nur ein paar zu nennen.  Zudem betreibt er sein eigenes Label Loveland Records, bei dem er acht Soloalben und eine Vielzahl von Kollaborationen veröffentlichte. Für seine Arbeit als Jazz Musiker sowie diversen, genreübergreifenden musikalischen Aktivitäten in Dänemark mit 4 Music Awards ausgezeichnet, wagt der Künstler auf BRO /KNAK das Experiment, Originalaufnahmen von 14 Solisten auf zwei unterschiedlichen Weisen parallel durchzuspielen. Zum einen baut er selbst Studiosessions und Improvisationen von Paul Bley, Kenny Wheeler und anderen im Studio zu einem, seinem Jazzkosmos entsprechenden Album zusammen. Zeitgleich gibt er das Material an den ebenfalls dänischen Musiker und Komponisten Thomas Knak weiter, der schon als Produzent von Björk tätig war. Heraus kommt ein Doppelalbum, dessen beide Seiten nicht unterschiedlicher ausfallen könnten. BRO ist eine sensible, mit Blues, Jazz, Free Jazz und Elektronik durchwachsene, sehr weite, sehr freie und intelligent komponierte Bilderwelt. KNAK hingegen wirkt wie die Outtakes des Albums, selbstgefällig in der Verwendung elektronischen Studiomuffs und niederkomplexem Sound, umwölkt von schlimmgestriger Beatschnippelei. Den Blick gleichzeitig nach vorne und nach hinten richten zu wollen ist unsinnig, BRO/KNAK ist ein wunderbar erklärendes Beispiel dafür, warum dem so ist.