Shivers

shivers

Shivers.
s/t.
Miasmah.

Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek umtriebig zu nennen wäre gröbstens untertrieben und es käme einfacher diejenigen aufzuzählen, mit denen er noch nicht gekuschelt hat. Wundersamerweise halten seine vielfältigen Produktionen dennoch einen gehobenen Qualitätsstandart, so auch sein neuester Wurf. Das Trio Shivers setzt sich aus ihm, Gareth Davis und Leo Fabriek zusammen. Für diese Kollaboration hat sich Zuydervelt den ersten David Cronenberg Film als Konzept vorgenommen und den Titel der Einfachheit halber gleich zum Projektnamen gemacht. Die Gefährdungen des eigenen Körpers durch fremde Infiltration und / oder durch ungewollte Transformation ziehen sich durch die sechs Tracks wie eine mit Nadeln bespickte bittesüsse Spur. Drone, Noise, Psychedelic und Free Jazz zerren nicht nur garstig am Ohr, der ganze Organismus fühlt sich unsanft geschmiergelt. Gerade weil die intelligent eingewebten, Beruhigung suggerierenden Passagen letztendlich doch nur den Horror verzögern, zieht „s/t“ weiter seine feinen Haarrisse über die Haut. Was hier draufsteht ist also auch drin. Sehr selten das.

Kreng

Kreng.
Works For Abattoir Fermé – 2007 – 2011.
Miasmah.

Anlässlich seines zwanzigsten Jubiläums veröffentlicht das Berliner Imprint Miasmah eine 4 LP & 10″ Box des belgischen Schauspielers und Produzenten Kreng . Enthalten sind ausgewählte Arbeiten des umtriebigen Artists für die international renomierte Theatergruppe Abattoir Fermé, Tracks für deren TV Serie „Monster“, sowie Rohversionen aus seinen beiden ersten Releasen „L’autopsie Phénoménale De Dieu“ und „Grimoire“. Auf acht Albenseiten breitet sich das samplebasierte Frühwerk Kreng’s in voller Länge aus, die rough’n’dirty gehaltenen Ambientdrones zupfen genüsslich an unseren mittlerweile etwas durchhängenden, an Cinematographischem überstopften Ohren. Selbst schauspielernder Teil Abattoir Fermés, hat der Künstler ein subtil schwarz gefärbtes Näschen für Dramatik. Ab und an auflaufende Überlängen entstehen durch die (wie bei vielen Theatermusiken und Scores) fehlende, begleitende visuelle Darbietung, stören aber nicht wesentlich. Schwierig wird es dagegen mit den „Monster“ Stücken auf der beiliegenden 10″, deren allzu wuschig angelegte 60’s-psy-fi-B-Movie Elemente wirkliche Gelassenheit abnötigen. Um dem glühenden, oder gerade frisch anglimmenden Kreng Fan einen schlüssigen Schaffenseinblick zu gewähren, würde ich eher die Kreng EPs „The Pleiades“ und „Zomer“ (auf Fant00m releast) in die Box legen, aber… jenun… die restlichen 180 (!!!) Minuten Material lassen da gerne über diese Stolperscheibe hinweghören.

Simon Scott

Simon Scott.
Bunny.
Miasmah.

Simon Scott’s zweiter Longplayer für Miasmah drängelt, nein kuschelt sich vordergründig zwischen Space Rock, Shoegaze und unaufgeregter, elektronischer Werkelei. Dazu lässt der ehemalige Slowdrive Drummer hier und da kundig Badalamenti Flimmer einfliessen und rundet so das Ganze zu einem vermeindlich warmen, beizeiten aber mit dräuender Schwermut durchdrungenem Hörwerk ab. Dieses Wechselbad zwischen dem immer wieder durchschimmerndem Traum von einem Happy End und wellenartig darübergeworfenen lynch’schen Schleiern erzeugen ein Bild sisyphosartigen Aufbäumens und Scheiterns. Scott, der den miasmahtypischen Abyss nur bis zur Hälfte abtaucht und sich dort durchaus hörenswert einen Platz zurechtmacht, erreicht nach mehrmaligen Hören seines Albums „Bunny“  eine sehr interessante Erweiterung der musikalischen Ränder des Labels.

Kreng

Kreng.
Grimoire.
Miasmah.

Dem Chef der flämischen Theatergruppe Abattoir Fermé, Schauspieler und Komponist Pepijn Caudron aka Kreng gelingt auf seinem zweiten Release für Miasmah das Meisterstück die ohnehin schon zermürbenden Bilder seines Debüts „L’Autopsie Phänomenale De Dieu“ noch weiter in düster bedrückende Schlünde zu pfropfen. Sind wir nicht alle etwas überdrüssig am Schönen, so der Pressetext, kann in der heutigen Flut soundtrack-observierender Finsterdudeleien schnell ins Gegenteil umschlagen. Sinken wir nicht ermattet ob all dieser kunstvoll böse mit dem Besen raschelnden Möchtegernhexen und Dunkelheimern blöde grinsend zurück in unsere Kissen? Kreng, theaterbühnenerprobte Fackel in dieser um gängige Genreaufkleber heischenden unbeleuchteten Meute lächelt da still mit. Warum auch nicht, er kann es sich leisten. Seine Kompositionen sind nicht laut winselnde Höllenhunde, seine geschmeidig ineinander verzahnten Tracks eher in der Minimalisierung glänzende, im Nebeneinander von Gut (hier – alles klar Ede) und Böse (die Kerze geht aus !!!) hin und herirrende Preziosen. Das macht die Spannung umso … schlimmer.

Kaboom Karavan

Kaboom Karavan.
Barra Barra.
Miasmah.

War das um Bram Bosteels gescharte belgische Kollektiv Kaboom Karavan auf ihrem 2007er Album „Shorts Walk With Olaf“ für das mexikanische Label Umor Rex noch ansatzweise an Songstrukturen interessiert, so wagen sie sich in den zehn Stücken ihres Zweitlings „Barra Barra“ leichtfüssiger in frei improvisierte, jazzige Felder. Durch Bosteel’s ausserordentlich spannend inszeniertes Arrangement und seinem bewundernswerten Sinn für zeitgenössisches Editing verliert das verwendete musikalische Ausgangsmaterial seine ursprüngliche Farbe und formt sich, die gängigen Begriffe Post-Rock, Post-Folk hinter sich lassend, zu morbide verschlungenen Sound- und Klangskulpturen deren Verotung eher in der Sphäre zwischen performativer und freier Kunst zu suchen wäre. Nicht umsonst verweist das Kollektiv auf die reiche belgische Kunstgeschichte zu deren Blütezeit des Symbolismus und Surrealismus Brüssel als europäische Metropole galt. Von Fernand Khnopff über René Magritte zum belgischen Grossmeister des zeitgenössischen Theaters und Tanzes Jan Fabre; ein wunderbar mystisch verklärtes Inspirationskästchen aus dem man sich hier bedient, ohne Attitüden und esoterische Effekthaschereien frei. „Parked in a very small town in a rather small country“, so beschreiben sich Kaboom Karavan auf ihrer Myspace Seite – ist nicht eher die Grösse der Lichtquelle unwichtig, vielmehr der Schatten den sie wirft?

Juv

Juv.
s/t.
Miasmah.

Inspiriert von den minimalistischen Werken der Swans, Sonic Youth und The Melvins machten sich die beiden Norweger Are Mokkelbost und Marius Von Der Fehr in den Jahren 1996 bis 1998 auf die Suche nach einer eigenen Klangwelt. Herausgekommen ist eine ambientdurchzogene, bitterkalte Doom Landschaft, wiederausgegraben und auf dick befellten Handschuhen präsentiert von Miasmah Mastermind Erik Skodvin; „Juv“, auf deutsch Abgrund, wirkt wie ein entfernter Verwandter Skodvin’s eigener Arbeiten. Die sehr rudimentär angelegten Stücke mit teilweise nur einem Chordwechsel, frippartigen Gitarrenfeedbacks und endlos stehenden, leicht modulierten Flächen frieren den Hörer  behende auf seinem Stuhl fest, mit dem er sanft gezogen über den Tiefen kreisen darf. „s/t“ zwingen dieses Bild auf und verhindern es gleichzeitig, man darf Betrachter sein aber nicht mehr, die Musik spielt alleine für sich weiter, ein selten geglücktes und sehr faszinierendes Schauspiel.

Marcus Fjellström

Marcus Fjellström.
Schattenspieler.
Miasmah.

Die mit dem dunklen, verstörenden Bild spielenden Musiker und Komponisten haben mittlerweile eine beeindruckende Finesse entwickelt den Film im Kopf blind ohne das dazugehörige Zelluloid erschaffen zu können. Der Schwede Marcus Fjellström, Studierter in klassischer Komposition und Orchestration legt in dieser Richtung mit seinem vierten Album eine unendlich tiefe und durch und durch düster durchdrungene Arbeit vor. Inspiriert von Ravel und Debussy, Bernard Herrmann und – natürlich – Badalamenti gelingt es Fjellström aus dem Meer der in dieser Richtung arbeitenden Komponisten ohne grössere Anstrengungen eine eigenständige Musiksprache zu entwickeln, den Hörer damit engmaschig zu umwickeln, hier zu kratzen, da ein bisschen zu würgen um ihn nach 48 Minuten wieder leicht schwummrig vom  Sofa zu entlassen.
Gerade die ebenfalls von Fjellström genannten elektronischen Einflüsse von Aphex Twin und Autechre erlauben es dem Meister elegant zwischen und über den Stühlen zu turnen. Grosser Respekt und Applaus.

FNS

FNS.
FNS.
Miasmah.

Fredrik Ness Sevendal, der Mann hinter FNS, Bandmitglied von Slowburn, Del, Kobi, um nur einige zu nennen, schaubt hier auf diesem Miasmah Release solo an den Instrumenten und diversen Reglern. Seine Mischung aus Lo-Fi Pop und Noise Rock setzt der experimentierfreudig psychedelischen Phase von Bands wie Pink Floyd eine gültige und zeitgemässe Neuinterpretation gegenüber. Live improvisierte Layers winden sich zu tranceartigen Folk Schlingen, verzupfen sich unter spacigen Synthie-Drones zu einem dräuenden Sound-Melange, und gerade die mir sonst so die Pelle pickenden ‚La-La-La’s’ der beigepackten Sängerinnen runden den Verweis auf die späten Sechziger gelungen ab. Irgendwo auf meiner entzündeten Hirnrinde keimt der Gedanke auf, dass gerade die Gitarre in Kombination mit verschiedensten Loop- und Feedbackmaschinen dem Pendant des Symbols des einsamen Mannes der achziger Jahre, dem Saxophon, in den Nuller- und Zehnerjahren überraschend kantig verzwirbelte Ergebnisse gegenübersetzt, so als sei die semi-sexuelle Schwundverlockung der damaligen Zeit einer Rückbesinnung auf das Spirituelle gewichen. Denn genau so kommt FNS rüber, mit gesenktem Haupt erhoben.