Leiden ist scheisse.

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Leiden ist scheisse.
Berlins erste Vinylpredigt.

Fünfzehn Menschen der gehobeneren Altersklasse sitzen auf Stühlen und Sofas und lauschen. Ein andächtig rhytmisches Kopfnicken hier, ein dezentes Fusswippen dort, Musik läuft. Was ist passiert? Ist man hier der finalen Erkenntnis erlegen dass der faltige Hintern endgültig das Tanzverbot gebietet? Falsch. Haru Specks aka Diethelm Kröhl hält in Berlin seine, für die Stadt erste Vinylpredigt. Wer wie ich der Meinung ist dass man durchaus am Sonntagmorgen in die Kirche gehen könnte, so der Mann auf der Kanzel auch etwas zu sagen hätte, der wird hier, nicht nur der Form halber, fündig.

Specks zelebriert seine Predigt zum Thema ‚Leiden ist Scheisse‘ und unterlegt seine Rede mit dreizehn Hörbeispielen unterschiedlichster Zeiten und Genres.
Schon der erste Beitrag von Napalm Death „You Suffer (But Why)“ malt der Zuhörerschaft ein Grinsen auf die Lippen, ist dieses musikgeschichtlich rekordverdächtige Stücklein doch nur eine Sekunde lang und wurde im Erscheinungsjahr 1987 von John Peel dutzendfach hintereinander gespielt und abgefeiert. Zu hören ist nur ein knurrender, aufbrummender Gitarrenriff und aus. Specks nimmt nun den Titel des Tracks zum Anlass um sein Thema langsam auszufalten. Er redet über Ängste, Depressionen, nennt Zahlen, Anlässe, lässt Anekdoten einfliessen und wickelt sein Publikum mit gut gesetzter Hintergrundsinformation in eine wohlige Gemeinschaftserfahrung um zum Ende hin bei Revolution und Gegenwehr zu enden. Details »

Guter Mond du scheinst so helle.

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Guter Mond du scheinst so helle.
Unserem Nachbarn zum 45. Jubiläum der Ersteroberung.

Am 21. Juli 1969 koordinierter Weltzeit betrat der erste Mensch den Mond. Während Neil Alden Armstrongs zaghaft auf dessen Oberfläche tapstet, raste sein historischer Ausspruch  „Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen… ein riesiger Sprung für die Menschheit“ mehrfach um die Welt.

Grosses war geschehen und für noch Grösseres schien der Anfang gelegt. Die Amerikaner hatten mit diesem Schritt im wörtlichen Sinne ihren Wettlauf mit den Russen gewonnen. Am Anfang dieses Kontests stand ein jäher Schock. Mitten im Kalten Krieg mit der Sowjetunion war ein kleines, 58 Zentimeter messendes Stück Metall in der Erdumlaufbahn den USA derb in die verängstigten Knochen gefahren. Während das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ unter Senator Joseph McCarthy gerade erfolgreich den im eigenen Land umtriebigen echten oder vermeindlichen Kommunisten schwer den roten Pelz angezündet hatte, umrundete der von der UDSSR 1957 gestartete Satellit  „Sputnik 1“ in ruhigen Bahnen den Planeten. Die dadurch ausgelöste Krise um den Verlust der selbstauerlegten Vormachtstellung über den Rivalen fand ihren krönenden Abschluss in der geglückten ersten Mondlandung mit Apollo 11 zwölf Jahre später. Details »

„Erfahrung wird durch Fleiss und Müh‘ erlangt und durch den raschen Lauf der Zeit gereift.“

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„Erfahrung wird durch Fleiss und Müh‘ erlangt und durch den raschen Lauf der Zeit gereift.“ William Shakespeare und Madlib als „best buddies“? Warum nicht? Wir gratulieren auf jeden Fall schon mal…

Der unsterbliche Gigant wird heute 450 Jahre alt. Daß er nun wirklich gelebt hat ist unbestritten. Über die Urheberschaft seiner bis heute aufgeführten und verfilmten Werke hingegen rauft sich die Forschung eifrig das Haupthaar. Die 2011er Verfilmung dieser nicht ganz unerheblichen Frage, Roland Emmerich hat hier mal keinen langweiligen Blockbuster hingelegt, bezieht sich hier eindeutig auf die Oxford-Theorie, wonach der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere der eigentliche Verfasser der Dramen und Sonette sei, die unter Shakespeares Namen erschienen. Grund zur Infragestellung Shakespeares schrifstellerischen Schaffens gibt dessen geringe Bildung. Man geht davon aus daß ein Besuch der Grammar School in Stratford-upon-Avon nicht die Basis für ein derartiges Wissen bieten kann, das für die Erschaffung eines solch enormen Werkes wohl benötigt wird. Vor uns hampelt also eine agile Rampensau rum, der man die Stücke nur untergeschoben hat, aus welchen Gründen auch immer. Details »

Bleib auf dem Teppich…

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Bleib auf dem Teppich…
…wenn du einen hast.

Sich an einem Werk von Richard Prince, Jürgen Teller oder Anselm Reyle zu ergötzen ist das Eine. Mit dem HIntern an einem Solchen reiben zu dürfen ist etwas anderes und auch um ein Vielfaches günstiger.

Es ist Äonen her dass man bei einer geschmackvollen Wohnungseinrichtung die Auslegeware unter die Design Klassiker spannte. Seit den frühen Achzigern, wenn Alt aus- und Jung einzogen, nervten die Schleifmaschinen tagelang die Nachbarschaft und die blanke Holzdiele bot, geölt, lackiert oder bei den Mutigen roh belassen, nur kargen Anlass zum Sichniederlassen.

Die Teppichläden scheinen in letzter Zeit wieder einen zweiten Blick wert zu sein, woran neue Produktionstechniken und Oberflächenstrukturen einen wichtigen Anteil haben. Neue Ware hat ihren Preis, sodass selbst Teppiche die sich in ihrem meisterlich gestalteten Vintagelook vor der Kundschaft ausbreiten, mächtig am Gesparten zerren, da handrasiert, gefärbt, nochmals fein nachgeschnitten oder was der Kreativität sonst noch alles aus der ekstatischen Hirnrinde sugeriert wird. So kann man schnell den Eindruck erhalten man habe ein Originalexemplar aus der Gründertagen des KaDeWe vor sich, das in der Eingangshalle tunlichst mit Füssen getreten nun in die Privatwohnung statt ins Museum verlegt wird.

Die schwedischen Henzel Studios unter ihrem Chef Calle Henzel bieten im Gegensatz dazu mit „Volume #1“ aussergewöhnliche Kollaborationen an, auf denen man seinem exquisiten Kunstsinn freien Lauf lassen kann.  Helmut Lang, Jack Pierson, Marylin Minter und noch eine ganze Stange renomierter Granden der zeitgenössischen Szene liefern wohlfeile Vorlagen, bei denen man sich im weit gespreizten Feld zwischen sehr geschmackvoll bis sehr geschmacklos ganz al gusto bedienen kann. So trifft die gezierte Selbstinszenierung des Artists auf die des Käufers, „Auf den Poden, Pursche!!!“ wussten Monthy Python hierzu schon in weiser Vorraussicht zu säuseln.

http://byhenzel.com/

Von der frivolen Erhabenheit des Banalen

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Von der frivolen Erhabenheit des Banalen.
Der Held und sein Weg.

Wenn das Krokodil kommt, schreien die Kinder. Immer. Kasperles Ignoranz ist der ultimative Garant für brüllende Massenhysterie. Er muss sich einfach dumm stellen, kann nicht anders als in die falsche Richtung schauen. Das nennt man geschickt inszenierten Spannungsaufbau und lässt die Zuschauerschaft von sprachlosem Verharren in hellste Aufgegung taumeln. Aber der Held wird gewinnen, das ist die Regel. Immer. Dass seine Klatsche zufälligerweise dem Maul des Krokodils in der Form sehr ähnelt muss nicht auffallen. Das ist schlussendlich egal, denn diese beisst nicht und ist nur das schlagende Instrument seiner Rache. Ohne diese Klatsche ist er hilflos.

Die Figur des Kasperle hat eine lange Tradition, ihre Spur lässt sich zurück bis ins 17. Jahrhundert verfolgen. Seine europäischen Kollegen heissen Punch, Guignol oder Pulcinella und kämpfen wie er gegen die in die Kinderwelt übertragene Unwegbarkeit der Welt. Es wird geschubst, gerangelt und geheult. Alles Elend der Existenz findet hier seine Paralelle zum kreischenden Schäufelchenhandgemenge des heimischen Sandkastens. Auch das Männchen mit der Mütze muss sich unentwegt behaupten, und weil er selbst die wagemutigsten Abenteur mit kindgleichem Ungestüm und forschen Sprüchen zu meistern weiss, identifiziert sich seine kleinwüchsige Zuschauerschft umgehend und endgültig mit ihm. Details »

Yair Elazar Glotman

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Yair Elazar Glotman.
Northern Gulfs.
Glacial Movements.

Hätte Brian Eno sein 1978er Album nicht „Music For Films“ genannt, vielleicht wäre dieser schwierig zu handhabende und schwammige Begriff „Cinematographic Music“ nie als Pseudogenre durch die Gassen geirrt. Dabei rumpeln auf sehr unscharfe Weise Musik, Sprache und Bild zusammen, hinzu kommt noch dass sich die Filmindustrie lieber mit Standartwerklern wie Herren Zimmer in die Köpfe des Publikums hämmert, als sich einer wirklich intelligenten und starken Musik zu bedienen, wie sie hier von Yair Elazar Glotman vorliegt. „Northern Gulfs“ ist „Ideal Score“ um es mal mit einem anderen Aufkleber zu probieren, die sieben Tracks darauf produzieren ein nicht alzu dunkles aber durchaus angebrochenes Stückchen Kino im Schädel. Das italienische Imprint Glacial Movements unter Alessandro Tedeschi hat schon einige namhafte Artists wie Celer, Pjusk und Loscil unterm Schirm, Glotman ist da ein wunderbarer Neuzugang.

Teebs

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Teebs.
E S T A R A.
Brainfeeder.

Mtendere Mandowa aka Teebs kann mit seinem zweiten Longplayer „E S T A R A“ für Brainfeeder dem 2010er Vorgänger „Ardour“ mit Leichtigkeit einen obendrauf setzen, die fluffige Verspieltheit seiner Instrumental Hip-Hop Produktionen lässt ihn weiterhin zum entspanntesten Aushängeschild des Labels freudig in der Sonne strahlen. „Estar“ meint auf Spanisch einfach nur „Sein“, besser, einfacher kann man das Album gar nicht beschreiben. Teebs ist auch gleichzeitig Maler, seine Arbeiten zieren auf allen seinen Releasen die Cover und es ist zu vermuten dass der Producer hier tief aus der Kreativität eines begleitenden Mediums Ruhe und Gleichmut schöpfen kann. Die Vorstellung dass er Prefuse 73, Lars Hornveth, Jonti und Populous, die hier auf dem Album mitschwingen dürfen, ebenfalls dazu inspirieren konnte zukünftig den Pinsel auf der Leinwand zu verstreichen macht schmunzeln. Das wird man dann ja, ganz wörtlich, sehen können.

Shivers

shivers

Shivers.
s/t.
Miasmah.

Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek umtriebig zu nennen wäre gröbstens untertrieben und es käme einfacher diejenigen aufzuzählen, mit denen er noch nicht gekuschelt hat. Wundersamerweise halten seine vielfältigen Produktionen dennoch einen gehobenen Qualitätsstandart, so auch sein neuester Wurf. Das Trio Shivers setzt sich aus ihm, Gareth Davis und Leo Fabriek zusammen. Für diese Kollaboration hat sich Zuydervelt den ersten David Cronenberg Film als Konzept vorgenommen und den Titel der Einfachheit halber gleich zum Projektnamen gemacht. Die Gefährdungen des eigenen Körpers durch fremde Infiltration und / oder durch ungewollte Transformation ziehen sich durch die sechs Tracks wie eine mit Nadeln bespickte bittesüsse Spur. Drone, Noise, Psychedelic und Free Jazz zerren nicht nur garstig am Ohr, der ganze Organismus fühlt sich unsanft geschmiergelt. Gerade weil die intelligent eingewebten, Beruhigung suggerierenden Passagen letztendlich doch nur den Horror verzögern, zieht „s/t“ weiter seine feinen Haarrisse über die Haut. Was hier draufsteht ist also auch drin. Sehr selten das.

Owen Pallett

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Owen Pallett.
In Conflict.
Domino.

Mit seinem zweiten Album „He Poos Clouds“, 2006 auf Tomlab released, setzte der kanadische Geiger, Sänger und Komponist Owen Pallett, damals noch als Final Fantasy unterwegs, einen ordentlichen Koffer in die Welt. Die sehr eigene Mischung aus klassischen Elementen, minimalem Pop und seiner exzellenten Stimme machte ihn umgehend zu einer der führenden Kapitäne der damals noch frischen „Modern Classical“ Szene. Sein 2010er Nachfolger „Heartland“, ab dann unter eigenem Namen veröffentlicht, verfestigte diesen seinen Stand an Deck. „In Conflict“ wurde zunächst in Island aufgenommen, gänzlich verworfen und nochmals live in Montreal eingespielt. Perfektionisten sind nun mal dickschädlig und das dauert dann etwas länger. Jahre gingen ins Land und Altmeister Brian Eno wurde mit Back-Up Vocals, Synths und Gitarre mit an Bord geholt. Somit könnte die Reise schliesslich zu einem gelungenen „And-lived-happily-ever-after“ führen… und doch, irgenwo ist hier ein Leck, das Boot zieht Wasser. Pallets vertraute Stilelemente versuchen vergeblich das Ganze zusammenzuzurren, die ungelenk eingesetzten Electronica hängen schlapp vom Mast und die schwergängigen Progrock Versatzstücke brechen Löcher in den Rumpf. Das ist eigentlich ganz schön traurig, Anderen gelingt der Spagat zwischen den Genres auch ohne mit dem Wimpel zu zucken. Mit diesem Schiff jedenfalls gewinnt man keine Regatta.

Erik K Skodvin

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Erik K Skodvin.
Flame.
Sonic Pieces.

Nach dem deutschen Duden ist Melancholie ein „von grosser Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneter Gemütszustand“. Gleichwohl sagt Charles Baudelaire, dass er sich keine Schönheit vorstellen könne, in der nicht auch Melancholie stecke. Auf diesem vermeindlichen Widerspruch bilden eigentlich alle Veröffentlichungen von Erik K Skodvin ihre zunächst zierlich erscheinenden, aber rasch zu mächtiger Grösse erwachsenden Strukturen aus, sei es als Labelchef von Miasmah oder mit eigenen Produktionen. „Flame“ bildet da zunächst keine Ausnahme, und doch, etwas scheint milder geworden, zarter fast. Seine mächtig angeschwärtzen Gewitterwolken der früheren Jahre weichen zwar nicht einem strahlend blauen Himmel, da würde man Skodvins Spielfreude gänzlich unterschätzen; die hier so scheinbar friedlich vor sich hinnuckelnden weissen Wölkchen bilden bei näherer Betrachung bizarr aufquellende Formen aus. Eigentlich hätte man von auch gar nichts anders erwartet,
die musikalische Unterstützung von Anne Müller, Mika Posen am Streichgerät und Gareth Davis an der Klarinette helfen da dezent am Auseinanderzupfen von gängigen Darreichungen. „Flame“ fliegt mehr als früher zwischen Musik und Kino und dieses Mehr an „Dazwischen“ macht diesen Release so spannend.

Downliners Sekt

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Downliners Sekt.
Silent Ascent.
InFiné.

Seit dem 2008er Longplayer „The Saltire Wave“ hat man lange auf das dritte Album der Stilhybrid Meister Downliners Sekt aka Fabrizio Rizzin und Pere Solé warten müssen. Die fünf EPs dazwischen waren eine wohlig spritzige Verköstigung, hier nun endlich „Silent Ascent“ und das ziept und zupft so fruchtig perlend am Tanzbein wie es nicht besser zu erhoffen war.
So gestaltet man hochkomplexen Dancefloor, da muss man auch die eingeflossenen Styles oder Microgenres nicht beim Namen nennen. Wer hier nicht das Schuhwerk fester zurrt damit es einem später nicht um die Ohren fliegt, der darf auch nicht in der Ecke sitzend mitanstossen. Schüttelt die Flaschen, lasst die Korken Sputnik spielen und — Spass!!!

Douglas Dare

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Douglas Dare.
Whelm.
Erased Tapes.

Vor knapp einem halben Jahr hat Douglas Dares EP „Seven Hours“ schon starke Wellen geschoben, hier folgt nun das Debüt Album „Whelm“ für das Londoner Erased Tapes Imprint. Es gibt eine ganze Menge Musiker die ihr Stücklein singend, sich selbst am Piano begleitend, vortragen. Dare unterscheidet sich oberflächlich nur in winzigen Details von den Anderen und gerade diese schwer in Worte zu bindenden Eigenarten lassen seinen Fluss diese individuelle, faszinierende Biegung nehmen. Spürt er als Poet einen anderen Einstieg in die Musik oder hat er ein viel tiefer sitzendes musikalisches Selbstbewusstsein und gleichzeitig (oder gerade darum) so eine bezaubernde Art diese unerhörte Wucht seines Antriebs in so ruhigen, eindeutigen Bahnen darzubringen? Gleichwohl, ich finde keine Sprache dafür, ich schaue nach oben und klappe Ab und An den Mund auf und manchmal auch wieder zu. Und dann, auf „Swim“, dem neunten Stück kommt er dann mächtig, lässt den Damm brechen, aber nur kurz, schon fliesst er weiter. Das ist einfach schön, und vielleicht ist es auch völlig egal warum dem so ist.

 

Will Samson

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Will Samson.
Light Shadows.
Karaoke Kalk.

Die Erfahrung einen nahen Menschen zu verlieren ist durch nichts vermittelbar. Nach einem sehr umtriebigen Jahr auf Tour durchlief Will Samson dieses dunkle Tal und zog sich zur Besinnung nach Indien zurück.
Die Reflektionen über diesen traurigen Lebensabschnitt sind nun auf einer 4 Track EP für Karaoke Kalk zu hören, eingespielt mit Samsons Buddy Florian Franzel, der auch bei dessen Longplayer „Balance“ mitproduzierte. „Light Shadow“ ist den Umständen entsprechend ein sehr verhaltener, ruhig im leicht geschwungenen Flussbett dahingleitender, elektro-akustischer Release, der nur im ersten Track durch eine „keine-Angst-es-wird-schon-weitergehn“ 4/4 Kick etwas irritirend eingetaktet wird. Herzerweichende, traurigschöne Musik über die Bon Iver die schützende Hand hält.

Otto A Totland

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Otto A Totland.
Pinô.
Sonic Pieces.

Otto A Totland, der stillere Part des Duos Deaf Center veröffentlicht auf Sonic Pieces sein Debutalbum „Pinô“. Eingespielt in Nils Frahms Studio zeigen Totlands Pianostücke durchaus Ähnlichkeiten zu seinem Aufnahmeleiter, die winterlich anmutenden Szenarien werden allerdings  von einer zarteren Hand gezeichnet. Wo Frahm die Taste kräftig drückt stehen bei Totland Pausen, der Freude am abenteuerlichen Schneetreiben steht eine eher wehmütige, zurückhaltendere Betrachtung gegenüber, ein zeitloses Bild einer tief am Horizont stehenden Sonne, die mit ihren letzten Strahlen die Eiskristalle am Fenster kitzelt. Da heisst es ab unter die Decke und — wo sind Mamas Kekse!!!

Sebastien Tellier

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Sebastien Tellier.
Confection.
Record Makers.

In Zeiten der Ganzkörperschur scheint so ein dicht durchsaftetes Brusthaartoupet eine klärende Alternative zur bleich gewachsten Einerleihaut der Massen zu sein, oder um es mit John Clute zu sagen, die Aliens wenden sich pikiert ab, weil des Menschen wahrer USP sein Geruch ist… er stinkt. Wer dem ungekrönten Superstar der französich-dunklen Siebziger Michel Piccoli einmal ein Autogramm abluchsen wollte weiss, wovon ich rede, dieses konzentrierte anti-bougeoise Odeur, destiliert aus einem lastwagenvoll ungewaschener Fernfahrer… Zigarettenasche und Schuppen der letzten durchsoffenen Wochen auf dem Nadelstreifenrevers. Sehr handfestes Restflackern längst vergangener Revolutionen um Liebe und Freiheit. Feucht, derb, schön…

Simon Fisher Turner

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Simon Fisher Turner.
The Epic Of Everest.
Mute.

Der Mythos, ob der englische Bergsteiger George Mallory 1924 der erste Bezwinger des Mount Everest war, will nicht enden. Zumindest lässt sich nicht eindeutig nachweisen, ob er mit seinem Partner Andrew Irvine
am 8. Juni den Gipfel erreichte, wiewohl seine 75 Jahre nach seinem vermutlichen Absturz gefundene Leiche Indizien aufzeigte, dass er es geschaft haben könnte. Das Archiv des BFI veröffentlicht nun die restaurierte Neufassung des Originalfilmes zur gescheiterten Expedition. Simon Fisher Turner, Musiker, Komponist, Schauspieler und Scoreschreiber von Derek Jarman, wagt sich vorsichtig, präzise und begeisternd an die musikalische Interpretation einer 90 Jahre alten Katastrophe. Der Artist vertonte schon einmal eine BFI-Restaurierung, „The Great White Silence“, ebenfalls eine tödlich endende Expedition, bei der der englische Forscher Robert Scott als zweiter nach Amundsen den Südpol 1912 erreichte um dann auf dem Rückweg zu verenden. Im Gegensatz dazu zieht es Fisher Turner bei „The Epic Of The Everest“ vor, nicht nur mit authentischen Materialien zu arbeiten. Auf allen möglichen Wegen, auch aus dem Internet, sammelte er Sounds zusammen, um mit einer Handvoll wohlbekannter Freunde (Cosey Fanni Tutti, Andrew Blick und Peter Gregson) das Scheitern am Berg nachzustellen. Das Ergebnis lässt einen die Heizung höher stellen, zwischendurch, der Einsamkeit entrinnend ein paar gute Freunde anrufen, um dann nach 16 Tracks wieder auf Anfang zu gehen… wohlig.

Hans Castrup

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Hans Castrup.
Shadowplay.
Karlrecords.

„…eine vibrierende Kombination aus Kalkül und Zufall“, so benennt die Presse die Leinwand Arbeiten Hans Castrups, Grenzgänger zwischen Malerei, Fotografie, Videokunst und Musik. Der Künstler vermengt Techniken unterschiedlicher Medien miteinander und kreiert damit spannungsgeladene Collagen, so auch auf „Shadowplay“, eine experimentelle Melange aus Field Recordings, elektronischen Tongebern und Effegtgeräten. Castrups Lieblingstool ist die Schleifmaschine und so editiert er auch seine musikalischen Fundstücke, das Arbeitsprinzip ist der Taktgeber, nicht die Attitüde. Auf Youtube darf man sich zu allen zwölf Stücken noch die entsprechenden Videos betrachten, und eigenartigerweise gelingt es Castrup hier nicht zu vibrieren, der kalkulierte Zufall formuliert sich besser in der Abwesenheit einer paralellen Bildwelt.

Brown Reininger Bodson

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Brown Reininger Bodson.
Clear Tears / Troubled Waters.
Crammed Discs.

Die legendäre Ambient und Soundtrack Serie „Made To Measure“ wird vom belgischen Label Crammed Discs wiederaufgelegt; zwischen 1983 und 1995 veröffentlichten hier so edle Herren wie Arto Lindsay, John Lurie und Harold Budd ihre Kompositionen für Film, Theater oder Video. Darüberhinaus ist Crammed Tuxedomoons Stammlabel mit sämtlichen Re- und Re-Releases der Band, alle Solo- und Seitprojekte sind ebenfalls vertreten, voilà…  Bühne auf für Tuxedomoons Frontmänner Steven Brown und Blaine Reininger, die mit dem belgischen Musiker und Sounddesigner Maxime Bodson die Musik für ein Stück mit sieben Tänzern und drei Musikern schrieben. Choreografiert von Thierry Smits, ist „Clear Tears / Troubled Waters“ eine durchwachsene Mischung aus Elektronik und Musik der klassischen Moderne, deren Genuss live und mit den dazugehörigen Bewegungen eher zu empfehlen wäre. Der visuelle Aspekt der Zusammenarbeit, die Interaktion fehlt. Schade eigentlich, der 1982 für Maurice Béjart geschriebene und seperat veröffentlichte Tuxedomoon Soundtrack für dessen Ballet „Divine“ hatte eine klare musikalische Eigenständigkeit, dem dieses Werk völlig abgeht, leider.

Banabila & Machinefabriek

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Banabila & Machinefabriek.
Travelog.
Tapu Records.

Neulich im Stau, der Typ im Mercedes nebenan ein vermeindlich typischer BWLer, Zwirnmensch unter Fleischkappe, die Unterlippe nahtlos in den Hals übergehend. Jacket und Schlips offensichtlich auf dem Rücksitz. Der Türrahmen in dieser ruckelnd-schleichenden Fortbewegungsart verdeckt hinterlistig den genaueren Einblick ins Fahrzeuginnere. Bemerkenswert an der Szene: das hartnäckig wiederkehrende dreifache Zucken des Herren; hier wird also Härteres dem Ohr zugeführt. Nichts an dem Bild passt so richtig zueinander und gerade deshalb muss man weiter hinstarren. Der Stau löst sich auf und der Mercedes entschwindet… Ende. Die beiden äusserst umtriebigen holländischen Produzenten Michel Banabila und Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek könnten mit „Travelog“ den Soundtrack zu der Szene geliefert haben, Minimal, Kraut, Ambient und Noise hüpfen übereinander, das Banale und Kleine ist der ungelenkte Held der Geschichte, Strandgut an einem kalten aber sonnigen Herbstnachmittag am Meer. Kater…

Douglas Dare

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Douglas Dare.
Seven Hours.
Erased Tapes.

Tja, Sohn einer Klavierlehrerin müsste man sein. Da könnte man schon Kekse mümmelnd früh an dieses Instrument herangeführt werden. So geschehen bei dem Londoner Singer-Songwriter Douglas Dare, neuester Zugang des fein strahlenden Imprints Erased Tapes. Die vier Tracks seiner Debut-EP „Seven Hours“ zeigen den 23-jährigen frisch und reif entwickelt.  Irgendwo zwischen James Blake ohne schwermütigen Knispelkram und Nils Frahm, ohne dessen jazzy Vibes, tastet sich Dare, subtil produziert von Drummer/Producer Fabian Prynn durch seine Klavierwelten. Der Artist begann erst während seines Studiums an der School of Music / University of Liverpool Texte zu schreiben und sich selbst damit zu begleiten. Gedichte und Kurzprosa sind Basis dieser EP, Dares darauf entstandene Pianoimprovisationen wurden von Prynn mit dezenter, dennoch klare Strukturen bildender Perkussion ummantelt. Teile der Takes wurden mit einem simplen Kassettenrekorder aufgenommen, was der Produktion nicht schadet, im Gegenteil, die zeitweise suchenden Kompositionen des Künstlers erhalten dadurch eine gut verträgliche Unschärfe, die den Arbeiten wohltut. Dare, der Ólafur Arnalds auf seiner letzten Europa Tournee begleitet hat, festigt den Eindruck  dass hier eine Generation handwerklich brillanter Musiker nachwächst, deren Anliegen vielleicht nicht sein mag die Musikgeschichte neu erfinden zu müssen, denen es aber dennoch gelingt das Publikum weich für sich einzunehmen. Man kann diesem jungen Komponisten nur wünschen dass er sich Zeit lässt in seiner Entwicklung, nach Auskunft des Labels steht ein Album schon in der Planung. Es gibt leider zu viele Talente die sich an diesem Format aufgerieben haben. Man wird sehen, „Seven Hours“ ist auf jeden Fall bemerkenswert…

Gang Colours

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Gang Colours.
Invisible In Your City.
Brownswood.

Es ist ein herrlicher Morgen, ich habe hervorragend geschlafen, der Kaffee ist exzellent, die Pflanzen auf dem Balkon gedeien prächtig, die Nachbarn strecken sich liebreizend in ihren Fenstern, die Müllabfuhr klingelt heute freundlicherweise nicht um 6 Uhr Sturm und die Kinder in der Kita nebenan werfen Allen auf der Strasse ihr entzückendes „Hallo“ an den Kopf. Dazu dann noch dieses Album „Invisible In Your City“, toll,toll,toll,toll,toll,toll,toll, so muss Songwriting meets Electronica sein. Will Ozannes zweiter Release für Brownswood bezaubert und das schon gestern Abend, gestern Mittag, gestern Morgen. Jetzt kann der Herbst kommen und den Winter schaffen wir hiermit mit Links.

Nils Petter Molvaer + Moritz Von Oswald

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Nils Petter Molvaer + Moritz Von Oswald.
1/1.
Universal Music.

Brian Eno und Robert Fripp veröffentlichten 1973 den Meilenstein „No Pussyfooting“ und die Welt war danach nicht mehr dieselbe. Ambient war geboren und in den 40 darauf folgenden Jahren wurde der Sack interessanter Veröffentlichungen purer oder genreerweiternder Art immer grösser und vor allem dichter gedrängt. Die gute Nachricht ist dass „1/1“ hier nicht zum Platzen desselben beiträgt und leider ist das auch gleichwohl die Schlechte; um beim Thema Sack zu verbleiben, kein Tuch so gross den Duddelkram dieser Welt zu fassen. Da passte „1/1“ eher hin, die beiden Artists sind vom Label zu dieser Session geladen worden und die sieben Tracks des Werkes (Ricardo darf einen Mix Dig zusteuern) sind echte, öde Schrubbware. Hier ein Quietsch, dort ein Wubb Wubb, Nils Petter Molvaer & Moritz Von Oswald sind hervoragende Vertreter ihrer Gefilde, aber das hier… Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, daneben geht der schlichte Tropfen.

Various

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Various.
Erased Tapes Collection V.
Erased Tapes.

Das Schlimmste was einem Sammler passieren kann ist dass er sich unversehns in einem Gespräch mit einem Nichtsammler verstrickt sieht. Hier prallen nicht nur grobes Unverständnis und hämische Respektlosigkeit aufeinander und wer hier wem zurecht die einfingrige Masturbanz vorwerfen kann – geschenkt. „Erased Tapes Collection V“ ist unbenommen ein fettes Stück Sammler Himmel, fünf Vinyl 7“ mit zehn unveröffentlichen Tracks in einer handgefertigten Box, gestaltet von Torsten Posselt / FELD Berlin – ein logo-geshaptes Centrepiece ist noch fürsorglich beigelegt und ein ebenso bedrucktes Staubtüchlein – schöner kann man Liebe nicht beschreiben. Das unter Robert Raths seit 2007 geführte Londoner Imprint zelebriert mit einer limitierten 500er Auflage dieses Wunderkistchens seine ersten sehr erfolgreichen fünf Jahre und alle innovativen Granden, die das Label an die Pole Position geführt haben, sind hier vertreten. Nils Frahm, Peter Broderick, Ólafur Arnalds, Codes In The Clouds und The British Expeditionary Force spielen ein feines Ständchen, Anne Müller, World’s End Girlfriend, Rival Consoles und Kiasmos tun es ihnen gleich und auch das A Winged Victory For The Sullen Chamber Orchestra schwingt hierfür seine Bögen. Das eher im kammerorchestralen Wind segelnde Label zieht auf dieser Compilation mit experimentellen und 4/4 Auslegern die eigene Bandbreite weiter und zeichnet trotz der minimierten Trackanzahl fein ausgewogene, grosse Kreise. Wer die stolzen 70 Pfund für die Box auf dem labeleigenen Store scheut (und das geht noch teurer, anderswo !!!) muss sich bis zum diesjährigen Weihnachtsabend gedulden um an die Downloads der Stücke zu kommen – härter kann man Liebe nicht beschreiben. Oder man zieht das Fest vor und legt sich selbst „Erased Tapes Collection V“ freudig erregt unter das Tännchen im Garten. Sammlerleben ist einfach herrlich…

Yong Yong

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Yong Yong.
Love.
Night School.

Das Lissaboner Duo Yong Yong re-releast in Kleinauflage ihr „Love“ Tape für das Night School Imprint auf Vinyl. Jeder der Spass hatte bei Hype Williams‘ Tracks in Unterwäsche die Wohnung zu reinigen, darf sich jetzt mal nackt darin üben. Mit diesen mächtig verschwurbelten LoFi/Dark-Electronica/Drone/Dada Hütchen, dargereicht in nerdig-verspielter Experimentierwut ín Beat und Sound, kriegt ihr auch die kleinkariertesten Kratzspuren eurer letzten Houseparty easy vom Parkett runter. Empfohlene Hilfsmittel hierzu? Völlig egal… Da freut sich Gott, der Nachbar sowieso und die Sonne lacht. Doll.

 

The Uncluded

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The Uncluded.
Hokey Fright.
Rhymesayers.

Wer den Tag gerne unter dem Tisch mit einer darübergezogenen Wolldecke verbringt, wer das Wasser in der Kloschüssel dem Bierchen in der Eckkneipe vorzieht, wer selbst dem Dreck unter den Fingernägeln eine zwingende Erklärung für die Verworfenheit dieser Welt abgewinnen kann, der komme mal so ganz vorsichtig aus seinem Hühnerstall raus und ziehe sich ohne Vorbehalte diese unglaublich alberne, „Die-Sendung-mit-der-Maus-macht-jetzt-auf-Indie-Rap“ Kollaboration zwischen Kimya Dawson und Aesop Rock über die Ohren und lässt das Ganze ein paar Runden im Kopf rumzuckeln. Ok, die Hardliner dürfen jetzt wieder in ihre selbstgeknüpften Ganzkörperkondome flüchten, und ja, Dawson hat schon mal ein Album für Kinder releast – geschenkt. Das HIER zaubert ganz unangestrengt ein riesiges, grinsendes Loch zwischen die Ohren, damit zeugt man Unmengen lustiger Nachfahren, versprochen.