Rewind: Klassiker, neu gehört – Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.11.2018

Es gab eine Zeit, in der war Max Richter noch indie. Damals schrubbte der britische Komponist nicht Soundtrack nach Soundtrack, sondern war vielmehr dabei, seine musikalischen Ideen Schritt für Schritt und sehr sachte zu entwickeln – auf „130701“, einem kleinen Sublabel des Techno-Imperiums „FatCat“. Und beschäftigte sich mit den Dingen, die damals eben Thema waren – Klingeltöne zum Beispiel. Sein Album „24 Postcards In Full Colour“ war die Antwort auf Abzocker-Abos von Jamba und Co. 24 kurze Snapshots, mit denen bimmelnde Telefonen ihre plärrende Würde wiedererlangen sollten. Zehn Jahre später vereinbaren Raabenstein und Herrmann erst telefonisch einen Termin, klären, wer von den beiden nun Mozart und wer Bach ist und lassen es klingeln. Also laufen. Jóhann Jóhannsson hört auch irgendwie zu. Aber das ist bei Max Richter ja nun wirklich keine Überraschung.

Martin Raabenstein: Du sagst, du kommst in das Album nicht so richtig rein. Warum?

Thaddeus Herrmann: Das ist der dann doch recht speziellen Form geschuldet. Es ist ja kein Album im herkömmlichen Sinn. Dass wir beide uns nochmal über Klingeltöne unterhalten würden … toll!

Martin: Dieses Nicht-Album ist aber ein eindeutiger Richter. Mit allem was den Max sonst so ausmacht. Möglicherweise ist genau hier, in der Verknappung, des Komponisten wahre Seele zu spüren?

Thaddeus: Ein absolut eindeutiger Richter, gar keine Frage. Und natürlich schon ein Album, nur eines, das für mich nicht als solches funktioniert. Und von Richter – glaube ich – auch nicht so gedacht ist. Denn es ist ja tatsächlich seine Auseinandersetzung mit dem Thema Klingelton – 2008 war das ein großes Thema auf den Telefonen da draußen. 24 kurze – sehr kurze Stücke, Ideen, Skizzen. Hier spielt die Reihenfolge keine Rolle, am besten hört man das im Shuffle-Modus oder sucht sich seine Lieblinge raus, lädt sie sich auf das Telefon und hofft, ganz viele SMS oder Anrufe zu bekommen. Für einen Komponisten schon ein interessanter Schritt. Ich mag das. Weil: Wenn man es einfach durchhört, wird man ja immer wieder rausgeworfen. Um in der Metapher zu bleiben: Es ist ein einziger Verbindungsabbruch. Es gibt so gut wie keine Blenden, Stücke fangen an, hören drastisch und radikal auf, Pausen zwischen den Tracks scheinen willkürlich. Man hüpft von Pfütze zu Pfütze.


Martin: Das finde ich gerade das Faszinierende an der Idee. Es gibt keine groß angelegte orchestrale Durchführung, die dich wie bei Jóhannsson ins Schwelgen kommen lässt. Minimal, knapp, auf dem Punkt: Hier schimmert für mich die Essenz des gesamten Modern-Classical-Genres durch. Die obligatorische traurige Melodie, diese Wiederaufnahme des Barock, die sich nur in der Melancholie zu wälzen vermag. So wie bei „24 Postcards In Full Colour“ dringt die simple Konstruktion musikalischer Aneignung dort nirgends durch, das macht es für mich so entlarvend. Somit ist auch der Titel des Albums mehr als zutreffend

Thaddeus: Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Richter eher vom Track kommt als von der klassischen Komposition. „The Blue Notebooks“ funktioniert ja ähnlich, mit vielen kurzen Stücken, die er dort jedoch zumindest aneinander kettet. Das findet hier nicht statt. Dafür hat es ob der Kürze und Zufälligkeit tatsächlich eine sehr angenehme Leichtigkeit, die trotz der teilweise offensichtlichen Schwere der Musik die Oberhand behält. Ob das nun die Basis für ein ganzes Genre ist, weiß ich nicht. Ich könnte ja nicht mal sagen, durch was sich dieses Genre nun definiert. Mir fällt auf, wie stark prozessiert die Tracks zum Teil sind. Dadurch bekommen sie in ihre Zusammenstellung nochmal eine ganz andere Diversität.

Martin: Lustig dass du „The Blue Notebooks“ erwähnst, das habe ich heute auch nochmal gehört. Da kommt die Idee des eindeutigen Richters ja auf und so entstand auch die Assoziation zum Barock als Basis für dieses Genre. Daran haben sich schon in früheren Jahrzehnten andere versucht: Brian Eno mit Johann Pachelbel auf „Discreet Music“ anno 1975 oder Michael Nyman, der Henry Purcell für seine Peter-Greenaway-Soundtracks immer wieder gerne durch die Themse zieht. Eigenartigerweise ist daraus nie eine breite musikalische Bewegung entstanden, vergleichbar mit den Modern Classical. Benötigten die späten Nullerjahre diesen einfach gestrickten, melancholischen Mir-is-so-freudlos mehr als die vorhergegangenen Jahrzehnte?

Thaddeus: Man könnte mutmaßen, dass dem Eno der Punk dazwischen kam – wobei: Der war dem Mann doch bestimmt scheißegal. Ich tippe eher auf den Generationswechsel, gepaart mit anderen technischen Möglichkeiten. Wenn man wie Richter 1966 geboren wurde, hat man eine andere musikalische Sozialisation, andere Dinge erlebt, bzw. gehört – und denkt folglich auch andere Dinge zusammen. Warum das nun gerade in den Nullerjahren begann und mittlerweile mehrfach pervertiert und missverstanden nicht wieder aufhören will – ich weiß es doch auch nicht.

Martin: Jaja der Punk, das macht er gerne. Der hat einigen Damen und Herren die Haare ziemlich auf Millimeterlänge geschoren. Die ganzen Prog-Legenden wie Queen, Yes oder EL&P, die ihre Kompositionen unter anderem auf einer klassisch- fundierten, musikalischen Bildung aufbauten, waren einfach nur noch Dinosaurier und haben lediglich durch zum Teil krasse Richtungswechsel ihrer Musik überlebt. Klassische Musik hat immer wieder ihre spitzen Finger durch die Jahrhunderte hindurch in zeitgenössisches Denken gedrückt. Nirgends allerdings waren die Effekte dieser Einflussnahme so dünn gebohrt wie Anfang/Mitte dieses Milleniums. Darum auch die Frage nach dem sich selbst genügenden, kleinen Moll-Akkord. Und dennoch, der Richter bleibt immer der Richter, liegt am Straßenrand und weint so ein bisschen vor sich hin, ob in Kurz- oder in Langform, das Publikum hat ihn trotzdem ganz doll lieb.

Thaddeus: Und du?

Martin: Ich mag „24 Postcards In Full Colour“ noch immer, wiewohl ich diesen eben beschriebenen Mangel schmerzlich verspüre, damals war dem nicht so. Aber sag, hinter dem Album steckte dann doch noch mehr, oder?

Thaddeus: Würde man Richter fragen – ja. Vielleicht ist es aber unsere Aufgabe, ihm das Konzept posthum unter dem Hintern wegzuziehen und die Frage zu stellen, warum er 24 Interludes als Album veröffentlicht und sich nicht mal die Zeit nimmt, ordentliche Fades anzufertigen. Das gehört sich aber nicht, finde ich. Denn: 2008 ist zehn Jahre her und nach dem Thema – der Auseinandersetzung mit Klingeltönen, bzw. deren musikalischer Aufwertung – kräht heute ja kein Hahn mehr – auch wenn es Jamba immer noch gibt. Zu hinterfragen wäre eher, warum er diese Sammlung dann auf klassischem Wege veröffentlicht. Nicht nur auf Tonträger, sondern ganz bewusst als Album. Hier hätte er damals schon etwas vorausschauender sein können. Die Kollegen von FatCat hätten ihn dabei sicher tatkräftig unterstützt. Aber egal. Ich frage mich die ganze Zeit, warum ich mir damals nicht einen der Tracks als Klingelton geladen habe. Weil: Die sind ja alle toll. Oder die meisten zumindest. Ich finde Max Richter immer dann schwierig, wenn er mit Text in seiner Musik experimentiert, Zitate lesen lässt. Das reißt mich aus der Konzentration, das sind Ebenen, die er nicht überzeugend zusammenbringt für mein Verständnis. Aber auch das hält sich hier ja in Grenzen. Anders als beim „The Blue Notebooks“.

Martin: Das Ganze ist eher die unbändige Freiheit einfach spielen zu dürfen. Texte lesen zu lassen, Fades nicht anzubringen, das klaut mir nicht die Wurst von der Schrippe. Ich bin bei Richter eigentümlicherweise ebenso gnädig, wie du es beim Jóhann bist. Dem lässt du ja auch so einiges durchgehen. Zum Thema passte dann die Frage, ich Mozart, du Bach?

Thaddeus: Jóhann! Jóhann! Ich find das jetzt auch nicht blöd, wie Richter das arrangiert, es konstrastiert ja auf eine gewisse Weise die musikalische Substanz und macht es so ein bisschen kantiger. Dafür gehen erstmal alle Daumen hoch. Da Richter ja leider mittlerweile auch einer von diesen Musikern ist, die zwei Mal pro Woche einen neuen Soundtrack veröffentlichen, die sich alle nicht mehr voneinander unterscheiden, ist mir dieses Album hier viel lieber als seine späteren Werke – von „Sleep“ mal abgesehen, was ich nach wie vor für einen ganz großen Wurf halte, vor allem in der Extended Version. Bach oder Mozart? Ja, vielleicht halte ich meinen kleinen Zeh eher in den Bach.

Martin: Das erklärte dann auch deine unziemlichen Techno/House-Missionierungsversuche an mir. Der Bach ist da viel straighter, durchbachter eben. Bei Mozart habe ich immer den Eindruck, kurz bevor man dahinter kommt was er da gerade so bastelt, dreht er flink eine Wendung ein. Darum die, zugegeben etwas hölzerne, mögliche Unterscheidung unserer musikalischen Sozialisation.

Thaddeus: Dann legt der einfach gestrickte Loop-Thaddi jetzt „Switched On Bach auf“. Wendy! Wendy!

Martin: Dir sind die Vocals einfach nicht mit der Musik verwoben genug, ich denke das irritiert dich. Hört da bei dir der Producer mit?

Thaddeus: Der hört doch sowieso immer bei jedem mit, oder? Sobald da Musik ist, die einem gut gefällt, fängt man im Kopf mit dem Remixen an. Das halte ich für den Normalzustand beim Musikhören. In diesem Fall – also nicht hier, sondern beim „The Blue Notebooks“ – stimmt es aber tatsächlich. Musik und Text wollen in meinen Ohren einfach nicht zueinanderfinden. Die Staffelung stimmt nicht. Sie sind sich zu nahe, als das ich das eine wirklich ausblenden könnte, bauen trotz der Nähe aber keine Beziehung auf. Im Resultat labbert das dann so rum. Darum mag ich die Postkarten auf deutlich lieber. Das hat in seiner geplanten Zerfaserung einen erstaunlich tighten Fokus.
Martin: Nun, ich hatte den Richter auch nicht als Klingelton. Und es ist natürlich auf jeden Fall spannender damit angerufen zu werden, als mit allen Anderen im Raum nach dem Phone zu greifen, wenn die Marimbas loströmmeln.

Thaddeus: Oder mit dem Samsung-Pfeiffer – da werde ich so richtig aggro. Da fällt mir folgende Anektote ein: Ich musste kürzlich tatsächlich mal telefonieren. Da hörte ich unter dem Freizeichen einen furchtbar plärrenden Pop-Song aus dem Nullerjahren. Das war zu der Zeit, als Richter die Postkarten aufnahm, wahnsinnig populär. Konnte man buchen bei seinem Handyvertrag. Dass alle, die dich anrufen, immer solange deinen Lieblingssong im Hintergrund hören, bis du rangehst. Ob das noch geht? Dann würde ich den Richter mal aufspielen.

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Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Thorsten Lütz, Label-Betreiber und DJ

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Thorsten Lütz, Label-Betreiber und DJ
Das Filter – Interview vom 11.02.2019

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Thorsten Lütz aka Strobocop, der Macher des wunderbaren Labels Karaoke Kalk.

Lieber Thorsten, magst du dich zunächst kurz vorstellen?

Eigentlich bin ich so ein klassisches 1970er-Jahre-Gewächs. 1971 in Köln geboren, abgebrochenes Studium, dann diverse Jobs im Gastronomiebereich und ein Gastspiel als Praktikant und anschließend als freier Mitarbeiter beim dem nun nicht mehr existierenden Musiksender VIVA. 1997 habe ich dann mit Karaoke Kalk angefangen, bin 2003 nach Berlin gezogen und habe 2005 noch ein Sublabel, inzwischen eingestellt, namens Kalk Pets gegründet. Bis zum Ende der Nuller-Jahre war ich noch als semi-bekannter Dj unterwegs, um dann 2011 bei Manmade Mastering anzuheuern.

Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?

Ich teile meine Zeit zwischen der Label-Arbeit und meinem Job hier bei Manmade, einem Studio für Mastering & Vinylschnitt in Berlin. Ich kümmere mich um die Administration. Also die Kommunikation mit unseren Kunden, Disposition und so weiter. Ziemlich praktisch, da ich auch mein Label-Büro dort habe. Ich kann fließend arbeiten und da Mike Grinser, einer der Inhaber, für das Mastering und den Schnitt von nahezu allen Kalk-Veröffentlichungen in den letzten Jahren verantwortlich ist, würde ich von einer fast perfekten Symbiose sprechen.

Was das Label betrifft arbeite ich gerade an der neuen Veröffentlichung des neuen Albums von Donna Regina, das am 22. Februar erscheint. Weiterhin an einem neuen Album des französischen Musikers Astrobal, der aktuell auch als Schlagzeuger von und mit Laetitia Sadier auf Tour ist. Sein Album „L’infini, l’Univers et les Mondes“ ist für Ende April geplant. Außerdem hat Mike gerade das neue Album von Il Tempo Gigante gemastert. Diese Veröffentlichung steht Ende Mai an.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Joy Division – Unknown Pleasures (1979)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Joy Division – Unknown Pleasures (1979)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 04.02.2019

43 Songs, vier Singles, drei EPs, zwei Alben und gut 120 Konzerte: Das ist die viel zu kurze Geschichte von Joy Division – abgearbeitet in nur 29 Monaten im Zeitraum zwischen 1978 und 1980. Dann, am 18. Mai 1980, erhängte sich Ian Curtis, der charismatische Sänger der Band, einen Tag, bevor er mit seinen Mitmusikern zur ersten USA-Tour aufbrechen sollte. Ein perfekter Mythos für die nach Orientierung suchende Post-Punk-Jugend des runtergekommenen British Empire. Der Bogen in die Gegenwart könnte offensichtlicher nicht sein. Am 20. Juli 1976 besuchten die beiden Schulfreunde Bernhard Sumner und Peter Hook das Sex-Pistols-Konzert in der Lesser Free Trade Hall in Manchester, kauften sich Instrumente und gründeten die Band „Warsaw“. Curtis war als Sänger schnell dabei und nach einem personellen Gerangel war die finale Besetzung mit Drummer Stephen Morris schließlich komplett. Unter dem neuen Namen Joy Division begründete das Quartett die Manchester-Musiktradition und die Legende rund um ihr Label Factory Records. Die großen Hits „Love Will Tear Us Apart“ und „Atmosphere“ spielen im dystopischen Klangkosmos der Band dabei nur eine von vielen Rollen – dem wahren Sound der Musiker werden diese Songs nur bedingt gerecht. Und sind beide nicht auf dem Debütalbum „Unknown Pleasures“ zu finden – aufgenommen von Martin Hannett im April 1979 im Strawberry Studio in Stockport – dieser nicht minder unwirtlichen Stadt, knapp zehn Minuten mit dem Zug von Manchester entfernt. Und heute? 40 Jahre später? Fahren Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann zwar nicht nach Manchester (Budget-Probleme!), um ganz nah dran zu sein, fragen sich aber, wie hell das vermeintliche Meisterwerk heute noch strahlt.

Martin Raabenstein: Der von uns erst kürzlich besprochene Nick Drake hatte es zu Lebzeiten wenigstens auf drei Alben gebracht, Ian Curtis nur auf eines. Bevor das zweite Joy-Division-Album „Closer“ erschien, war er, dreiundzwanzigjährig, schon tot. Melodrama, Paranoia und Depression, die ureigenen Ingredenzien für eine durchwachsene Mythenbildung. Der unerbittliche Nerd muss die Lyrics von „Unknown Pleasures“ nicht lange durchwühlen, um auf zielführende Hinweise zu stoßen. Bei „Insight“ heißt es unter anderem „But I don’t care anymore, I’ve lost the will to want more, I’m not afraid at all …“. Was machst du, wenn dein best buddy solche Lyrics ausstößt, vor allem in solch düsteren, grau verschlierten No-Future-Zeiten, wie Ende der Siebziger? Holt man den Arzt, kramt Mamas kleine Helferlein-Pillen raus?

Thaddeus Herrmann: Ich kenne Manchester ganz gut, auch bereits vor dem Bombenanschlag. Mich wundert das alles nicht besonders. Der Norden des Landes hatte den Kampf verloren. Das ist auch der Grund, warum die lokalen Szenen – die in Manchester wurde ja praktisch durch Joy Division begründet, zumindest was die Wahrnehmung auf der globalen Karte der Post-Punk-Popkultur angeht – sich auch bewusst abgrenzten gegen London. Manchester, Sheffield, Leeds: Der Sound mag unterschiedlich sein, das Phänomen ist aber ganz ähnlich. Die Einflüsse dürften überall die selben gewesen sein. Details »

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Haru Specks, Vinylprediger

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Haru Specks, Vinylprediger
Das Filter – Interview vom 28.01.2019

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Haru Specks. Mit seinen musikalischen Themenabenden ist er die weltweit erste Playlist aus Fleisch und Blut.

Das Filter berichtete schon im April 2014 über die „Vinylpredigten“ von Haru Specks aka Diethelm Kröhl. Unterwegs ist er mit der Idee nach wie vor. Das nächste Mal bereits diese Woche: am 30. Januar im Sixpack in Köln. Specks selbst beschreibt diese Abende als „keinen DJ-Act, nichts zum Tanzen, kein Hintergrundgeräusch sondern eine Auseinandersetzung mit unseren Leben und das der Leben unzähliger Musiker und deren Kunst. Die Vinylpredigt ist kein Frontalunterricht, sondern ein Experiment. Das Thema, die Songs, der Raum, die Gäste ergeben jedes Mal eine einzigartige Anordnung. Zwischenrufe sind erlaubt, Dialog ist wichtig. Denn der Vinylprediger ist ein Individuum, ein Subjekt, kein allwissender Halbgott, kein unangreifbarer diplomierter Checker. Er ist angreifbar und auch widerlegbar.“

Lieber Haru, magst du dich zunächst kurz vorstellen?

Ich wurde Anfang der 1960er-Jahre im süddeutschen Raum geboren. Die Eltern mehr oder weniger einfache Arbeiter. Ich schummelte mich durch das Leben, um eine vermeintliche Karriere im Medienbereich zu führen. Vor einigen Jahren hatte ich dann genug davon und versuche seitdem ein Leben zu führen, welches mir behagt. In der Kurzfassung suche ich nach Wahrheit, Schönheit und Güte.
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Rewind: Klassiker, neu gehört – Nick Drake – Five Leaves Left (1969)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Nick Drake – Five Leaves Left (1969)
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 16.01.2019

1969 passierte das, was in der Geschichte der Tonträger praktisch jeden Tag passiert: Ein junger Mensch veröffentlicht ein Album, und kaum jemand interessiert sich dafür. Zu diesem Zeitpunkt war Nicholas Rodney Drake 21 Jahre alt – fünf Jahre später war er tot. Heute gilt der Engländer als einer der einflussreichsten Singer/Songwriter aller Zeiten. Drei Alben nahm er in dieser kurzen Periode auf und stürzte tief in den Tunnel der drei großen Ds: Drugs, Depression, Death. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann legen schweren Herzens das Debüt von Nick Drake auf. Und geben sich einem Crooner hin, dessen minimal arrangierte Stücke noch heute so kraftvoll fließen, dass sie den Künstler schon längst im Paradies haben an Land gehen lassen.

Martin Raabenstein: Die wenigen Werke von Nick Drake sind in meinem Kopf eng miteinander verbunden, sie verbleiben eher wie ein in sich verschlungenes Triple-Album als drei unabhängige Releases, wenn auch die Grundstimmungen sehr unterschiedlich sind. Da ich irgendwann aufgehört habe, mich für die Beipackzettel von Alben zu interessieren, war es für mich umso mehr verwunderlich, dass Drake schon 1968 mit den Aufnahmen zu „Five Leaves Left“ begann. Ich hätte diese Platten musikalisch eher in den Mitsiebzigern verortet.

Thaddeus Herrmann: Das ist deine Epoche, ich bin da auch auf deine Expertise angewiesen. Warum also würdest du das Album zeitlich später einsortieren?

Martin: Das ist nicht und klingt auch nicht wie die Sechziger. Hier steckt eine andere, sich nach mehr sehnende Kraft dahinter. So kommen wir gleich vom Start weg gleich auf Drakes Grundproblem – seine Depression. Wie er auf diesem Album vorgeht, macht man das eigentlich erst in den Siebzigern, getrieben von einer unendlichen Traurigkeit. Vorgetragen mit entrückter, unverhallter Stimme, die sich von der Gitarre umwickeln und mittragen lässt, einem dunklen Nichts entgegen.

Thaddeus: Dann haben wir es hier ja mit einem echten Pionier zu tun, der – das ist mein Gefühl – jedoch nie ein Pionier sein wollte. Seine Vita liest sich, als wäre ihm die Musik schon wichtig gewesen, es ihm aber im Traum nicht eingefallen wäre, daraus so etwas wie eine Karriere zu entwickeln. Was ihm faktisch ja auch erst posthum geglückt ist. Alle drei Platten waren finanzielle Flops, die Kritiken mau, Airplay war praktisch nicht existent. Nur John Peel hat es gespielt. Gereicht hat ihm das natürlich nicht, also entwickelte er eine Art renitente Haltung gegenüber dem Business. Zurück bleibt die Musik. Und die ist auf diesem ersten Album doch sehr auf den Punkt und gelungen – in aller Stille. Details »

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Yiqing Zhang, Kindergärtner aus Shanghai

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Yiqing Zhang, Kindergärtner aus Shanghai
Das Filter – Interview vom 14.01.2019

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Yiqing Zhang. Vor wenigen Jahren wagte der Chinese den beruflichen Neustart, hing das Dasein als Berater an den Nagel und gründete einen Kindergarten.

Lieber Yiqing, magst du dich zunächst kurz vorstellen?

Ich leite einen Kindergarten in Shanghai. Ursprünglich komme ich aber aus einer ganz anderen Richtung. Zunächst war ich Journalist bei einer Wochenzeitung, zuständig für die Bereiche Kultur und Gesellschaft. Dann war ich Analyst in einer Beratungsfirma, die sich mit dem kulturellen Transfer zwischen Europa und China auseinandersetzte. Hauptsächlich ging es dabei um die Autobranche und Erziehung. Der Unterschied zwischen der traditionellen chinesischen Form der Erziehung und der westlich-geprägten Waldorf-Idee, den ich dadurch mitbekam, brachte mich dazu zu überlegen, wie wichtig die frühe Kindheit für die weitere Entwicklung des Menschen sein kann – eine starke Inspiration, einen eigenen Kindergarten zu gründen. Das hat eine ganze Weile und verschiedene Seminare in dieser Richtung gedauert.

Seit ich täglich mit Kindern arbeite, hat sich meine Sicht auf die Welt geändert. Das liegt nicht nur daran, dass man mit den Kleinen Zeit verbringt, sondern auch wie man sie mit Musik, Malerei, Basteln und anderen künstlerischen Beschäftigungen an die kleinen und großen Aufgaben des Lebens heranführt. Ich lebe in Shanghai, einer Mega-City mit 30 Millionen Einwohnern – das eröffnet einerseits jede Menge Möglichkeiten, ist aber auch sehr fordernd. Ich mag die Geschwindigkeit und den Lärm am Tage, brauche aber meine ruhige Vorortwohnung, um wieder runterzukommen, Frieden zu genießen. Da ich in einer kollektiven Gesellschaft lebe, benötige ich diese persönliche Unabhängigkeit. Ich habe sie noch nicht wirklich erreicht, bin aber weiterhin auf der Suche nach einem guten Weg dahin.

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Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Kerem Gokmen, Radio-DJ und Umweltaktivist (USA)

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Kerem Gokmen, Radio-DJ und Umweltaktivist (USA)
Das Filter – Interview vom 02.01.2019

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Den Auftakt 2019 macht Kerem Gokmen aus Pittsburgh, der sein Leben der Musik und dem Umweltschutz widmet.

Lieber Kerem, magst du dich zunächst kurz vorstellen?

Ich stamme ursprünglich aus Istanbul, lebe aber schon lange in den USA. Schon seit 1998 habe ich hier in Pittsburgh eine wöchentliche Radioshow. „Dubmission“ geht vier Stunden lang und wird jede Samstagnacht auf WYEP ausgestrahlt, einem unabhängigen Sender in Pennsylvania, den es bereits seit 1974 gibt. In der Show spiele ich regelmäßig eine große Bandbreite an Musik, von Broken, Soul, Downtempo und Jazz über House, Funk, Techno, Hiphop, Offbeat, Glitch, Disco bis zu Leftfield, Funk und Dub. Zudem lege ich regelmäßig als DJ in verschiedenen Bars und Clubs auf. Tagsüber arbeite ich bei Clean Water Action, einem Nonprofit, das sich für den Umweltschutz im Allgemeinen und für sauberes Wasser und nachhaltigen Umgang damit im Besonderen einsetzt.

Woran arbeitest du im Moment, wo reißen wir dich hier aus deinem Flow raus?

Natürlich an der nächsten Ausgabe der Radiosendung. Details »

Hängengeblieben 2018 – Unser großer Jahresrückblick

Hängengeblieben 2018
Unser großer Jahresrückblick
Das Filter – Die Raabenstein Beiträge vom 21.12.2018

Ein Sommer ohne Märchen, eine AKK ohne 4711 auf dem Dancefloor, Daten ohne Schutz aber mit Verordnung und jede Menge Ehrenmänner in der Heißzeit des Jahrhunderts: alles in 8K und 5G. Wie auch die letzten Jahre gibt es dieses Jahr den großen Das-Filter-Jahresrückblick. Was ist hängengeblieben von 2018? Wie immer subjektiv, perspektivisch und independent erklären unsere Autoren und Redakteure, was ging in den Bereichen Musik, Kultur, Technik, Gesellschaft und Medien. Auf ein gutes 2019. Euer Das-Filter-Team.

Diesel
Nirgends lässt sich das ewig absurde Ringelreihen zwischen Politik und Wirtschaft besser beschreiben als in der immer noch aktuellen Dieselaffäre. Die Regierung gibt neue Abgaswerte vor, der Firma Bosch gelingt die Konstruktion feinsinniger Apparate diese Reglementierungen zu umgehen, die Täuschung fliegt auf. Anstatt diesen Moment ernst zu nehmen, wird weiter getarnt, getäuscht und bezichtigt, als wäre die sofortige Findung pseudo-intelligenter Schuldzuweisungen die einzig mögliche Geistesleistung aller Beteiligten. Zugegeben, hier geht es um mächtig große Summen, die, wie schon bei vielen vorhergegangenen Skandalen, nur in den Taschen der Steuerzahler zu finden sein werden. Jetzt folgen Fahrverbote, Entschädigungsforderungen und ein Ende der Farce ist nicht in Sicht. Allen großen Automobilkonzernen liegen die Pläne für Dieselmotoren vor, die die aktuellen Maximal-Werte weit unterschreiten, der Diesel aber ist gerade verbrannt. Jetzt werden erstmal Benziner gepusht, und wenn sich der Staub gelegt hat, so denkt man, kann man die Archive wieder einen Spalt öffnen.

Grün
Es grünt so grün wenn Politikerträume blühn. Im vierten Jahrzehnt ihrer Existenz waren die Grünen im absoluten Umfragerausch, die Regierungsübernahme schien greifbar, selbst eine Kanzlerschaft nicht auszuschließen. Die Euphorie hat sich wieder abgekühlt, aber dennoch, was lange gereift und durch verschiedenste Häutungen nun endlich im Bewusstsein der deutschen Wählerschaft angekommen ist, kann nicht nur im schwarzen Bayern punkten, auch im Nachbarland Baden-Württemberg zeigt der ökologisch aufgemuskelte Kosmopolit auf zukünftige und notwendige Änderungen und Visionen. Fatal an dieser konstruierten Zielgeraden ist nur, dass auch die Gegenseite des politischen Spektrums nicht nur massiv aufgerüstet hat, sich vielmehr sehr effektiv wildernd der selben Strategien politischer Meinungsbildung bedient. Wer glaubt, man müsse nur mit erhobenem Finger auf Logik und Wissenschaft verweisen, um grundlegende gesellschaftliche Umwandlungen herbeizuführen, muss nur ganz kurz über den Zaun nach Frankreich blicken. Müll zu trennen und diesen gegebenenfalls sogar drastisch zu reduzieren, ist etwas essentiell anderes, als die langfristig notwendige Trennung vom eigenen Auto durchzusetzen. Die Franzosen errichten gerade Barrikaden auf den Champs-Elysées, das machen sie gerne. Soweit wird es auf dem Kurfürstendamm nicht kommen – eine intelligente und bürgernahe Heranführung an diese explosiven Themen hingegen ist dringend anzuraten, um der Rechten unseres Landes nicht zusätzlichen Brennstoff auf deren Fackeln zu gießen. Inzwischen geht es in Frankreich um mehr als nur als die Steuern auf Benzin. On vera.

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Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Andrea Gercken, Markenberaterin

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Andrea Gercken, Markenberaterin
Das Filter – Interview vom 17.12.2018

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Heute: die Markenberaterin Andrea Gercken.

Magst du dich kurz vorstellen?

Ich bin in München geboren und trage daher die Berge und das so genannte „Münchner Gfühl“ in meinem Herzen. In Berlin lebe ich seit vier Jahren und arbeite als selbstständige Beraterin und Strategin. Ich helfe Kunden dabei, ihre Markenbotschaft im Digitalen ihrer gewünschten Zielgruppe näher zu bringen und berate sie, wie man eine Produktidee überhaupt zu einer Marke machen kann, was Storytelling heutzutage bei so vielen Kanälen eigentlich bedeutet und wie man es umsetzt. Ein sehr vielseitiger Beruf, der manchmal unfassbar anstrengend ist – aber dafür wird es einem nicht langweilig!

Woran arbeitest du gerade?

Momentan arbeite ich angestrengt an einer Sache: eine möglichst entspannte Weihnachtszeit zu haben. Ich bin selbstständig und daher versuche ich all meine laufenden Projekte so gut es geht noch dieses Jahr abzuschließen, um nicht unter dem Weihnachtsbaum mit Rechner zu sitzen.

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Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Lars Brinkmann, Journalist

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Lars Brinkmann, Journalist
Das Filter – Interview vom 03.12.2018

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Heute: der Journalist und Autor Lars Brinkmann.

Magst du dich kurz vorstellen?

Geboren im Süden, nordisch by nature. Dank Andy Warhol und Charles Wilp drei Jahrzehnte als Edel-Nutte in der Werbung tätig. Seitdem, zum Ausgleich des Karma-Kontos, umfangreiche Selbstausbeutung: in den guten, alten Zeiten für Klugscheißermagazin SPEX über randständige Kultur berichtet, (Heavy) Metal entstigmatisiert, Noise vergöttert, daneben, davor und danach Fanzines beschenkt, das Feuilleton unterwandert, Musik gemacht etc. pp. Hier und da auch mal ein paar Platten aufgelegt, zuletzt im Haus der Kulturen der Welt bei der Veranstaltung „Böse Musik“. Vor ein paar Jahren den Worten Taten folgen lassen und zusammen mit einer Heerschar von gleichgesinnten Selbstausbeutern das Periodikum GRIMM geboren. Immer noch Linksaußen. Immer noch Hedonist. Immer noch Lost in Music.

Woran arbeitest du gerade?

Ich/wir arbeiten an einem Reader mit verdienten Kolleginnen und Kollegen – man nannte sie Musikjournalisten, als es Musik-Journalismus noch gab. Thema: geniale Arschlöcher. Und dann wartet da natürlich noch immer eine weitere, evtl. finale Ausgabe von GRIMM. Was die „Jobs” – sie nannten es Arbeit – betrifft, schreibe ich regelmäßig für das Monatsmagazin Konkret, zuletzt über Wolfgang Voigt/GAS. Details »

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Raban Ruddigkeit, Designer

Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm
Heute: Raban Ruddigkeit, Designer
Das Filter – Interview vom 19.11.2018

In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Heute: der Designer und Autor Raban Ruddigkeit.

Magst du dich kurz vorstellen?

Ich wurde vor 50 Jahren als Sohn einer Schriftstellerin und eines Malers in Leipzig geboren. Seitdem pendele ich zwischen diesen beiden Ausdrucksformen hin und her. Als Gestalter für Kunden, Verlage und als Autor eigener Produkte kann ich das manchmal ganz gut verbinden und habe so hoffentlich über die Jahre eine eigene grafische Sprache gefunden.

Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite gerade daran, etwas weniger zu arbeiten.
Was hörst du zur Zeit gerne?
Wie immer bunt durcheinander. Und wie immer gilt: Der Song zählt, nicht der Sound. Gerade habe ich mich ein wenig in die dänische MØ verguckt, die wie so viele nach dem Thron des Pop greift, ohne ihn dann wirklich zu wollen. Aber vor allem erwische ich mich dabei, wie ich doch immer wieder auf David Bowies „Blackstar“ zurückkomme und fast noch mehr auf die Musical-Variante dazu. Die heißt „Lazarus“ und wurde am Broadway noch mit des Meisters Hilfe orchestriert und einstudiert.

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Das Filter – Hängengeblieben 2017 – Unser großer Jahresrückblick

Hängengeblieben 2017
Unser großer Jahresrückblick
Das Filter – Die Raabenstein Beiträge vom 22.12.2017

So. Wie war denn nun das Jahr 2017? Besser oder schlechter als die letzten beiden oder hat man es sich bereits in den postfaktischen Trump-AfD-Neonazi-Zeiten nischig bequem gemacht? Wie auch die letzten Jahre gibt es dieses Jahr den großen Das-Filter-Jahresrückblick. Was ist hängengeblieben von 2017? Wie immer subjektiv, perspektivisch und independent erklären unsere Autoren und Redakteure, was ging in den Bereichen Musik, Kultur, Technik, Gesellschaft und Medien. Auf ein gutes 2018. Euer Das-Filter-Team.

Angst
Wenn John Cage sich wunderte, warum Menschen Angst vor neuen Ideen haben, er hingegen aber die alten fürchtete, sind wir mitten beim Thema: Angst. Oder besser deren Zurschaustellung. In früheren Zeiten wohlwollend als medizinisch zu behandelnder Gemütszustand betrachtet, scheint in der jüngeren Vergangenheit die Heilung weniger angestrebt als vielmehr den angsterfüllten Status Quo zu halten. Die Hilflosigkeit reizt vermeintlich zum Verbleib in diesem Gefüge, das Opfer möchte Opfer bleiben und dies laut herausschreien. In einer Zeit grenzenlos optimierter Datenverbreitung sucht das geschundene Tier nach Verbündeten – atemberaubend, wie sich in diesem Zusammenhang die Geschwindigkeit des Netzes mit massensammelnder Hysterie zu einer ohrenbetäubenden Stampede verdichtet. Nix Neues soweit? Glüht gerade wirklich an jeder Ecke ein neuer Topf auf, mit wütend herausquellenden Themen und Thesen? Zieht man an dieser Stelle die individuelle Trennlinie zwischen zu befürwortenden Standpunkten und den weniger verständlichen bis obskuren Theorien, rasselt sich die Welt en gros zum fahnenschwingend kämpferischen Aufbruch. Toilettennutzung, Artensterben, Düngemittel, Fleisch, mit den schon etwas älteren Positionen Waffen, Migration, Kapitalismus, Sexismus und Rassismus irgendwo im Mittelfeld, Bahnhöfe, Flughäfen oder Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor sind irgendwo auch noch dabei. Die Zeit, in der man gegen den Vietnamkrieg auf die Straße ging oder gegen Atomkraft demonstrierte, wirken dagegen wundersam friedlich und überschaubar. Dazu noch, auf allen wimpelschwingenden Stangen, die Moral. Verbunden mit der Angst zwei eng umschlungene und äußerst gefährliche Weggefährten. „Bist du nicht mein Freund, bist du mein Feind“ ist der neue Sex. Die Zeit des vermittelnden Gespräches scheint vorüber. Die Gemüter sind erhitzt, der Planet brennt. Kommen da noch die zu erwartenden zwei bis drei Grad Erderwärmung hinzu, explodiert der Kessel. Spannend eigentlich, aber gefährlich.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Fennesz – Black Sea (2008)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Fennesz – Black Sea (2008)

Das Filter– Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 07.12.2018

Auch der „Endless Summer“ ist mal vorbei. Mit dieser Platte hatte der Wiener Christian Fennesz sich selbst und der Gitarrenmusik ein Denkmal gesetzt, die Frippertronics erst angezählt und dann hinter der Granularsynthese zu Staub zerfallen lassen. Sieben Jahre, zwei Solo-Alben und zahlreiche Kollaborationen (zum Beispiel mit David Sylvian und Ryuichi Sakamoto) später entfaltet sich auf „Black Sea“ eine Art ästhetisches Best-of eines Musikers, der zwischen Drones, Ambient, Field Recordings und sinfonischen Anleihen die Tiden des verbrieften musikalischen Status Quo am Schlick packt. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann kippen auf ihrer Reise nach Drone-City zunächst rein symbolisch alte Plug-Ins in den Ausguss der Geschichte, um schließlich im Fahrstuhl des Schlussakkords ein paar Vorstadttränen zu verdrücken.

Martin Raabenstein: Die Kombination Gitarre/Computer ist ureigenstes Fennesz-Feld. Ist der Komponist mit seinem vierten Studioalbum „Black Sea“ auf der Suche nach dem sinfonischen Drone?

Thaddeus Herrmann: Zunächst ist die Musik von Fennesz ja der einzige Heavy Metal, den ich mag. Ich hatte das Album wirklich lange Zeit nicht mehr gehört und zog dann in der Vorbereitung den direkten Vergleich mit dem Vorgänger – „Venice“ – von 2004. In diesen Jahren ist tatsächlich viel passiert im granulierten Nirgendwo zwischen MAX/MSP und Fender. Die Tracks wirken auf mich … durchdachter? Zumindest unaufgeregter und mit weniger Spitzen. Bis auf das Intro natürlich, aber danach entsteht eine fein wogende See der Stille. Die ganz viel von dem beinhaltet, was in den Jahren zuvor durch die Musikgeschichte gerauscht war und Eindruck hinterlassen hatte. „Black Sea“ wirkt wie ein Schlussakkord für diese Phase. The End.

Martin: Also mal wieder das Ende einer Ära. Ich habe für dieses Album keine romantischen Erinnerungen. Fennesz war damals nicht auf meinem Teller, obwohl „Cendre“ von Fennesz & Sakamoto schon ein Jahr früher erschien und bei mir am äußeren Rand der Aufmerksamkeit auftauchte. Zehn Jahre später finde ich nur noch eine leise Ahnung vor, warum mich das damals bewegt haben könnte, aber immerhin – das Werk taugt noch wunderbar als musikalische Untermalung für nebenbei. Eigenartigerweise empfand ich diese steigende Distanz gerade vor kurzem schon einmal – zu dieser Art Musik, der Zeit und allem, was sich daraus entwickelte. Mein neuerlicher Versuch, Fluid Radio zu hören, war wohl wirklich der letzte. Vieles davon hat sich für mich zu einer Art intelligenter Fahrstuhlmusik entwickelt. Gar nicht schlecht im eigentlichen Sinne, ein nicht unangenehmes Grundrauschen.

Thaddeus: Na, in dem Fahrstuhl würde ich ja gerne stundenlang cruisen. Mein Verhältnis zu Fennesz und seiner Musik ist aber auch ein bisschen atypisch. „Endless Summer“ hat mich nie interessiert. Die ganze Wiener Blase hat mich nie interessiert. Das war für mich zum Großteil immer genau die PowerBook-Musik, die die Welt nicht gebraucht hat. Aber dankenswerter Weise legte sich im Kopf von Fennesz irgendwann ein Schalter um, der mich dann ins Boot holte. Auch die Zusammenarbeit mit Sakamoto halte ich für mehr oder weniger belanglos. Wir hören hier meinem Empfinden nach die Essenz eines über Jahre entwickelten und verfeinerten Ansatzes, der nicht zuletzt dank der stetig besser werdenden Technologie zu etwas Großem gewachsen ist. Auf der Welle kann man schon mal ein paar Jahre reiten. Oder eben im Fahrstuhl fahren. Auf und ab, auf und ab, auf und ab: Die Metapher passt ja sowohl zur See als auch zum Hochhaus.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Max Richter – 24 Postcards In Full Colour (2008)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.11.2018

Es gab eine Zeit, in der war Max Richter noch indie. Damals schrubbte der britische Komponist nicht Soundtrack nach Soundtrack, sondern war vielmehr dabei, seine musikalischen Ideen Schritt für Schritt und sehr sachte zu entwickeln – auf „130701“, einem kleinen Sublabel des Techno-Imperiums „FatCat“. Und beschäftigte sich mit den Dingen, die damals eben Thema waren – Klingeltöne zum Beispiel. Sein Album „24 Postcards In Full Colour“ war die Antwort auf Abzocker-Abos von Jamba und Co. 24 kurze Snapshots, mit denen bimmelnde Telefonen ihre plärrende Würde wiedererlangen sollten. Zehn Jahre später vereinbaren Raabenstein und Herrmann erst telefonisch einen Termin, klären, wer von den beiden nun Mozart und wer Bach ist und lassen es klingeln. Also laufen. Jóhann Jóhannsson hört auch irgendwie zu. Aber das ist bei Max Richter ja nun wirklich keine Überraschung.

Martin Raabenstein: Du sagst, du kommst in das Album nicht so richtig rein. Warum?

Thaddeus Herrmann: Das ist der dann doch recht speziellen Form geschuldet. Es ist ja kein Album im herkömmlichen Sinn. Dass wir beide uns nochmal über Klingeltöne unterhalten würden … toll!

Martin: Dieses Nicht-Album ist aber ein eindeutiger Richter. Mit allem was den Max sonst so ausmacht. Möglicherweise ist genau hier, in der Verknappung, des Komponisten wahre Seele zu spüren?

Thaddeus: Ein absolut eindeutiger Richter, gar keine Frage. Und natürlich schon ein Album, nur eines, das für mich nicht als solches funktioniert. Und von Richter – glaube ich – auch nicht so gedacht ist. Denn es ist ja tatsächlich seine Auseinandersetzung mit dem Thema Klingelton – 2008 war das ein großes Thema auf den Telefonen da draußen. 24 kurze – sehr kurze Stücke, Ideen, Skizzen. Hier spielt die Reihenfolge keine Rolle, am besten hört man das im Shuffle-Modus oder sucht sich seine Lieblinge raus, lädt sie sich auf das Telefon und hofft, ganz viele SMS oder Anrufe zu bekommen. Für einen Komponisten schon ein interessanter Schritt. Ich mag das. Weil: Wenn man es einfach durchhört, wird man ja immer wieder rausgeworfen. Um in der Metapher zu bleiben: Es ist ein einziger Verbindungsabbruch. Es gibt so gut wie keine Blenden, Stücke fangen an, hören drastisch und radikal auf, Pausen zwischen den Tracks scheinen willkürlich. Man hüpft von Pfütze zu Pfütze.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Jóhann Jóhannsson – Fordlandia – (2008)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Jóhann Jóhannsson – Fordlandia (2008)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 11.10.2018

Am 9. Februar 2018 starb Jóhann Jóhannsson. Zu diesem Zeitpunkt war aus dem isländischen Komponisten nach einer knapp 20-jährigen Karriere ein Weltstar geworden – überhäuft mit Auszeichnungen, vor allem für seine Soundtracks immer größerer Hollywood-Produktionen. Wer hätte 2002 schon damit gerechnet, dass aus dem Künstler, der damals auf dem wundervollen, aber doch auch sehr kleinen Londoner Touch-Label sein erstes Album „Englabörn“ veröffentlichte, mal der werden würde, der die Cinemaxx-Leinwände orchestriert? Seine Fans haben es ihm vielleicht gewünscht, insgeheim aber auch gehofft, dass es nie dazu kommen würde. Denn in Jóhannssons Musik lebte hinter der großen Geste auch immer die kleine ausgestreckte Hand, die man mit niemandem teilen wollte – schon gar nicht den Filmstudios. Jóhannssons Begabung, klassische Musik alles andere als klassisch klingen zu lassen, resultierte in den folgenden Jahren in gleich mehreren Alben, die heute – ja – Klassiker sind. Klassiker eines Genres oder einer Idee, die bis heute keinen Namen hat und auch nicht verdient hätte: Wer seiner Zeit voraus ist, muss sich nicht mit den Nachzüglern gemein machen. „Fordlandia“ ist eines dieser Alben. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören mucksmäuschenstill zu.

Martin Raabenstein: Kann man „Odi et Amo“ von Jóhannssons 2002er-Album „Englabörn“ eigentlich noch toppen? Wenn auf dem ersten Soloalbum schon der erste Track die Latte so himmelhoch hängt, wie kommt man da in Folge immer wieder drüber?

Thaddeus Herrmann: Du warst später ja ganz optimistisch. Und ich überhöre diese Frage lieber – mir fehlt die passende Antwort. Ich schätze „Englabörn“ sehr, purzele aber ohnehin immer ganz tief in Jóhanns Platten hinein, wenn ich sie wieder von Neuem höre. So ging es mir auch hier. Der Opener und der Closer – die beiden Versionen des namensgebenden Themas – bilden eine derart starke Klammer, dass es mir fast schon egal ist, was dazwischen passiert. Und mich auch ausblenden lässt, dass Jóhannsson Henry Ford zum Sujet der Platte macht.

Martin: Lustig, dass du dich an diese Review erinnerst, lang, lang ist’s her. Ein paar Alben, also Jahre später, bin ich da dezent kritischer. Gerade die von dir erwähnten Tracks sind mein schmerzender Zahn.

Thaddeus: Hab ich es doch gewusst!

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Rewind: Klassiker, neu gehört – 4hero – Two Pages (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
4hero – Two Pages (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 20.09.2018

Drum and Bass hat ja bekanntlich viele Seiten. Hardcore, Jungle, Two-Step, Half-Step, Liquid Funk, Abstract, Amen-Gewitter – am Ende sind es immer die Breakbeats, die als kleinster gemeinsamer Nenner übrig bleiben. Und mit denen kannten sich 4hero immer aus. Mark „Marc Mac“ Clair und Denis „Dego“ McFarlane haben die Szene mit aus der Taufe gehoben, entscheidend geprägt und ihren Erfolg geebnet – mit ihren eigenen Produktionen und als Teil des Reinforced-Kollektivs, einem der wichtigsten Label des Genres überhaupt. Bei ihnen haben die späteren Stars das kleine Einmaleins gelernt. 1998 wagten die beiden Musiker schließlich selbst den nächsten Schritt. „Two Pages“ – ihr drittes Album – erschien auf Talkin‘ Loud, der Major-Label-Spielwiese von Gilles Peterson, und sollte die ganz große Geste werden. 4heros Ziehsohn Goldie hatte mit „Timeless“ drei Jahre zuvor ein epochales Konzeptalbum hingelegt, „Two Pages“ ist ähnlich umfangreich. Und doch ganz anders. In zwei autarken Teilen sollte hier der ganze Kosmos der Londoner Produzenten ein Denkmal bekommen. Sanft, durchdacht gejazzt und mit vielen Gästen – zum Beispiel Ursula Rucker, Ike Obiamiwe, Carol Crosby am Mikrofon – im ersten, und gewohnt radikal „trackig“ im zweiten. Da fragt man sich zunächst: Geht das überhaupt und vor allem auch zusammen? Raabenstein und Herrmann lassen 20 Jahre später die so unterschiedlichen Beats auf sich runterprasseln, zünden eine Kerze des Gedenkens an, merken schnell, dass des einen Drum and Bass nicht des anderen Drum and Bass ist – und ziehen gerade noch rechtzeitig vor dem Best-Of von Galliano den Stecker des Vergessens. Die Pionierarbeit von 4hero bleibt derweil unangetastet.

Martin Raabenstein: Eindeutige Premiere. Mir fällt kein Einstieg ein, keine Anekdote, noch nicht mal ein boshaftes Dissen.

Thaddeus Herrmann: Und doch hat er wieder das erste Wort. Ha! Dann lege ich zunächst mal die Fakten auf den Tisch. Es gibt nicht gerade viele Dons im Drum and Bass, Marc und Dego – 4hero – sind die größten, wichtigsten und Väter aller anderen. Sie haben geschuftet für den Breakbeat, vom ersten Tag an. Reinforced, ihr Label, ist ein echtes Powerhouse. Was sie mit ihrer Crew A&R-mäßig dort auf die Beine gestellt haben, ist auch heute noch schlicht unfassbar. Das gilt auch für ihre eigene Musik. Ob nun 4hero, Tek 9 oder Jacob’s Optical Stairway – alles großartig. Die beiden haben an den Drum and Bass geglaubt und sich nicht vom Weg abbringen lassen. Was vielleicht ihr Untergang war. Ihr Sound wurde nur langsam schneller, nur zum Teil darker, und weil sie generell nur wenig Lust auf Öffentlichkeit hatten, hat ihr Ziehkind Goldie dann halt die Lorbeeren eingesteckt. Also: Kniefall vor den beiden aus Dollis Hill. Allerdings passt „Two Pages“ aus meiner Perspektive in diese Lobhudelei nur bedingt hinein. Man kann – und muss es wahrscheinlich auch – auf mindestens zwei Weisen lesen und hören. Als Rückbesinnung auf die Ursprünge und Einflüsse oder aber als einfache Verweigerungshaltung. Nach dem Motto: Jetzt haben wir unseren Major-Vertrag, jetzt machen wir erst recht das, was wir wollen und genau das, was niemand erwartet.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Boards Of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Boards Of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 05.09.2018

Die definitiven Superstars der Electronica? Boards Of Canada! Das Mystery-Bruderpaar aus Schottland – Michael Sandison and Marcus Eoin – daddelte in den 1990er-Jahren erst ein paar Jahre vor sich hin, startete dann auf SKAM durch und wurde auf Warp zu einer musikalischen Ikone. „Music Has The Right To Children“ erschien ebenda, 1998. Das erste „Album“ war kaum mehr als eine Compilation, die dennoch wichtiger nicht hätte sein können. So wurde der introvertierte Sound-Entwurf der Boards in die große weite Welt katapultiert und rumort seitdem heftigst, auch wenn neue Veröffentlichungen rar und immer seltener werden. Boards Of Canada stehen heute für einen vollständig eigenen Sound-Entwurf, der zwischen Verschwörungstheorien und ganz persönlicher Nostalgie oszilliert – eine Steilvorlage für alle Beteiligten. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören sich durch die Tracks und Samples, die erst mit einer Prise virtuellem LSD richtig gut werden, holen den Radioempfänger aus dem Keller, um die Number Stations zu checken und fragen sich 20 Jahre später, welche Relevanz solche Entwürfe für die Musik von heute noch haben. Ein Mashup bringt Licht ins Dunkel der popkulturellen Grobkörnigkeit.

Martin Raabenstein: Mit „Music Has The Right To Children“ lauschen wir dem exakten Gegenentwurf zu Massive Attacks „Mezzanine“ von neulich, sozusagen dem Laurel zum Hardy. Diesem sexy aber gleichwohl im dunkelsten Dunkel fischenden Projekt wird hier Ironie, Wortspiel, Zahlenmythologie und nahezu kindliche Naivität entgegengesetzt. Das ist Psychedelic in Mikrodosierung. Bemerkenswerter Weise diskutiert man heute, 20 Jahre später, über LSD für die Massen, in wohl dosierter Globuli-Darreichung.

Thaddeus Herrmann: Gegenentwurf? Eher nicht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es da Berührungspunkte gab und Telefonnummern gespeichert wurden. Wir haben es hier ja auch gar nicht mit einem Album zu tun, sondern vielmehr mit einer Compilation. Aufgepeppt und rund gemacht, mit neuen Stücken ergänzt, aber es ist letztlich doch nur eine Compilation. Die beiden schottischen Brüder ordnen hier ihr Frühwerk. Das ist gut, weil es zuvor ziemlich zerfasert vorlag und viele der Platten ohnehin nicht verfügbar waren. Die „High Scores“-EP auf SKAM war zuvor erschienen. Das Label aus Manchester durchlebte damals den Hype der Hypes und davon profitierten auch die Boards Of Canada. Und dann kam Warp um die Ecke. Ich möchte gerne etwas aus dem Pressezettel von damals zitieren: „Eine Sammlung schon bekannter und bisher unveröffentlichter Tracks. Michael und Marcus liefern einen kleinen Ausblick auf Ende 1998, wenn ein neues Studioalbum von Boards Of Canada das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird. Boards Of Canada bewegen sich in einer Welt von Kraftwerkscher Schönheit, kühler Ästhetik und des perfekt gesetzen Beats.“
Dazu fällt dir doch bestimmt was ein? Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Massive Attack – Mezzanine (1998)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Massive Attack – Mezzanine (1998)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 29.08.2018

Massive Attack gelten als TripHop-Ikonen. Die Musiker aus Bristol legten gut vor: Ein kuddelmuddeliges Kollektiv von DJs und Beatmakern produzierte mit „Blue Lines“ und „Protection“ zwei Alben, die sich in das gemeinschaftliche Gedächtnis der Popkultur eingebrannt haben – nicht nur wegen der zahlreichen Features von der Reggae-Legende Horace Andy oder Tracey Thorn, einer der besten Sängerinnen der Welt. 1998 – vor 20 Jahren – wendete sich das Blatt: Die LP „Mezzanine“ steht für einen radikalen Wandel im Sound des Projekts. Düster-schimmernd – und ohne Tricky – setzt die Band die kommerziell erfolgreichsten Akzente ihrer Karriere. Aber wie passt dieser Entwurf in die Geschichte von Massive Attack? Ein Aufbruch zu neuen Ufern oder doch nur musikalische Ratlosigkeit, verpackt in rockige Downbeats? Ist die „Unfinished Symphony“ von 1991 endgültig ausgeträumt? Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann hören das Album 20 Jahre später durch, schwärmen und schwofen zu den großen Singles der Platte und stellen die Frage aller Fragen: Ist Nostalgie tödlich?

Martin Raabenstein: „Mezzanine“, schöne Erinnerungen an das auslaufende, letzte Jahrtausend. Dark, kräftig und ohne das Tricky-GnaGnaGna. Herrliches Highlight das, Herr Herrmann, oder nicht?

Thaddeus Herrmann: Ja, so halb. Bei mir ist es so: Die beiden ersten Alben des Projekts – „Blue Lines“ und „Protection“ – finde ich von A-Z fantastisch. Das sind super Songs, die dazu noch super sequenziert sind. Die Platten funktionieren wie ein DJ-Mix. Hier, auf „Mezzanine“ ist alles etwas anders. Zuerst hat sich das Projekt im Sound gewandelt. Dazu sprechen wir später bestimmt noch. Vor allem aber wird die starre Darreichungsform aufgebrochen. Und diese Tatsache ist dafür verantwortlich, dass ich keine ganz eindeutige Haltung zu diesem Album habe. Das geht alles wunderbar los – mit „Angel“ und dem wunderbaren Horace Andy, der ja auch schon auf den ersten beiden Alben dabei war, und natürlich „Teardrop“ mit der unfassbaren Elizabeth Fraser. Aber es zerfasert danach ein wenig. Meinem Empfinden nach gelingt es nicht, den Spannungsbogen zu halten. Und auch wenn nur elf Tracks drauf sind – vollkommen im Rahmen –, kam es mir beim Durchhören einfach unglaublich lang vor. Also: Das nicht auf den Punkt kommen wollende Album hört auch einfach nicht auf. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Front 242 – Front By Front (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Front 242 – Front By Front (1988)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 30.07.2018

Wenn es um den stampfenden Maschinen-Beat der Prä-Techno-Ära geht, sind Front 242 ausgemachte Helden. Daniel Bressanutti und Dirk Bergen gründeten die Band 1981 in Belgien – als Patrick Codenys, Sänger Jean-Luc De Meyer und der MC Richard Jonckheere aka Richard 23 dazu stießen, rollte die EBM-Welle unaufhörlich auf Erfolgskurs. Diese „Electronic Body Music“ florierte nicht nur, aber vor allem in Belgien – auf einigen wenigen Labels wurden in den 1980er-Jahren die stilprägenden Platten ebenso stilprägender Bands veröffentlicht. 1988 – als „Front By Front“ erschien, war EBM schon global gelebte musikalische Ausdrucksform. Ein Sound, der aber auch Gefahr lief, vom Techno absorbiert zu werden. Dem Sound aus Detroit hatten Front 242, Skinny Puppy, à;GRUMH… und Nitzer Ebb nur wenig bzw. das Falsche entgegen zu setzen. Die Szenen begannen zu verschmelzen und sich abzulösen. 1988 hingegen gingen Front 242 noch steil: Mit ihrem vierten Album legten die Belgier einen Sound-Entwurf vor, der in der Vergangenheit, der Gegenwart und der versprochenen Zukunft verankert war. Straffe Beats, erstaunliches Songwriting und immer noch ein Händchen für Sampling retteten dieses Album problemlos über die Ziellinie des guten Geschmacks all derer, die die Revolution des 4/4-Geschäfts noch nicht wahrhaben wollten. Und heute? 30 Jahre später ziehen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann ihre Tarnwesten über, werfen ihre Netze aus und suchen nach dem „Headhunter“ des guten Geschmacks.

Martin Raabenstein: Sieht man von den deutschen Projekten D.A.F, Einstürzende Neubauten und Die Krupps Anfang der Achtziger mal ab, hat Kontinentaleuropa Mitte dieses Jahrzehntes nur noch wenig auf der elektronischen Pfanne. Front 242 waren die Letzten, die noch erfolgreich und innovativ den von Ralf Hütter geprägten Terminus Electronic Body Music hoch über ihren Köpfen schwenkten. Mit dem Track „Headhunter“ von „Front By Front“ turnten die Belgier sogar in den US Billboard Charts ziemlich weit oben. Wie erklärt sich dieses Alleinstellungsphänomen?

Thaddeus Herrmann: Dem stimme ich schon mal überhaupt nicht zu. Die „elektronische Pfanne“ brutzelte – um mal im Bild zu bleiben – heftigst. Die letzten waren sie also sicher nicht. Aber das gesamte Genre der EBM war zu diesem Zeitpunkt, also 1988, dabei sich zu wandeln. Front 242 waren zu diesem Zeitpunkt ja schon lange aktiv und schwammen im Strom der belgischen Bands und Projekte mit, waren dabei aber wahrscheinlich die Erfolgreichsten. Ich finde das Album interessant, weil es diesen Umbruch in ihrem Sound so explizit herausstellt. Tracks wie „Headhunter“ oder „Circling Overland“ sind ganz klassisch 242 – „Headhunter“ dazu noch der vielleicht größte Hit der Gruppe, was nicht zuletzt auch auf das Eier-Video von Anton Corbijn zurückzuführen ist. Gleichzeitig hört man hier aber zum ersten Mal wirklich den Techno heraus. Da spielt der New-Beat-Einfluss mit rein. Hier vermischten sich Szenen. Es wurde also technoider. Und das – ganz ehrlich – fand ich immer schwierig. Weil es zumindest auf Platte für mich nicht so recht funktionierte. Ganz anders als live. Warum ging „Headhunter“ nun so durch die Decke? Erstens: guter Song. Zweitens: Die Band hat sich das ja auch erpinselt – mit Tracks wie „Quite Unusual“ oder „Masterhit“ im Jahr davor und endloses Touren. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (1988)t

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 16.07.2018

Chuck D, Flavor Flav, Professor Griff, Khari Wynn und DJ Lord zählten mit ihrem zweiten Album die US-amerikanische Gesellschaft und die HipHop-Welt gleichermaßen an. Bessere Raps, bessere Produktion, bessere Samples: Die Angst vor dem schwarzen Planeten zog bereits am Horizont herauf. Die dringliche Melange, die gemeinsam mit Rick Rubin für dessen Label Def Jam entstand, hallte lange nach und wurde zur Blaupause einer musikalischen Protestkultur, die einen noch heute die Faust recken lässt. Die Themen und deren musikalische Umsetzung von Public Enemy sind heute aktuelle denn je. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann überprüfen das Album 30 Jahre später auf die vermaledeite Authentizität, jetten zwischen der Ost- und Westküste hin und her und stellen schließlich die Fragen aller Fragen: Was denkt wohl Kendrick Lamar über „Bring The Noise“?

Martin Raabenstein: Besser kann es ja gar nicht passen. Nach Talk Talk erneut derselbe Begriff – Authentizität. Andere Lesart, komplett gegenteilige Baustelle, Blackness als politischer „It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back“ ist nicht die erste klar gerichtete Botschaft – auch Gil Scott-Heron, Grandmaster Flash and the Furious Five hatten alle schon den Zeigefinger oben. Mit diesem Album aber kommt die dicke Welle, das Statement wird laut und rauher. Schon allein der Bandname ist Programm: „The Black man is definitely the public enemy“. Das ist keine Beastie-Boys-Partymucke, hier kochen die Kessel.

Thaddeus Herrmann: Wir wollten Authentizität doch als Unwort im Schrank lassen! Ich kann das auch schlecht bis gar nicht einschätzen, weil mir die Historie des HipHop einfach abgeht – ich kenne mich nicht aus. Das Album ist jedoch mit seiner In-Your-Face-Attitüde ein großer Wurf. Was ziemlich bemerkenswert ist, weil der Vorgänger – nur ein Jahr zuvor erschienen – längst nicht so weit ist. Da klingt Chuck D eher wie ein nölender Beastie Boy, der noch nicht so recht weiß, wie das alles werden wird. Auch die Produktion ist vergleichsweise lahm. Rick Rubin scheint sich hier einen neuen Kompressor zugelegt zu haben. Gute Entscheidung. Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 27.06.2018

Auf diesem Album warfen Mark Hollis, Paul Webb, Lee Harris und Produzent Tim Friese-Greene alle Zweifel über Bord, kehrten das Innerste nach Außen und setzten dem „Prinzip Talk Talk“ eine stille und berührende Krone auf. Dass sich die Band, die mit Songs wie „Such A Shame“, „Living In Another World“ oder „Life’s What You Make It“ der Popwelt Momente der Bedeutsamkeit geschenkt hatte, auf dem Weg in die musikalische Meditation befand, war abzusehen. Doch die sechs Stücke auf „Spirit Of Eden“ hallen bis heute, 29 Jahre und zehn Monate nach der Veröffentlichung, auf beeindruckende Art und Weise nach – kraftvoll und einzigartig. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann sind sich einig wie selten, beamen sich in das Aufnahmestudio, legen sanft das Kinn auf Mark Hollis’ Schulter und summen leise mit: „Take My Freedom For Giving Me A Sacred Love.“

Martin Raabenstein: Von „It’s My Life“ zu „Spirit Of Eden“ ist es ein langer Weg. Jedoch: Gerade mal vier Jahre liegen dazwischen. Was für eine Entwicklung.

Thaddeus Herrmann: Wir sind ja hier quasi live dabei, wie eine Band zerfällt. „Spirit Of Eden“ – das ist ja vor allem nur noch das Zusammenspiel von Mark Hollis und Tim Friese-Greene, der später zu Talk Talk dazugestoßen war. Paul Webb und Lee Harris spielen noch mit, werden aber wie die zahlreichen anderen Gäste vom Kreativ-Duo dirigiert. Über die Gründe dieses doch schnellen Wandels im Sound kann ich nur spekulieren. Das Album ist das Ergebnis endloser Jams, die dann zu Stücken verarbeitet wurden. Keine Konzerte, nur ein Video, das Hollis scheiße fand. Künstlerische Evolution vs. Verweigerungshaltung dem Pop-Business? Was meinst du? Was wiegt schwerer? Details »

Rewind: Klassiker, neu gehört – Chic – C’est Chic (1978)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Chic – C’est Chic (1978)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 14.05.2018

Chic, das Projekt von Nile Rodgers und Bernard Edwards, steht musikhistorisch für mehr als Disko und Dancefloor. Aber auf der Tanzfläche scheiden sich die Raabenstein’schen und Herrmann’schen Geister immer wieder besonders fulminant. Unter der so wunderbar gleichmäßig gepunkteten Diskokugel des Vergessens hören die beiden „das Album mit ‚Le Freak’“. Ein Gassenhauer, der der LP „C’est Chic“ nicht wirklich gerecht wird. Es kommt, wie es kommen muss: Erst kriegen die Pet Shop Boys aufs Maul, und dann verlieren sich die Spuren im Swimmingpool vor dem Berghain.

Martin Raabenstein: „C’est Chic“ war mehr als nur Disko, eher eine verruchte Änderung der Zeitform, sexualisiertes Futur II: „Wir werden viel Spaß gehabt haben“, das definitive Versprechen also. „I Want Your Love“ drückte keinen Wunsch aus, sondern eine schon im Hier und Jetzt vollzogene Zukunft. Die Babyboomer wackelten sich 70er-like in ihre unkeusche Visionen. Disko hatte 1978 zwar schon ein paar Jährchen auf der Rille, dennoch, heißer Scheiß hier, ein wirkmachtsicherer Feuchtigkeitsspender zur Dauerbespielung.

Thaddeus Herrmann: Dabei klingt es ja aus der heutigen Sicht – also der Zukunft von damals – gar nicht sonderlich aufregend oder anders. Dieses Album beschreibt für mich zunächst ein fast perfektes Cocooning. Es geht also um die Erschaffung eines Raumes, vielleicht sogar eines Paralleluniversums, in dem alles mehr als perfekt wattiert und ausgeleuchtet ist. Wer hier auf der Gästeliste steht, darf sich glücklich schätzen. Muss aber auch den Regeln folgen, sich darauf einlassen, was hier vorgegeben wird. Genau das gelingt aus der heutigen Zukunft natürlich kinderleicht, weil viele der Dinge, die auf dem Album entschieden wurden, mittlerweile Kanon sind. Schon wieder so eine Referenzmaschine. Was interessant ist, weil abseits der Tracks, die heute Gassenhauer sind, es eher die subtilen Nuancen sind, die adaptiert wurden. Ich meine: Wo wären die Pet Shop Boys jemals angekommen ohne diese Streicher-Sounds?!

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Harold Budd – The Pavilion Of Dreams (1978)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Harold Budd – The Pavilion Of Dreams (1978)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 02.03.2018

Harold Budd gilt als Weggefährte von Brian Eno und prägender Mitstreiter in Sachen Ambient. Dabei ist er überhaupt kein Fan dieses Begriffs, schon gar nicht, wenn es um seine eigene Musik geht. Geboren 1936 in Los Angeles, spielte er schon als Jugendlicher Schlagzeug in den Jazz Clubs South Centrals, belegte schließlich einen Kompositionskurs am College, identifizierte sich mit der Haltung von John Cage in Bezug auf die Künste und begann eigene Werke zu komponieren. Das Album „The Pavilion Of Dreams“ markiert seinen Wiedereintritt in die Musik – zuvor hatte er jahrelang pausiert, weil ihm seine eigene Rolle im kompositorischen Prozess nicht mehr ausreichte. Heute kennt man Harold Budd vor allem für seinen ganz eigenen Stil am Piano, den er auf zahlreichen Soloplatten, aber auch mit Brian Eno, den Cocteau Twins oder Robin Guthrie seit den frühen 1980er-Jahren immer weiter verfeinert hat. Mit dem für ihn typischen Soft-Pedal hinter viel Hall hat dieses Album hier aber rein gar nichts zu tun. Auch 40 Jahre nach dem Erscheinen ist es schwer, diese Platte wirklich einzuordnen. Nicht nur, weil viele wichtige Größen aus der Musikwelt hier mitspielen, wenn auch zum Teil nur als Statisten. Brian Eno scheint zu spüren, dass das hier etwas Besonderes ist. Warum sonst hätte er sich als Produzent groß auf das Cover geschrieben? Raabenstein und Herrmann sammeln die Stolpersteine, die das Album und seine Geschichte haben, von der Zeitachse auf und fangen da an, wo man in so einer Situation eben anfängt: bei Ambient und Raumschiff Enterprise.

Martin Raabenstein: „This is only pretty, don’t look for any meaning.“ Wundersames Understatement des Künstlers zu seinem Album oder fein durchdachte, konzeptuelle Grundidee eines ganzen Genres, des Ambient?

Thaddeus Herrmann: Lustigerweise will Budd ja nicht als Ambient-Künstler wahrgenommen werden. Viel Glück dabei, der gute Mann ist mittlerweile über 80, da kann er ja noch ein paar Piano-getupfte Pamphlete verfassen. Dieses Album markierte damals seinen Wiedereintritt in die Musik. Er hatte Komposition studiert, sich in der Minimal Music verloren und irgendwann das Interesse verloren. Dann kommt er mit diesem Album wieder auf die Bildfläche – 1978. Mich erinnert die Musik ja an Raumschiff Enterprise, an diese wenigen Folgen, in denen Kirk, Spock und Co. sich auf Planeten runterbeamen, die einem stilisierten Paradies ähneln, die Menschen oder Lebewesen aber nur Böses im Sinn haben. Wenn man sich dort am sprudelnden Brunnen traf, dann lief so ein Sound. So grell wie schlecht belichtetes Technicolor. Total irre.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – The Beatles – The White Album (1968)

Rewind: Klassiker, neu gehört
The Beatles – The White Album (1968)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 01.02.2018

Was folgt auf eine ausgedehnte Meditationszeit in Indien? Natürlich ein Doppelalbum. Die Beatles hatten in den späten 1960er-Jahren ordentlich zu tun: Aus ihrer Musik war längst ein big business geworden, das man in die eigenen Hände genommen hatte. Es wurde gestritten und experimentiert – ein ewiger Kampf der Egos, bei dem mehr kaputt ging, als sich hinterher noch flicken ließ. Zwei Jahre später hieß es nur noch „Let It Be“. Doch hier versammelt die Band 30 Songs, von denen viele in das popkulturelle Unterbewusstsein eingesickert und eine deutlich längere Halbwertzeit aufweisen als die Schrammel-Schlager aus der Pilzkopf-Zeit. Und dann ist da noch Yoko Ono. Alles nicht ganz einfach – oder etwa doch? Raabenstein und Herrmann lassen ihre die Finger über den Prägedruck des weißen Covers gleiten und hören nach.

Martin Raabenstein: Ich würde gerne mit einem Video einsteigen.

Thaddeus Herrmann: OK, was schauen wir?

Martin: Über die Aufnahmen zum Album „The Beatles“ sind viele Geschichten unterwegs. Vor allem die Rolle Yoko Onos bei der Trennung der Fab Four war damals noch, heute vielleicht nicht mehr so sehr, Anlass zum Aufschrei. Betrachtet man in Ruhe den Auftritt von Lennon und Ono bei Dick Cavett ein Jahr nach dem Ausscheiden Lennons, lassen sich einige interessante Details beobachten. Der Erfinder der nach ihm benannten Brille wirkt locker und entspannt, tatkräftig und voller Ideen. Ob Ono das Fass zum Umkippen brachte oder nicht, ist gar nicht so sehr von Belang, vielmehr stellt sich die Frage, was sie dem Mann, der meinte, er sei bekannter als Jesus, zu bieten hatte. Was veranlasst einen Endzwanziger, lieber mit seiner Frau weiterzuziehen, als mit den Buddys im Studio zu werkeln?

Thaddeus: Fangen wir doch mal einen Schritt vorher an. Bei den Beatles gab es im Studio seit jeher ein Freundinnen-Verbot. Das war Lennon dann mit Yoko egal, beziehungsweise Yoko ist einfach mitgekommen. Was weiß ich. Das führte zu Irritationen, die in dieser Phase der Band natürlich besonders dramatisch waren, weil sich die Jungs ja eh schon nicht mehr sonderlich verstanden und alle eher ihr eigenes Ding machen wollten. Man liest schlimme Dinge über die Entstehung des „White Album“. Man war gemeinsam meditieren, und John und Paul haben Songs geschrieben. Aber dann sind alle wieder solo abgereist und haben dann in drei Monaten dieses Album zusammengestochert. Sogar Produzent George Martin nahm sich währenddessen eine Auszeit und Ringo stieg kurzfristig ganz aus. Dafür klingt das Album dann doch ganz gut gelaunt.

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Rewind: Klassiker, neu gehört – Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Alva Noto ‎– Xerrox Vol.1 (2007)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 15.12.2017

Carsten Nicolai ist einer der wichtigsten Künstler der Jetztzeit. Auch, weil er sich nicht auf eine Disziplin festlegen will und kann und sie oft genug sowieso miteinander ganz bewusst vermischt, mal gegeneinander antreten lässt, mal in Einklang bringt. 2007 startete er sein „Xerrox“-Projekt. Angelegt auf insgesamt fünf Teile – drei davon sind mittlerweile veröffentlicht –, steht der Vorgang des Kopierens im Mittelpunkt. Found Sounds werden so lange durch den digitalen Häcksler geschickt, bis sie ihre eigene Identität gefunden haben und sich ihr Ursprung nicht mal mehr von Frequenz-affinen Anthropologen nachweisen oder rückverfolgen lässt. „Xerrox Vol. 1“ gilt als Meisterwerk, auf dem Nicolai schon vor zehn Jahren den geloopten Algorithmen genau den Freiraum einräumte, den sie heute im Klammergriff der großen Technologie-Firmen gerne hätten. Raabenstein und Herrmann begeben sich ein letztes Mal in die Zeitmaschine, deren Zieljahr immer mit „7“ endet. Im kommenden Jahr dreht sich dann alles um die Endziffer „8“.

Martin Raabenstein: „Xerrox“ ist ein, so Carsten Nicolai aka Alva Noto, Sample Transformer, gebaut von Christoph Brünggel. Diese Maschine verarbeitet Aufnahmen von Flughäfen, Anrufbeantworter-Schleifen, Atmos aus Hotels usw. Nicolai vertritt im Pressetext zum Release die These, dass in unserer sich konstant selbst vervielfältigenden Welt die Kopie, sooft sie auch multipliziert und dabei immer wieder zerstückelt wird, immer noch einen Teil des Ausgangsmaterials enthält. Von dieser Idee ausgehend stellt er mit seinem Konzept den Begriff des Originals auf den Kopf. Indem er bei der maschinellen Reproduktion tonaler Ereignisse die Mutation nicht nur zulässt, sondern sie geradezu sucht, behauptet er, die Ergebnisse selbst seien wieder Originale. Angelegt auf fünf Folgen ist dieses vorliegende Album das erste der Reihe. „Xerrox Vol. 1“, zehn Jahre alt – einfach nur mind over matter, oder ist da mehr drin?

Thaddeus Herrmann: Ich trete zunächst mal einen Schritt zurück. Ich hatte die Musik jahrelang nicht mehr gehört und war bei der Vorbereitung ganz außer mir vor Freude. Wie schön diese Platte ist. Warum sie mich so anspringt, ist jedem klar, der meine musikalische Sozialisation kennt. Es sind nur einige wenige Motive, die Nicolai hier fast schon auf Überlänge immer wieder durchexerziert, bzw. wie du schon richtig sagst, durchexerzieren lässt. Ich hatte kürzlich auf einer anderen Baustelle mit den künstlerischen Grundsätzen und Ideen von Nicolai zu tun – da erzählte er diese Geschichte nochmal ausführlich. Welche Rolle für ihn in der DDR damals der Fotokopierer spielte: dieses Gerät, das gleichzeitig vervielfältigt und auch immer leichte Artefakte dazu interpretiert. Genau dieses Prinzip hat er dann mit der Software nachgebaut und sich dabei die technische Überforderung der Maschinen zunutze gemacht. Ein konstanter „buffer overflow“ also, der ja auch die Rollen zwischen Schöpfer und Produktionsmitteln neu definiert. Mit dieser Idee war er sicher nicht der erste. Und es es ist mir eigentlich auch egal. Denn selbst, wenn er jedes Geräusch, jeden Ton minutiös selbst geplant und komponiert hätte, wäre mein Urteil das Gleiche: unglaublich gutes Album. An wen erinnern dich die melodischen Motive? Also das, was hinter dem Rauschen passiert?

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Burial – Untrue (2007)

Rewind: Klassiker, neu gehört
Burial – Untrue (2007)

Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein – 27.11.2017

Wer ist eigentlich dieser Burial? William Emmanuel Bevans betrat 2005 als Anonymous die musikalische Bildfläche. Kein Klarname, so gut wie keine Interviews, keine Fotos. Wenn das Internet nicht weiterhilft, bleiben nur die Beats. Und die machten Burial schnell zum ästhetisch-musikalischen Testamentsverwalter der britischen Rave-Kultur. Die Tracks von Burial sind durchströmt von einer dick wattierten und dabei umso analytischeren Sicht auf das, was den britischen Dancefloor immer wieder so einzigartig und relevant gemacht hat. Herausgelöst aus der lähmenden Zeitachse und abstrahierend neu kontextualisiert für eine Zukunft, in der es keine Vergangenheit mehr gibt. Diese Zukunft ist heute – zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines zweiten Albums „Untrue“ – angebrochen. Zeit für einen Realitäts-Check. Ist der Klassiker wirklich einer?

Martin Raabenstein: Burial. Der Name allein ist ein Mythos. Beim Neustart unserer Reihe im Januar war der schon im Spiel. Der Remix des Beatles-Klassikers „A Day In The Life“ musste gar nicht aus William Emmanuel Bevans Hand kommen, völlig egal, allein das Munkeln um seine mögliche Autorenschaft war ausreichend, den Track ehrfürchtig in alle Ohren zu drehen.

Thaddeus Herrmann: Die Verschleierungstaktik ist ein entscheideneds Stichwort, denn eigentlich war diese Masche ja zu diesem Zeitpunkt bereits durch – kalter Kaffee einer White-Label-Kultur, die es so gut wie nicht mehr gab. Enigmatische Lichtgestalten ziehen aber offenbar immer dann, wenn der begleitende Sound eine bis ins Absurde perfektionierte Post-Alles-Angelegenheit ist. Genau das ist Burial ja, bzw. dafür steht er mit seiner Musik. Es ist ein sperrangelweit offenes Fenster in eine Wunschvorstellung des Dancefloor. Die Garage-Beats rumpeln, bzw: Der Garage-Beat rumpelt, denn mehr als ein Pattern hat er ja nicht drauf. Muss er auch gar nicht, denn natürlich geht es bei Burial vor allem um Sound. Und Design. Details »