Douglas Dare

dare

Douglas Dare.
Seven Hours.
Erased Tapes.

Tja, Sohn einer Klavierlehrerin müsste man sein. Da könnte man schon Kekse mümmelnd früh an dieses Instrument herangeführt werden. So geschehen bei dem Londoner Singer-Songwriter Douglas Dare, neuester Zugang des fein strahlenden Imprints Erased Tapes. Die vier Tracks seiner Debut-EP „Seven Hours“ zeigen den 23-jährigen frisch und reif entwickelt.  Irgendwo zwischen James Blake ohne schwermütigen Knispelkram und Nils Frahm, ohne dessen jazzy Vibes, tastet sich Dare, subtil produziert von Drummer/Producer Fabian Prynn durch seine Klavierwelten. Der Artist begann erst während seines Studiums an der School of Music / University of Liverpool Texte zu schreiben und sich selbst damit zu begleiten. Gedichte und Kurzprosa sind Basis dieser EP, Dares darauf entstandene Pianoimprovisationen wurden von Prynn mit dezenter, dennoch klare Strukturen bildender Perkussion ummantelt. Teile der Takes wurden mit einem simplen Kassettenrekorder aufgenommen, was der Produktion nicht schadet, im Gegenteil, die zeitweise suchenden Kompositionen des Künstlers erhalten dadurch eine gut verträgliche Unschärfe, die den Arbeiten wohltut. Dare, der Ólafur Arnalds auf seiner letzten Europa Tournee begleitet hat, festigt den Eindruck  dass hier eine Generation handwerklich brillanter Musiker nachwächst, deren Anliegen vielleicht nicht sein mag die Musikgeschichte neu erfinden zu müssen, denen es aber dennoch gelingt das Publikum weich für sich einzunehmen. Man kann diesem jungen Komponisten nur wünschen dass er sich Zeit lässt in seiner Entwicklung, nach Auskunft des Labels steht ein Album schon in der Planung. Es gibt leider zu viele Talente die sich an diesem Format aufgerieben haben. Man wird sehen, „Seven Hours“ ist auf jeden Fall bemerkenswert…

Gang Colours

gang

Gang Colours.
Invisible In Your City.
Brownswood.

Es ist ein herrlicher Morgen, ich habe hervorragend geschlafen, der Kaffee ist exzellent, die Pflanzen auf dem Balkon gedeien prächtig, die Nachbarn strecken sich liebreizend in ihren Fenstern, die Müllabfuhr klingelt heute freundlicherweise nicht um 6 Uhr Sturm und die Kinder in der Kita nebenan werfen Allen auf der Strasse ihr entzückendes „Hallo“ an den Kopf. Dazu dann noch dieses Album „Invisible In Your City“, toll,toll,toll,toll,toll,toll,toll, so muss Songwriting meets Electronica sein. Will Ozannes zweiter Release für Brownswood bezaubert und das schon gestern Abend, gestern Mittag, gestern Morgen. Jetzt kann der Herbst kommen und den Winter schaffen wir hiermit mit Links.

Nils Petter Molvaer + Moritz Von Oswald

Nils-Peter-Molvaer-Moritz-von-Oswald

Nils Petter Molvaer + Moritz Von Oswald.
1/1.
Universal Music.

Brian Eno und Robert Fripp veröffentlichten 1973 den Meilenstein „No Pussyfooting“ und die Welt war danach nicht mehr dieselbe. Ambient war geboren und in den 40 darauf folgenden Jahren wurde der Sack interessanter Veröffentlichungen purer oder genreerweiternder Art immer grösser und vor allem dichter gedrängt. Die gute Nachricht ist dass „1/1“ hier nicht zum Platzen desselben beiträgt und leider ist das auch gleichwohl die Schlechte; um beim Thema Sack zu verbleiben, kein Tuch so gross den Duddelkram dieser Welt zu fassen. Da passte „1/1“ eher hin, die beiden Artists sind vom Label zu dieser Session geladen worden und die sieben Tracks des Werkes (Ricardo darf einen Mix Dig zusteuern) sind echte, öde Schrubbware. Hier ein Quietsch, dort ein Wubb Wubb, Nils Petter Molvaer & Moritz Von Oswald sind hervoragende Vertreter ihrer Gefilde, aber das hier… Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, daneben geht der schlichte Tropfen.

Various

erased_tapes_cv

Various.
Erased Tapes Collection V.
Erased Tapes.

Das Schlimmste was einem Sammler passieren kann ist dass er sich unversehns in einem Gespräch mit einem Nichtsammler verstrickt sieht. Hier prallen nicht nur grobes Unverständnis und hämische Respektlosigkeit aufeinander und wer hier wem zurecht die einfingrige Masturbanz vorwerfen kann – geschenkt. „Erased Tapes Collection V“ ist unbenommen ein fettes Stück Sammler Himmel, fünf Vinyl 7“ mit zehn unveröffentlichen Tracks in einer handgefertigten Box, gestaltet von Torsten Posselt / FELD Berlin – ein logo-geshaptes Centrepiece ist noch fürsorglich beigelegt und ein ebenso bedrucktes Staubtüchlein – schöner kann man Liebe nicht beschreiben. Das unter Robert Raths seit 2007 geführte Londoner Imprint zelebriert mit einer limitierten 500er Auflage dieses Wunderkistchens seine ersten sehr erfolgreichen fünf Jahre und alle innovativen Granden, die das Label an die Pole Position geführt haben, sind hier vertreten. Nils Frahm, Peter Broderick, Ólafur Arnalds, Codes In The Clouds und The British Expeditionary Force spielen ein feines Ständchen, Anne Müller, World’s End Girlfriend, Rival Consoles und Kiasmos tun es ihnen gleich und auch das A Winged Victory For The Sullen Chamber Orchestra schwingt hierfür seine Bögen. Das eher im kammerorchestralen Wind segelnde Label zieht auf dieser Compilation mit experimentellen und 4/4 Auslegern die eigene Bandbreite weiter und zeichnet trotz der minimierten Trackanzahl fein ausgewogene, grosse Kreise. Wer die stolzen 70 Pfund für die Box auf dem labeleigenen Store scheut (und das geht noch teurer, anderswo !!!) muss sich bis zum diesjährigen Weihnachtsabend gedulden um an die Downloads der Stücke zu kommen – härter kann man Liebe nicht beschreiben. Oder man zieht das Fest vor und legt sich selbst „Erased Tapes Collection V“ freudig erregt unter das Tännchen im Garten. Sammlerleben ist einfach herrlich…

Yong Yong

yong_yong

Yong Yong.
Love.
Night School.

Das Lissaboner Duo Yong Yong re-releast in Kleinauflage ihr „Love“ Tape für das Night School Imprint auf Vinyl. Jeder der Spass hatte bei Hype Williams‘ Tracks in Unterwäsche die Wohnung zu reinigen, darf sich jetzt mal nackt darin üben. Mit diesen mächtig verschwurbelten LoFi/Dark-Electronica/Drone/Dada Hütchen, dargereicht in nerdig-verspielter Experimentierwut ín Beat und Sound, kriegt ihr auch die kleinkariertesten Kratzspuren eurer letzten Houseparty easy vom Parkett runter. Empfohlene Hilfsmittel hierzu? Völlig egal… Da freut sich Gott, der Nachbar sowieso und die Sonne lacht. Doll.

 

The Uncluded

the_uncluded

The Uncluded.
Hokey Fright.
Rhymesayers.

Wer den Tag gerne unter dem Tisch mit einer darübergezogenen Wolldecke verbringt, wer das Wasser in der Kloschüssel dem Bierchen in der Eckkneipe vorzieht, wer selbst dem Dreck unter den Fingernägeln eine zwingende Erklärung für die Verworfenheit dieser Welt abgewinnen kann, der komme mal so ganz vorsichtig aus seinem Hühnerstall raus und ziehe sich ohne Vorbehalte diese unglaublich alberne, „Die-Sendung-mit-der-Maus-macht-jetzt-auf-Indie-Rap“ Kollaboration zwischen Kimya Dawson und Aesop Rock über die Ohren und lässt das Ganze ein paar Runden im Kopf rumzuckeln. Ok, die Hardliner dürfen jetzt wieder in ihre selbstgeknüpften Ganzkörperkondome flüchten, und ja, Dawson hat schon mal ein Album für Kinder releast – geschenkt. Das HIER zaubert ganz unangestrengt ein riesiges, grinsendes Loch zwischen die Ohren, damit zeugt man Unmengen lustiger Nachfahren, versprochen.

Rauelsson

SP016_Cover.indd

Rauelsson.
Vora.
Sonic Pieces.

Wunderbar offener, suchender Release von Rauelsson aka Raúl Pastor Medall, der unlängst aus den USA zurück in sein Geburtsland Spanien gezogen ist. Der Artist, der mit Peter Broderick für das Hush Label das Album „Rèplica“ einspielte, zeichnet auf „Vora“ eine verlassene, sehnsüchtige Landschaft und es fällt schwer hier keine Bezüge zur aktuellen politischen Situation, vor allem zur dortigen, desaströsen Jugendarbeitslosigkeit zu ziehen. Dem Ambient/Minimal/Album ist eine sehr verhaltene Hoffnung unterlegt, das Land darbt und dennoch – es muss – es wird weitergehen. Dem ab und an auftretenden zarten Nippen am gefälligen Genre Schwulst sei gerne verziehen, selbst wenn es gerade für solcherart Musik etwas zu warm ist.

Lussuria

lussuria

Lussuria.
American Babylon.
Hospital Productions.

Für all diejenigen, denen Andy Stott wieder einen freudigeren Blick auf Techno und dessen dunkle, unausgeleuchteten Winkel eröffnet hat, setzt Hospital Productions mit Lussurias Werk mehr Licht in diese nosferatu-schen, Industrial und Ambient durchsetzten Kammern. 2012 in Dreierserie und Miniauflage von 99 Kopien auf Kassetten erschienen, drängen aus allen Ritzen und Fugen der acht Tracks des Albums schwärzestes schwarzes Schwarz. Selbst unter Zuhilfenahme aller einsetzbaren Resentiments gegenüber genrespezifischen Klisches und Albernheiten umstrickt „American Babylon“ Kopf und Gehör schlichtweg dicht und gnadenlos. Sosehr auch alle Farbtöpfchen, aus denen hier eifrig gesogen wurde offensichtlich ihren Nachklang haben, sosehr Horror, Klaustrophobie und Endzeit eigentlich zu spitzbübig ritualisierter Produzentenfertigkeit verkommen schienen – hier harrt der wahre sinistre Meister deiner Seele. Lustig zweideutig daran ist nur dass Lussuria im Italienischen Lust bedeutet. Ehem – ja. Na dann.

Julia Holter

holter

Julia Holter.
Tragedy.
Domino Recording Co.

Reissue von Holter’s 2011er Release auf Leaving Records. „Tragedy“ ist eine Bearbeitung der Tragödie „Hyppolytus“ von Euripides, eine klassische Inszenierung um Ränkespiele der griechischen Götter, all included, verschmähte Liebe, Hass, Rache und Tod. Man kann jetzt nicht mit eindeutiger Sicherheit sagen, ob es die Künstlerin bedauert, den täglichen Unbill nicht mehr den Intrigen gelangweilter Unsterblicher zuschreiben zu können. Diese Frage ist bei der Finesse wie Julia Holter hier Field Recordings, Drones, Ambient, Neo-Classical und Electronica zu einem einzigartigen Erlebnis verdichtet auch definitiv nebensächlich, alles zusammengefasst durch ihre Stimme – Laurie Anderson wäre ein möglicher, aber nur annähernder Vergleich. Die aus Los Angeles stammende Multi-Instrumentalistin und studierte Komponistin legt hier eine Komplexität an Sound und Arrangement vor, die bezauberte Sprachlosigkeit hinterlässt – und schiere Freude.

Colin Stetson

stetson

Colin Stetson.
New History Warfare Vol. 3: To See More Light.
Constellation.

Der Bass Saxophonist Colin Stetson ist ein sehr gefragter Musiker, seine Arbeit ist auf Veröffentlichungen von Tom Waits, Arcade Fire, Feist und Bon Iver zu bewundern. So ist es auch naheliegend dass Bon Iver Frontmann Justin Vernon auf mehreren der elf hier vertretenen Tracks seine Stimme leiht. Der australische Komponist und Producer Ben Frost hat die Live Improvisationen, die dem Album zugrunde liegen, aufgenommen. Dritter Teil einer Mach-mal-den-Mund-auf-und-lass-ihn-einfach-eine-Weile-offenstehen Reihe ist „New History Warfare Vol. 3: To See More Light“ ein virtuoser Furor. Das ist keine Auseinandersetzung mit einem Instrument, das ist Auseinandernehmen und Zusammensetzen eines Klangkörpers gleichzeitig und es wäre absolut wundersam, wanderte das geschundene Objekt dieser Begierde nach einer derartigen Performance nicht direkt zur Reperatur in die Werkstatt. Dieses Klappen-fliegen-Sax-bersten-Artist-explodieren spielt irgendwo zwischen Minimal, Experimental, Industrial und Emo. Emo vor allem durch die vorsichtig eingesetzten vokalen Klammern Justin Vernons: wenn du also das nächste Mal dem Ausbruch eines Vulkans beistehen möchtest – das ist die Musik dazu…

Jenny Hval

hval

Jenny Hval.
Innocence Is Kinky.
Rune Grammofon.

Alles fliesst, das ist wahrlich kein neuer Spruch, gilt aber zusehens mehr und mehr auch für Genregrenzen, die hier wieder einmal, aber aufs Nachdrücklichste und mit fesselnder Grazie von Jenny Hval niedergerissen werden. Vom altbekannten Meister John Parish produziert, umschwirrt die Norwegerin koboldgleich die Zäune um eure Häuser, links ein fettes „Pop“ Tatoo, rechts „Rock“ und ein bunt schillerndes „Electronica“ Shirt in der Mitte, gleich als sei sie der nachgeborene Zwilling der Schwedin Stina Nordenstam. Nehmen wir noch die Norwegerin Hanne Hukkelberg mit in die Mitte und unser bezauberndes Hexentrio wäre perfekt. Die Schreiberin, Journalistin und Künstlerin vermengt lässig Experiment und Provokation, ihre freizügigen Texte lassen die Pitchforkleute erröten, „The Wire“ nennt sie schlichtweg erstaunlich. Auf „Innocence Is Kinky“ nimmt Hval den Begriff Unschuld auf so gar nicht unschuldige Art und Weise auseinander und Oslo, ihre Heimatstadt bekommt so richtig was auf die Nüsse. Absolute Anspieltips sind „Mephisto In The Water“ und „Death Of The Author“. Herrlich sag ich da nur, herrlich.

Greg Haines

haines

Greg Haines.
Where We Were.
Denovali Records.

Von Greg Haines Debut „Slumber Tides“ bis zu diesem, seinem fünften Soloalbum ist ein sehr weiter, spannender Weg. Wer Haines anlässlich der Veröffentlichung der Compilation „Reflections On Classical Music“ 2008 live im Tresor spielen hörte, hätte sich bei dessen atmosphärischen, cellobasierten Wall-of-Sounds schwer vorstellen können, wo der junge Künstler dereinst landen würde. Während anderenorts weiterhin mit solchen angestaubten Brettern das Sackhaar gebauscht wird, hat sich Haines weg von den stark abgetrampelten Pfaden romantischer, klassisch inspirierter Kammerspielereien entfernt.

Auf „Where We Were“ lässt Haines das Streichwerk gänzlich ruhen und wendet sich der Schichtung von Synthezisern und Rythmusgeräten zu. Stilistisch sehr intelligent immer wieder von Dub zu Techno springend, baut sich das Album in Wellen auf und ab, euphorische Drumsequenzen wechseln zu langsam wegtauchenden Synthteppichen. Das ist so alles noch nichts wirklich Neues, Carl Craig und Moritz von Oswald haben mit ihrem „Recomposed“ Album diese Strecke schon abmarschiert. Haines fasst das Material aber anders, intelligenter an, die Wechsel in Stimmung und Schlagwerk wirken feiner und geschmeidiger. Hier und da klingen winzige Krautelemente Can-scher Machart durch die Stücke, die frühen Arbeiten von Tangerine Dream, von Haines sehr geschätzt, drücken seitlich in das Werk, nur um sogleich wieder von ruhigeren, weniger massiv gesättigten Passagen abgewechselt zu werden.

Der in England geborene und aufgewachsene Musiker und Komponist, der seit 2008 in Berlin lebt, hat zunächst Piano, dann Cello gelernt, was die Rückkehr zu den Tastenelementen erklären könnte. Hinzukommt ein nicht zu verdeckender Spieltrieb und die Bereitschaft den dramatischen Wechsel zwischen Himmelhoch und Zutiefstdarnieder darstellen zu wollen.  Wobei wir genau an der Sollbruchstelle emotionlaer Ehrlichkeit angekommen sind – den leider viel zu oft auftretenden,  ungewollten und schnöden Wechsel von Drama zu Kitsch. Haines scheint sich dieser Gefahr sehr wohl bewusst zu sein, schleicht er doch zu gerne und immer wieder um diesen Punkt herum, ohne jedoch in dieses dunkle Loch zu fallen. Dieses sehr sensible Vor und Zurück, ein Tasten erst, dann ein wild berauschter, hingerissener Tanz, gefolgt von Ermattung und Rückzug ist eine wunderbar feinsinnige Spiegelung menschlicher Seelenzustände, deren stetigem Sog man sich schwer entziehen kann. Der einjährige Schaffensprozess des Albums hat ein sehr reifes Werk entstehen lassen. Von den Aufnahmen improvisierter Elemente, über die Bearbeitung durch analoge Bandmaschinen bis hin zur Mischung in Nils Frahms Studio, der hier auch noch lobend erwähnt sein sollte, zieht sich ein beindruckend zwingender Faden, dessen Genuss man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Gold Panda

gold_panda

Gold Panda.
Half Of Where You Live.
Ghostly International.

Drei Jahre liess sich Gold Panda Zeit für sein zweites Soloalbum, eine durchaus nachvollziehbare Reaktion, nachdem sein Erstling „Lucky Shiner“ einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Producer tourte mehrfach um die Welt, war vielgefragter Remixer und sammelte auf seinen umfangreichen Reisen die Inspirationen für die elf Stücke auf „Half Of Where You Live“. Stilistisch nicht weit von seinem 2010er Debut entfernt zelebriert der Künstler die Faszination an urbanem Leben in den Metropolen der Welt, seine einfachen, fingerschnippenden Beats, gepaart mit eingängigen, folkloristischen Snippets verzücken auch den löffelschwingenden Hausherren. So gerät die Sauce ein wenig weltoffener und die Gäste wippen beschwingt im Takt zu diesem herzallerliebsten Menu. Schöne, farbenfrohe, glückliche Welt hier. Das letzte Stück, „Reprise“ nimmt mich schliesslich gefangen, dieses beatlose, mit einer klagend einsamen Hihat unterlegte, im Synthsturm halb untergehende, endlich eine Frage im Raum offen stehen lassende Etwas – das berührt dann doch – noch.

Dean Blunt

blunt

Dean Blunt.
The Redeemer.
Hippos In Tanks.

Dem weltweit mit fasziniert hochgezogenen Augenbrauen begeistert aufgenommenen Kosmos von Hype Williams entronnen, releast Dean Blunt hier erstmals unter eigenem Namen ein Soloalum. Nachdem Inga Copeland, zweiter Teil des Duos im März mit ihrer Debut Ep die disparate Stange gewohnter HW Machart wieder aufgenommen hat, wählt Blunt den weitaus rougheren Weg durch den dunklen Wald. Je weiter man in die kantige 80er Ästhetik seiner Produktionen eindringt, lässt die Schnörkellosigkeit seiner eher mit dem Tacker als im Rechner aneinander gehefteten Samples den Mund vom O zum Strich, zum umgedrehten U und wieder zurück geraten. Die Chuzpe einfach den Drumpart von Kate Bushs „Sat In Your Lap“ mit Chor und einem minimalen Streichquartett zu unterlegen, um darauf Sprechgesang auszubreiten, muss man erst mal haben. Oder ein allzu bekanntes Pink Floyd Stück zum Loop zu runden und das auch noch „Papi“ zu nennen. Ehhh? War bei HW Orientierungslosigkeit und Konfusion zu einem fein dosierten, geschlossenen System verpackt, legt Blunt alle Elemente nebeneinander und lässt Finken darauf rumhüpfen. Zwei Ausnahmetracks ragen hier wie Berge aus dem finsteren Blättermeer, das Titelstück „The Redeemer“ und „Imperial Gold“. Blunt turnt hier verschmitzt lässig auf gängigen Singer/Songwriter Klischees herum. Ansonsten ist der Artist auf diesem Album sehr verstört, sehr gebrochen, sehr allein. Ziemlich ehrlich, einfach so, das muss man erst mal ertragen können.

Airhead

airhead

Airhead.
For Years.
R&S Records.

Freund, Produzentenkollege und Gitarrist von James Blake, bleibt Rob McAndrews aka Airhead den gemeinsamen Roots eher treu als sein schmuseknuddeliger Feuilleton-Lieblings Buddy. Wiewohl ich bis heute nicht wirklich sagen kann, ob ich bei Blake’s letztem Album noch mitgehen mag, liesse sich im Gegenzug „For Years“ vermeintlich darstellen. Die Sparsamkeit im Arrangement ihrer gemeinsamen 10′ „Pembroke“ aus dem Jahr 2010 ist den beiden verblieben, ebenfalls das Spiel mit Melancholie und Weite. Hier endet aber auch die offensichtliche Verwicklung der beiden, Blake verbleibt unter der Bettdecke und gibt ab und an ein knurrend souliges Lebenszeichen von sich, während Airhead munter auf dem Fussboden auf seinen Tools rumklöpfelt, die eine oder andere Gitarre miteingerechnet. Jetzt könnte man natürlich schnippisch anmerken, dieses Verhalten sei altersgerechter als bei seinem bettlägrigem Kumpel, ganz so einfach fängt man den Hasen aber auch nicht. Oder etwa doch? Versuchen wir es mal so, bei dem Jungen auf dem Fussboden kann man klar sehen wie er sein Spiel gestaltet, während wir es uns unter den Laken einfach nur vorstellen können… Andererseits drängt sich auch leise der Gedanke auf dass „For Years“ einfach ein paar Jahre zu spät erscheint, während die Anderen längst draussen auf dem Hof einem Ball nachrennen? Verflixt…

Ryan Teague

teague

Ryan Teague.
Four Piano Studies.
King Tree.

Ein weiteres Artist-geführtes Label kommt auf den Markt, King Tree, auf dem der Multiinstrumentalist, Producer und Komponist Ryan Teague seine Werke veröffentlicht, bisher auf Type, Sonic Pieces und Miasmah zu hören. Sein Imprint startet der Brite mit einer schlicht „Four Piano Studies“ genannten EP, diesmal nicht von eigener Hand sondern von der Pianistin Semra Kurutac (Piano Circus) eingespielt. Seine gewohnt brillanten, elektro-akustischen Minimalismen sucht man ebenfalls vergebens, der Meister zieht hier seine Inspirationen aus Impressionismus und Romantik und verbleibt ohne technische Wirbeleien rein beim Instrument. Teague wäre nun aber nicht Teague, gelänge es ihm nicht in seiner ungebremsten Experimentierfreude auf diesem eher etwas müffeligem Musikacker vier wunderbar poetische und zeitgenössisch duftende Rosen zu züchten.

Ritornell

ritornell

Ritornell.
Aquarium Eyes.
Karaoke Kalk.

Die Liste der Projekte, an denen Richard Eigner und Roman Gerold aka Ritornell beteiligt waren und sind, ist ellenlang, bei Flying Lotus, Dimlite, Andreya Triana und vielen Anderen haben die Musiker ihre Spuren gelegt. Nun folgt das zweite Studioalbum „Aquarium Eyes“ auf Karaoke Kalk, ein frühlingsfrischer, warmer Gruss und wieder drehen die beiden Österreicher auf erstaunlich einfache, aber umsomehr effektive Weise ihre Regler an der vielerorts sehr geschundenen Schnittstelle zwischen akustischer Musik und Elektronik; mit gelegentlichen Zügen in den Jazz. Es gibt wenige Projekte die ein subtiles Knistern so punktgenau gegen ein Klavier, Kontrabass oder Vibrafon setzen können, und darüberhinaus, gerade auch im Weglassen ihrer musikalischen Textur einen äusserst individuellen Freiraum gestatten. Hinzu kommt dass ein derart feines Multi-Genre Gespinst gerne von allzu emotionalisierten Vokalisten ordentlich durcheinandergezupft werden kann, nicht aber so in diesem Fall. Die Wienerin Mimu umrundet die hier gesponnenen feinen Fäden mit dezenter Finesse in ihrer Gesangsakrobatik. Wenn man dann noch eine so exquisit gelungene Coverversion des Roxy Music Klassikers „In Every Dreamhole A Heartache“ obendrauflegt, lacht die Sonne und der Mensch freut sich.

Aidan Baker

baker

Aidan Baker.
Aneira.
Glacial Movements.

Mit „Aneira“ (walisisch für Schnee) veröffentlicht der kanadische Multiinstrumentalist Aidan Baker einen 48 Minuten Ambient/Postrock Track für das italienische Glacial Movements Imprint. Bekannt auch durch seine Kollaborationen mit Tim Hecker und dem zeitgenössischen Klassik Ensemble The Penderecki Quartet, entlehnt Baker die Idee hinter „Aneira“ der Robert Fripp’schen Soundästhetik auf dessen „Frippertronics“ und erweitert diese. Die durch Effektgeräte modulierte, und mit unterschiedlichen Techniken gespielte 12-String Gitarre wirkt wie unter meterhohen Schnee, direkt auf die gefrorene Erde geschoben. Lange, sich umschlingende Harmoniebögen und eine sich behutsam aufbauende Dramaturgie lassen das Stück beben und schlussendlich zum Brodeln bringen, die Schneedecke schmilzt und die erkaltete Erde erwärmt sich. Selten wurde der Übergang zwischen Winter und Frühling so dringlich nachempfunden, dieser kleine Moment, in dem das Leben nach langem Warten wieder von unten durch den Boden bricht. Baker hat in den letzten Jahren auch mehrere Poesie Bücher geschrieben. Das ist mehr als deutlich zu spüren.

Lubomyr Melnyk

melnyk

Lubomyr Melnyk.
Corollaries.
Erased Tapes.

Dezent von Nils Frahm und Martyn Heyne begleitet, produziert und aufgenommen von Peter Broderick, veröffentlicht der kanadische Pianovirtuoso Lubomyr Melnyk sein Minimal Album „Corollaries“ für Erased Tapes. Was der Begriff „schnellster Meister auf seinem Instrument“ bei der Gitarre anrichten kann ist uns allen bekannt, Melnyk wird auch als solcher bezeichnet und durchschreitet trockenen und geschwinden Fusses die Meere seiner Harmonien und Melodien.
Die Tastenanschlagszahl hierbei ist wahrlich berauschend, zwingend wird das fünf Stücke umfassende Album dadurch aber nicht, irgendetwas Ungreifbares verbleibt trotz heftigem Bewegungsdrang statisch, monolithisch starr. Da können auch Melnyks Mitstreiter nicht wirklich den Frachter zum schwimmen bringen, Broderick und Frahm sind geübte Paddler in der Materie und wissen, auch im Miteinander, wo weniger mehr ist, nur dazu haben sie hier wenig Gelegenheit. Beim letzten Stück „Le Miroir D’Amour“ geht dann auch richtig die Lampe aus, das ist des Kitsches reinste Seele. Es mag Leute geben, die das ganz anders sehen und gerne in schwerer Emotionalität schwelgen. Dafür dann ist „Corollaries“ perfekt.

Clinic

clinic

Clinic.
Free Reign II (Daniel Lopatin Versions).
Domino Recording Co.

Im November 2012 erschien das siebte Album der Band Clinic, ein selbstproduziertes, soweit unspektakuläres Prog Rock Album. Das von Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never gemischte Album erfährt nun eine wundersame Wandlung, mit „Free Reign II“ liegen hier die alternativen Mixes des Mannes hinter den Reglern vor, und jetzt, jetzt wird die Sache erst spannend. In altbekannter, genresprengender Manier mischt Lopatin den Originalen echtes Feuer unter den Hintern und zerrt alles mit unter die Bettdecke was seiner Meinung nach das Bett brennen lässt, Prog ist nur noch die Matratze auf der sich Psychedelic, Kraut und Elektronik kräftig an den Arschhaaren zupfen. Diese Neuinterpretation ist ein glorioses Beispiel für die Kraft des Wissens um die Welt hinter dem Tellerrand und ein geeigneter Zeigefinger für diejenigen, die glauben nur ihr Instrument beherrschen zu müssen und alles wäre damit schon gut.

Dinos Chapman

chapman

Dinos Chapman.
Luftbobler.
The Vinyl Factory.

In den letzten Jahren wird wohl kaum jemand um die verstörenden und äusserst effizient gesetzten Arbeiten der beiden Chapman Brüder Jake und Dinos herumgekommen sein. Mit genitalisierten Kinderskulpturen und SS Schergen in Sexualposen hat sich ihr Werk brillant in unsere Erinnerung geätzt. Dinos, der ältere der beiden britischen Artists, hat nun seine künstlerische Auseinandersetzung um das Medium Musik erweitert. Der Mythos kursiert, wie anders, dass er sich an Schlaflosigkeit leidend, die Nächte mit Musikprogrammen beschäftigt und im Laufe des letzten Jahrzehntes ein schönes Häufchen an Tracks damit erstellt hat. The Vinyl Factory hat nun diesen versteckten Schatz gehoben und zeigt mit „Luftbobler“ deutlich wo Chapmans Grenzen sind. Das Album wirkt wie eine nett gemachte Zusammenstellung britischer Elektronik der letzten zwanzig Jahre, hier ein Quentchen Techno, da eine Prise Knispelbeats, ein Schuss Ambient darüber und fertig. Obwohl „Luftbobler“ ebenso wie die skulpturale Arbeit der Chapman Brothers mit Erinnerung und Zitat arbeitet, fehlt dem Werk jegliche individuelle Vorstellungskraft. Möglicherweise als ausgleichende Massnahme gegen die provokative Zerstörungskraft des eigenen künstlerischen Schaffens gedacht, dümpeln die Stücke einem schläfrigen Ende entgegen. Asche zu Asche, die Zeichnungen des Führers des dritten Reiches neu zu interpretieren ist eine Sache, mit diesem Album aber kann man noch nichtmal ein Staubflöckchen aufwirbeln.

Various

alphapub

Various Artists.
TeamSupreme: Collection 1.
Alpha Pup.

Das LA-based Imprint Alpha Pup stellt mit „Team Supreme: Collection 1“ eine fein arrangierte Compilation mit 19 Artists und au courant Elektronik auf den Platz. Sehr weit wird das Feld hier geöffnet, vom Ohrenschmeichler zum Zahnartzbohrer, gar nicht, mittel und stark angebrochene Beats, von Lush bis Uptempo und Bass mit zwei bis vier s. So verschieden die Styles, so homogen die Zusammenstellung, dem Compiler einen Drink auf meine Rechnung bitte. Alles kommt ohne Alpha Pups Headliner à la Nosaj Thing etc aus. Hier dümpelt die zweite Mannschaft nicht auf dem Kinderspielplatz, das hier ist Bundesliga vom Feinsten. Anspieltip – Penthouse Penthouse mit „Teddy Rooster“, ja, so lässt sich locker gewinnen.

The North Sea

thenorthsea

The North Sea.
Grandeur & Weakness.
Rubber City Noise.

Schluss, Aus. Seit 2004 treibt Brad Rose aka The North Sea im Experimental- und Noisebereich sehr erfolgreich seine Anhängerschaft in die Höhen und Tiefen elektronischer Soundbearbeitung. Jetzt hängt er zumindest dieses Projekt an den Nagel, „Grandeur & Weakness“ ist der letzte Release unter diesem Namen. Wie auf dem Vorgänger „Bloodlines“ für das Type Label zerrt Rose sein Ausgangsmaterial durch alle Filter, derer er habhaft werden kann. Heraus kommen spiralartige, in sich zerfallende aber nicht gänzlich auflösende Drones, durchschossen von fett im Raum stehenden, schweren Synthbombern. Das Ganze hämmert immer knapp am Kontrollverlust, überschreitet diese Grenze aber nie. Wer denkt, sich just im Moment enger binden zu müssen, nehme „Grandeur & Weakness“ als passenden Testgenerator, um zukunftsweisend daran forschen zu dürfen wie der entsprechend Partner hierauf oszilliert. Womöglich wird es dann etwas holprig, aber auch das hat der Artist schon vorgedacht – das Eine oder Andere Getrommle holpert hier schlagwerkerverloren über die Tracks. Na also.

Darkstar

darkstar

Darkstar.
News From Nowhere.
Warp.

Nachdem die Mädchen nicht mehr so sind, was sie früher waren, scheint auch der Begriff Mädchenmusik, ehemals vermeindlich eindeutig, nun unscharf. Zumindest früher also hätte man Darkstars zweites Album „News From Nowhere“, so kategorisiert. Die traumgefangene, sehnsuchtsvergorene Stimme von James Buttery, eingenebelt in pastorale, radiohead-eske Soundfäden, vermittelt eine jahreszeitenunabhängige und sorgenenfreie Lümmelsofakuschelatmoshäre mit angenehmen Teegerüchen, Gebäck und einer heimeligen Serie auf dem Bildschirm. Für einige mag das, was das West Yorkshire Trio Darkstar hier vorspielen, Anlass zum schnellen Einpacken und Gehen sein. Das lustvolle Gähnen aber verhindern die in allen Tracks fein versteckten, unpassend wirkenden Details. Hier eine leiernde Gitarre, dort eine doch zu düster wabernde Synthfläche. Einmal auf die Fährte gebracht wird die Lust, all diesen hintergründigen Splittern nachzuspüren fast zwanghaft. Bemerkenswerteweise könnte man heutige Mädchen auch so empfinden, irgendwo immer in kleine Wiedersprüche verstrickt. Mädchenmusik also.

Scott Walker. Bish Bosch

Scott Walker.
Bish Bosch.
4AD.

Sechs Jahre nach seinem allseits begeistert aufgenommenem Album „The Drift“ releast der Singer/Songwriter und Komponist Scott Walker für 4AD den Nachfolger „Bish Bosch“. In den Sechzigern mit den „The Walker Brothers“ und seichten, orchestralen Pop Balladen zu Berühmtheit gelangt, änderte Walker ab Mitte der Achziger langsam aber zunehmend radikal seine musikalische Richtung. Waren seine frühen Arbeiten streckenweise schwer zu ertragen und orchestral weichgespült, liess Walker auf den Alben „Climate Of Hunter“ (1984) und „Tilt“ (1995) nun atonale, moderne klassische Musik und Rockelemente zu einem experimentellen Werk verschmelzen, immer getragen und umfangen von seiner balladesken Stimme. „Bish Bosch“ setzt nun diese Entwicklung logisch fort. Einsam klagende, in Soundscapes durchwirkte Räume hineingesungene Melodien, rockige Passagen die an der Hörlust saugen und zirbelnde Orchesterelemente die zerrend die Ohren umstreichen; die neun Stücke mit einer über 8ominütigen Spiellänge ziehen sich zu einem kaskadenhaft stolperndernden, sich dann wieder fangenden Psycho Hörstück zusammen. Düster dräuend und nervenzerrend kehrt sich des 69jährigen Innerstes nach aussen, Schmerz dringt ungefiltert aus seinen Texten. Das Album ist wahrlich nichts für zartbeseelte Menschlein, es lässt durch seine immaterielle Distanz und zugleich zerstörerische Härte ein verwirrendes, atemberaubendes Klangerlebnis zurück. Gerade durch diese Zerrissenheit und unbedingte Klage bildet „Bish Bosch“ eine sehr spannende und wichtige Ergänzung zu derzeit gängigen, kammerorchestralen Nettigkeiten.