Reuber

Reuber.
Ring.
Staubgold.

Krautrock und Kosmische Musik, das sind Begriffe die vor allem unsere englischsprachigen Freund sehr gerne verwenden. Timo Reuber’s fünftes Soloalbum auf Staubgold watet knietief in diesem Gefilde, fünf Tracks enthält das Album „Ring“ und Reuber lässt seine Programiergelüste enthusiastisch darin aus. Begleitet von weiten, ambientartigen Soundgeweben, untermauert mit technoiden Synthiebrettern zeigt der Artist der Welt deutsches Liedgut auf beeindruckend unverortbare, heisst zeitlose Art. Retro wäre hier sicherlich der falsche Begriff, dazu ist Reuber zu geschickt in der Verschleifung und Verkettung seiner Elemente, das Gesamtwerk ergibt eine schöne musikgeschichliche Reise, ein Lehrbuch zur gekonnten teutonischen Elektronik, deren Historie gerade allerorten in verschiedenen Kompilationen aufgearbeitet wird. Hier alles auf einem Album. Gut.

Mount Kimbie

Mount Kimbie.
Crooks & Lovers Sampler.
Hotflush Recordings.

Für diejenigen denen das Mount Kimbie Album „Crooks And Lovers“ kopfschüttelnd den Plattenteller besetzt hat hier der 4 Track Nachfolger mit einem wunderbaren digital-only Stück, einem Dayglo Remix und einem live im Berghain eingespielten Tune. Der offensichtliche Beweis dass diese Jungs in dieser Spiellänge deutlich besser zeigen was sie können – klare und knapp auf dem Punkt gehaltene funkige Knispelware. Es steht zur Debatte ob sich das Format Album in Zeiten der Einteltrackauswahlshoheit der User zukünftig noch als relevant erweist.

Mercury Quartet

Mercury Quartet.
Mercury Acoustic.
Nonclassical Recordings.
Mercury Quartet, das sind vier Instrumentalisten aus der zeitgegnössischen klassischen UK Musikszene und ‚Mercury Acoustic‘ ihr Debut. Vlad Maistorovici (violin/viola), Corentin Chassard (cello), Harry Cameron-Penny (clarinets) and Antonie Francoise (piano/sax) spielen auf der feinen Linie zwischen improvisierter und komponierter Musik auf; subtile Grenzgänger und Könner, die sowohl Schönberg, Hindemith und Messiaen in ihrem Repertoire haben, gleichzeitig aber auch die Fähigkeit besitzen ihre eigenen Kompositionen aus diesen inspirierenden Grössen zu ziehen. Mit der zweiten Hälfte ihres Albums zeigen sie dann den nächsten (logischen?) Schritt und lassen ihre Kompositionen zeitgemäss remixen.
Was dabei herauskommt ist nicht nur musikalisch spannend, es zeigt darüberhinaus auch eine geistige Haltung die sich selten jemand, von der klassischen Musik kommend, auf die Fahne schreibt. Ironischerweise sind es keine massengreifenden, clubtauglichen Werke die hier im Remix enstehen, was hier zählt ist die Offenheit junger Musiker aus dem klassischen Stall die selten, eher nicht existent ist. Was würde passieren wenn diese Originale einmal in die Hände von James Blake, Burial oder anderen Meistern geraten?

James Blake

James Blake.
Limit to Your Love.
Atlas Recordings.

Was für ein Luxus, James Blake mit einer einseitigen 10 inch!!! „Limit To Your Love“ geistert nun schon seit einer Weile im Netz herum und Blake’s Hype steigert sich offensichtlich wöchentlich. Das Piano Pop Stück, heftig unterzimmert mit wobbernden Subbässen und seitlich zierlich angezwickt mit winzigen elektronischen Bits bringt seine Stimme zum ersten Mal ohne Filter zum Tragen, schön, klar und ohne Schnick. Die hin und wieder einsetzenden Downtempobeats unterstreichen sein Wehklagen über gebrochene und verzagte Liebe, der Track geht so wie er kommt, nackt und pur. Ohne Remix und B-Seite. Der Schmerz sitzt offensichtlich tief um mit solcher Konsequenz zu antworten.

Fennesz

Fennesz.
Endless Summer (Limited Gatefold Vinyl Edition).
Editions Mego.

Wenn ein Künstler, in diesem Falle Fennesz, ein Album immer wieder anfasst, um es in unterschiedlichster Form und Farbe mit neuen Variationen zu durchspicken, greift das tief in die Taschen der Nerds und macht die Anderen ob dieser scheinbaren Einfaltslosigkeit wundern. Dass dieser Begriff nun mit absoluter Sicherheit nicht auf Fennesz und dessen konstantem Output unter anderem auch an hochgradig orginären Kollaborationen zutrifft steht ausser Frage, lassen wir „Endless Summer“ also als Work-in-Progress stehen und lauschen dieser Fassung. Die immer wieder mit 60er Jahre Pop Nostalgie durchzogenen Stücke, auf feinstem Soundengineer-Niveau verschmirgelte und angeglitchte Emo-Drones, sanft umstreichelt von Fennesz typisch suchender Gitarrenarbeit veredlen den Begriff des Laptop-Musiker’s, so er’s denn so draufhat wie hier auf „Endless Summer“ fein vorgeführt. Hier unterscheidet sich der Meister von seinen Kopisten, herauskommt eine weitere Version experimenteller Avantgarde auf höchstem Niveau. Wir sind gespannt wieviele noch folgen.

Demdike Stare

Demdike Stare.
Voices Of Dust.
Modern Love.

Demdike Stare waren 2010 ausserordentlich produktiv und schliessen mit „Voices Of Dust“ ihre diesjährige Albumtrilogie ab. Miles Whittaker und Sean Canty aus Manchester verdrehen Drone, Techno, Dub und analoge Elektonikelemente zu einem irritierend fesselnden und düsteren Klebeband, der Kampf zwischen den von unten durchdringen wollenden Rhytmusparts und den schwer lastenden Industrialflächen geht in dieser Runde eindeutig zu Gunsten der Fieldrecordings geschwängerten, mit satten Synthesizeroszillationen durchsetzten Soundgebilde. Das ganze will nicht etwa in den Abgrund gleiten, im Gegenteil – hier spricht der Abyss zu dir. Der Begriff Score läge hier nahe wären die neun Tracks nicht so eindeutig bildunabhängig und unnahbar.
Mit diesen 50 Minuten Klangerfahrung gelingt es Demdike Stare erneut ihren Platz in diesem im Dunklen schürfenden Feld zu verteidigen.

Various

Various.
Tradi-Mods Vs. Rockers.
Crammed Discs.

Dem 2004 von Crammed Discs losgetretenen weltweiten Hype um die kongolesische Band Konono No.1 und derem DIY-Sound aus selbstgefertigten Verstärkern und Percussions folgte eine musikmarkttypische breitere Auseinandersetzung mit dieser ureigenen Musikform. Styleguide-erprobte Künstler wie Björk und Herbie Hancock luden ein, multiplizierten, benutzten. Auf „Tradi-Mods Vs. Rockers“ fallen angesagte Namen wie Animal Collective, Shackleton oder Sylvain Chauveau über kongolesische Bands her und bemalen diese unterschiedlichst mit ihren westlichen Stammesfarben. Man kann nur hoffen dass dieser zwar derzeit typische aber dennoch ungeschickte Post-Kolonialismus wenigstens den Originalen ein breiteres Publikum öffnet.

Urban Tribe

Urban Tribe.
Urban Tribe.
Mahogani Music.

12 Tracks betitelt Program 01-12, ohne weitere Namensnennung, ab und an rigide unterbrochen von einem gepitchten 303 Bass und einer weiblichen Computerstimme.
Verantwortlich für diesen Purismus ist Sherard Ingram und der hat seine Kumpel und Detroit’s Big Players Carl Craig, Anthony Shakir, und Moodyman mit zum Rudern eingeladen. 1996 war das Quartett schon einmal auf dem inzwischen vergriffenen Longplayer „The Collapse of ModernCulture“ gemeinsam im Boot, Experimental HipHop und Funk das zu umrundende Thema. 14 Jahre später heisst das Ganze Detroit-Neo-Techno-Soul und ist von einer knapp gehaltenen, skizzenhaften Gangart, so Carl Craig. Am besten am Stück zu geniessen besagt der Pressetext, meine Wahl wäre Program 02, 03, 04, 10 und 12 rauskoppeln und seinen eigenen Deep Space Five daraus bauen.

The Gaslamp Killer

The Gaslamp Killer.
Death Gate.
Brainfeeder.

Gonjasufi-Buddy The Gaslamp Killer, der teilweise für dessen „A Sufi And A Killer“ Album die wundersam angeschubberten Samples beisteuerte tanzt auf dieser 5-Track Ep munter seinen Weirdo-Kosmos weiter, fein gepudert von eben Gonjasufi sowie Computer Jay und Mophono. Psycho-Ethno-Jazz-Dub von feinstem Korn umschmirgelt die Ohrmuscheln und lässt so ziemlich alles zu was dir in den Sinn kommt, ausser Ausruhen. Den Hirnwindungen dieses Herren würde ich gerne mal mit einer guten Kameraausrüstung hinterhersteigen.

Teebs

Teebs.
Ardour.
Braindfeeder.

Everybodys-Darling Flying Lotus bringt auf seinem Brainfeeder Label ein überraschend verträumtes, weniger von angezackten Beats durchdrungenes Album von Teebs heraus. Das stark von Harfen, Glöckchen und sonnengeschwängerten, flirrenden Synthesizerflächen durchwachsene Werk ‚Ardour‘ kommt mit seinen fast durchgängig dreiminütigen Tools dennoch nicht ins Stolpern, verlangt aber bisweilen etwas Geduld um sich durch den Flauschgang hindurch zu dem feinen Gewebe der Struktur dahinter zu beissen. Selbst nach mehrmaligem Hören bleibt die Verwunderung wie es Teebs gelingt geschickt Zucker und Salz so intelligent gegeneinander aus – und umspielen zu lassen. Von dem im südkalifornischen Chino Hills ansässigen Produzent und Maler wird in Zukunft noch öfters die Rede sein.

Syd Matters

Syd Matters.
Brotherocean.
Because Music.

Noch einem weiteren Songwriteralbum freudig erregt in deren wolkenkissenkuschelnde Welt folgen zu wollen ist zugegebenermassen nicht meine bevorzugte Bewegungsart, vor allem wenn diese etwas oberschülerhaft aus Syd Barret und Roger Waters ihren Gruppennamen verzwirbeln. Wie hier aber das Quintett um Jonathan Morali kunstfertig mit mehrstimmigen Vokalharmonien, intelligent verdrehten psychedelischen Wischern und einer leichthändigen Gitarrenzupferei unverquält aus den Speakern drängen ist glattweg charmant. Was vor allem beeindruckt ist die handwerkliche Geschicklichkeit von Syd Matters‘ etwaigen musikalischen Assoziationen oder seitlich einschwebenden, vermeintlichen Vorbildern einfach flink zu entwischen. Verwechseln sie bitte nicht das Einfache mit dem Simplen, so Mies van der Rohe, wie wahr.

Polar Bear With Jyager

Polar Bear With Jyager.
Common Ground.
The Leaf Label.

Der vierte Release des Londoner Projektes Polar Bear um deren Kopf Sebastian Rochford presst in knappen 26 Minuten den Saft aus dem schon veröffentlichten Werk „Peepers“ des Rappers Jyager und vermengt Vinyl Samples des Originales und dessen erneut aufgenommenen Vocals mit Frischgebasteltem. Kurioserweise nicht unter Rework/Redo sondern als eigenständig von Polar Bear ausgeworfenes Produkt releast verdeutlicht dieses Big-fish-eats-small-fish-Prozedere ein weiteres Mal die derzeit gängigen Produktionstechniken, anmailen, gegenseitiges Mp3’s versenden, etwas Zucker zustreuseln, Zitrone drauf, fertig. Ich würde dann lieber im Pressetext wenigstens die unzüchtigen Photos der zugehörigen Lieblingskuscheltiere beäugen wollen, um irgendwie in Laune zu kommen, stattdessen lese ich hier Überraschungsäusserungen wie anders doch alles geworden sei… Anders vielleicht schon, aber was Neues sicherlich nicht.

Lv & Okmalumkoolkat

Lv & Okmalumkoolkat.
Boomslang /Zharp.
Hyperdub.

Der Londoner Produzent Lv liefert mit dem Johannesburger Mc Okmalumkoolkat die wohl durchgepfiffenste Vermischung von Styles der letzten Wochen auf Hyperdub, Hirnstrudel verursachende Kwaito Riddim Meets Broken Minimal Electronica. Lv, der mit Untold schon auf Hemlock an seinen Post-Garage Afro Shuffles bastelte steht für krispe Future Beats und ultra minimierte Dubsteps, extrem ansteckend das, Big Tings, Big Tings, Big tings!!!

King Crimson

King Crimson.
Islands 40th Anniversary Edition.
In The Wake Of Poseidon 40th Anniversary Edition.
Discipline Global Mobile.

Die wunderbar aufwändig gestalteten Boxen inclusive Cd und DvD der beiden King Crimson Klassiker ‚Islands‘ und ‚In The Wake Of Poseidon‘ bieten anlässlich ihres vierzigsten Jubiläums alles was das Sammlerherz höher schlagen lässt, Stereo Remasters, 5.1 Surround Mixes, Outakes, Reheasal Takes, Rough Mixes und bisher unveröffentliche Tracks.
Darüberhinaus offeriert Herr Fripp auch bei ‚Islands‘ seine Idee aus welchen Takes er heute sein Album zusammenstellen würde. Das alles hat soweit noch gar nichts mit diesem Magazin zu tun, bemerkens- und erwähnenswert werden diese Editionen vor allem durch das was fehlt – hier wird nicht auf Teufel komm raus ge-remixt, keiner lauert auf diesen Releasen in dunklen Ecken mit unsäglich schmerzhaften Neuzeit-Trömmelchen auf frische, heisst junge Kundschaft und wenn hier mal ein Remix angeboten wird, dann schmort alles weiter in seinem eigenen Saft, mit unterschiedlich gemixten originalen Elementen; das ist gut so, und äusserst selten. Diejenigen die das was angeht werden ihre Memorabilia Altäre bestücken können und den anderen wird kein anbiedernder Scheiss verkauft, so geht man vorbildlich mit seiner eigenen Geschichte um.

Igor Boxx

Igor Boxx.
Breslau.
Ninja Tune.

Der aus Polen stammende Igor Pudlo, Teil des Ninja Tune Act’s Skalpel unterlegt seinem ersten Solo Album „Breslau“ die Erinnerungen an das Jahr 1945, die Belagerung der Festung Breslau durch die rote Armee, sowie deren über Jahrzehnte verbliebenen Zeugnisse von Zerstörung im Gegensatz zu polnisch-kommunistischer Nachkriegspropaganda. Aus diesem Szenario schwer vorstellbarer Gegensätze entwickelt Pudlo ein spannungsreiches Spielfeld, in dem sich öffentliche Zerissenheit und Verzerrung im Spiegel persönlich erlebter Wirklichkeit mischt und abbildet. Der musikalischen Spur von Skalpel folgend bewegt sich der Komponist und Musiker auf einem cinematographischen, jazzorientierten Pfad der die Schrecken der Ereignisse und Erinnerungen nie zu tief ins Dunkel abgleiten lässt. Sein beigefügtes Statement, dass wir nicht immer Spieler in unserem Spiel sind, eine Hommage an die Menschen und ihr Schicksal, erklärt die immer wieder ins Positive ziehen wollende Grundstimmung des Albums und verhindert ein Abrutschen in nur ein weiteres historisch basiertes Projekt.

Francesco Tristano

Francesco Tristano.
Idiosynkrasia.
Infiné.

Der als „Artist in Residence“ ab November bei den Hamburger Symphonikern Konzerte gebende, klassisch ausgebildete Pianist und Juillard Absolvent Tristano, klopft sauber die Grenzen zwischen akustischer und elektronischer Musik ab und verpasst ihnen mit kleinen und grossen Hämmern mächtig Löcher. Die beiden von Granden wie Murcof und Moritz von Oswald produzierten Vorgängeralben finden nun ihre in die ordnenden Hände von Carl Craig gelegte Fortsetzung. Von Tristano als das „Mekka des Sounds“ bezeichnet bietet das Planet E Studio eine gewünschte und perfekte Grundlage dem Detroit Sound nachzuspüren, um sich hier nicht nur des Grossmeisters Techno anzunehmen sondern auch der Stadt eigene, musikhistorisch tiefer liegende Schichten wie den Motown Style freizulegen. Heraus kommt ein Album dass auf weiter Strecke ein harmonisches Amalgam aller erwähnten Elemente entwickelt, richtig anpackend aber sind die Momente in denen der 4/4 Beat einem intimeren Dialog zwischen Piano und Craig’scher Elektronik weicht.

Eskmo

Eskmo.
Eskmo.
Ninja Tune.

Eskmo‘ spannt den Begriff „Club“ mit seiner Melange aus HipHop, Dubstep, Funk und einem sehr eigenen Feel für Pop sehr – sehr weit. Ähnlich umfassend wie Mathew Dear klebt seine eher sprechende als singende Stimme die Fragmente seiner Tracks zusammen, so wie das gerade allerorten versucht wird, nur die beiden können das. Die sich sehr schleppend ausbreitenden, mit viel Sound Design unterfütterten Bilder sind von einer brillant produzierten, extrem individuellen und bizzaren fast authistischen Schönheit. Der in San Francisco lebende und arbeitende Eskmo aka Brendan Angelides hat in den letzten fünf Jahren knapp ein Dutzend Ep’s auf Warp und Planet Mu veröffentlicht und ist mit seinem sophisticated Style ein gern gesehener Opener für Flying Lotus und Amon Tobin, mit dem er gerade ebenfalls eine Kollaboration veröffentlichte. Ein wunderbares Beispiel wie sich Individualismus durchsetzen kann…

Einstürzende Neubauten

Einstürzende Neubauten.
Strategien Gegen Architektur IV.
Mute.

Gratuliere zum dreissigjährigen trunkenen Universum. Mit beigelegtem Zeit Online-Artikel zum Jubiläum ist es jetzt wohl an der Zeit für eine Zusammenstellung der Arbeiten der Jahre 2002 – 2010. Die äusserst kratzige Katze der Frühachziger ist einem restalkoholisierten, Beifall schnurrendem Kater gewichen, stimmbandzerfetzende Schreie voll Chaos zärtlich überblendet in säuselnde Erörterungen über Gaggenau Küchen. Die Anarchisten der frühen Jahre sind inzwischen zahm mümmelnde Feuilleton-Lieblinge die dem vom ehemaligen Hausbesetzer zum Hausbesitzer gewandelten Klientel die wärmeisolierende Decke der Erinnerung an eine bewegte Jugend über die kalten Beine legt. Ist das Kunst oder kann das weg? Was gestern war, nicht heute ist, das derzeit grassierende und wohlmeinende Netzthema „Musik und Altern“ hilft da nicht weiter über die Strasse und „Waiting For The Call“ war wohl nur eine Vertiefung im Bordstein. Dass Herr Bargeld das besser kann ist bei seinem Projekt mit ANBB nachzuhören.

Dj Rashad

Dj Rashad.
Itz Not Rite.
Planet Mu.

Der in Chicago ansässige DJ Rashad mischt auf dieser 6-Track Ep House, Disco und Ghettotech mit eleganter Präzision zu seinem hypnotischen und funkigen Juke Style, ohne dabei das Gefühl für Sparsamkeit und Experimentierfreude zu verlieren. Spätestens seit er zusammen mit seinem zeitweiligen Partner DJ Spinn mit High-Speed Percussions und gepitchten Vokal Snippets auf XLR8R die Podcast-Gemeinde in die Weiten seiner Meisterschaft zappeln liess ist diesem Planet Mu Neuzugang alles offen.

Trevor Wishart

Trevor Wishart.
Fanfare & Contrapunctus / Imago‘.
Pan-Act.

Der aus York stammende Komponist und Sound Art Künstler Trevor Wishart  beschäftigt sich seit seinem Studium mit Sound Manipulation und den Grenzen von Musik und Technologie. Die beiden aus dem Jahre 1976 stammenden Stücke „Fanfare“ und „Contrapunctus“ spielen noch mit den technischen Möglichkeiten der Verfremdung impovisierter Aufnahmen verschiedenen Ursprungs mit den Mitteln des damals neu gegründeten elektronischen Studios des Sydney Konservatoriums. 26 Jahre später schreibt Wishart eine Software um den ursprünglich simplen Ton zweier angestossenen Whiskygläser zu einem 25minütigen atemberaubenden klanglichen Soundkosmos zu verschmelzen. Speziell im Zusammenspiel der zeitlich weit auseinander liegenden Aufnahmen spiegeln sich die revolutionären technologischen Entwicklungen im Bereich der Musikmanipulation auf eindrückliche Art und Weise. Ein Muss für Freunde der Sound Art, ein interessanter Einstieg für Neulinge…

Squarepusher Pres. Shobaleader One

Squarepusher Pres. Shobaleader One.
D’Demonstrator.
Warp.

Ich besitze eine wunderbare Edition von Squarepusher’s Album „Ultravisitor“, in Buchform. Sie hat ein Sonderformat, passt also nicht regulär in mein Cd-regal, also schaut mich der Herr immer frontal an wenn ich mich meinen Archiven nähere. Dieses Album habe ich nun herausgenommen und spreche es direkt an. Ich sage : Schön dich heute wieder zu sehen Thomas, wie geht es dir ? Lass mich ein wenig in deinem Buch blättern, lass mich von deiner Musik inspirieren. Jaja ich weiss, die „Ultravisitor“ ist von 2004, seis drum, ich mag sie. Du hast drei weitere Alben herausgebracht? Jahaa, aber ich mag dieses. Du hast jetzt eine Band mit der du deine Ideen verwirklichen willst? Du willst touren und hast ein Album mit denen gemacht? Das mit dem Jedi und dem roten Ampellicht auf dem Cover? Ja das habe ich gehört. Wie ich es finde? Können wir das Thema wechseln??? Herr Jenkinson aus Chelmsford, Essex antwortet nicht mehr…

Rustie

Rustie.
Sunburst Ep.
Warp Records.

Sollte sich hier noch jemand an die Progrocker Camel erinnern, aus welchen Gründen auch immer, und diese auch heute noch verehren, nur zu, hier kommt die 2010er Fassung. Da helfen auch die zeitgemäss programierten Elektronikdoodles nicht, ich frage mich allen Ernstes was im Hause Warp manchmal schiefläuft, Jesus Maria, jetzt kommt auch noch so ein Kinderzimmertanzmaus Art Of Noise Zitat, brrrrrrrrr, schnell einen Magenbitter… und weg damit.

Raime

Raime.
Raime Ep.
Blackest Ever Black.

Wunderbarer Erstling des britischen Duos Raime auf dem brandneuen Label Blackest Ever Black. Die bezaubernd einfach strukturierten drei Tracks auf dieser Ep spielen im dunklen Sektor des Post-Dubstep, mystische Trommeln, lange spinnwebartige Atmosphären und ein erfrischendes Gespür für ineinander verschachtelte Hall- und Delaybasteleien machen „Raime“ zu einem cinematographischen Highlight. Und irgenwie ganz tief unten schwingen da auch noch Bill Laswell’s dubige Experimente aus den Achzigern mit. Aber ganz tief…

Peter Broderick

Peter Broderick.
Music For Contemporary Dance.
Erased Tapes.

Der mit zahlreichen Ambient- und Folk- Veröffentlichungen allseits renomierte, aus Portland stammende Multiinstrumentalist Broderick veröffentlicht auf „Music for contemporary dance“ zwei mehraktige Arbeiten für zeitgenössischen Tanz. Ab und an enden Auftragskompostitionen in einem gefälligen Halbleben, nicht so hier. Die fein aufeinandergeschichteten und wunderbar verspielten, fast um sich selbst tanzenden Stücke lassen den dazugehörigen Event nur aus Gründen der Neugier vermissen, sind sie doch selbständige und bilderreiche Produkte in sich. Der seit seinem siebten Lebensjahr Violine, später dann Piano und Gitarre spielende Broderick, auch bekannt als Live-Mitglied der dänischen Gruppe Efterklang, hat eine kompositorische Kraft die ihresgleichen sucht. Die im Oktober beginnende Tour Broderick’s sollte auf jeden Fall nicht verpasst werden, wer ihn einmal live auf der Bühne gesehen und gehört hat weiss warum.

James Blake

James Blake.
Klavierwerke Ep.
R&S Records.

Verschiedene Onlineplattformen waren ja schon bei den Pre-listenings zu Blake’s neuer Ep „Klavierwerke“ schiergar zu Tränen gerührt, und dies nicht ohne Grund. Die vier hier auf dieser 12″ versammelten Stücke sind die Crème de la Crème was elektronische Musik derzeit zu bieten hat, die Art wie James Blake seine Strukturen aufbaut um sie sogleich wieder zerfliessen zu lassen sucht auf weiter Flur seinesgleichen. Diese bis zur Grundsubstanz in aktueller Produktionstechnik runtergeschraubte moderne Kammermusik wird nicht nur die Post-Dubstep Gemeinde zu Recht in hellste Begeisterungsstürme stürzen.